http://www.nachhaltigkeit.at
Home

Das Österreichische
Nachhaltigkeitsportal

Servicelinks

Hauptnavigation

Suche



Inhalte

Monatsthema 03/09: Thema Krise. Die Überraschung, die keine ist.

Die wichtigste Frage seit Erscheinen des Brundtlandreports lautet nun: Ist diese Krise die Geburtsstunde einer nachhaltigen Entwicklung?  Es gibt eine große Auswahl im Krisenmenü, aber nur eine Lösung...

Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es Warnungen vor einer tiefen Krise unseres auf Wachstum ausgelegten Wirtschafts- und Finanzsystems. Es galt als unbestrittene Tatsache, dass es ein unbeschränktes Wachstum nicht geben kann, nie geben wird. Nicht so eindeutig waren die Meinungen darüber, wie lange es mit diesen Wachstumsraten noch weiter gehen kann. Die Euphorie und wahrscheinlich auch die Gier haben die Grenzen leichtfertig überschreiten lassen. Jetzt sind wir in dieser Krise und geben uns überrascht. Mit allen erdenklichen Mitteln wird nun versucht, das alte System wieder in Schwung zu bringen. Mit diesen Interventionen wird der Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert. Aber wir füttern eine tote Raupe, aus der bereits der Schmetterling schlüpft, meint Professor Fredmund Malik. Wie der Schmetterling beschaffen ist, bleibt weitgehend unbeantwortet. Entsprechend vielfältig sind die Meinungen. Die Nachhaltigkeits-Community jedenfalls sieht im Schmetterling die neue Zukunft. Mag er noch zart, bunt und etwas desorientiert sein, er hat jedenfalls schon einen Namen: Er wird „Nachhaltige Entwicklung“ genannt. Die wichtigste Frage seit Erscheinen des Brundtlandreports lautet nun: Ist diese Krise die Geburtsstunde einer nachhaltigen Entwicklung? 
 

Große Auswahl aus dem Krisenmenü, aber nur eine Lösung 
 
Was versteht man eigentlich unter einer schweren Krise? Eine Krise kann als Entladungsvorgang verstanden werden, wenn über einen langen Zeitraum eine hohe Spannung aufgebaut wurde. Erhard Glötzl (http://e.gloetzl.googlepages.com) nennt das die unkontrollierten Ausgleichsvorgänge. Solche gibt es in der Natur häufig, etwa Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Lawinen. Im Wirtschaftssystem sind das beispielsweise die Finanzkrisen. Solche Krisen treten immer dann auf, wenn große Ungleichheiten exponentiell wachsen. In unserem Finanzsystem hatten wir über Jahre ein exponentielles Wachstum der Kapitaleinkommen. Weil die Summe der Schulden immer auch gleich der Summe der Guthaben ist, wuchsen damit auch die Ungleichheiten exponentiell, was eine Krise unvermeidbar machte. Jetzt sind wir mitten in einer globalen Finanzkrise, dessen Auswirkungen längst die Realwirtschaft massiv getroffen haben. Aus der Finanzkrise wurde eine globale Wirtschaftskrise.
 
Fredmund Malik (http://www.malik-mzsg.ch) meint aber, es handle sich nur auf der Symptomebene um eine Finanzkrise. In Wirklichkeit befinden wir uns in einer Steuerkrise. Die unglaublich komplexe Finanz- und Wirtschaftswelt war einfach nicht mehr steuerbar. Wie der US Ökonom und Präsident des Federal Reserve Boards Ben Shalom Bernanke fest stellte: “We have a total loss of control”. Die Akteure im Finanzsystem hatten schlicht weg keinen Überblick über ihre Geschäftsvorgänge mehr. Das System geriet außer Kontrolle.
 
