http://www.nachhaltigkeit.at
Home

Das Österreichische
Nachhaltigkeitsportal

Servicelinks

Hauptnavigation

Suche



Inhalte

Zu ISO 26000 - Ein Interview mit Dipl.-Ing. Hartmut Müller

Dipl.-Ing. Hartmut Müller, Industrievertreter und Obmann im DIN NASG AA 1 Gesellschaftliche Verantwortung (SR), steht uns in diesem Interview Rede und Antwort zu zentralen Fragen von Qualitätssicherung für gesellschaftliche Verantwortung, im Speziellen zur Norm ISO 26000.

 
Dipl.-Ing. Hartmut Müller
 
Hartmut Mueller
Foto: Hartmut Mueller

 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
Herr Dipl.-Ing. Hartmut Müller ist im deutschsprachigen Raum einer der versiertesten Kenner des ISO 26000 Prozesses, da er von der Geburtsstunde an Teil dieses Prozesses war. Davor war er lange für die Firma Bosch im Normungsbereich tätig und konnte daher umfangreiches Wissen ansammeln, was Normung für Unternehmen in der Praxis bedeutet. Er kann daher auch sehr gut abschätzen, welche Aspekte in der Umsetzbarkeit machbar sind bzw. welche nicht.
 
Herr Dipl.-Ing. Hartmut Müller und auch Frau Dr. Annette Kleinfeld (Dr. Kleinfeld CEC GmbH & Co. KG) sind zentrale Ansprechpartner im internationalen sowie im deutschsprachigen ISO Prozess.

 
Interview mit Dipl.-Ing. Hartmut Müller
Welches waren aus Ihrer Sicht die bislang wichtigsten Schritte/Erkenntnisse aus dem Erstellungsprozess der Norm?
 
Schon das im gewissen Sinne überraschende Ergebnis nach der Konferenz von Stockholm in 2004, nämlich das Thema CSR im Rahmen eines internationalen Projektes weiterzuverfolgen, zeigte, dass die in den entwickelten Staaten schon verbreitete Vorgehensweise in der Mehrzahl der sich entwickelnden Länder keine vergleichbaren Vorgehensweise hatte. Die Delegation des Projektes zur ISO war anfangs mehr als umstritten. Lag das Thema doch recht weit ausserhalb deren üblichen Aktivitäten. Verstärkt wurden die Zweifel noch dadurch, dass erstmals Stakeholdergruppen in die Projektarbeit integriert wurden, die üblicherweise  Normungsarbeit entweder nicht kannten oder als wenig prioritär betrachteten. Wie so oft im Leben, haben die verschiedenen Seiten voneinander gelernt - ein oft schwieriger und langwieriger Prozess. Im Endeffekt wird die Zusammensetzung der Workgroup Social Responsibility und das über viele Jahre gehende Miteinander aber dazu führen, dass die Verbreitung der Norm und die allgemeine Akzeptanz zunehmen werden. Was nicht genug unterstrichen werden kann, ist dieTatsache, dass in der Workgroup die politischen und wirtschaftliche Veränderungen mehr als deutlich wiedergespiegelt werden. Ist doch das Verhältnis von 2:1 von sich entwickelnden zu entwickelten Ländern recht deutlich; ganz zu schweigen, dass die Präsenz der weiblichen Mitarbeiter der der Männer nicht mehr nachsteht.
 

Wie hoch schätzen Sie das Interesse von staatlichen Organisationen an der ISO26000 im Allgemeinen ein? Und kann die Norm dazu beitragen, dass staatliche Organisationen verstärkt Soziale Verantwortung wahrnehmen?
 
Die Erfahrungen der ersten drei Jahre zeigten, dass staatliche Institutionen (im ISO Jargon: die Stakeholder-Gruppe "GovernmenT") wenig, oder verglichen mit anderen Stakeholdern kein nennenswertes Interesse an der Arbeit der WG SR zeigte. Das Interesse in der Breite hat zugenommen. Aber, das Interesse maßgeblicher Repräsentanten richtet sich nicht darauf aus, die Norm zügig zu verabschieden, sondern unteschiedlichste Argumente gegen die Norm im Allgemeinen einzubringen. Die Abhängigkeit der einzelnen nationalen Normungsorganisationen (NSB) von ihren Regierungen erschwert darüber hinaus die praktische Arbeit!
 

Glauben Sie dass die Norm, obwohl sie nicht zertifizierbar und auch nicht wie z.B. ein Gesetz verpflichtend ist, von Organisationen gut angenommen bzw. eingesetzt wird?
 
Gerade, dass die Norm nicht zertifizierbar sein soll bzw. für eine Zertifizierung herangezogen werden soll ("darf"), müßte eigentlich den Reiz, sich mit dem Inhalt der Norm auseinander zu setzen, erhöhen. Die Reaktion der Institutionen, die die Mehrzahl potenzieller Anwender - also kleine und mittlere Organisationen - repräsentieren, spricht eine andere Sprache. Die Frage ist, warum wird eine solche Norm abgelehnt? Wie so oft, werden solche komplexe und komplizierte Vorgänge im Regelfall von "Experten" bearbeitet. Eine Abstimmung in der Breite ist oft aus zeitlichen Gründen nicht angemessen möglich. Hier liegt die Herausforderung für die nationalen Normungsorganisationen, aber auch für die Stakeholderorganisationen, für die Norm und für die daraus resultierenden Vorteile für die Organisationen tätig zu werden. 
 

Glauben Sie, dass die Norm den durch die Krise lauter gewordenen Fragen nach mehr sozialer Verantwortung Antwort geben kann, oder werden diese Forderungen nach Bewältigung der Krise ohnehin verstummen?
 
Die gegenwärtige Situation, besonders in der Wirtschaft, hat bei vielen Organisationen dazu geführt, Fragen nach mehr sozialer Verantwortung im Allgemeinen und deren Bedeutung im Tagesgeschäft, in den Hintergrund treten zu lassen. Organisationen, die diese Thematik bisher ernsthaft und nachhaltig verfolgt haben, werden sich aber in der jetzigen Situation aus vielfältigen Gründen wie z.B. Arbeitsplatzsicherung oder Verantwortung für junge Mitarbeiter, in ihrer bisherigen Vorgensweise bestätigt fühlen. Die Forderungen werden nach der Beendigung der Krise nicht verstummen. Sie werden vielleicht in der Breite etwas an Intensität verlieren. Sie werden aber für andere Bereiche an Intensität zunehmen. Generell wird der Betrachter zu der Erkenntnis kommen, dass Organisationen auf die Krise unzureichend vorbereitet waren und nicht angemessen reagiert haben. Das wird die Forderungen aus einzelnen Stakeholdergruppen nach Veränderungen nur verstärken!
 
Danke für das Gespräch!

 

CV Dipl.-Ing. Hartmut Müller

  • Studium zum Dipl.-Ing., Verfahrenstechnik 
  • Brandschutz; 4 a Leiter Werkfeuerwehr (Höchst/Kalle)
  • Sicherheit und Brandschutz IBM Deutschland (rd. 4 a)
  • Leiter der Zentralabteilung Arbeits-, Brand - und Umweltschutz Robert Bosch GmbH von 1974 an (rd. 240 000 MA weltweit; mehr als 250 Standorte); Vice President Corporate Department Health, Safety and Environmental Protection (HSE); 16 direkt unterstellte Mitarbeiter; fachliche Zuständigkeit für rd. 250 Fachkräfte für Arbeits- und Umweltschutz, davon rd. 140 in D; weiter für 12 hauptberufliche Werkfeuerwehren mit rd. 200 hb und rd. 1000 freiwilligen Mitgliedern 
  • Langjähriges Mitglied in hochrangigen Gremien der Industrie (BDI, LVI; VDA, ZVEI)
  • Austritt bei der Robert Bosch GmbH nach annähernd 33 Jahren Tätigkeit zum 31.12.2005
  • Heute noch tätig als
    - Industrievertreter und Obmann im DIN NASG AA 1 Gesellschaftliche Verantwortung (SR)
    - Industrievertreter in der Kommission „Arbeitsschutz und Normung (KAN)“
    - Arbeitgebervertreter im Vorstand der Berufsgenossenschaft BGETE in der lfd. Wahlperiode
 

30.10.2011, Nachhaltigkeit Home