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„Kopf des Monats“ Februar 2009 ist Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ernst Ulrich von Weizsäcker, der die Geschichte der Nachhaltigkeit von Anfang an begleitet und mitgestaltet hat, blickt zurück auf diese Geschichte und gleichzeitig nach vorne. Sein Fazit: wir haben Grund zum Optimismus, müssen uns aber "gewaltig anstrengen", um Nachhaltigkeit wieder aufzuwerten.

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker, promovierter Biologe, war neben vielem anderem Präsident der Universität Kassel, Direktor des UNO-Zentrums für Wissenschaft und Technologie, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, Bundestagsabgeordneter und zuletzt Dekan der Bren School of Environmental Science and Management an der University of California in Santa Barbara. Seit 4 Wochen ist er offiziell im Ruhestand, aber nachwievor umtriebig für die nachhaltige Entwicklung, unter anderem als Co-Chair zweier internationaler Kommissionen, als Buchautor und als Vortragender - demnächst auch wieder einmal in Österreich!

Webtipp: ernst.weizsaecker.de


Unter "Thema und Dialog" finden Sie einen Beitrag der Redaktion zu den "Höhen" und "Tiefen" der Nachhaltigkeit 22 Jahre nach Erscheinen des Brundtland-Reports sowie Kurzkommentare verschiedener "Stakeholder" aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Zentrale Frage: bedeutet die gegenwärtige Wirtschaftskrise eine Chance für die Nachhaltigkeit.


Ernst Weizsäcker blickt in seinem Interview ebenso zurück auf die Geschichte der Nachhaltigkeit im weltpoltischen Kontext wie nach vorne. Ein Kernsatz: „Heute gibt es sehr gute Gründe, wieder optimistisch zu sein, aber wir müssen uns ganz gewaltig anstrengen, dass nicht einfach eine Restauration der konventionellen Wirtschaft gemacht wird, sondern Umwelt und Nachhaltigkeit deutlich aufgewertet werden.“

www.nachhaltigkeit.at: Wie haben Sie die Geschichte der Nachhaltigkeit von den Anfängen bis heute erlebt?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Im Brundtland-Bericht taucht der Begriff als leicht fauler Formelkompromiss auf zwischen den Ländern des Südens, die in der Brundtland Kommission die Mehrheit hatten und sagten, “uns interessiert lediglich Entwicklung, nicht die Umwelt“ und den Vertretern des Nordens einschließlich der Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland, die meinten, „ ja aber zusammengekommen sind wir wegen der kaputten Umwelt und jetzt müssen wir einen Kompromiss finden.“ Der Kompromiss lautete dann Nachhaltige Entwicklung.

Es ist also kein riesiges Wunder dass die Einführung des Begriffs nachhaltige Entwicklung erst einmal der Umwelt nichts genützt hat. Später ist dann durch einen weiteren Formelkompromiss etwas mehr Leben herein gekommen. Man hat das sog. Nachhaltigkeits-Dreieck aufgestellt (Umwelt, Wirtschaft und Soziales) und dann gefordert, das müsse alles gegenseitig im Gleichgewicht sein. Aber das Dreieck hatte den Nachteil, dass Wirtschaft und Soziales sich ganz leichtfüßig gegen die Umwelt verbündet haben. Das war dann die Mehrheit und dann war wieder eigentlich nur Wirtschaftswachstum das oberste Ziel. Also auch aus diesem Begriff ist nicht sehr viel für die Umwelt heraus gekommen.

Also: außer Spesen nichts gewesen?

Ich glaube historisch kann man sagen: erst nachdem der Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung von Johannesburg im Jahr 2002 eigentlich ein ziemlicher Reinfall war und nachdem dann die Klimadiskussion erst richtig los ging, haben relativ viele Leute den Begriff Nachhaltigkeit als eine Ablösung für den Begriff Umwelt verwendet - in der CSR spielte die Nachhaltigkeit auf einmal eine gewisse Rolle und indem der Weltgipfel sich mit den Jahrtausenentwicklungszielen noch einmal ausdrücklich identifiziert hat, ist der Begriff noch einmal populärer geworden. Inzwischen ist der Begriff Nachhaltige Entwicklung weltweit in praktisch allen Sprachen heimisch geworden und erst jetzt gibt es eine einigermaßen interessierte Öffentlichkeit zum Thema Nachhaltigkeit.

Gibt es in dieser Entwicklung Highlights oder auch Rückschläge, oder war es alles in allem doch eine relativ kontinuierliche Entwicklung.

