Monatsthema 04/09: Web 2.0 - Die Kraft der Vielen
Web 2.0 ist in aller Munde. Spätestens nach dem fulminanten Wahlkampf von Obama, den er zum großen Teil durch den Einsatz der neuesten Web 2.0 Dienste gewonnen hat, kann diese kulturverändernde Kraft des Internet nicht mehr unterschätzt werden.
Doch Web 2.0 ist nicht nur für politische Kampagnen ein wertvolles Werkezeug, gerade für die Förderung eines neuen Nachhaltigkeits-Bewusstseins kann diese neue Generation von Webanwendungen Großes leisten.Der Terminus „Web 2.0“ wird im Alltag schon ganz selbstverständlich verwendet, wenn auch nicht immer in seiner korrekten Bedeutung. Was ist dieses „Web 2.0“ eigentlich? Hier scheint es angebracht, die Definition von Wikipedia heranzuziehen, denn dieses „User generated“ online Lexikon ist eines der beeindruckendsten Beispiele für eben dieses Web 2.0.
„Web 2.0 ist ein Schlagwort, das für eine Reihe interaktiver und kollaborativer Elemente des Internets, speziell des WWW steht und damit in Anlehnung an die Versionsnummern von Softwareprodukten eine Abgrenzung von früheren Nutzungsarten postuliert.“ Quelle: Wikipedia
Entscheidend für das Verständnisses des Begriffes sind vor allem (1) der kollaborative Charakter und damit (2) eine Abgrenzung zu früheren Nutzungsart des Internets, welche noch dem klassischen „Sender-Empfänger“ Modell von Massenmedien entsprach. Das Web 2.0 durchbrach diese starren Rollenverteilungen von Sender-Empfänger, sowie Produzent-Konsument. Der User selbst erhält die Macht mitzugestalten, zu publizieren und zu interagieren. Der Alptraum aller klassischen Medienvertreter löste in der westlichen Welt eine Kulturrevolution aus, deren Ausmaß wir erst mit der wachsenden Anzahl der Jahre erkennen können werden.
Auch das Platzen der berühmten Dotcom Blase Anfang 2000, konnte die rasante Entwicklung der neuen Branche nicht bremsen. Im Gegenteil. Seit 2000 schwingt sich diese neue Internetwirtschaft zur kulturgestaltenden Superbranche auf. Anfangs immer unterschätzt, wächst sie Jahr für Jahr und bringt Dienste und Anwendungen hervor, die innerhalb weniger Jahre konventionelle Wirtschaftsbereiche auf den Kopf stellen, alte Medien- und Handelsmuster zertrümmern und völlig neue Branchen erschaffen.
Als aktuelle Sperrspitze dieser Entwicklung kann das Social Network Facebook gesehen werden. Beeindruckende 175 Millionen Nutzer weltweit und bereits 270.000 Nutzer in Österreich tummeln sich in diesem Social Network, wobei sich alleine im ersten Quartal 2009 stolze 100.000 neue Österreicher&innen auf Facebook registriert haben. Ein kurzlebiger Trend? Wohl kaum. Die Macher hinter Facebook prognostizieren für 2011 rund 500 Millionen User weltweit. Damit hätte dieses 2004 gegründete Netzwerk innerhalb von 7 Jahren mehr virtuelle Einwohner als die USA und nur wenig später mehr als der gesamte europäische Kontinent.
Beschleunigt wird die Web 2.0 Branche vor allem durch die inzwischen gute Verbreitung von Breitband Internet Anschlüssen und der damit einhergehenden immer größeren Anzahl von regelmäßigen Internetbenutzern. Online zu sein katapultierte sich von einem elitären Zustand zum selbstverständlichen Alltagszustand, ähnlich wie bei der Entwicklung von Radio, TV und Mobilfunktelefonen (zumindest in den Industriestaaten). Und noch weiter: Die technologische Zukunft verspricht eine Abkoppelung des Internets vom klassischen PC. In Zukunft werden Webanwendungen und Inhalte auch am Mobilfunkgerät und am Fernseher genutzt werden.
Potentiale entdecken und nutzen
Die grundlegenden Potentiale intelligenter Web 2.0 Anwendungen liegen, unabhängig von Branche bzw. Wissenschaftsdisziplin, in der Vereinfachung von virtueller Kollaboration und der Informationssuche (Stichwort Google Buchsuche), sowie dem schnellen Publizieren, Kommunizieren und Teilen von Wissen. Was sich so salopp dahinsagen lässt, ähnelt in seiner Bedeutung der Erfindung des Buchdrucks.
