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Dialog des Monats 07/09: Braucht Österreich eine Norm für Soziale Verantwortung?

Die Norm ISO 26000 versucht mit einer breiten internationalen Beteiligung Soziale Verantwortung für alle Arten von Organisationen zu standardisieren. Seit einigen Jahren findet eine rege Diskussion rund um den Erstellungsprozess statt. Hier wollen wir Ihnen einen kleinen Einblick daraus bieten.

Soziale Verantwortung
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Nachfolgend finden Sie interessante Antworten zu aktuellen Fragen rund um die ISO 26000 von folgenden Experten:
 
 
 
 
 
  1. C.L. ... Dr. Clemens Lang (CSR-Berater, Umweltphysiker, Neosys AG)
  2. K.G. ... Dipl.-Ing. Dr. Karl Grün (Director Development, Austrian Standards Institute)
  3. H.S. ... MMag. Dr. Harald Stelzer (Institut für Philosophie, Karl-Franzens-Universität Graz)
  4. E.B. ... Dr. Eveline Balogh (Österreichische Kontrollbank)
  5. B.F. ... Barbara Freund (PR, Grüne Erde, in Vertretung GF Reinhard Kepplinger)
  6. B.L. ... Bettina Lorentschitsch MSc (Bundes- & Landessprecherin CSR-Consultants Experts-group)
  7. N.S. ... Dr. Norbert Streitmayer (BMWA)
  8. W.T. ... Dr. Wolfram Tertschnig (Abteilungsleiter Nachhaltige Entwicklung & Umweltförderung BMLFUW)
Durch die Fragen führte DI Richard Tuschl, Nachhaltigkeitsexperte, Wallner & Schauer GmbH
 
 
W&S: Was sind aus Ihrer Sicht (SNV) die wichtigsten, zentralen Punkte der Norm?

C.L.: Das ist schwierig zu sagen, da die Norm so unfangreich ist: Ich denke Folgendes: Die Definition von CSR und die Übersicht über CSR werden die weitere Diskussion prägen, auch die Darstellung der Hauptpraktiken könnte zum Referenzpunkt werden. Von den CSR-Prinzipien denke ich das weniger.
 
K.G.: Der aus der Sicht eines Normungsinstituts zentrale Punkt ist der Prozess, der zu den Inhalten der Norm führt. Es ist bei der Entwicklung der ISO 26000 gelungen, über 430 Expertinnen und Experten als Repräsentanten der Wirtschaft, Verwaltung, Arbeitnehmer, Konsumenten, Dienstleistung, Beratung, Forschung, und von Nichtregierungsorganisationen aus 91 Staaten und von 42 Internationalen Organisationen einzubinden. Gemeinsam kommen sie zu dem Verständnis, was gesellschaftliche Verantwortung von Organisationen – seien es auf Gewinn orientierte oder nicht auf Gewinn orientierte – charakterisiert und wie diese Verantwortung im "Alltag" der Organisation gemeinsam mit ihren Stakeholdern für alle nutzbringend gelebt werden kann.

B.L.: Vorteile einer Norm könnten sein: Aufzeigen von Möglichkeiten und Beispielen der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Erleichterung bei der Systematisierung von gesellschaftlicher Verantwortung – Schaffung von Win/Win Situationen. Erhöhung der Vergleichbarkeit, sowie die Schaffung eines weltweiten Leitdokuments, was die ISO 26000 – die ja keine Norm im herkömmlichen Sinne ist- ist.
Nachteile: Zwang statt Freiwilligkeit über den Umweg einer Norm. Benachteiligung der KMUs. Wegfall der Individualität und Kreativität und des Bezuges zur Gesellschaft einer Region. Über einen Kamm scheren alle Regionen und Staaten. Ideologisierung von gesellschaftlicher Verantwortung.

N.S.: Das BMWFJ hat lediglich eine Beobachterrolle in diesem Prozess der Normentwicklung, und dieser prozessuale Aspekt steht für mich auch im Vordergrund. Die ISO 26.000 ist ein weiterer Schritt zur Nachhaltigkeit von Organisationshandeln, lässt aber durch ihren Leitliniencharakter der Freiwilligkeit Raum. Für österreichische Unternehmen kann das beim Aufbau - oder bei der Erhaltung - ihrer USP als verantwortungsvoll und nachhaltig orientiert Konkurrenzvorteile bringen.
 
W.T.: Die Dimension dieses weltweit größten und wichtigsten   Normsetzungsvorhabens  beieindruckt ebenso wie die Professionalität der weit über 400 mitwirkenden Expertinnen   - und  ich kenne kein anderes  Projekt mit globaler Relevanz  und einem so breiten Anspruch , das die Teilhabe aller betroffenen Anspruchsgruppen auf gleicher Augenhöhe,  maximale Transparenz aller Entwicklungsschritte und  stetiges Bemühen um konsensuale Lösungen (zugunsten von  Konkretisierungen anstelle von Verallgemeinerungen) ähnlich  konsequent realisiert.  Mit der Verabschiedung der ISO 26000  wird 2010 eine weltweit einheitliche, anerkannte und anwendbare  Definition  von (C)SR  vorliegen - als Ergebnis eines einzigartigen  Multi-Stakeholder-Dialogs, der das globale Verständnis über die zentrale Elemente, Anliegen und Qualitätsmerkmale  des gesellschaftlich verantwortlichen Engagements von Organisationen  entscheidend weiterentwickelt hat.
 

W&S: Wurden bislang die richtigen Schritte in Europa für eine Stärkung von Sozialer Verantwortung unternommen?

C.L.: Grundsätzlich sind die Europäischen Initiativen auf dem richtigen Weg. Bzgl. wirklicher breiter Umsetzung ist aber noch vieles zu wünschen übrig. Was am Bewusstsein von Kunden und Zivilgesellschaft, aber auch an Bewusstsein und Wille mancher Kreise der Wirtschaft liegt.

K.G.: Die Europäische Union ist geprägt durch die kulturelle Vielfalt ihrer Mitgliedsstaaten; sie ist vereint durch Vielfalt. Wesentliche Maßnahmen sind die Schaffung und Stärkung des Europäischen Binnenmarktes sowie die Umsetzung der Europäischen Nachbarschaftspolitik. Die Europäische Union steht sowohl für Stabilität als auch für Dynamik und nimmt eine anerkannte Rolle als Friedensstifter und Moderator bei Konflikten ein. Es gibt klare Anzeichen, dass ergänzend zu ökonomischen Kriterien auch die Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte – also der klassische Triple-Bottom-Line-Ansatz von CSR und Nachhaltigkeit – beispielsweise bei der Gesetzgebung und Beschaffung verstärkt Eingang finden werden.

E.B.: In den Gremien wird die Stärkung der Sozialen Verantwortung schon lange diskutiert. Konkrete Ergebnisse lassen aber noch auf sich warten. Im Umweltbereich, der schließlich auch einen Teil der Sozialen Verantwortung umfasst (auch wenn das hier wahrscheinlich nicht gemeint ist), ist sicher schon mehr erreicht worden.

B.L.: Es stellt sich die Frage, was denn die richtigen Schritte wären? Außerdem steht Europa nicht alleine, sondern muss sich im Wettbewerb mit anderen Staaten und Kontinenten behaupten. D.h. alle Aktivitäten dürfen den Wirtschaftsstandort und damit Unternehmen und Arbeitnehmer nicht zusätzlich belasten. Möglich wären daher Schritte, um bereits vorhandene Aktivitäten aufzuzeigen, Förderungen für Unternehmen bei der Einführung und Umsetzung von Verantwortungsstrategien oder auch die Aufnahme von Themen zur gesellschaftlichen Verantwortung in den Lehrplan von Schulen (business ethics). Interessant wäre auch eine Erweiterung von EMAS um gesellschaftliche Aspekte, damit wäre auch eine Norm verzichtbar. Jedoch gilt auch hier der Grundsatz der Freiwilligkeit. Wichtig wäre auch, die Verantwortung der Konsumenten im Sinne einer Consumer Social Responsibility aufzuzeigen. Denn Konsumenten haben ebenfalls eine Verantwortung für ihr Handeln, für ihre Einkäufe und so würde sich auch der (Wirtschafts-)kreislauf der Verantwortung schließen. Hier könnte Europa Vorreiter werden.

N.S.: Man könnte durchaus noch mehr machen. Eine internationale Norm ist immer nur der kleinste gemeinsame Nenner mit vielen Kompromissen.
 

W&S: Durch die Krise ist CSR bzw. SR wieder verstärkt gefordert worden. Glauben Sie kann die Norm dazu beitragen, dass nach der Krise nicht wieder „business as usual“ gelebt wird?

C.L.: Ich glaube dies hieße den Einfluss der Norm zu überschätzen. Ich denke die Norm hat das Potential auf die Dauer zu einem Referenzpunkt zu werden, aber es wird wohl nicht ganz so schnell gehen.
 
K.G.: Nach der Krise in der Finanz- und Realwirtschaft wird nichts mehr sein wie früher … vielleicht aber besser. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos und beim G-20-Gipfel wurden Empfehlungen verabschiedet, die man je nach Sichtweise als Management 2.0 oder als ein Rückbesinnen auf "alte" Werte bezeichnen kann, nämlich: Forderung eines Wirtschaftens nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit, Transparenz und der Fairness, eine konsequente Aufsicht und systematische Kontrolle sowie stabile Rahmenbedingungen für die Kontrolle. Im Detail betrachtet gibt es einen klaren Bedarf nach Regelung. Hier kann ISO 26000 einen klaren Beitrag liefern.

H.S..: Von manchen Unternehmen wird soziale Verantwortung als ein Thema angesehen, um sich in der Krise zu profilieren. Andere werden versuchen, die Krise so gut es geht  zu überstehen und werden im Moment vorerst wenig in diesen Bereich investieren. In einer Welt, in der die Kundinnen und Kunden sich immer bewusster verhalten, und auch die Medien sich immer mehr den Fragen der sozialen Verantwortung von Unternehmen annehmen, führt langfristig jedoch kein Weg daran vorbei, sich mit der sozialen Verantwortung auseinanderzusetzen. Dazu braucht es Instrumente, die eine gewisse Orientierung geben können, weil es für die/den Einzelnen nur schwer nachvollziehbar ist, ob sich ein Unternehmen wirklich sozial verantwortlich verhält. Auch wenn die in Österreich vorherrschenden Klein- und Mittelunternehmen nicht sofort immer alle Kriterien dieser oder auch anderer Normen erfüllen können, sollte man nicht vergessen, dass gerade diese Unternehmen oft ein sehr hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Stakeholdern haben.
 
W.T.: Die gegenwärtige Krise manifestiert sich aus der Sicht vieler Menschen auch als Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise - "Shareholder Value" zu Lasten von Stakeholder-value ist dazu eine ebenso stark verkürzte, wie auch weit verbreitete Kurzformel. Die  Dynamik und die Nachhaltigkeit  unserer politischen, ökonomischen, individuellen Anstrengungen um der Bewältigung dieser Krise wird entscheidend davon abhängen,  ob es gelingt, das Bemühen um Mehrwert  an und durch  gesellschaftliche Verantwortung   wieder glaubwürdig und dauerhaft in  politischen bzw.  wirtschaftlichen Abläufen und  persönlichen Entscheidungen   zu verankern.  Die Norm  bietet hierfür jedenfalls eine Hilferstellung.
 

W&S; Wie hoch schätzen Sie das Interesse von Organisationen an der ISO26000 im Allgemeinen ein?

H.S.: Das Interesse an der ISO26000 wird sicher zunehmen, weil Unternehmen nach Möglichkeiten suchen, sich im Wettbewerbsumfeld positiv darzustellen und eine solche Norm ein wichtiges Mittel darstellt.

E.B.: Nachdem bereits sehr viele Rahmenvorgaben und Quasi-Normen, wie etwa die Global Reporting Initiative oder der Global Compact mit seinem verpflichtenden Communication on Progress existieren, betrachten viele eine Norm als Überfrachtung. Umgekehrt ist die  OeKB selbst seit langem ISO 14001 und EMAS zertifiziert. Meine Erfahrung im Umgang mit den Normen hat gezeigt, dass so allgemeine Regeln wie der CoP und die GRI zwar die Berichterstattung und die Transparenz optimieren, aber im Gegensatz zu einer gut ausformulierten Norm weniger zum echten Fortschritt beitragen.

 
W&S: Glauben Sie, kann die Norm dazu beitragen, dass Organisationen verstärkt Soziale Verantwortung wahrnehmen?

H.S.: Die Frage nach der Möglichkeit der Umsetzung der Anforderungen bringt selbst schon eine verstärkte Beschäftigung mit der Frage der sozialen Verantwortung mit sich.

E.B.: Ich glaube, dass eine Norm, wie etwa ISO26000 schon zur Weiterentwicklung beitragen kann. Der Aufwand für die Umsetzung der Normen wird in vielen Unternehmen überschätzt. Wer bisher GRI oder anderen Regeln zur Berichterstattung konsequent anwendet, hat die Norm schon fast erfüllt. Der zusätzliche Impuls zur Weiterentwicklung ist der eigentliche Benefit.

B.F.: ISO ist eine sehr einflussreiche Organisation, daher ist davon auszugehen, dass diese Norm Gewicht hat.  Vorausgesetzt es entstehen präzise definierte Richtlinien, die klare Forderungen an Unternehmen und Organisationen stellen. Meine Sorge ist, dass der Einfluss der Wirtschaft diese Definitionen eher schwammig werden lässt und man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt, wie es leider sehr oft bei Labels und Normen passiert.

N.S.: Die Norm kann dazu beitragen, dass Unternehmen zukünftig noch stärker und gewissenhafter ihre Verantwortung wahr nehmen, entweder durch eine Art "Gruppendruck" oder durch den Wunsch nach Vorteilen in der Konkurrenz um Kunden. Die ISO 26.000 Leitlinie richtet sich auch an den öffentlichen Sektor. In wie weit staatliche Institutionen weltweit die Norm aufgreifen, bzw. deren Anwendung ablehnen, ist schwer abschätzbar. 
 
W.T.: Seit 2004 hat sich Anzahl der "Regierungs-Expertinnen" von der zweitkleinsten zur zweitgrößten Gruppe   der 6 Stakeholderkategorien in der ISO-Arbeitsgruppe  entwickelt. Ausgehend von Impulsen v.a. der europäischen VertreterInnen   in der "Government Stakeholder Group "  ist inzwischen unbestritten und  textlich klargestellt,  dass sich die Umsetzung der Prinzipien und Leitlinien  der ISO 26000  selbstverständlich  auch  in den Prozessen  und in den Entscheidungen staatlicher Organisationen  abbilden soll. Die sich abzeichnenden Empfehlungen der  ISO 26.000 sind zunehmend Auslöser für  nationale Normen in diesem Bereich, und deren Umsetzung etwa auf betrieblicher Ebene  sind Qualtitätsmaßstab für  glaubwürdiges Bemühen um CSR, und darauf abstellende staatliche Politiken und Programme.
 Völlig klar ist indes, dass  die jene politische und demokratisch legitimierte  Verantwortung, die sich im hoheitlichen  Handeln und in einschlägigen  gesetzlichen Schutz- und Leistungszielen manifestiert, durch die  in dieser Norm   dargestellten Ansprüche an freiwillig wahrgenommene gesellschaftliche Verantwortung keinesfalls ersetzt, sondern immer nur ergänzt werden wird können.
 

 
W&S: Die Norm ist nicht zertifizierbar. Glauben Sie ist dies ein Nachteil?

C.L.: In gewisser Hinsicht schon, da die Umsetzung so beliebiger bleibt. Allerdings bin ich überzeugt, dass sich trotzdem „private/nationale“ Verifizierungsschemen herausbilden werden. Den Hauptnutzen der ISO 26000 sehen ich aber darin, dass eine einheitliche Definition von CSR versucht wird. ISO 26000 wird vermutlich v.a. als Richtlinie für die Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien verwendet werden.

E.B.: Das wird sich zeigen. Wie bereits erwähnt, scheinen andere Quasi-Normen im Moment mehr Bedeutung zu haben. Wichtig wird sein, gut vernetzte Stakeholder für die Norm zu gewinnen.

B.F.: Bezüglich der Frage ob die Norm, da sie nicht verpflichtend ist, von Organisationen gut angenommen bzw. eingesetzt wird, sind wir sehr skeptisch. 
 
W.T.: Zertifizierbarkeit von Leistungen birgt das Risiko, dass im Verhandlungsprozess das (letztlich nachzuweisende) Anspruchsniveau nach unten nivelliert wird. Insofern ist insbesonders beim globalen Anspruch der ISO 26.000  die Entscheidung für einen Guidance Standard vermutlich  der richtige Weg gewesen, um die Qualität des Angebots und die Nachfrage danach zu optimieren. 
Ebenso unbestritten wie die Nicht-Zertifizierbarkeit  von ISO 26.000 ist  aber auch  der Umstand,  dass davon abgeleitete,  konkretere  nationale  Standards für die gesellschaftliche Verantwortung von Organisationen  immer häufiger  entstehen und  diese weitaus überwiegend Zertifizierung  ermöglichen ,  die sodann auch als Maßstab für  politische Entscheidungen - man denke etwa an die öffentliche Beschaffung - herhalten können und werden.


 
W&S: Glauben Sie läßt sich Soziale Verantwortung überhaupt in eine Norm pressen?

E.B.: Jede Qualitätsnorm ist nur so gut, wie die Integration der Umsetzung im jeweiligen Unternehmen. Qualitätsnormen – und als solche würde ich die ISO26000 auch betrachten – müssen in einem sorgfältigen internen Prozess implementiert werden und von allen gelebt werden. Dann wird auch die Soziale Verantwortung verstärkt ins Bewusstsein kommen und eine echte Entwicklung entstehen. Solche Normen sind immer ein „work in progress“.

B.L.: Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen – dh. nichtstaatlichen Organisationen - muss immer auf freiwilliger Basis erfolgen und darf nicht erzwungen oder verordnet werden. Gesellschaftliche Verantwortung kann und darf daher inhaltlich nicht in eine Norm gepresst werden bzw. ist in seiner inhaltlichen Breite allumfassend gar nicht möglich. Man kann keinem Unternehmen vorschreiben, wie sein  - freiwilliger über die Gesetze hinausgehender - Beitrag für die Gesellschaft aussieht, ob durch Projekte für Jugendliche oder durch Förderung regionaler Aktivitäten. Denn auch die Bedürfnisse in der Gesellschaft unterscheiden sich von Region zu Region. Jedes Unternehmen soll daher für sich entscheiden wie & wo es sich einbringt. Genauso, wie jeder Konsument für sich entscheiden kann, welche und wessen Produkte er kauft.
Eine Norm würde zudem den Status quo von heute festschreiben und einer innovativen Weiterentwicklung des Themas hinderlich sein. 

 
W&S:  Braucht Österreich Ihrer Meinung nach eine solche Norm?

B.F.: Bei Einhaltung der nationalen Gesetze kann man sagen, Österreich und die EU brauchen eine solche Norm nicht unbedingt noch dazu wenn sie wie zu erwarten relativ wenig streng und sehr kompromißbereit ausfällt. Prinzipiell ist die soziale Arbeitssituation im weltweiten Vergleich in Österreich und weiten Teilen der EU ja sehr gut. Das ist auch der Grund, weshalb wir den Großteil unserer Produkte in Österreich selbst herstellen (70%) und den Rest innerhalb der EU. Da können wir die sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen überwachen. Als relativ kleines Unternehmen können wir das in Fernost oder Lateinamerika nicht tun. In Zeiten, in denen große Unternehmen ihre Produktionen auf Billiglohnländer verlagern, drängt sich aber die Forderung nach einem fairen Zugang der Länder der südlichen Hemisphäre auch zu unseren Märkten auf. Dafür sehe ich zwei Bedingungen: gerechte, also deutlich höhere Löhne und ähnliche ökologische Standards. Denn jetzt bekommen die Menschen in diesen Ländern von unserem Wohlstand lediglich die Arbeit, die Umweltverschmutzung und den Müll ab, die Gewinne aber nicht. Die bleiben vorwiegend in Europa und den USA - aber nicht bei den Menschen, die durch dieses Lohndumping in MacJobs arbeiten oder gar arbeitslos werden. Ob diesbezügliche Verbesserungen durch ISO 26000 erreicht werden, noch dazu ohne Verpflichtung und Kontrolle sei dahingestellt.

B.L.: Eine Norm für gesellschaftliche Verantwortung an sich benötigt Österreich ebenso wenig, wie andere Staaten. Eine Exportquote von 56% belegt, dass sich das Wirtschaften größtenteils ausserhalb Österreichs abspielt; was gleichsam ebenso für die Importe gilt. Gerade in unserer Unternehmenslandschaft, die überwiegend aus KMUs besteht, gibt es bereits eine Vielzahl an gesellschaftlich verantwortlichen Aktivitäten von Unternehmen. Viele dieser Aktivitäten haben einen direkten Bezug zur regionalen Gesellschaft, der mit einer Norm vielleicht beeinträchtigt wäre. Eine Norm als Handlungsrahmen und Richtschnur, die die Freiwilligkeit und die Kreativität nicht beschneidet, aber Wege für die Implementierung von gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen aufzeigt, wäre denkbar. Wenn eine Norm, dann eine Prozessnorm, wie die ISO 14001 oder OHSAS. Hier könnte auch eine Beratungsleistung gut ansetzen.
 
 
W&S: Was sind aus Ihrer Sicht in naher Zukunft die wichtigsten Schritte um die Norm erfolgreich bei Organisationen positionieren zu können? 
 
W.T.: Erstens  wird es notwendig sein,  die universelle Norm ISO 26.000  durch nationale Standards  zu konkretisieren,  die den spezifischen "lokalen" Möglichkeiten und Rahmenbedingungen -   in Österreich etwa gekennzeichnet durch auf eine sehr stark durch kleine und mittlere Unternehmen geprägte Wirtschaft und den relativ hohen ordnungsrechtlichen sozialen und ökologischen (Schutz)bestimmungen  - Rechnung tragen.  
Zweitens gilt es ,  das stetige Bemühen um gelebte gesellschaftliche Verantwortung  als systematischen Innovationsprozess  von und in Organisationen zu kommunizieren,  der durch Instrumente der Normierung unterstützt wird und  letztlich den Fortbestand und den Erfolg einer jedweden  Einrichtung - sei es ein KMU, ein NGO oder das Arbeitsmarktservice der Republik -entscheidend mitbeeinflusst.

 
 
 
 
 
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