K. Passig/S. Lobo: Dinge geregelt kriegen ...
Manche Bücher werden aus Geldnot geschrieben. Andere aus Geltungssucht, Langeweile oder Sendungsbewusstsein. Dieses hier entstand aus Notwehr.
Es ist der Aufschrei von Menschen, die sich seit sieben Jahren vorgenommen haben, ihre Umzugskartons auszupacken, in ihrem Postfach vierhundertzwanzig unbeantwortete E-Mails bunkern und im Ausguss den Abwasch von drei Wochen stapeln. Kurz: ein Hilferuf derer, die nichts geregelt kriegen: Gebt uns eine Chance! Gönnt uns ein Plätzchen in dem kleinen Biotop zwischen notorischen Arbeitsbienen und allseits unbegabten Faulenzern!Ich prokrastiniere, also bin ich
Prokrastination ist der wissenschaftliche Begriff für ein Verhalten, das menschliche Energiebolzen wahlweise als Boshaftigkeit oder als Persönlichkeitsschaden denunzieren: das Aufschieben dringender Arbeiten – auf morgen, übermorgen oder gleich bis zum St.-Nimmerleins-Tag. Die Autoren, beide im Besitz des «Schwarzen Gürtels im Verschieben«, nennen solche Menschen auch LOBOs: Vertreter eines «Lifestyle Of Bad Organisation». Doch woher rührt diese Eigenheit? Warum tragen die einen widerstandslos den Müll hinunter, bevor er stinkt, während andere sich einfach nicht dazu aufraffen können und lieber an der 37. Partie Tetris herumfummeln?
Der Erklärungen sind viele: Versagensangst, Perfektionismus, mangelnder Ehrgeiz, Aufmerksamkeitsstörung – keine davon überzeugt wirklich. Der Kern, meinen die Autoren, liegt woanders: Das Leben will zu viel vom Menschen. Es bombardiert ihn mit einem Übermaß an Daten, Technik und unverständlichen Anforderungen. Das Aufschieben wirkt da bei sensiblen Naturen wie ein «Reizfilter» zum Schutz «vor unnötiger Arbeit, es hilft, in komplexen oder überfordernden Situationen die nötige Distanz zu schaffen».
Deshalb denken Passig und Lobo auch gar nicht daran, ihre Schicksalsgenossen vom vermeintlichen Übel zu kurieren. Nicht das Fegefeuer der Selbstdisziplin verspricht Erfolg – es geht darum, die eigene Haltung zu Menschen und Dingen zu ändern: «Nicht ich bin unzulänglich. Die Welt ist ungünstig eingerichtet und falsch gewartet.» Zwischen dieser Erkenntnis und neuem Wohlergehen stehen freilich ein paar praktische Schritte, und auch bei deren Umsetzung leistet das Buch wertvolle Dienste.
Da erfährt man, wie sich im Kampf mit dem Krimskrams des Alltags zumindest ein Waffenstillstand erzielen lässt, warum man im Takt mit seiner «inneren Uhr» gelassener lebt und wie man das «süße Gift der Ablenkung» richtig dosiert.
Was du heute kannst besorgen …?
Dazu jede Menge Tipps: Welche Tätigkeiten unterlässt man tunlichst – Verträge abzuschließen etwa oder den Rasen zu vertikutieren? Wie nutzt man Ausreden, jene «kleine Adoptivschwester der Lüge, die eigentlich gar nicht in die Familie Boshaft gehört»? Warum ignoriert man die Problemfelder Post, Geld und Staat am besten, und welche Grenzen überschreitet man dabei besser nicht, und was für Menschen sind eigentlich Gerichtsvollzieher? Dass der Leser nebenbei erfährt, wie Gott, der oberste Prokrastinierer, bei der Schöpfung die Erde in letzter Sekunde hinschluderte oder wie der Schriftsteller Wolfgang Koeppen, König aller Aufschieber, seinem Verlag 1959 einen großen Roman versprach und bis zu seinem Tod 1996 Vorschuss kassierte, ohne je auch nur eine Seite abzuliefern, ist ein erfreulicher kultureller «Kollateralnutzen» des Buches.
Erstaunlich genug, dass die beiden Experten des Zauderns dieses Werk begonnen und sogar fertiggestellt haben. Und dankenswert: Ihr Kompendium wertvoller Memorabilien, zielführender Erkenntnisse und lebensgesättigter Ratschläge summiert sich zu einem fundierten Lob der Disziplinlosigkeit: ein längst überfälliges Ruhekissen für Prokrastinierer. Es ist genau das Buch, das wir Vor-uns-hin-Trödler und Nicht-zu-Potte-Kommer schon längst mal hätten schreiben wollen – wenn wir denn dazu gekommen wären …
(Aus: Rowohlt Revue 86)
19.01.2009, Nachhaltigkeit Home