Verwunderlich erscheint, dass gerade die Universitäten, die geschichtlich gesehen die Erstanwender von Computer und Internet waren, die neuen Web 2.0 Potentiale noch wenig für sich realisieren konnten.
Speziell für Akteure, die sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen, birgt das Web 2.0 eine breite Palette an hilfreichen Diensten und unterstützenden Plattformen, die es zu entdecken und zu nutzen gilt. Dem Potential entsprechend gehen in letzter Zeit auch immer mehr Plattformen und Dienste an den Start, die gerade für diese Zielgruppe gestaltet wurden.
Die Plattform utopia.de, welche ihre Mitglieder für strategischen Konsum sensibilisieren will, zählt bereits rund 50.000 Mitglieder im deutschsprachigen Raum. Damit erreicht das Web 2.0 Startup eine ähnliche Reichweite wie namhafte Printmagazine. Neben dem Vertrieb der Plattform vergibt Utopia jährlich den Award für vorbildhafte Unternehmen.
Die Schweizer Aktionsplattform Amazee.com wiederum will eine globale Plattform für Changemaker, Social Entrepreneurs und Umweltaktivisten aufbauen. Sie bietet maßgeschneiderte Möglichkeiten, um für sein eigenes Projekt Mitstreiter, Fans und erste Sponsoren zu gewinnen. Das junge Unternehmen ist inzwischen virtuelle Heimat von über 1000 Projekten und kooperiert mit dem Glocalist (mehr über eine der Gründerinnen von Amazee.com lesen Sie unter „Personen & Ansichten).
Die Plattform Carrotmob geht einen Schritt weiter als Utopia und organsiert Anti-Boykotts (also genau das Gegenteil von Konsum Boykotts). Die Plattform mobilisiert dabei ihre Mitglieder zum strategischen Konsum bei jenen (regionalen) Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Gegründet von Aktivisten, die mit der geringen Wirkung ihrer Konsum Boykotts unzufrieden waren, wächst die Anhängerschaft rasant.
Neben diesen sehr themenspezifischen Angeboten, gilt es aber auch die erfolgreichsten Plattformen (siehe Tipps am Ende des Artikels) und Dienste für die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu nutzen. Gerade die führenden Social Networks ermöglichen eine einfache und schnelle Aktivierung von Gleichgesinnten und erleichtern das Aufspüren von Partnern und Förderern. Die für diese Netzwerke charakteristischen viralen Effekte unterstützen die Verbreitung von Anliegen und Wissen ohne den Einsatz von großen Budgets bei gleichzeitg geringen Streuverlusten.
Noch stehen wir am Anfang und vieles muss als spielerisches Erlernen verstanden werden. All jenen, die Web 2.0 lächelnd auf eine jugendliche bzw. technische Spielerei reduzieren, sollte in Erinnerung gerufen werden wie man noch vor 10 Jahren die Notwendigkeit von Emails und Mobilfunk unterschätzt hatte.
Doch es tut sich was. Auch das Lebensministerium näherte sich mit der dem Forum Umweltbildung in Auftrag gegebene Veranstaltungsreihe „Sustain 2.0 - Nachhaltige Lebensstile und Konsum im Web 2.0“ dem neuen Feld. Mit großem Erfolg. Alle drei Veranstaltungen waren sehr gut besucht und führten zu spannenden Round Table Gesprächen, die ein erstes Gefühl dafür vermittelten, vor welchen Möglichkeiten und Herausforderungen wir aktuell stehen.
Vorbildhaft beginnen auch Organisationen wie der WWF und Attac die Möglichkeiten des Web 2.0 aktiv zu nutzen, wie auch in den zahlreichen Kommentaren im aktuellen „Dialog des Monats“ zu lesen. Dort haben wir führende Blogger und Web 2.0 Profis aus dem deutschsprachigen Raum die Frage gestellt, wo die großen Potentiale von Web 2.0 für die Beschleunigung hin zu einem neuen Nachhaltigkeits-Bewusstsein der breiten Masse liegen und wie Web 2.0 zu einer nachhaltigen Entwicklung bzw. einer nachhaltigen Lebensweise der Gesellschaft führen kann. Die hochspannenden Antworten vermitteln ein vielschichtiges Bild davon, der aktuellen Entwicklungen.
Es liegt an uns selbst, uns auf dieses noch so unbekannte Web 2.0 einzulassen, den Dialog mit dessen (jungen) Gestaltern zu suchen und uns daran zu machen, die notwendige Mediennutzungskompetenz zu erlangen und für unsere Zwecke zu nutzen.
Otto von Bismarck sagte einst: „Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben.“ Heute würde er wohl ergänzen, dass wir uns auch den Luxus leisten sollten, diese Meinung über die vorhandenen, kraftvollen Kanäle des Web 2.0 in die Welt zu tragen.