Es gab natürlich den Höhepunkt 1987 – 1992, die Phase der Vorbereitung des Erdgipfels – da hatte das Thema eine ungeheure Konjunktur. Die Ausarbeitung der Agenda von Rio hat an vielen Stellen Begeisterung geweckt. Aber etwa ein halbes Jahr nach dem Erdgipfel entdeckte auf einmal der Kapitalismus, dass es gar keinen Grund mehr gab, sich um den Staat, um die Mehrheit, um die Demokratie, um die Umwelt, also um die edlen Dinge zu kümmern. Man musste man ja nur, solange es den Ost-West-Konflikt gegeben hatte, ständig beweisen, dass der Kapitalismus besser sei als der Kommunismus.

Vor ungefähr 3 Jahren begann mit den Midterm Elections in Amerika das Kartenhaus der Arroganz der Republikaner einzustürzen und jetzt ist es ja beendet. Jetzt gäbe es die Chance, wieder eine Balance herzustellen zwischen Staat und Privat– nachdem die Behauptung der Ökonomen, dass der Markt alle Probleme löst und der Staat überflüssig sei wie ein Kropf, widerlegt.

Es muss wieder eine Balance hergestellt werden und da bestehen jetzt ganz gute Chancen und damit kann gleichzeitig auch das öffentliche Gut Umwelt, kann Nachhaltigkeit, Langfristigkeit usw. wieder auf die Füße gestellt werden.

Wie kann das denn aussehen ? Was kann man inhaltlich machen, denn Nachhaltigkeit nur zu beschwören reicht ja nicht!

Das Programm, das wir gemeinsam am Wuppertal Institut mit Schmidt-Bleek und andern begonnen haben: Eine Verbesserung der Ressourcenproduktivität um den Faktor 10 oder mindestens 5. Wenn es gelänge, die Nutzung von Energie, Wasser, Primärrohstoffen innerhalb einer Generation um einen Faktor 5 zu verbessern, dann könnten ganz grob gesagt die fünfeinhalb Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern eine Verfünffachung ihres Wohlstands bei einer gleichzeitigen Stabilisierung des Ressourcenverbrauchs erleben und die reichen Länder eine Stabilisierung ihres Wohlstandes bei einer Fünftelung des derzeitigen Ressourcenverbrauchs – damit wären die meisten Probleme einschließlich des Klimas relativ problemlos lösbar.

Warum ist das immer noch unpopulär?

Die Sklavenhalter im amerikanischen Süden hätten sich bekreuzigt bei der Vorstellung, dass der Faktor Arbeit 20 mal so teuer werden könnte, was er heute tatsächlich ist. Sie hätten gesagt, da müssen wir den Betrieb aufgeben. Genauso reden die Leute heute über Energie. Das ist eine sehr gute Analogie. Wenn man sich anschaut, wie die Südstaaten damals argumentiert haben: die Wirtschaft ist zu Ende, wenn die Arbeit teuer wird und so ähnlich hören wir die österreichischen und die deutschen und amerikanischen Energieverbraucher in der Industrie und auch sonst. Das ist ganz großer Unsinn.

Sehen Sie die Chance heute größer als vor 10 oder 20 Jahren?

Während des Erdgipfels von Rio de Janeiro, vor 17 Jahren, mußte jeder vernüftigerweise optimistisch sein. 10 Jahre später in Johannesburg mußte jeder, der denken konnte, pessimistisch sein.

Heute gibt es sehr gute Gründe, wieder optimistisch zu sein, aber wir müssen uns ganz gewaltig anstrengen, dass nicht einfach eine Restauration der konventionellen Wirtschaft gemacht wird, sondern Umwelt und Nachhaltigkeit deutlich aufgewertet werden.

Dazu gehören gesellschaftliche, politische und individuelle Veränderungen, wie sie das Wuppertal-Institut grade eben wieder mit seiner Neuauflage der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ beschrieben hat.


Was machen Sie persönlich in Ihrem Leben für die Nachhaltigkeit?

Erstens habe ich das Glück, mit meiner Frau und mit meiner Tochter, ihrem Mann und drei Enkeln zusammen in einen wunderschönen Passivhaus zu wohnen, das nur noch ungefähr 1/10 des Energieverbrauchs hat und in einem Haushalt mit insgesamt 10 Personen haben wir genau ein Auto - aber ich sündige ständig mit Flugreisen.

Vielen Dank für das Gespräch!



Das Interview führte Friedrich Hinterberger. Eine ausführliche Fassung kann hier (Interview Ernst Weiszsäcker-lang92,43 kB) herunter geladen werden.



Ihre Ansichten sind uns wichtig!

Sie haben die Möglichkeit, Fragen an Ernst Weizsäcker zu richten, wenn Sie ein eMail an nachhaltigkeitsportal@lebensministerium.at schicken. Wir leiten Ihre Fragen weiter und werden seine Antworten im Laufe des Monats portionsweise hier veröffentlichen.

09.02.2009, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten