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Dialog des Monats 02/09: Wo steht Nachhaltigkeit heute?

Für den Dialog des Monats haben wir für Sie/Euch Kurzkommentare von ExpertInnen eingeholt, die sich seit dem Brundtland-Report Ende der 80er Jahre beruflich und/oder privat mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigen.

 
 
Im Dialog: „Wo steht Nachhaltigkeit heute?“

Dr. Fred Luks (Nachhaltigkeitsmanager der Bank Austria – Mitglied der UniCredit Group):

Die Nachhaltigkeit sollte nirgends stehen. Sie sollte sich bewegen – mit höherem Tempo als in den letzten Jahren. Die Finanzkrise ist wesentlich eine Krise der Nicht-Nachhaltigkeit. Präsident Obamas Inaugurationsrede hat ausdrücklich Nachhaltigkeitsthemen zur Sprache gebracht. Wenn nicht alles täuscht, stehen zurzeit jahrzehntelang gepflegte Dogmen auf dem Prüfstand, die Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche ebenso wie der ungetrübte Glaube an quantitatives Wachstum. Das gibt Hoffnung für eine Entwicklung, die wirtschaftliche, soziale und ökologische Belange nicht gegeneinander ausspielt, sondern miteinander verbindet. Nachhaltigkeit ist ein gesellschaftlicher Suchprozess, der hier und heute neue Fahrt aufnehmen kann! Wann, wenn nicht jetzt?


Dr. Jill Jäger (derzeit freie Forscherin, ehemals UNWP-HDP Programm, IIASA, Wuppertal Institut, SERI):

Neustart für nachhaltige Entwicklung? Die Energie-, Nahrungsmittel- und Finanzkrisen in 2008 haben deutlich gezeigt, dass die Welt nicht auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit ist. Nicht nur NachhaltigkeitsexpertInnen sehen aber die Krise als Chance für ein notwendiges Umdenken und für neue Impulse. Ein Beispiel für diese Neuorientierung ist die „Green Economy Initiative (1)“ des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit von großen strukturellen Veränderungen sowie die enormen Vorteile einer solchen Initiative. Gleichzeitig wird verstärkt diskutiert, welche Rolle die Forschung spielen kann, damit nachhaltige Entwicklung Realität wird. Die EU-Kommission fragt nach, wie die entsprechende Forschung organisiert und finanziert werden muss, damit das Wissen tatsächlich in Handeln umgesetzt wird (2). Das Jahr 2009 wird ein entscheidendes Jahr für die Nachhaltigkeit. Entweder wird die Krise tatsächlich als Chance wahrgenommen, oder wir werden in 2012, zwanzig Jahre nach dem Earth Summit von Rio de Janeiro, wohl berichten müssen, dass unsere Ziele in noch weitere Ferne gerückt sind.


DI Dr. Hildegard Aichberger (Geschäftsführerin des WWF Österreich):

Gerade in Krisenzeiten – sei es Finanzkrise, Klima- oder Energiekrise – sollten wir uns verstärkt auf den Erhalt unserer natürlichen Ressourcen besinnen. Österreich gehört zu den artenreichsten Ländern Europas und sollte mit diesem einzigartigen Naturerbe nicht leichtfertig umgehen, sondern alles daran setzen, es für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Der WWF arbeitet seit langem an Inhalten, die inzwischen „Zeitgeist“ geworden sind: Eine nachhaltige Lebensweise, gesunde Ernährung, naturnahes Reisen und ein klimafreundlicher Lebensstil sind trotz Krise aktuell wie nie. Verantwortungsbewussten Unternehmen, die Nachhaltigkeit und Umweltaspekte in den Wettbewerb mit einbeziehen, kommt dabei eine wichtige Schlüsselrolle zu. So ist es das zentrale Anliegen der Wirtschaftspartner der „WWF-Climate Group“, in ihren Unternehmen konkrete Prozesse und Maßnahmen für den Klimaschutz zu fördern und umzusetzen.


Isolde Schönstein (Arge Schöpfungsverantwortung):

Nachhaltigkeit (Reich-Gottes-Verträglichkeit)

1. Nachhaltigkeit zeigt sich in der persönlichen Bereitschaft der Menschen in Solidarität mit künftigen Generationen einen Lebensstil zu pflegen, der Lebensgrundlagen erhält und schafft.

2. Der christliche Schöpfungsglaube wird zur „Tat-Sache", wo er sich in einer zukunftseröffnenden Praxis nachhaltig beweist.

3. Nachhaltigkeit entsteht in der Bereitschaft, notwendiges Wissen um Lebenszusammenhänge in kreativer Weise breitenwirksam umzusetzen.

4. Nachhaltige Entwicklung ist ein zentrales Konzept der Zukunftsorientierung menschlicher Handlungen. Sie erfordert eine Neuordnung des Verhältnisses des Menschen zur göttlichen Schöpfung, sowohl in der Form der Natur als auch in jener des Mitmenschen.

5. Nachhaltige Entwicklung gibt den Menschen Mut, über augenblickliche Bedürfnisse hinaus zu planen und zu handeln und den Blick auf Langfristigkeit und Einpassung in die Schöpfung zu richten.


Dr. Felix Rauschmayer (Helmholtz Centre for Environmental Research - UFZ):

Wenn man den Sonntagsreden aus Politik und Wirtschaft glauben darf, dann steht sie im Zentrum! Sehr viele Leute beziehen sich auf sie, doch immer nur so, wie es jeweils ins Konzept passt. Mal wird betont, wie wichtig die wirtschaftliche Entwicklung ist um Bedürfnisse zu befriedigen, mal, wie unabdingbar soziale Stabilität und Wissen sind, und mal, dass der Erhalt bestimmter natürlicher Ressourcen essentiell ist. Doch was man unter Bedürfnissen versteht und von wessen Bedürfnissen geredet wird, ist unterschiedlich. Die einen reden von einem Bedürfnis nach Mobilität, die in unserer Gesellschaft quasi selbstverständlich ein Auto mit Klimaanlage, GPS etc. beinhaltet, die anderen verstehen unter dem zu erfüllenden Bedürfnis nach Mobilität die Freiheit, vor klimaerwärmungsbedingten Überflutungen zu flüchten. Doch kaum jemand redet darüber, was Bedürfnisse denn eigentlich sind und auf wie viele Arten und Weisen sie erfüllt werden können. Der ökologische Ökonom Manfredo Max-Neef schlägt eine Liste von 10 Grundbedürfnissen vor: Subsistenz, Schutz, Zuwendung, Verstehen, Teilhabe, Vergnügen, Schöpfung, Identität, Freiheit, Spiritualität; und erinnert uns daran, dass diese Bedürfnisse durch 'Sein', 'Haben', 'Tun' oder 'Sich Befinden' erfüllt werden können. Wenn wir uns auf diese Bedürfnisse zurückbesinnen und durch geeignete partizipative Prozesse die uns Menschen innewohnende Kreativität ausschöpfen, um sie uns so zu erfüllen, dass wir andere dabei nicht unangemessen beeinträchtigen, wären wir schon einen Schritt weiter auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung. Denn dann würden wir uns daran erinnern, was im Leben eigentlich wirklich wichtig ist (z.B. gesellschaftliche Teilhabe und nicht der Audi Quattro), und dass es viele Wege jenseits des Ressourcen verschlingenden 'Habens' gibt, diese gesellschaftliche Teilhabe zu verwirklichen.


Dr. Michaela Moser (Armutskonferenz):

„Mehr Lebensqualität durch weniger Konsum.“ Solche und ähnliche Statements, wie sie die Diskussionen zu nachhaltigem Lebensstil in Europa prägen, gehen oft unreflektiert davon aus, dass die angesprochenen Personen zum wohlhabenden Teil der Bevölkerung gehören. Weitgehend aus dem Blick geraten dabei jene, die an bzw. unter der Armutsgrenze leben und deren Konsumverzicht weder Lifestyle noch politische Entscheidung ist, sondern auf eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten aufgrund eines Einkommens unter der Armutsgrenze basiert. Eine gelingende Verknüpfung von sozialen mit ökologischen Fragen, wie sie im Konzept der Nachhaltigkeit vorgesehen ist, steckt noch in den Kinderschuhen. Verstärkte Aufmerksamkeit und konkrete Konzepte und Maßnahmen braucht es dabei vor allem im Hinblick auf die Ermöglichung eines nachhaltigen Lebensstils jener, die aufgrund ihrer Einkommenssituation u.a. gezwungen sind in schlecht isolierten Wohnungen zu leben, energiefressende alte Elektrogeräte nicht ersetzen und sich biologische Nahrungsmittel nicht leisten können.


Wir laden Sie/Euch ein, mit uns in Dialog zu treten und Ihre/Eure Ansichten zum Thema „Nachhaltigkeit heute“ und den individuellen Beiträgen mitzuteilen. Wir werden die gesammelten Kommentare in regelmäßigen Abständen online stellen und freuen uns bereits über Ihre/Eure Beiträge.

Das Team von www.nachhaltigkeit.at – das österreichische Nachhaltigkeitsportal

Ihre/Eure Kommentare bitte an: nachhaltigkeitsportal@lebensministerium.at


Quellen:

1) Global Green New Deal

2) European Commision Sustainable Development

03.02.2009, nachhaltigkeit.at