Menschen die sich seit langer Zeit mit der nachhaltigen Entwicklung beschäftigen, kommen noch zu einem anderen Schluss. Wir haben eine Steuerkrise, die zur Finanzkrise und die wiederum zur Wirtschaftskrise geführt hat. All das aber spielt sich wieder nur auf der Symptomebene ab. Dahinter finden wir seit vielen Jahren eine ganz andere Form der Krise, die tiefer, bedeutsamer und weitreichender ist. Wir befinden uns als Gesellschaft, und damit verbunden auch die Wirtschaft, in einer Zielkrise. Eine Gesellschaft, die keine sinnstiftenden Ziele mehr verfolgt, verliert sich auf Irrwegen und in Sackgassen und das weltweit. Damit verbunden müssen wir all die anderen globalen Krisen verstehen, die wir mit bekannten Lösungsansätzen nicht mehr bewältigen können. Die Klimakrise (Global Warming) und andere Umweltkrisen (Artensterben), die Ressourcenkrise (Peak Oil), die Umverteilungskrise (besonders Nahrungsmittel und Reichtümer) und nun auch die Finanz- und Wirtschaftskrise haben alle samt ein globales Ausmaß erreicht. Wir stehen diesen Krisen nahezu machtlos gegenüber, weil wir mit den herkömmlichen Mitteln und Ansätzen nach Lösungen suchen. Das Alles ist die Folge der tiefen Zielkrise. Sie ist allumfassend, global und weil so viele Aspekte (vom Finanzsystem bis zum Klima) zusammen kommen, stellt sie die Menschheit vor die größte Herausforderung, von der wir geschichtlich Kenntnis haben.
 
Die Zielkrise ist eine notwenige Begleiterscheinung eines radikalen Systemwechsels, der sich seit Jahrzehnten langsam entwickelt. Der Wechsel kann als Übergang von der Geld- in die Wissensgesellschaft betitelt werden, wie das Fredmund Malik macht. Auch die langen Wellen nach der Kondratieff-Theorie, wie sie Erik Händeler (http://www.kondratieff.biz) beschreibt, können diesen Umbruch veranschaulichen. Wir können die Dinge aber auch beim Namen nennen, den viele noch ungern hören. Die Gesellschaft ändert ihr Weltbild. Das mechanistische Weltbild geht seinem Ende entgegen, ein ganzheitliches Weltbild ist im Entstehen. Dieser Weltbildwechsel wird seit Jahrzehnten von den Wissenschaften, etwa der Quantenmechanik, der Theorie der Selbstorganisation, den  Systemwissenschaften, der Chaostheorie uva. mehr vorgezeichnet. Ganzheitliches Denken, fern von linearen Vorstellungen, die uns heute noch prägen, bestimmen immer stärker unser Denken und Handeln. Ohne diese Form des Denkens hätte sich eine Idee der nachhaltigen Entwicklung, die auf ein globales, vernetztes Denken in komplexen Systemen baut, nicht entwickeln können. Die Nachhaltigkeit ist somit derzeit unser einziges alternatives Entwicklungskonzept, das Großteils dem ganzheitlichen Denken entsprungen ist. Darin liegt die große Chance als Ausweg aus der Zielkrise und gleichzeitig das große Risiko, von vielen, noch stark mechanistisch geprägten Machthabern, nicht als das erkannt zu werden.
 
Schon in der Zeit vor dem großen Umbruch haben die Konzepte der nachhaltigen Entwicklung die Grenzen des Wachstums aufgezeigt und zahlreiche Alternativen angeboten. Alle Alternativen zusammen waren aber bislang für den großen Teil der Menschen weniger attraktiv als das vorherrschende System der linearen Steigerung. Vielfach wurde Nachhaltigkeit zum Gehilfen des Steigerungssystems und hat mit sogenannten Win-Win-Situationen das alte System noch gestärkt. Radikale Innovationen waren nur selten zu finden, weil sie eben nur sehr schwer umsetzbar waren. Heute aber hat sich die Situation radikal verändert, was neue Möglichkeiten auftut. Die große Frage ist jetzt, was kann die nachhaltige Entwicklung als Leitbild und entlang der großen Aktivitätsbereiche, etwa der LA21, CSR, Öko-Energie, nachhaltige Mobilität, regionale Nachhaltigkeit, neue Konsummuster, Ressourceneffizienz, Gesundheit, soziale Eingliederung, Bildung für Nachhaltigkeit usw. in der Zielkrise wirklich leisten?
 
