Prozess des Monats 05/2009 - Vorarlberg: BürgerInnenrat und Dörfliche Lebensqualität
Vorarlberg präsentiert gleich zwei seiner Prozesse - das städtische Modell des BürgerInnenrates in Bregenz und jenes zur dörflichen Lebensqualität und Nahversorgung
Die Inhalte dieser Seite wurden vom Vorarlberger Büro für Zukunftsfragen gestaltet.„Wir sind Bregenz!“
BürgerInnen-Räte stärken Identifikation mit der Stadt und erhöhen die Bereitschaft, selbst aktiv mitzuarbeiten
Engagierte Menschen, die vertrauensvoll kooperieren und langfristig denken und handeln, machen einen Ort und eine Region erst lebendig und lebenswert. Das soziale Zusammenleben – das Miteinander, ist die wesentliche Voraussetzung für ein hohes Maß an Lebensqualität. Partizipation ist in diesem Sinne ein Ort, wo sich Menschen aktiv einbringen und für ein Thema begeistern können – für mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation. Dies zeigte sich in eindrücklicher Weise bei den BürgerInnen-Räten in Bregenz.
Im Zuge des Leitbildprozesses „Plattform Bregenz 2020“ wurden vom Büro für Zukunftsfragen bis dato drei BürgerInnen-Räte organisiert. Der BürgerInnen-Rat ist eine einfache, kostengünstige und rasche Möglichkeit, Selbstorganisation und Eigenverantwortung bei den Bürgerinnen und Bürgern zu stärken. Die Methode wurde von Jim Rough (USA) entwickelt und nennt sich im englischen Original „Wisdom Council“. Beim BürgerInnen-Rat handelt es sich um ein einmaliges Treffen einer Gruppe von 12 bis 16 zufällig ausgewählten Personen eines Ortes oder einer Region. Aufgrund der Zufallsauswahl handelt es sich bei den Teilnehmern um ganz „normale“ Leute, es braucht keinerlei Vorwissen oder spezielle Qualifikationen. Insbesondere vertreten sie dadurch keine Interessensgruppen, sondern ihre persönliche Meinung.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des BürgerInnen-Rats werden dazu motiviert, Themen und Anliegen ihrer eigenen Wahl an diesen eineinhalb Tagen zu diskutieren. Zu diesen Themen entwickelt der Bürgerrat Thesen, Sichtweisen, Lösungsideen, Empfehlungen. Die Gruppe arbeitet in einem speziell moderierten Verfahren. Dieses heißt „Dynamic Facilitation“. Es führt die Gruppe in einen Modus, in dem Ideen entstehen, die über bekannte oder nahe liegende Lösungsansätze hinausgehen. Das Verfahren eignet sich gerade bei schwierigen oder konfliktbehafteten Themen.
Das Ziel des BürgerInnen-Rats ist es, ein gemeinsames Statement zu verfassen. Das heißt, die ganze Gruppe einigt sich auf ein bestimmtes Ergebnis – in welcher Form das auch immer vorliegt – und präsentiert dies im Rahmen eines „Bürgercafes“ der Öffentlichkeit. Wichtig ist, dass die Mitglieder des Bürgerrates nicht nur ihre Thesen und Lösungsideen vorstellen, sondern auch davon erzählen, wie Atmosphäre und Prozess waren und wie es gelang, ein einvernehmliches Ergebnis zu finden, den Durchbruch zu erzielen.
Der BürgerInnen-Rat schafft eine neue Kultur der Beteiligung „zur Herstellung einer Verantwortungs-Gemeinschaft von Politik, Verwaltung und Bürgern.“[1], die wesentlichen Einfluss auf die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit der Stadt und den Herausforderungen, denen sich die Stadtverwaltung und Politik gegenüber sieht, hat. Er schafft eine Form des kommunikativen Austauschs und leistet somit auch ein Stück weit politische Bildung.
Das hohe Engagement der Teilnehmer und Teilnehmerinnen spiegelte sich auch in den Rückmeldung wider, die fast ausschließlich positiv waren. So hielten nahezu alle die diskutierten Anliegen persönlich für interessant und wichtig. Mit den erarbeiteten Ergebnissen herrschte eine große Identifikation und Zufriedenheit. Zudem können sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen neuerlichen Rat vorstellen und würden diesen auch ihren Freunden, Bekannten und Verwandten sehr empfehlen. Besonders erfreulich sind die vielen positiven Anregungen, den BürgerInnen-Rat fortzuführen und somit Bürgerinnen und Bürger langfristig in das politische Geschehen und die Zukunft der Stadt einzubeziehen. „Für mich persönlich war es eine tolle Erfahrung. Gemeinsam für Bregenz zu arbeiten - ohne politischen Hintergrund - das fand ich sehr belebend“, so ein begeisterter Teilnehmer.
Die BürgerInnen-Räte in Bregenz sind in diesem Sinne ein gelebtes Beispiel partizipativer Demokratie und zeigen einen neuen Weg in der Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und den Bürgerinnen und Bürgern auf.
[1] Klages, Helmut/Masser, Kai: Das Leitbild Bürgerkommune mit Leben erfüllen: Durch regelmäßige Konsultation der Bürgerinnen und Bürger. In: BBE-Newsletter 22/2008.
Ausblick:
Am 05./06. Juni 2009 findet voraussichtlich der 5. Bregenzer BürgerInnen-Rat statt. Zwei BürgerInnen-Räte, ebenfalls im Juni, sind zudem im Bregenzerwald als regionale Beteiligungsprozesse in Planung.
Kontaktperson & Redaktion:
Büro für Zukunftsfragen
Michael Lederer
t +43-(0)5574/511-20614
michael.lederer@vorarlberg.at
www.vorarlberg.at/zukunft
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Im Dorf der Zukunft gehört der Laden mir
Über Lebensqualität, Nahversorgung und neue Dimensionen eines alten Problems
Klein- und Kleinstgemeinden ganz besonders, aber genauso Ortsteile größerer Gemeinden und Städte, vor allem der ländliche Raum, aber auch entlegene Siedlungsgebiete – sie alle kämpfen seit den 1990er Jahren mit der Herausforderung gut funktionierender Nahversorger-Strukturen. Was bedeutet es, einen Laden um die Ecke zu haben? Welche Erleichterung bringt es mit sich, wenn der Arzt, die Post oder der Bäcker in näherer Umgebung liegen? Was bedeutet es, die wichtigsten Besorgungen in meinem näheren Lebensumfeld erledigen zu können? Was heißt es, wenn diese Treffpunkte verloren gehen?
Es geht um die Zukunft der Dörfer und die Erhaltung der Lebensqualität als Grundlage für eine zukunftsfähige Entwicklung. Nahversorgung und Lebensqualität sind die Dauerbrenner hierbei. Doch im Frühjahr 2008 organisierten sich mehrere kleine Gemeinden in Vorarlberg und schlossen sich zu einem Verein „Dörfliche Lebensqualität und Nahversorgung“ zusammen. Mit dem Zeitpunkt der Gründung traten 30 Vorarlberger Gemeinden dieser neuen Initiative bei. Noch nie zuvor hat sich eine so große Zahl (das sind immerhin ein Drittel aller Gemeinden in Vorarlberg) aus Eigeninitiative zusammengeschlossen. Mittlerweise sind knapp die Hälfte der Vorarlberger Gemeinden Mitglied. Ein deutliches Zeichen dafür, dass das nötige Problembewusstsein vorhanden ist.
Warum aber ein altes Problem neu aufwärmen?
Lebensqualität und Nahversorgung waren schon in den 1990er Jahren Thema, warum also sollte man sich erneut damit beschäftigen? Vor allem, weil unzählige Lösungsmöglichkeiten bereits probiert wurden: von der Bewusstseinsbildung, über diverse Kampagnen bis hin zur Strukturförderung. All dies führte nicht zu langfristigen Lösungen, insbesondere wenn Wochen später ein Discounter oder eine neue Schnellstraße eröffnet und die KundInnen abwandern. Die Arbeit in den vielen Jahren erfolglos? Keineswegs, denn nun war die Zeit reif für eine neue Form der Herangehensweise an ein altes Problem. Wie bei einer Pflanze, die nur auf gutem Boden wächst, muss auch bei der „Pflanze Nahversorgung“ der Boden für langfristige Fruchtbarkeit bereitet werden. Im Sinne dieser neuen Ausgangslage stand nicht mehr das offensichtliche Problem, sondern die darunter liegende Herausforderung im Mittelpunkt.
Wie kam es also dazu, dass sich eine solche Initiative bildete?
Die Herausforderung im Thema Nahversorgung ist nicht nur eine wirtschaftliche oder soziale, sondern vielmehr eine gesamtgesellschaftliche, die nur übergreifend gelöst werden kann. Probleme nur sektoral zu betrachten bringt keine langfristigen Lösungen. Die Interdependenz der unterschiedlichen Themen verlangt eine bessere Zusammenarbeit, Abstimmung und gemeinsame Orientierung aller Akteure. Von der Bevölkerung, über Wirtschaftstreibende, lokale Produzenten, Sozialeinrichtungen, Initiativen, Verwaltung und Politik. Auch wenn es verbraucht klingt: nur wenn alle gemeinsam an einem Ziel arbeiten und diese auch klar herausarbeiten, können gezielte Angebote im Sinne einer ganzheitlichen Bewusstseinsbildung, Beratung, Vernetzung und Strukturförderung angeboten werden. Diese Zusammenarbeit als Lerngemeinschaft verstehen und gesellschaftliche Entwicklungen positiv nutzen ist ein Teil der Lösung. Und eine wichtige Grundlagen für eine neue Struktur im Umgang mit Lebensqualität und Nahversorgung. Die Zusammenarbeit des Vereins und der zahlreichen Akteure ist eine einzigartige Plattform und bringt ein neues Selbstverständnis von Nahversorgung im Ort mit sich, das bei den Bürgerinnen und Bürgern spürbar ist. Denn im Dorf der Zukunft gehört der Laden ihnen.
Es geht nicht um die Produkte, sondern um die soziale Dimension des Nahversorgers
Im Vordergrund stehen nicht die Produkte oder das Sortiment an sich – selbstverständlich geht es natürlich auch um die Versorgung mit Waren, aber der Laden kann mehr. Er ist Treffpunkt für die Leute aus der Gemeinde, wo das Miteinander gelernt und gelebt werden kann. Was kann es bedeuten einen solchen Ort zu verlieren? Die Gefahren sind Entwicklungen wie Isolation und Vereinsamung, besonders nicht mobiler Menschen, oder eine Schlafgemeinde zu werden, ohne jeglichen sozialen Zusammenhalt. Sozialkapital innerhalb einer Gemeinschaft ist die Grundlage für eine positive Entwicklung, Gesundheit und Wohlstand. Aus diesem Grund braucht es den Laden als Symbol für die Gemeinschaft und als Kommunikationsraum, wo es die Gelegenheit gibt, dass die Menschen, ob alt oder jung, zusammenkommen. Warum nicht diesen Nutzen zur Marke machen?
Unser Dorf, unser Laden!
Es genügt nicht, den Laden im Ort mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu erhalten. Vielmehr braucht es die nötige Akzeptanz und Identifikation der Bevölkerung. Es ist nahezu eine Selbstverständlichkeit, aus dem vielfältigen Angebot zu wählen, ob Discounter, Super- oder Hypermarkt. Das ist auch legitim. Es geht nicht darum den Kampf der Kleinen gegen die Großen heraufzubeschwören. Vielmehr hat der Dorfladen der Zukunft andere Funktionen: er ist eine neue Marke. Im Dorf der Zukunft gehört der Laden mir – dahinter steckt die Strategie, die Bevölkerung Teil des Ladens werden zu lassen. In welcher Form auch immer – über Inhaberbeteiligung, Bürgerbeteiligungsprozesse oder über das Anbieten von sozialen Dienstleistungen (z.B. Begleitdienste). Der Laden wird unser Laden.
Ausblick:
Internationale Nahraumkonferenz, 19. Juni 2009 in Viktorsberg/Vorarlberg in Kooperation mit der Bodensee Agenda 21
Kontaktperson:
Büro für Zukunftsfragen
Bertram Meusburger
t +43-(0)5574/511-20612
bertram.meusburger@vorarlberg.at
Redaktion:
Büro für Zukunftsfragen
Michael Lederer
t +43-(0)5574/511-20614
michael.lederer@vorarlberg.at
www.vorarlberg.at/zukunft; http://nahversorgung.org/
12.05.2009, Nachhaltigkeit Lokale Agenda 21









