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Dialog des Monats 09/2009: Nachhaltige Investments

Zahlreiche ExpertInnen sind der Einladung gefolgt, Statements zum Thema "Nachhaltige Investments" abzugeben. Zwei dieser Experten (Dr. Fred Luks und Dr. Markus Schlagnitweit), wurden gezielte Fragen vorgelegt, die übrigen ExpertInnen äußerten sich zum Thema in Form freier Statements.

Im Dialog:
Dr. Fred Luks (Bank Austria - UniCredit Group, Nachhaltigkeitsmanagement)
Dr. Markus Schlagnitweit (Theologe und Sozialwissenschaftler, Direktor der ksoe)

ExpertInnen-Statements:
Dr. Wilfried Stadler (langjähriger Vorstandsvorsitzender der Investkredit, seit Sommer 2009 als hauptberuflicher Aufsichtsrat von Unternehmen, Publizist und Honorarprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien tätig)

Mag. Reinhard Friesenbichler (Unternehmensberater, spezialisiert auf Corporate Finance, KMU-Consulting und ethisches/nachhaltiges Investment; Verwaltungsrat der BlueValue AG Zürich, Prüfer des Umweltzeichens für Grüne Fonds, Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Finanzdienstleister)

Dr. Klaus Gabriel (Sozial- und Wirtschaftsethiker an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Vorsitzender des Corporate Responsibility Interface Center, einer Plattform für ethisch und nachhaltig orientierte Investorinnen und Investoren mit Sitz in Frankfurt am Main)
 
Dr. Herbert Greisberger (Generalsekretär der ÖGUT) und Dr. Katharina Sammer (Themenleiterin Nachhaltiger Finanzmarkt der ÖGUT)

Dr. Andreas Missbach (arbeitet bei der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern zum Thema Banken und Finanzplatz, Autor von „Saubere Renditen, ökologisch und sozial verantwortungsvoll investieren“ (2007))

Mag. Wolfgang Pinner (Leiter des Bereiches Sustainable Investments in der ERSTE-SPARINVEST KAG, Stv. Vorsitzende Forum Nachhaltige Geldanlagen) 

 
Wolfgang Pekny (Urgestein der Ökologie-Bewegung, Geschäftsführer der Plattform Footprint, Vorstand der Initiative Zivilgesellschaft u.a.) 

Prof. em. Dr. Gerhard Scherhorn (Volkswirtschaftler, emeritierter Professor für Konsumökonomik und Senior Consultant des Wuppertal Instituts)

Max Deml (Autor des Jahrbuches "Grünes Geld" und Chefredakteur des Wiener Börseninformationsdiensts ÖKO-INVEST)

Matt Christensen (Executive Director of Eurosif - European Social Investment Forum)


Im Dialog: Fred Luks - Markus Schlagnitweit 

Die verlustreichen Folgen der Finanzmarktkrise haben zu Kritik an der Veranlagungspolitik der öffentlichen Hand geführt. Welche Empfehlungen können Sie der öffentlichen Hand (Bund, Länder, Gemeinden) mitgeben, um in ihrer Veranlagungspolitik als Vorbilder für eine nachhaltige Entwicklung zu gelten?  

Luks: Transparenz ist sicher auch hier ein wichtiger Faktor. Wichtig ist, dass ethische Kriterien eingehalten werden, und das heißt wesentlich: dass auf Nachhaltigkeit und Qualität geachtet wird.  

Schlagnitweit:
Dr. Markus Schlagnitweit
Foto: Pica...
Zunächst ärgert mich, dass die öffentliche Diskussion in dieser Causa völlig falsch ansetzt: Das eigentliche Problem besteht ja nicht darin, dass der Staat selbst Geld veranlagt; das kann durchaus den Prinzipien kluger Haushaltsführung entsprechen. Und wo liegt schon die exakte Grenze zwischen akzeptabler Veranlagung und abzulehnender Spekulation? Problematisch werden staatliche Finanzveranlagungen aber jedenfalls dann, wenn sie erstens hochriskant sind (Im konkreten Fall der ÖBFA waren die staatlichen Investments offenbar völlig unzureichend gestreut.), v.a. aber wenn sie ethischen Standards widersprechen, auf welche die Republik sich entweder selbst verpflichtet hat oder die sie von den eigenen Staatbürgern fordert. Die ÖBFA hat mit hoher Wahrscheinlichkeit mit in Steueroasen domizilierten Produkten spekuliert. Die Gewinne dieser Investitionen würden dann auf Praktiken basieren, welche die Existenz von Steueroasen ausnützen und somit originären Staatsinteressen eigentlich zuwider laufen. Der Staat nützt also gewinnbringende Investments in Steueroasen, während er auf die Steuermoral der eigenen Steuerpflichtigen setzt. Er erweist damit überdies einem notwendigen international akkordierten Vorgehen gegen Steuerdumping einen Bärendienst. Gerade in puncto Steuermoral sollte der Staat aber eine Vorbildfunktion sowie eine Vorreiterrolle in der ethischen und nachhaltigen Geldanlagepraxis einnehmen. Das bedeutet konkret: Wenn die Republik sich zu Recht selbst auf ethisch relevante Standards wie etwa Menschenrechtsdeklaration, Normen der International Labour Organisation, Kyoto-Protokoll etc. verpflichtet hat, dann wäre es nur konsequent, auch die Veranlagungspolitik im eigenen Haus an die Beachtung genau dieser Standards zu binden – und zwar auf allen politischen Ebenen von der Gemeinde bis zum Bund. Die Stadt München etwa hat hier beispielhafte Schritte gesetzt.
 


Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht ethisch-ökologisches Investment in Österreich und international in Zeiten der Finanzmarktkrise?  

Luks: In Österreich ist dieser Bereich ja vergleichsweise unterentwickelt. Das Interesse an dieser Form des Investment wächst aber, und das hat sicher auch mit der Krise zu tun. International ist eine wichtige Frage, inwieweit institutionelle Anleger sich hier verstärkt engagieren.  

Schlagnitweit: Meines Erachtens spielt ethisch-nachhaltiges Investment insgesamt noch eine viel zu geringe, jedenfalls weit unter seinem tatsächlichen politischen Steuerungspotential liegende Rolle. Im anglo-amerikanischen Raum sieht die Lage zwar etwas besser aus als im Rest der Welt, aber es gibt insgesamt noch viel Raum und Bedarf für Entwicklung. Die aktuelle Krise hat zwar bei politisch Verantwortlichen sowie in Teilen der Zivilgesellschaft die Sensibilität dafür geschärft, dass auch die Finanzmärkte einen nicht nur an volkswirtschaftlichen, sondern auch ethisch-nachhaltigen Kriterien orientierten Ordnungsrahmen benötigen. Ich fürchte aber, dass derzeit immer noch die ursprünglichen Brandstifter das Steuer der Löschzüge in ihrer Macht haben und sich jetzt auch noch selbst „ihre“ neue Brandschutzordnung aushandeln wollen. Ethisch-nachhaltiges Investment ist jedenfalls mit kurzfristiger Profit-Maximierung, intransparenten Finanzmarktpraktiken bzw. -produkten und einer Abkoppelung der Finanzmärkte von der realwirtschaftlichen Entwicklung unvereinbar. Gerade das aber waren wesentliche Ursachen der aktuellen Krise, und die sind entschlossen zu bekämpfen. Ethisch-nachhaltiges Investment – und v.a. auch seine politische Förderung! – kann einen sinnvollen Weg aus der Krise also unterstützen und zumindest als wichtiger Teilaspekt davon gelten.
 
 
Welche AkteurInnen haben Ihrer Meinung nach besonderen Einfluss auf die Weiterentwicklung eines nachhaltigen Finanzmarktes (– bzw. einer ethisch-ökologischer Veranlagung)?
 
Luks: Besonders wichtig sind Pensionskassen, Versicherungen, Kirchen und große Unternehmen.
 
Schlagnitweit: Ich glaube, dass wesentlich Impulse für die Forcierung ethischen Investments zunächst von institutionellen Investoren gesetzt werden können – und müssen. Ich denke da v.a. an Einrichtungen mit einer klaren, ethisch (sozial, ökologisch, kulturell) relevanten Wertorientierung: religiöse Gemeinschaften und Einrichtungen, aber genauso Interessensvertretungen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Ich kann sagen, dass immerhin in vielen (noch längst nicht allen) kirchlichen Gemeinschaften die Idee ethisch orientierten Investments mittlerweile angekommen ist und umgesetzt wird. Ich kann aber schlichtweg nicht verstehen, weshalb z.B. nicht auch der Österr. Gewerkschaftsbund längst schon klare Richtlinien für eine die eigenen – v.a. sozialen – Werte und Anliegen klar widerspiegelnde Investmentpraxis entwickelt hat und in seiner Anlagepolitik dann auch verfolgt. Die genannten institutionellen Investoren könnten und sollten ihre ethisch orientierte Anlagepraxis freilich mit einer entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit verbinden, um das Thema auf diese Weise einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen. Ich sehe eine wichtige Rolle aber auch bei anderen großen Finanzmarktakteuren wie etwa Pensionsversicherungen oder Krankenkassen, aber auch staatliche bzw. staatsnahe Unternehmen. Vielleicht braucht es hier entsprechende gesetzliche Normen, um diese Einrichtungen in ihrer Finanzpolitik auf gewisse ethische Standards zu verpflichten. Beispiele für derartige politische Vorgaben oder auch Selbstverpflichtungen gibt es etwa aus den USA, Großbritannien oder Skandinavien.  


Was sind die Vorteile und welche Risiken sehen Sie für öffentliche Haushalte in Bezug auf ethisch-ökologisches Investment?  

Luks: Vorteile liegen natürlich in der Verbindung von Rendite und ethischen Ansprüchen. Risiken liegen im Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit. Wie bereits erwähnt wären transparente Kriterien für Ethik und Nachhaltigkeit hier sicher von Vorteil.  

Schlagnitweit: Einen klaren Vorteil sehe ich bereits in einem Zuwachs an innerer Konsistenz und Glaubwürdigkeit politischen Agierens: Was nützen die schönsten politischen Absichtserklärungen etwa in Richtung Klimaschutz, hohe Sozialstandards oder Gender-Gerechtigkeit, wenn die entsprechenden Schritte ausgerechnet bei einem heute das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben so sehr beeinflussenden Faktor wie bei der bewussten Steuerung von Geldflüssen nicht umgesetzt wird? Letztlich glaube ich, dass ethisch orientiertes Investment ein wichtiger Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung „guten Lebens für alle“ sein kann – und darin besteht doch die wesentliche Aufgabe der öffentlichen Hand! Ich bin aber auch davon überzeugt, dass ethisch-nachhaltiges Investment zumindest in langfristiger Betrachtung letztlich auch sicherer ist als Geldanlage ohne Blick auf  Nachhaltigkeit. – Klar: Politik steht immer in öffentlicher Verantwortung und steht deshalb auch bei der Umsetzung ethisch orientierten Investments unter einem besonderen Glaubwürdigkeitserfordernis. Hier dürfen keine Halbherzigkeiten und Fehler passieren, um nicht die gute und wichtige Idee zu desavouieren. Es braucht also entsprechende Professionalität und Expertise. Das kostet natürlich – vielleicht auch kurzfristige Renditen. Aber der gesamthaft betrachtete Nutzen rechtfertigt das ohne Zweifel.  


Wie sehen Sie die Zukunft des ethisch-ökologischen Investments? Welche Entwicklung würden Sie sich wünschen?  

Fred Luks
Foto: Nick Alb...
Luks: Ich wünsche mir, dass dieser Bereich stärker wird. Die Zukunft hängt von zwei Faktoren ab: Auf der Angebotsseite kommt es darauf an, dass nachhaltige Investitionsmöglichkeiten geschaffen werden. Die laufen aber ins Leere, wenn die Nachfrageseite darauf nicht reagiert. Beides hängt gewiss mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zusammen: Ob „nachhaltige Produkte“ angeboten und nachgefragt werden, wird auch dadurch bestimmt, wie wichtig die Nachhaltigkeit insgesamt genommen wird.  


Schlagnitweit: Ich fürchte, es wird noch ein langer und mühsamer Weg bis dahin, dass Ethik bei der Geldanlage durchgängig – vom Privatanleger über institutionelle Investoren bis hin zur öffentlichen Hand – eine ebensolche, also mindestens gleichberechtigte wenn nicht gar vorgeordnete Rolle spielen wird wie die konventionellen Fragen nach Rendite, Risiko und Liquidität. Das aber ist die Entwicklung, die ich mir wünsche, und ich sehe in langfristiger Betrachtung auch keine Alternative zu diesem Weg. Ich versuche mir Mut zu machen, indem ich etwa auf  die Entwicklung im Bereich der Bio-Lebensmittel oder des fairen Handels blicke. Freilich sind wir auch hier von einer durchgängigen Marktdurchdringung noch weit entfernt. Vor 30 Jahren hat man sich aber noch nicht einmal vorstellen können, dass Bio-Landwirtschaft und -Produkte überhaupt zu einem relevanten Thema in der Lebensmittel-Branche werden könnten. Das ist aber mittlerweile erreicht, und das Entwicklungspotential ist in diesem Bereich noch lange nicht ausgeschöpft. Das gilt auch für den – noch dazu so mobilen – Finanzmarkt: Vielleicht könnte es hier sogar schneller gehen – entschlossene politische Maßnahmen und Förderungen vorausgesetzt.      



Weitere Statements zum Thema:


Dr. Wilfried Stadler:
Wilfried Stadler
Foto: Wilfr...
„Nach der Finanzmarktkrise ist das, was wir unter „nachhaltiger Veranlagung“ verstehen, wohl neu zu definieren. Statt von einer Teilmenge des Veranlagungs-Universums zu sprechen, in der ökologisch-ethische Gesichtspunkte einen besonderen Stellenwert haben, muss es nun um Nachhaltigkeit im umfassenderen Sinn eines Wert-Erhaltes gehen. Denn was hilft uns verantwortliches Handeln, was hilft Investition in ausgewählte Titel und Branchen, wenn die Marktverhältnisse so instabil geworden sind, dass wir um die Werte-Substanz fürchten müssen.

Die Finanzmarktkrise zwingt uns Lernschritte auf. Der pragmatischere Teil davon findet seinen Niederschlag etwa in den soeben erst veröffentlichten „Richtlinien für das Finanzierungs- und Veranlagungsgeschäft durch Gemeinden“. Mit ihnen wird Klarheit darüber geschaffen, dass Gebietskörperschaften künftig ihre Verschuldungskapazität nicht mehr dafür einsetzen dürfen, um Mehrerträge durch Veranlagung auf den Finanzmärkten zu erzielen. Das Kürzel dafür lautet: keine Spekulationen auf Kredit. Wie aber gehen wir damit um, dass die Finanzmärkte in ihrer heutigen Ausprägung als Ganze unser Vertrauen, unseren Kredit verloren haben?

Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als auf die systemischen Ursachen zu schauen, die in diese Krise geführt haben. Dabei entdecken wir zum einen, dass die extreme Vermehrung von Buchgeld und Neuverschuldung der Banken eine handfeste Ursache in der Anwendung der kapitalmarktorientierten Bilanzierungsregeln hat. Die Entsorgung der im alten HGB/UGB gläubigerorientierten, im Zweifel vorsichtig bewertenden Bilanzierungsregeln zugunsten der vermeintlich anlegerfreundlichen, an schwankenden Marktwerten orientierten Bilanzierungsprinzipien (IFRS) erweist sich als Kardinalfehler. Scheinbar erhöhte Eigenmittel erlaubten den Banken erhöhte Verschuldung und eine gefährliche Ausweitung der Bilanzen. Dazu kam das Regelsystem von Basel II, ein zur Stabilisierung der Finanzmärkte geschaffenes Kontrollsystem, das fatalerweise dadurch zu einer Verwässerung der ohnehin knappen Eigenmittel führte, dass man für gut geratete Veranlagungen weniger Eigenmittel verlangte. Das löste einen regelrechten Boom in Wertpapiere mit guten und besten Einstufungen aus. Alle Marktteilnehmer wähnten sich im Reich der Sicherheit, war doch so klar wie noch nie verfolgbar, wie sich die Bonität und die Veranlagungsklassen eines Portfolios zusammensetzten.

Heute wissen wir, dass Ratings letztlich eine statistische Wette auf Finanzprodukte waren, die sich in jener wirtschaftsgeschichtlichen Sekunde als trügerisch erwies, als nach der Insolvenz von Lehman Brothers plötzlich die Liquidität der Finanzmärkte ausfiel. Damit brachen die definitionsgemäß zeitpunktbezogenen Marktwerte und mit ihnen die Eigenmittel der Banken ebenso ein wie die Rating-Einstufungen. Der Risikopuffer der Eigenmittel war durch die beiden prozyklischen Systemelemente Bilanzen und Basel im Aufschwung längst verbraucht worden. Deshalb kam es ohne jede Krisenreserve zu der harten Landung des Finanzsystems mit allen Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Unter den Folgekosten der notwendigen Rettungsmaßnahmen werden die Budgets einer ganzen Generation zu leiden haben.

Unser ganzes Engagement für nachhaltige Investitionen muss deshalb meiner Überzeugung nach zunächst der Erneuerung der Spielregeln gelten, nach denen die Finanzwirtschaft organisiert ist. Es gilt, daraus jeden Anreiz zu prozyklischem Verhalten zu entfernen, indem Bilanzsysteme und bankaufsichtliche Regeln einer grundlegenden Revision unterzogen werden.

Auch die Management-Anreizsysteme für finanzwirtschaftlichen Erfolg sind durch die Krise überholt, ebenso wie eine ganze Reihe von derivaten und synthetischen Produkten, die künftig einen die potentiellen systemischen Risiken berücksichtigenden Genehmigungsprozess durchlaufen zu haben werden.
Erst wenn wir die Grundvoraussetzungen für eine nachhaltige Finanzwirtschaft geschaffen haben, werden wir uns wieder intensiver den Feinheiten ökologisch-ethischer Veranlagung zuwenden können. Bis haben steht der sozialethische Auftrag im Vordergrund, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer die Finanzwirtschaft vom Hochrisikoprojekt wieder zum soliden Dienstleister der Realwirtschaft und damit der Gesellschaft als Ganzer wird.“



Mag. Reinhard Friesenbichler:
Portraitfoto Reinhard Friesenbichler
Foto: Rein...
"Der öffentliche Sektor (Bund, Länder, Gemeinden, Anstalten und Körperschaften des öffentlichen Rechts, staatliche und kommunale Unternehmen) gibt nicht nur Geld aus, er tätigt auch Finanzanlagen. Sei es im Rahmen des eher kurzfristigen Liquiditätsmanagements, des Risikomanagements oder auch mit mittel- bis langfristigem Anlagehorizont.
 
Nun dient der öffentliche Sektor per Definition dem Gemeinwohl, in dem er für Wohlstand, Verteilungsgerechtigkeit, Gesundheitsversorgung, Infrastrukturen, Sicherheit, etc. Sorge zu tragen hat. In einem moderneren Wording könnte man auch von Stakeholder-Orientierung (betreffend Bürger, Unternehmen, der Staatengemeinschaft, etc.) sprechen oder einfach von Nachhaltigkeit. Letztere lässt sich in ihrer 3-Säulen-Konzeption (Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft) auch gut auf das magische Vieleck der Volkswirtschaft (stetiges Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, gerechte Einkommensverteilung, etc.) umlegen und stellt mittlerweile einen expliziten politischen Zielrahmen dar (Österreichische Nachhaltigkeitsstrategie).
 
Wenn nun Nachhaltigkeit (zumindest programmatisch) das Handeln der öffentlichen Hände in ihren Aufgabenfeldern bestimmt, so scheint es nur logisch diese Maxime auch auf deren Finanzgebarung anzuwenden. Dies bezieht sich sowohl auf die Verschuldung (Maxime: Erhaltung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen) als auch auf die getätigten Finanzinvestitionen. Erstere ist viel diskutiert und im Rampenlicht der Tagespolitik, letztere sind in dieser Hinsicht weniger beachtet. Daraus resultierende Risiken entstehen aus einer möglichen (und streckenweise als sicher anzunehmenden) Verletzung politischer Grundsätze und Ziele unseres Landes durch (mehr oder weniger direkte und bewusste) Investments z.B. in börsenotierte Nuklearkraftwerke, Unternehmen die Umwelt- und Sozialstandards unterlaufen, Länder mit schweren Demokratiedefiziten, Atomwaffenstaaten, etc.
 
Diese Beispiele sind nur ein kurzer Auszug aus dem Katalog von gängigen Ausschlusskriterien im wachsenden Segment des Nachhaltigen Investments. Diese werden ergänzt durch Positivkriterien, welche erwünschtes definieren (z.B. fairer Umgang mit Mitarbeitern, Konsumentenschutz, Umweltschutz, etc.). Einen möglichen Maßstab für Nachhaltigkeit in der Geldanlage stellt das „Österreichischen Umweltzeichen für Grüne Fonds“ dar (Trägerorganisation Lebensministerium). Auch international existieren Leitlinien wie z.B. die „Principles for Responsible Investment“ (von UNEP FI und UN Global Compact).
Die Entwicklung und Anwendung von Kriterien des nachhaltigen Investments (z.B. von Österreichs Vorsorgekassen schon fast flächendeckend betrieben) wäre somit auch für die Anlagestrategien des öffentlichen Sektors logische Konsequenz einer prinzipientreuen und zukunftsorientierten Politik."

 

Dr. Klaus Gabriel:
Klaus Gabriel
Foto: Hertha H...
 „Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise belegt eindrucksvoll die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung gegenüber einer auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichteten Finanz- und Wirtschaftspolitik. Nachhaltigkeit ist ein Querschnittsthema, das alle Politik-, Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche betrifft. In Bezug auf den Finanzmarkt beschreibt die nachhaltige Geldanlage eine Möglichkeit, wirtschaftliche Prozesse in Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung positiv zu beeinflussen.

Prinzipiell gibt es drei Formen des nachhaltigen Investments: das Vermeiden von ökologisch und sozial schädlichen Wirtschaftsweisen, das Fördern nachhaltiger Dienstleistungen, Produkte und Wirtschaftsstile und den als Engagement bekannten Dialog mit Unternehmen, um Möglichkeiten nachhaltigen Wirtschaftens aufzuzeigen. Diese drei Formen, die im Idealfall nicht isoliert, sondern kombiniert praktiziert werden, weisen vielfältige Anschlussstellen für die öffentliche Kommunikation und Bewusstseinsbildung auf, um Nachhaltigkeit als globales Konzept für das 21. Jahrhundert zu etablieren.

Das Volumen nachhaltig veranlagter Gelder legte in den letzten Jahren generell im zweistelligen Prozentbereich zu. Private Investorinnen und Investoren, kirchliche Einrichtungen, Stiftungen, aber auch Unternehmen, Banken und Kapitalanlagegesellschaften sehen in der nachhaltigen Geldanlage einen konkreten Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung.

Norwegens staatlicher Pensionsfonds orientiert sich an ethischen, ökologischen und sozialen Kriterien und die Stadt München ging im Vorjahr ebenfalls dazu über, das eigene Finanzvermögen nachhaltig zu veranlagen. Bereits im Jahr 2002 hat die Münchner Rück, einer der weltweit führenden Rückversicherungen, beschlossen, Geldanlagen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zu tätigen. Heute sind bereits mehr als 80 % aller Gelder des Versicherungskonzerns nachhaltig veranlagt.

Im offiziellen Österreich beschäftigt man sich derweilen noch wenig mit solchen Überlegungen. Dabei wäre es nur konsequent, wenn sich die Republik Österreich bei der Anlage ihrer Gelder an Kriterien und Standards orientiert, auf die sie sich bereits verpflichtet hat – etwa die Achtung zentraler Menschenrechte oder den Kampf gegen den Klimawandel.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die mit der Neuausrichtung der Veranlagungspraxis der Bundesfinanzierungsagentur beauftragte Expertengruppe dafür einsetzt. Denn der mit der Umsetzung einer nachhaltigen Geldanlage des Bundes verbundene Aufwand wäre vergleichsweise gering, die Wirkung vor allem in Bezug auf die Vorbildfunktion und die öffentliche Vermittlung des Nachhaltigkeitsthemas jedoch enorm. Die Bundesregierung würde damit deutlich machen, dass Österreich sich nicht nur zu einer nachhaltigen Entwicklung bekennt, sondern dafür auch aktiv wird und konkrete Maßnahmen setzt. Ein optimaler Zeitpunkt dafür wäre jetzt.“


 
Dr. Herbert Greisberger und Dr. Katharina Sammer:
Herbert Greisberger
Foto: ÖG...
Katharina Sammer
Foto: ÖG...
„Die deutlich spürbaren negativen (real)wirtschaftlichen Folgen der Finanzmarktkrise unterstreichen einmal mehr den Bedarf nach neuen Regeln für den Finanzmarkt. Und die Bedeutung der öffentlichen Hand als wichtiger wirtschaftlicher Akteur zur Stärkung „nachhaltiger Finanzanlagen“ in Österreich.

Ganz im Sinne eines verantwortungsvollen Staates steht für einen Finanzmarkt mit dem Attribut „Nachhaltig“ nicht die Renditemaximierung allein im Mittelpunkt, sondern ebenso der ver­­ant­wortungsvolle Umgang mit Mensch und Natur. Die öffentliche Hand nimmt dabei sowohl als Regulierungsstelle des Finanzmarktes und als wirtschaftlicher Akteur Einfluss auf das Geschehen am Finanzmarkt. Die Voraussetzungen für Einführung neuer Spielregeln am Finanzmarkt sind unbestritten günstig. Die Finanzkrise und vor allem deren Folgen führen zu einer breiten und globalen Diskussion der Rahmenbedingungen am Finanzmarkt. Handlungsbedarf besteht dabei sowohl auf internationaler Ebene als auch innerhalb Österreichs.

Die Plattform „Ethisch-ökologische Veranlagung“ der österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) hat im Frühjahr 2009 ein Kommunique für eine Transformation des Finanzmarktes vorgelegt: ein 7-Punkte-Programm für Österreich sowie Vorschläge für die Reform der internationalen Finanzmärkte in Richtung Nachhaltigkeit. Vorgeschlagen werden darin unter anderem verbindliche Nachhaltigkeitskriterien bei der Veranlagung von staatlichen oder staatsnahen Geldern, die Ausrichtung von Erfolgsprämien für ManagerInnen an nachhaltigen Kriterien und die Schaffung einer wirksamen internationalen Finanzmarktaufsicht bzw. gemeinsame Anstrengungen, um Steueroasen und „offshore Finanzplätze“ zu schließen (siehe dazu www.oegut.at oder www.gruenesgeld.at)  

Nachhaltige Geldanlagen bedeuten Investitionen in ökologisch oder sozial wertvolle Projekte und Unternehmen. Bereits jetzt können AnlegerInnen ihr Geld nachhaltig anlegen. Das Spektrum nachhaltiger Geldanlagen reicht von Aktien, Festgeld und Fonds bis zu Zertifikaten. Der Staat kann hier seiner Vorbildfunktion nachkommen und seine Anlagestrategie nachhaltig ausrichten. Das Angebot an risikoarmen Anleihen, die auf soziale und ökologische Aspekte bei ihren Investments achten, ist auf alle Fälle gegeben, bestätigt eine Studie der Bank Sarasin zur Nachhaltigkeit öffentlicher Finanz­ins­titut­ionen.

Österreich profitiert von einer derartigen Veranlagungspolitik doppelt: neben der langfristigen Sicherung der Finanzmittel, wird das Geld insbesondere in Unternehmen der Umwelttechnologiebranche und Erneuerbaren Energien umgelenkt. Eine derartige Veranlagungsstrategie dient daher auch der österreichischen Wirtschaft und schafft die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg sowie wachsende Steuereinnahmen. Vorreiter für eine nachhaltige Veranlagung in Österreich sind die betrieblichen Vorsorgekassen. Die Vorsorgekassen VBV, Bonus, BUAK, BAWAG Allianz, ÖVK und die Viktoria Volksbanken sowie die VGR 1 der Bonus Pensionskasse haben eine explizite Nachhaltigkeitsstrategie in der Veranlagung und lassen diese seit 2003 auch jährlich prüfen (siehe www.oegut.at). Sie haben damit nicht nur den Markt für nachhaltige Veranlagung in Österreich belebt, sondern auch gezeigt, dass eine nachhaltige Veranlagung ohne Verlust an Rendite möglich ist.

Was also hindert andere Akteure daran, diesem Beispiel zu folgen? Sollte nicht gerade dieses Beispiel die öffentlichen Hand (Bund, Länder und Gemeinden) sowie Institutionen und Unternehmen in ihrem Einflussbereich ermutigen, ihre Veranlagungsstrategie neu auszurichten? Im Sinne der österreichischen Unternehmen und der globalen Wirtschaftsentwicklung wäre dies sicherlich sinnvoll. Die ÖGUT bzw. die Plattform „Ethisch-ökologische Veranlagung“ der ÖGUT stehen als Ort für den Dialog zu dieser Kurskorrektur und als Know-how-Träger gerne zur Verfügung.“


Dr. Andreas Missbach:
Andreas Missbach (Banken und Finanzplatz Schweiz)
Foto: Marion N...
„Viele, die schuldlos zu etwas Vermögen gekommen sind, fragen sich angesichts der Finanzkrise wo sie ihr Geld sicher und ethisch vertretbar anlegen können. Es gibt auch im Bankenland Schweiz Alternativen, doch Kompromisse sind nötig.

Das Enttäuschende gleich vorweg: Der überwiegende Teil der Gelder, die in der Schweiz in den letzten Jahren im weitesten Sinne „nachhaltig“ angelegt wurde, floss in Aktienfonds. Doch auch die Kurse der nachhaltigen Fonds bewegen sich im Strom des Auf und Ab der Börsen, das von Moden, Booms und Crashs bestimmt wird. Das Gewicht aller nachhaltigen Investoren an den Börsen ist viel zu gering, als dass sich substanzielle Unterschiede im ökologischen und sozialen Verhalten von Unternehmen in dauerhaften Kursunterschieden zeigen würden.

