Monatsthema 02/09: Nachhaltigkeit heute
Nachhaltige Entwicklung war und ist nach wie vor ein Hoffnungsträger. Zu Recht? Wo steht Nachhaltigkeit heute? Was bedeutet sie in Zeiten wie „diesen“, Zeiten des globalen Wandels und der globalen Krise?
1987 gibt es eine allgemein gültige und verwendete Definition von nachhaltiger Entwicklung (NE). Der Brundtland-Report versteht darunter eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ (1)Seitdem verwenden Medien, PolitikerInnen, EntscheidungsträgerInnen und WissenschafterInnen zunehmend diesen Begriff. Es gab viele Entscheidungen, die zu einer nachhaltigeren Entwicklung dieser Erde beitrugen, allerdings: Was hat sich wirklich geändert?
Zwar war und ist nachhaltige Entwicklung nach wie vor ein Hoffnungsträger, aber eine sichtbare Umsetzung ist bis jetzt nicht wirklich erfolgt – außer in kleinen Bereichen und einzelnen Regionen. Im Gegenteil, vieles hat sich verschlechtert, im Folgenden nur ein selektiver Ausschnitt:
- Von 1970 bis 2006 ist der gesamte Energieverbrauch in Österreich um 80% gestiegen.
Der österreichische Pkw-Verkehr stieg von 1970 bis 2004 um 150%. (2) - Der Straßengüterverkehr wuchs EU-weit von 1995 bis 2004 um ca. 30%. (3)
- Der Ressourcenverbrauch stieg weltweit zwischen 1980 bis 2005 um ca. 45%. (4)
- Um 1950 waren etwa 5% der Ozeane voll ausgebeutet, gegenwärtig sind es ungefähr 80%. (5)
- 1,4 Milliarden Menschen lebten 2005 mit unter 1,25 US Dollar pro Tag. (6)
Ein möglicher Grund, warum es zu dieser Transition noch nicht kam, ist, dass NE ein technokratisches Konzept ist, das zwar die Köpfe vieler Menschen erreicht hat, sie allerdings nicht (genügend) emotional berührt. Was bewegt Menschen und veranlasst sie zu handeln bzw. ihr Bewusstsein und ihre Lebensstile zu verändern? Eine persönliche emotionale Betroffenheit, die z.B. durch Beeinflussung ihrer Lebensqualität und ihres Wohlbefindens erreicht wird. Nachhaltige Entwicklung in Zusammenhang mit Lebensqualität zu sehen birgt die Chance in sich, sowohl die Verstandes- als auch die Gefühlsebene der Menschen anzusprechen und damit einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess einzuleiten. Das würde auch eine neue Zielsetzung für (politische und gesellschaftliche, sowie individuelle) Entscheidungen bedeuten, nämlich nachhaltige Entwicklung verbunden mit einer hohen Lebensqualität für alle jetzt und in Zukunft. (8)
Vielleicht ist daher gerade die momentane Krise – die die Menschen nicht nur im Kopf bewegt – DIE Chance für NE. Einerseits sind Menschen emotional betroffen, andererseits fängt ein „Umdenken“ an. Fragen werden gestellt, die vorher kaum Beachtung fanden: Brauchen wir wirklich weiteres Wirtschaftswachstum, um glücklich zu sein? (9) Welche Strategien sind notwendig, um unsere materiellen Bedürfnisse zu erfüllen? Wohin führt dieser Überkonsum?
Was braucht es, um die gegenwärtige Chance zu nutzen?
- Neues Bewusstsein bei den BürgerInnen und in der Politik
- Neue Formen der Forschung
- Neue politische Konzepte und Umsetzungen
- Neue Formen der Arbeit
- Neue unternehmerische Initiativen
- Güssing als Standort eines internationalen Zentrums für erneuerbare Energie. Die Stadt Güssing versorgt sich selbst mit Wärme, Strom und Kraftstoff aus in der Region erneuerbaren Energieträgern. (10)
- SONNENTOR als Waldviertler BIO-Spezialist zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg und vorbildliches gesellschaftliches Handeln Hand in Hand gehen können. 2008 wurden sie für ihr soziales und ökologisches Engagement mit dem TRIGOS Preis für verantwortungsbewusst handelnde Unternehmen ausgezeichnet. (11)
- Das Konzept der Mischarbeit setzt sich für eine Arbeitsumverteilung ein, die die Lebensqualität der Gesellschaft erhöht und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft steigert. Arbeit umzuverteilen heißt: weniger Erwerbsarbeit auf mehr Köpfe zu verteilen und mehr Zeit für Bildung, Beziehungen, Selbstverwirklichung, Erziehung, Pflege und gesellschaftliches Engagement, bei denen, die derzeit (mehr als) „full time“ arbeiten. Weniger Arbeit resultiert auch in weniger Einkommen und reduziert den Konsum und Ressourcenverbrauch. (12)
Für den Dialog des Monats haben wir für Sie/Euch Kurzkommentare von ExpertInnen eingeholt, die sich seit dem Brundtland-Report Ende der 80er Jahre beruflich und/oder privat mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigen.
Unter Personen & Ansichten stellen wir mit dem Kopf des Monats - Ernst Ulrich von Weizsäcker - eine weitere tiefgehende Perspektive zum Thema "Nachhaltigkeit heute" dar.
Außerdem laden wir Sie/Euch dazu ein, mit uns in Dialog zu treten und Ihre/Eure Ansichten zum Thema Nachhaltigkeit heute mitzuteilen. Wir werden die gesammelten Kommentare in regelmäßigen Abständen online stellen und freuen uns bereits über Ihre/Eure Beiträge.
Das Team von www.nachhaltigkeit.at – das österreichische Nachhaltigkeitsportal
Ihre/Eure Kommentare bitte an: nachhaltigkeitsportal@lebensministerium.at
Quellen und weiterführende Links:
1) UNWCED, 1987, Our Common Future.
Deutsche Version: Volker Hauff (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Greven, Eggenkamp 1987.
2) Risikodialog Energieverbrauch
3) Verkehr in Zahlen 2007 Österreich, Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie
4) Trends in global resource extraction, GDP and material intensity
5) Jill Jäger: Was verträgt unsere Erde noch? S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2007. Kap. 1.
6) Worldbank Povery Report
7) Methods and Tools for Integrated Sustainability Assessment
8) Lebensqualität und Glück
9) Wachstumsargumentarium
10) Europäisches Zentrum für erneuerbare Energie Güssing
11) Sonnentor
12) Arbeit umverteilen
02.02.2009, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten

