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Christian Baumgartner
Foto: Christian Baum...

Person des Monats 08/09: Nachhaltiger geht’s nicht mehr, oder?

Dr. Christian Baumgartner, Generalsekretär der Naturfreunde Internationale, ist auf Entwicklung, Umsetzung und Monitoring von Nachhaltigem Tourismus und Nachhaltiger Regionalentwicklung spezialisiert und hat zahlreiche konkrete Tourismusentwicklungsprojekte in Europa und Südostasien begleitet.

Für nachhaltigkeit.at bezieht er Stellung zum Thema des Monats: nachhaltiger Tourismus:

 
Nachhaltiger geht’s nicht mehr, oder?
 
Alle, alle haben die Nachhaltigkeit entdeckt.
 
Zuallererst wurde die Nachhaltigkeit von den Destinationen entdeckt: in ihren Leitbildern – und vor allem in ihren Urlaubsprospekten – ist Nachhaltigkeit fast immer zu finden.

Auch die Politik kommt ohne Nachhaltigkeit kaum aus: Immerhin gibt es eine Österreichische Nachhaltigkeitsstrategie, die langsam aber doch von einer reinen Bundesstrategie zu einer föderalen Bund-Länder-Strategie mutiert. Notwendigerweise gibt es eine Klimastrategie, auch eine Klimawandelanpassungs-Strategie ist in Vorbereitung.

Nur der Tourismus hält sich etwas nobel zurück. Noch. Auch wenn aktuell keine österreichische Tourismusstrategie in Sicht ist und die Nachhaltigkeitsstrategie für den österreichischen Tourismus ist noch viel weiter weg, haben sich doch einige Regionen und Einzelprojekte mit der Nachhaltigkeit angefreundet. Ja, wir sind ein föderales Land und gerade im Tourismus ist die Zusammenarbeit zwischen Destinationen noch immer schwieriger als sich gegenseitig als Konkurrenz anzusehen. Es ist noch nicht lange her, da konnte jedes Dorf, das einen Kirchturm hatte, auch einen eigenen Tourismusverband vorweisen.

So ist das mit der Nachhaltigkeit im Tourismus. Sie entwickelt sich entweder von alleine, ganz von unten und oft aus einer benachteiligten Situation heraus. So zumindest können wir es an den guten Nachhaltigkeitsbeispielen in Österreich, wie dem Bregenzerwald, den Großen Walsertal, dem Waldviertel, dem Lesachtal, dem Neusiedlersee – um nur einige zu nennen - ablesen. Oder aber sie braucht einfach normative politische Leitlinien und Anreizinstrumente wie Förderungen, Strategien und Programme.
Direkte Förderinstrumente für einen Nachhaltigen Tourismus allerdings sind rar. Entweder werden Projekte über die Europäischen Strukturfunds finanziert oder über Spezialförderungen wie etwa das Programm klima:aktiv -> mobil für Freizeit und Tourismus.

Das ist wichtig, denn der touristische Verkehr ist tatsächlich die größte Umweltbelastung des Tourismus und ein sehr komplexes Problem. Solange es hier kein Maßnahmenbündel aus sanft-mobiler Angebotsentwicklung, Kooperationen zwischen Destinationen und umweltfreundlichen Verkehrsunternehmen wie Bahn und Bus und vor allem eine entsprechende Bewerbung dafür gibt, wird sich der Tourismus kaum nachhaltig weiterentwickeln. Freiwillige Kompensationszahlungen für Flugkilometer sind nur die zweitbeste Lösung und es ist ein Jammer, wenn sie, wie in Österreich, zu billig angeboten werden.

Nun ist der Tourismus ja nicht nur ein Verursacher von Klimaproblemen. Tourismus leidet selbst auch unter den Auswirkungen des Klimawandels. Auch wenn es im Moment untergehende Inseldestinationen weit weg von den Österreichischen Bergen weitaus existentieller betrifft, wird bald auch der alpine Wintertourismus, vor heftigen Problemen stehen. Vielleicht nicht in der nächsten Saison, aber sicher in der kommenden Generation. Das derzeitige Dogma lautet allerdings: „Wenn es weniger schneit und das ist ja auch nicht so sicher, dann bauen wir halt höher hinaus und beschneien künstlich, notfalls mit Vakuumanlagen oder bakteriellen Zusätzen, um den höheren Temperaturen ein Schnippchen zu schlagen.“ Ich halte das für leichtsinnig und fahrlässig, nicht nur in ökologischer, sondern auch in ökonomischer Hinsicht. Es braucht jetzt keine technischen Wunder, um in der Konkurrenzsituation mit anderen Winterdestinationen die Nase vorne zu haben, sondern es braucht neue Ideen und Konzepte. Kreativität statt Business as usual. Eine Chance dazu wäre genau jetzt.

Leider scheint sie aber ungenutzt zu verstreichen. Denn seit die Klimakrise in den Medien von der Wirtschaftskrise abgelöst wurde, hat sich die politische Diskussion verschoben. Die Forderungen nach staatlichen Zuschüssen zum Abfangen der Auswirkungen des zu erwartenden Klimawandel verhallen zugunsten der Aufforderung, nun doch endlich mehr in das Marketing für Urlaub in Österreich stecken: Urlaub im eigenen Land soll Klima und Krise retten.

Würden wir aber einmal den Blick zu unseren Nachbarn wagen, dann könnten wir uns bei einigen etwas abschauen: In der Vermarktung eines Nachhaltigen Tourismus – aber den bitte niemals im Marketing so nennen! - ist die Schweiz vorbildlich: Unter dem Stichwort ‚Erlebnis-Perlen’ finden sich bereits auf der Einstiegsseite von Schweiz Tourismus 72 (in Worten: zweiundsiebzig!) ausgesprochen nachhaltige Angebote. Konkrete Erlebnisse, die auf lokalen Ressourcen, authentischer Kultur und direkten Kontakten mit der Bevölkerung beruhen. Und unter ‚Regionen und Orte’ findet sich ein ganzes Bündel an ebenso konkreten Naturreisen u.a. in die zahlreichen Naturparke und Schutzgebiete dieses kleinen Landes. Wie unkonkret und kunterbunt sind dagegen die meisten Dinge, die unter ‚Natur’ und ‚Nachhaltigkeit’ auf www.austria.info zu finden sind.

Aber Nachhaltigkeit im Tourismus ist mehr als nur Ökologie und Ökonomie. Im Jahr 2008 beschäftigte sich eine Nachhaltigkeitskonferenz im Pielachtal auch mit den sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit im Tourismus. In ebenjenem Sommer wurde eine besorgniserregende Studie der Gewerkschaft vida, welche die Angestellten im Tourismus vertritt, veröffentlicht, die den Arbeitsbedingungen im österreichischen Tourismus wenig Nachhaltigkeit attestierte. Die Wirtschaftskammer reagierte prompt und erstellte einerseits eine eigene Studie, die im wesentlichen feststellte, dass die Zufriedenheit der im Tourismus Angestellten noch nie so hoch war wie heute und sagte andererseits zu, sich die Dinge in einem weiteren Arbeitsmarktgipfel genauer anzusehen. Von diesem Gipfel hat man, oder zumindest ich, bislang keine Ergebnisse gehört.

Welche Möglichkeiten bleiben uns also?

Zum einen die Hoffnung, dass die Wirtschaftskrise möglichst bald vorbei geht, denn scheinbar läßt sich Nachhaltigkeit nur aus einer gönnerhaften Position der guten Konjunkturzahlen umsetzen. Und zum anderen das Bangen, dass sich der Klimaandel noch etwas Zeit läßt, so dass auch wir in Österreich den Tourismus rechtzeitig umorientieren können. Denn nur so ist ein langfristiger ökonomischer Erfolg möglich – und der gehört auch zur Nachhaltigkeit.

Mir wäre es im Hoffen und Bangen jedoch sympathischer, wir würden uns in der Zwischenzeit die Zeit damit vertreiben, sinnvolle Schritte in Richtung einer nachhaltigen Tourismusentwicklung zu setzen – etwa mit einer Österreichischen Strategie für Nachhaltigen Tourismus. 
 
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Dr. Christian Baumgartner ist Landschaftsökologe und seit 2005 Generalsekretär der Naturfreunde Internationale (www.nf-int.org). 1995 gründete er respect – Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung (www.respect.at). Neben seiner Lektorentätigkeit in Wien, Krems und Bremen ist er Mitglied der AIEST und in mehreren touristischen Beratungsgremien der EU wie der UNWTO.
 
Weiters ist Christian Baumgartner in Österreich in der Steuerungsgruppe des Forum Nachhaltiges Österreich, dem vom Ministerrat eingesetzten wissenschaftlichen Begleitgremium der Österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie (www.forum-nachhaltigkeit.at), im Begleitgremium der Österreichischen Umweltzeichen für Tourismusbetriebe und Reiseangebote und im Konsortium das das Beratungs- und Förderprogramm klima:aktiv mobil für Freizeit und Tourismus umsetzt.
 

03.08.2009, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten