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Zum Thema Wirtschaftskrise: Interview mit Univ. Doz. Mag. Dipl. Ing Dr. Erhard Glötzl

Univ. Doz. Mag. Dipl. Ing Dr. Erhard Glötzl in einem spannenden Gespräch über Ursachen, Folgen, Herausforderungen und Chancen der Wirtschafts- und Finanzkrise.

Sehr geehrter Herr Dr. Glötzl,
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Finanz- und Wirtschaftssystem. Immer wieder haben Sie in Ihren Publikationen auf die Krisenanfälligkeit unseres Systems hingewiesen. Warum war diese Krise unvermeidlich?

Viele dynamische Systeme, in denen es zu einem permanenten Wachstum von Ungleichheiten kommt, reagieren in der Form, dass es durch unkontrollierte Ausgleichsvorgänge wieder zu einem Ausgleich dieser Ungleichheiten kommt. Denken Sie nur an den Blitz als Vorgang zum Ausgleich von Potentialunterschieden oder Erdbeben als Ausgleich von wachsenden Spannungen in der Erdkruste.

In unserem Wirtschaftssystem kommt es ohne ein entsprechendes staatliches Eingreifen zu einem exponentiellen Wachstum und einer Konzentration von Kapitaleinkommen und damit zu immer größeren Einkommensunterschieden in der Bevölkerung. Wegen der dadurch sinkenden Massennachfrage können diese Einkommen nicht mehr in der Realwirtschaft investiert werden und wandern daher in Spekulationsgeschäfte auf den Finanzmärkten. In der Krise werden dann zwar Kapitalvermögen teilweise vernichtet, allerdings aber mit verheerenden Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft und damit auf alle Menschen.
 

In Ihrem Wirtschaftsleben sind Sie klassischen Nachhaltigkeitsthemen (Ressourcen, Energie, Umweltschutz) nahe gestanden. Warum haben Sie dennoch der Nachhaltigkeit immer nur geringe Chancen eingeräumt?
 
Ich war 11 Jahre lang Leiter des Amtes für Umweltschutz in Linz und damit wesentlich für die erfolgreiche umweltmäßige Sanierung von VOEST und CHEMIE LINZ verantwortlich. Einzelne isolierte Umweltprobleme können sehr wohl behördlich oder durch Gesetze in den Griff bekommen werden.

Es ist aber eine absolute Illusion zu glauben, dass man in einem Wirtschaftssystem, das unter einem Zwang zum Wirtschaftswachstum steht, die weltweiten Probleme des wachsenden Resourcen- und Energieverbrauches auf ähnliche Weise, d.h. ohne grundsätzliche Änderungen des Wirtschaftssystems lösen kann.

Die meisten Ökonomen glauben heutzutage alle Probleme durch Wachstum lösen zu müssen und auch lösen zu können. Kenneth Boulding, der selbst Ökonom war, hat diese Wachstumsillusion wie folgt beschrieben: „Einer, der glaubt, dass in einer beschränkten Welt unendliches exponentielles Wachstum möglich ist, ist entweder ein Narr oder ein Ökonom.“
 
 
Eine Ihrer notwendigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung liegt in einer angemessenen Kapitalbesteuerung. Steht diese Forderung nicht im Widerspruch zu einer nachhaltigen Entwicklung, die ja enorme Kapitalressourcen für den Aufbau einer neuen Infrastruktur (z.B. im Energiebereich) benötigt?

Am verständlichsten hat es  Henry Ford formuliert, was zur Krisenbewältigung notwendig ist: „Ich muss meine Arbeiter gut zahlen, sonst haben sie kein Geld, meine Autos zu kaufen“

Damit sich unser Wirtschaftssystem stabil und ohne Zwang zum Wachstum entwickeln kann, ist es notwendig, dass Kapitalvermögen bzw. Kapitaleinkommen in der Höhe besteuert werden, dass die Kapitaleinkommen nicht rascher wachsen als die Wirtschaft insgesamt.

Eine Kapitalbesteuerung muss natürlich so wie eine Resourcen- oder Energiesteuer immer mit der steuerlichen Entlastung des Faktors Arbeit verbunden sein, was ja schon eine langjährige Forderung der Nachhaltigkeitsbewegung ist. Gerade im Energiebereich würde dies auch eine notwendige Dezentralisierung der Energieversorgung und damit erneuerbare Energien unterstützen.
 

Sie sind für den Kapitalismus mit neuen Regeln und einer neuen Umverteilung. Aber hat der Kapitalismus im neuen Kleid noch eine Chance?

Historisch gesehen hat es in der Menschheitsgeschichte viele Versuche gegeben, die oftmals erlebten verheerenden Auswirkungen von übermäßigen Kapitaleinkommen in den Griff zu bekommen:
  • Zinsverbot im Judentum, Christentum und Islam
  • Kapitalregulierung im Zunftwesen
  • Kapitalverbot im Marxismus
  • exponentielles Wachstum in der heutigen neoliberalen Ökonomie
Sie alle waren und sind aus verschiedensten Gründen untauglich.
Um die durch die Kapitaleinkommen (= positive Rückkopplungen) ausgelösten Instabilitäten zu zähmen, plädiere ich für einen Kapitalismus mit Regeln (= Dämpfungselemente) und gezielte Kapitalbesteuerung (= negative Rückkopplung).
Kapitalismus braucht Regeln und Umverteilung.

 

Neue Regeln, eine funktionierende Umverteilung, eine Kapitalbesteuerung, eine Entlastung der Arbeit, … all das scheint ja den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung zu ebnen, ein richtiges Nachhaltigkeits-Schlaraffenland. Brauchen wir noch was, damit wir wieder zukunftsfähig werden?

Auch noch so viele Regeln allein, können Fehlentwicklungen nicht verhindern, wenn nicht jeder Einzelne sein Handeln grundsätzlich an gemeinsamen gesellschaftlichen Werten und Zielen orientiert.

Unsere derzeitige Gesellschaft scheint aber nur mehr einen Wert zu kennen, nämlich den des eigenen persönlichen Vorteils. Dass eine solche Gesellschaft nicht zukunftsfähig sein kann, sollte offenkundig sein. Aber da steht uns noch ein großer Umdenkprozess bevor.

 

Darf ich Sie noch um eine persönliche Einschätzung unserer Situation bitten? Wie lange wird diese Krise dauern, wie schwer wird sie uns in Europa letztlich treffen und welche Chance sehen Sie in den Nachhaltigkeitsstrategien wirklich?

Die Wirtschaftskrise in Japan hat etwa um 1990 mit einer Immobilienblase begonnen, gefolgt von Börsenkrise und Bankenkrise mit faulen Krediten.  Trotz der Verstaatlichung der faulen Kredite und trotz der Nullzinspolitik der Japanischen Notenbank ist es bis heute zu keiner Erholung der japanischen Wirtschaft gekommen. Solange nur Symptome bekämpft werden und nicht die wahre Ursache der Krise, nämlich die einseitige Konzentration und Akkumulation von Kapitaleinkommen beseitigt wird, kann es keine wirtschaftliche Erholung geben. Da diesmal die Krise weltweit ist und eine Bekämpfung der wahren Ursachen immer noch ein politisches Tabu ist, blicke ich, was die Dauer und die politischen Folgen der derzeitigen Krise betrifft, sehr sorgenvoll in die Zukunft.

Ich hoffe, dass die Menschheit durch viele kleinere Krisen zur Einsicht kommt und nicht erst, bis es zu einer große Krise kommt.

 
 
Herzlichen Dank für das spannende Gespräch!
 
 
Das Interview führte Dr. Heinz Peter Wallner, CMC
 

28.02.2009, nachhaltigkeit.at