Wenn wir von einem wenig optimistischen Szenario der Entwicklung ausgehen, dann stellt sich vielleicht bald die Frage der sozialen Sicherung der Menschen für den ernsten Krisenfall. Ob es so kommt oder nicht, können wir nicht sagen, wohl aber sollten wir vorbereitet sein, weil das Angst nimmt und Sicherheit gibt. Es würden  lokale Communities, die alle Subsistenzfunktionen aufrecht erhalten können und sich als Folge der LA21 herausbilden, echte Lösungsansätze bieten. Die jahrelangen Vorarbeiten in den LA21 Gemeinden könnten sich als wahre Zukunftsinseln entpuppen. Aus den Feldversuchen mit Tauschsystemen und Regionalwährungen könnte sich eine stabile Basis der Subsistenzwirtschaft bilden, die eine umfassende Nahversorgung mit dem Notwendigen sicher stellt. Aus den ersten Erfolgen der erneuerbaren Energieversorgung könnte sich die Grundversorgung mit Wärme und Strom ergeben, die mit einem großen Erfahrungsschatz und endogenem Wissen der Menschen einen wertvollen Beitrag der Nachhaltigkeitsbewegung zur Krisenbewältigung einbringt. Aus den Corporate Sustainability Ansätze der Wirtschaft (etwa CSR) bieten sich neue Geschäftsmodelle an, die Unternehmen neue Zukunftsperspektiven eröffnen. Auch hier hat die Nachhaltigkeits-Community mit Vorzeigebeispielen eine wertvolle Vorarbeit geleistet. Für den Ernstfall haben die Nachhaltigkeit und ihre AkteurInnen also vorgesorgt. Hoffen wir, dass die Entwicklung nicht ganz so dramatisch wird und all diese Lösungen immer nur der Plan B bleiben.
 
Der wirklich große Beitrag der Nachhaltigkeit liegt aber nicht in der Krisenbewältigung sondern in der Eröffnung einer neuen Perspektive für ein alternativen Wirtschaftssystems. Genau daran muss jetzt mit Hochdruck gearbeitet werden. Wir freuen uns auf den neuen Adam Smith oder John Maynard Keynes, wie immer sie oder er auch heißen mag. Nachhaltigkeit ist der Wegweiser.
 
 
Zusammenfassung:
 
Weil ein tieferes Eintauchen in Krisenwelten viel wahrscheinlicher ist, als die erfolgreiche Wiederbelebung des alten Systems, bietet sich für Alternativen – und Nachhaltigkeit ist nahezu der einzig erkennbare Wegweiser in ein neues System – eine echte Chance. Mit nobler Bescheidenheit und Zurückhaltung als Grundhaltung wird diese Chance aber an der Nachhaltigkeit vorüberziehen. Jetzt hilft nur eine mutige Intervention, die sicher stellt, dass nicht alle Mittelreserven in die tote Raupe fließen, sondern den bunten Schmetterling stärken. Nur darin liegt unsere Chance.     
 
 
 
Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Heinz Peter Wallner, CMC
 
 
 
weiterführende Informationen:
 

  • Erhard Glötzl, Vorträge Ökonomie, http://e.gloetzl.googlepages.com
  • Fredmund Malik: „Mit herkömmlichen Methoden nicht zu lösen“, FAZ.NET. 4.2.2009, http://www.malik-mzsg.ch
  • Föhrenbergkreis der Industrie (Arbeitskreis: Finanz- und Wirtschaftskrise), http://www.foehrenbergkreis.at    
  • Erik Händeler - Die Geschichte der Zukunft, http://www.kondratieff.biz
  • Ulrich Schäfer, Der Crash des Kapitalismus: Warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte und was jetzt zu tun ist, Campus, 2008
  • Thomas L. Friedman und Michael Bischoff,  Was zu tun ist: Eine Agenda für das 21. Jahrhundert, Suhrkamp, 2009

 
Für den Dialog des Monats haben wir für Sie Kommentare von ExpertInnen eingeholt, die sich intensiv mit der Entwicklung der aktuellen Krise beschäftigen.
Unter Personen & Ansichten stellen wir mit dem Kopf des Monats - Univ. Doz. Mag. Dipl. Ing Dr. Erhard Glötzl - eine weitere tiefgehende Perspektive zum Thema "Krise" dar.
 
Außerdem laden wir Sie dazu ein, mit uns in Dialog zu treten und Ihre Ansichten zum Thema mitzuteilen. Wir werden die gesammelten Kommentare in regelmäßigen Abständen online stellen und freuen uns bereits über Ihre Beiträge. 
 
Ihre Kommentare bitte an: nachhaltigkeitsportal@lebensministerium.at
 
Das Team von www.nachhaltigkeit.at – das österreichische Nachhaltigkeitsportal
 

28.02.2009, nachhaltigkeit.at