Text: Hannes Offenbacher
Bessergehtsimmer Blog
Blogwerkstatt
Mehrblick Ideenstudio
-> Quellen & Buchempfehlungen
· Die Weisheit der Vielen, von James Surowiecki & Gerhard Beckmann
· Wikinomics. Die Revolution im Netz, von Anthony D. Williams & Don Tapscott^
· Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten,
von John Palfrey & Urs Gasser
· Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können, von Michael Maier
-> Beispiele & Empfehlungen
Wie schon der Name – World Wide Web – impliziert, so sind auch die Möglichkeiten im Web umfassend, schwer zu überblicken und für viele noch nicht greifbar. Hier eine Empfehlung von wichtigen und kraftvollen Diensten und Plattformen zum Einstieg ins neue Webzeitalter.
(1) BLOGS: Jedem seine eigene Kolumne.
Ein Blog (Wortkreuzung aus engl. World Wide Web und Log für Logbuch) ist ein auf einer Website geführtes und damit – meist öffentlich – einsehbares Tagebuch oder Journal […]
Der Herausgeber oder Blogger steht als wesentlicher Autor über dem Inhalt und häufig sind die Beiträge in der Ich-Perspektive geschrieben. Das Blog bildet ein für Autor und Leser einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu spezifischen Themen. Meist sind aber auch Kommentare oder Diskussionen der Leser zu einem Artikel zulässig. Damit kann das Medium sowohl dem Austausch von Informationen, Gedanken und Erfahrungen als auch der Kommunikation dienen. Insofern ähnelt es einem Internetforum, je nach Inhalt aber auch einer Internet-Zeitung […]
Quelle: Wikipedia
Noch immer werden Blogs in ihrem Potential unterschätzt – gerade hier in Europa, während in den USA selbst der Präsident, die großen Chefredakteuren der wichtigsten Zeitungen, Universitäten, sowie die größten Unternehmen einen Blog betreiben. Gerade für Wissenschaftler&innen bieten verschiedene Blogportale einen einfachen und technisch unkomplizierten Einstieg.
- Tipp: Science Blogs
Auf ScienceBlogs schreiben Forscher, was sie bewegt. Journalisten veröffentlichen unredigiert. Das ist die Basis für einen neuen Dialog aus erster Hand über die Rolle der Wissenschaft in der Politik, Religion, Philosophie, Kunst und Wirtschaft. Quelle: Science Blogs
(2) SOCIAL NETWORKS: Menschen im Vordergrund.
Bereits 1967 wurde von Stanley Milgram und J. Travers von der Harvard University das „Small World“ Phänomen beschrieben, demnach alle Menschen auf dem Erdball nur über sechs Ecken miteinander bekannt seien. 2003 wurde diese These in einem Experiment bewiesen.
Dieses „Small World“ Prinzip wird gerne für die Kraft von Social Networks herangezogen und nach den aktuellen Zahlen zu urteilen, bleibt der quantitative Siegeszug der führenden Dienste auch in den nächsten Jahren ungebrochen. 2008 sollen bereits 41,7 Millionen Europäer ein Profil in einem Social Network erstellt haben. 2012 sollen es bereits 107 Millionen sein (Quelle Datamonitor.com).
Social Network Empfehlungen
- Xing - das Business Netzwerk
Das deutsche Unternehmen gilt in Europa als stärkstes, Business-orientiertes Social Network. Eine Mitgliedschaft ist grundsätzlich kostenlos, wirklich genutzt kann es aber nur mit einer Premium Mitgliedschaft um ca. 6 Euro pro Monat werden.
www.xing.com - Facebook - der Marktführer
Das größte und am stärksten wachsende Social Network der Welt. Kostenlose Registrierung und umfassende Gestaltungsmöglichkeiten für Jung & Alt. Technologisch und quanitativ der globale Marktführer.
www.facebook.com
Amazee - Eigene Projekte promoten
Aktionsplattform für Aktivisten und Sustainopreneure
www.amazee.com - Betterplace.org
Menschen, die Unterstützung brauchen, treffen auf Menschen, die helfen wollen.
www.betterplace.org - Utopia.de
Plattform für strategischen Konsum
www.utopia.de
Wissen organisieren & teilen
- Slideshare.com – Präsentationen online zur Verfügung stellen (kostenlos)
- Mindmeister.com – Gemeinsames Erstellen von Mindmaps (teils kostenlos)
- Delicious.com – Bookmarks (Lesezeichen) verwalten und teilen (kostenlos)
28.04.2009, Nachhaltigkeit Home