Das bestehende Angebot an nachhaltigen Anlagen kann grundsätzlich drei Bedürfnisse von verantwortlichen Anlegerinnen und Anlegern
befriedigen. Es gibt Anlageprodukte, die Folgendes ermöglichen:
  • - nicht von bestimmten Geschäften und Branchen zu profitieren (z.B. Rüstung, Gentechnologie, Atomwirtschaft)
  •  
  • - genau zu wissen, was mit dem angelegten Geld geschieht und woher die Rendite kommt
  •  
  • - mit dem angelegten Geld etwas sozial und ökologisch Sinnvolles zu finanzieren
Mit einfachen Ausschlusskriterien operieren eine Vielzahl von nachhaltigen Aktien- und Obligationenfonds.
Nicht erfüllt ist hier aber schon das zweite Kriterium, beim Kauf von Fondsanteilen landet mein Geld nämlich nicht bei den Firmen, die im Fonds sind, sondern bei dem/der VerkäuferIn der Aktien.
Noch einmal schwieriger wird es, wenn man von der Geldanlage einen positiven Effekt in der Realwirtschaft verlangt. So gibt es für KleinanlegerInnen in der Schweiz z.B. kaum Möglichkeiten, ihr Geld in konkrete Alternativenergieprojekte anzulegen.

Die ideale Anlagemöglichkeit, die höchsten Ansprüchen nach sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit genügt und dabei noch eine Rendite abwirft, gibt es nicht. Kompromisse sind unausweichlich. Selbst die Alternative Bank Schweiz - ABS, ein wegweisender Versuch so ziemlich alles anders zu machen als die Grossbanken, kam anfangs nicht ohne Kompromisse aus: 37 Prozent ihres Gründungskapitals stammte aus Erträgen von konventionellen Anlagen.“  



Mag. Wolfgang Pinner:
Wolfgang Pinner
Foto: www.vi...
„Ein Jahr nach dem Beginn der großen Krise, die sich von Immobilien- über Sub-Prime- schließlich zur Wirtschaftskrise mauserte, lecken viele Investoren noch immer ihre Wunden. Die Finanzmärkte haben sich ganz offenbar als weniger robust als erwartet erwiesen. Und auch nach deutlichen Kursanstiegen im laufenden Jahr ist das Vertrauen der breiten Anlegerschaft noch nicht wieder zurückgekehrt. Die Suche nach Alternativen zum Kapitalismus alter Gangart wird daher immer öfter thematisiert.

Auch im Bereich der Veranlagungen der öffentlichen Hand ist „Nachhaltigkeit“ und das Verhindern von Spekulation ein großes Thema. Immerhin bedeutet nachhaltiges Investment weniger Risiko und mehr Transparenz. Die dahinter stehende „andere“ Sichtweise der Dinge ist einerseits langfristig ausgerichtet und andererseits mehrdimensional aufgestellt.

Die Mitberücksichtigung von ökologischen und sozialen Aspekten führt sowohl zur Reduktion von Risken als auch zu einer erhöhten Akzeptanz in der Gesellschaft. Denn die langfristige Ausrichtung bedeutet eine Abkehr von kurzfristiger Zockerei und dem zu kurzfristigen Denken bei der Unternehmensbewertung an den Börsen.

Genau diese langfristige Sichtweise wird auch von der öffentlichen Hand erwartet. Allheilmittel gibt es allerdings auch an den Finanzmärkten nicht, auch nachhaltige Investments sind natürlich nicht frei von Risiko. Aspekte der Nachhaltigkeit können für verschiedenste Investments – wie bei Anleihen oder Aktien – herangezogen werden, das Risiko dieser Anlagekategorien kann dabei aber nicht vollständig ausgeschaltet werden. Trotzdem wird durch die Betonung der Nachhaltigkeit zumindest die Problematik der Volatilität etwas reduziert. Dementsprechend waren einige der großen Verlustbringer der letzten Monate für den nachhaltigen Anleger meist kein Thema, wie etwa amerikanische Brokerhäuser à la Bear Stearns oder klassische strukturierte Produkte rund um den US-Immobilienmarkt. Denn einer der wesentlichen Eckpunkte der Nachhaltigkeit ist auch die Transparenz, die in den genannten Fällen weder auf Unternehmensebene noch auf Produktebene gegeben war.

Abschließend gesagt bieten nachhaltige Investments die Möglichkeit gute Renditen zu erzielen, die auch vor ihren traditionellen Vergleichsmarken liegen können. Das heißt, dass die öffentliche Hand mit einer nachhaltigen Veranlagungsstrategie sehr wohl verantwortungsvoll investieren kann ohne dabei auf gute Erträge zu verzichten.“ 



 
Wolfgang Pekny:
Wolfgang Pekny, Portraitfoto
Foto: Wolfg...
"Die Bundesveranlagungsagentur hat vielleicht 500 Millionen Euro in den Sand gesetzt. So weit, so schlecht. Bemerkenswerter ist die Tatsache, dass diese bescheidene Summe überhaupt Aufsehen erregt. Wo bleibt die Empörung über die rund 150 Milliarden Staatsverschuldung, deren permanente Zinslast Monat für Monat gut 500 Millionen Volksvermögen in die privaten Taschen der obersten zehn Prozent fließen lässt, - in alle Ewigkeit. Bei gegebener Staatsverschuldung und realer Aufteilung der Finanzvermögen führt jede öffentliche Verschuldung zu einer weiteren Umverteilung von den kleinen und mittleren SteuerzahlerInnen hin zu den großen Geldvermögen, eine Dynamik, die zukunftsfähiger Entwicklung diametral entgegen steht.

Hätte diese Schere vielleicht durch Spekulationen geschlossen werden sollen? Jeder in spekulativer Veranlagung verlorene öffentliche Euro ist beklagenswert. Bestenfalls war diese Summe nur verloren, spurlos verschwunden. Höchst wahrscheinlich aber hat dieses Geld nicht nur nichts Sinnvolles für die Menschen geleistet, sondern echten Schaden angerichtet: durch Vernichtung von Natur, durch Ausbeutung von Menschen irgendwo auf der Welt, oder durch Verdrängung wirtschaftlicher Konkurrenten, die vielleicht weniger rücksichtslos vorgegangen sind.
 
Die Antwort liegt deshalb nicht in immer raffinierteren Investment-Strategien für die bescheidenen Aktiva des Staates. Zukunftsfähige Entwicklung verlangt mehr als begrüntes Geld, eher eine fundamentale Reform der Geldwirtschaft. Geldschöpfung in die öffentliche Hand, ein Entschuldungsplan für öffentliche Haushalte und zinsfreies Geld für Investitionen in Common Goods, um nur einige Aspekte zu nennen. Für die Zeit bis dahin sollte jede Ausgabe des Staates als „Investition“ betrachtet werden. Lieber eine PV-Anlage mit winziger Rendite als ein toller Gewinn auf Kosten von Regenwäldern oder  Menschenrechten. Selbst Investitionen in Kindergärten, eine Universität oder ein menschenwürdiges Altenheim bringen Gewinne, - wenn auch nicht immer sofort, und oft schwer in Euro zu messen.

Die Frage, unter welchen „ethischen“ Bedingungen Investments akzeptabel sind, ist leicht beantwortet: wenn sie einen messbaren Beitrag zur Transformation in Richtung zukunftsfähiger Gesellschaften leisten. Wenn für möglichst alle Teile der Gesellschaft ein langfristiger Nutzen gestiftet wird, darf gerne auch eine moderate Rendite anfallen. Das gilt für jeden Investor, egal ob privat oder öffentlich. Am andern Ende des Spektrums ist es sicher das Dümmste, durch Investitionen keine Rendite zu erzielen und dabei auch noch langfristigen sozialen, volkwirtschaftlichen oder ökologischen Schaden anzurichten. Für die Millionen, die unserer ÖBFA „verloren“ gingen, hätte zum Beispiel völlig ohne Risiko ein noch nie da gewesenes Aufklärungsprogramm gestartet werden können: Jeder Österreicher und jede Österreicherin hätte einen zweitägigen „Gut Leben mit fairem Footprint -Workshop“ besuchen können, Bildung für nachhaltige Entwicklung in ihrer wirkungsvollsten Form. Nicht nur hätten dabei tausende Tutoren Arbeitsplätze gefunden. Eine solche Informations-Kampagne hätte zahllose aufgeklärte WeltbürgerInnen hervorgebracht, Menschen, die sich auf Ihre Werte besinnen, denen globale Fairness und ein glückliches Leben wichtiger sind als hohe Renditen. Genau dies wären die BürgerInnen, die eine zukunftsfähige Politik erlauben und sogar fordern würden. Der Gewinn: zufriedene Menschen und eine friedliche, gerechtere, nachhaltigere Welt. Aber wer der Profiteure des Staus quo will das schon? Die verwirren uns lieber mit der verzwickten Frage, ob der Staat, also wir, von der Ausbeutung der Allgemeinheit, also uns, profitieren darf, damit sich für sie, also auch für uns, nichts zu ändern braucht."


Prof. em. Dr. Gerhard Scherhorn:
Gerhard Scherhorn
Foto: Gerhard ...
„Nachhaltiges Investment heißt nicht auf Rendite verzichten; es heißt vielmehr all die Finanzgeschäfte unterlassen, die den Kriterien der Nachhaltigen Entwicklung nicht genügen.

Diese verlangen ein pflegliches Umgehen mit der natürlichen Mitwelt, d.h. das strikte Bekenntnis zu den Reinvestitionen, die nötig sind, damit die in Anspruch genommenen naturgegebenen Gemeingüter wiederhergestellt bzw. durch erneuerbare Güter angemessen ersetzt werden. Bisher werden solche Investitionen wo irgend zulässig unterlassen, also Kosten auf die Umwelt abgewälzt. Nachhaltige Entwicklung erfordert darüber hinaus einen verantwortlichen Umgang mit der sozialen Mitwelt, denn die Unterlassung von Investitionen in humane Arbeitsbedingungen und in einen angemessenen Beitrag zur Vollbeschäftigung (bei dauerhafter Produktivitätssteigerung z.B. durch Förderung kürzerer Lebensar­beits­­zeiten) ist kein geringerer Verstoß gegen das Nachhaltigkeitsprinzip.

Das will den meisten Anlegern nicht in den Kopf. Sie haben gelernt, dass für Geldgeschäfte die einzige Grenze in den Strafgesetzen, die einzige Rechtfertigung im Gewinn und das einzige Ziel in der Akkumulation liegt. Und sie können sich auf die geltenden Vorschriften berufen:
  • Das Wettbewerbsrecht schützt den „freien Wettbewerb“ schlechthin – um nachhaltige Geldanlage zu fördern, darf es nur den nachhaltigen Wettbewerb schützen, muss also das Externalisieren von Kosten auf die natürliche und soziale Mitwelt verhindern.
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  • Das Aktienrecht verpflichtet den Vorstand der AG allein auf das Vermögensinteresse der Aktionäre; um nachhaltige Geldanlage zu fördern, muss es ihn auch auf die Erhaltung der natürlichen und sozialen Mitwelt verpflichten.
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  • Die Geldanlage auf Finanzmärkten steht nirgendwo unter dem Gebot der Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Im Gegenteil: Die Finanzmärkte sind seit den 1970er Jahren auf eine Weise liberalisiert worden, die der Lizenz zum Gelddrucken ziemlich nahe kommt. Das hat den Akteuren schier unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern. Als Rechtfertigung diente die neoliberale Vorstellung, die Finanzmärkte regulierten sich am besten selbst.
Heute, in der Finanzkrise, gibt es keinen Zweifel mehr, dass die entgegengesetzte Vorstellung richtig ist: Die Finanzmärkte sollten so verfaßt sein, dass die Akteure sich so verhalten müssen, dass das anlagesuchende Kapital in die nachhaltigsten Verwendungen auf den realen Märkten gelenkt wird.
Dazu braucht es eine andere Politik, z.B. internationale Aufsicht über die Finanzmärkte und ihre Akteure, härtere Regeln für die Transparenz der Risiken und für die Kapitalunterlegung der Bank- und Börsengeschäfte, Austrocknung der Steueroasen.
Es braucht eine Verpflichtung des Kapitaleigentums auf die Nachhaltige Entwicklung.

Wir müssen argwöhnisch darüber wachen, dass das auch noch gilt, wenn die Finanzkrise überstanden sein wird. Wie hartnäckig das alte Denken sich zu behaupten versucht, sieht man z.B. in der verbreiteten Tendenz, die Prinzipien des Nachhaltigen Investment nur soweit zu akzeptieren, wie sie sich bei den Unternehmen in finanzieller Sicht „materiell“ auswirken. Materiell wird sich das Unterlassen von Externalisierungshandlungen im Vergleich zu den bisherigen Erträgen wohl häufig negativ auswirken, jedenfalls bei kurzfristiger Betrachtung; so ist die Forderung nach finanzieller „Materialität“ nur eine neue Variante, die Sozialbindung des Kapitals zu verneinen. Um die Sozialbindung durchzusetzen, ist eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen unerlässlich.

Beispiele:
  • Mikrokredite sollen Armen helfen, aus eigener Kraft zu leben; dazu müssen die Investoren nicht auf Rendite verzichten, aber sie müssen eine Selbstbindung (Thomas Schelling) auf maßvolle Renditen eingehen, denn Mikrokredite brauchen wie vieles andere im Bereich der Nachhaltigen Entwicklung „geduldiges Kapital.“
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  • Für die Anlageberatung muss die Pflicht gelten, Kunden über die Kriterien der Nachhaltigkeit von Finanzprodukten aufzuklären und sich dabei auf ein Nachhaltigkeits-Rating durch vertrauenswürdige Agenturen zu stützen, die öffentlicher Aufsicht unterliegen müssen.
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  • Unternehmen müssen dazu angehalten werden, über ihre Nachhaltigkeitsfortschritte mit gleicher Intensität zu berichten wie über die finanziellen Ergebnisse, und das nicht nur sofern sie „relevant für den Unternehmenserfolg“ sind, womit dann wieder nur der finanzielle gemeint ist.
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  • Wirtschaftsprüfern muss vorgeschrieben werden, dass sie die Prüfung auf das Erreichen zumindest jener Nachhaltigkeitsziele ausdehnen, die das Unternehmen sich auferlegt hat oder die ihm auferlegt wurden.
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  • FondsmanagerInnen müssen dazu verpflichtet werden, sich bei der Zusammenstellung der Portfolios an den Kriterien der Natur- und Sozialverträglichkeit zu orientieren.
Ohne solche Anpassung des rechtlichen Rahmens wird das Nachhaltige Investment nicht nennenswert über die 10% der Geldanleger hinausgehen, die sich heute dazu entschließen.“


Max Deml:
Max Deml
Foto: Max D...
"Vor einem Jahr, im September 2008, meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Andere ehemals „große Namen“ aus dem Finanzsektor folgten oder wurden mit x Milliarden Staatshaftungen bzw. Zuschüssen vorerst „gerettet“. Die Börsenkurse purzelten in einem Tempo, das die meisten AnlegerInnen noch nie erlebt hatten: Es gab nur wenige Aktionäre, die im Jahr 2008 weniger als 40 bis 50 Prozent verloren haben. 

 
Die Finanzkrise hat natürlich auch vor „grünen“ Investments nicht Halt gemacht. Insbesondere manche Solarparks in Spanien konnten nicht wie geplant realisiert werden, weil Investoren oder Banken abgesprungen sind, ohne dass sich gleich ein Ersatz dafür fand. Der sinkende Ölpreis tat ein übrigens und so kamen auch Solaraktien Ende 2008 stark unter die Räder. Trotz hoher Kursverluste im Vorjahr von teilweise über 50 Prozent haben die 30 grössten Solartitel die letzten sechs Jahre im Schnitt mit über 600 Prozent Gewinn sehr gut abgeschnitten. Der fossile Erdölaktien-Index AMEX Oil nimmt sich dagegen wie eine Null-Linie aus.
 
Trotz Krise in vielen anderen Branchen boomt der Solarsektor nach wie vor: 2008 ist die weltweite Produktion von Solarzellen um rund 85% auf rund 8.000 Megawatt Leistung gestiegen, in manchen Regionen wie z.B. Bayern hat der Solarstromanteil im Netz bereits die 2-Prozent-Marke überschritten. Das war bei der Windenergie vor 15 Jahren ähnlich, inzwischen liegt der Windstromanteil in Deutschland schon über sieben Prozent. Laut einer Studie des europäischen Solarverbands EPIA soll sich die installierte Leistung in den nächsten fünf Jahren mindestens verdreifachen. Allgemeine Konjunkturprogramme und spezielle Förderungen wie die von Präsident Obama in den USA kurbeln den Bedarf weiter an. Durch die Massenproduktion sind die Preise von Solarzellen und -modulen stark gefallen: allein in den letzten 12 Monaten um über 30 Prozent. Solarstromanlagen auf dem eigenen Dach sind  inzwischen für weniger als 3.000 Euro pro Kilowatt zu haben! Das ermöglicht in Deutschland - dank gesetzlicher 20-jähriger Tarifsicherheit (die es in Österreich mangels EEG-Gesetz nicht gibt) - je nach Sonnenlage Renditen zwischen fünf und zehn Prozent – unabhängig von der Börse."


Matt Christensen:
Matt Christensen
Foto: Christ...
"In spite, and because of, the ongoing financial market turmoil, environmental, social and governance (ESG) issues are becoming more relevant as important criteria for investors. Sustainable and Responsible Investment (SRI) is growing dramatically and becoming more refined as an overall approach that meets the diverse interests of European investors.  

Eurosif defines SRI as a generic term covering ethical investments, responsible investments, sustainable investments and any other investment process that combines investors’ financial objectives with their concerns about environmental, social and governance (ESG) issues.  

According to Eurosif research, total SRI assets under management (AuM) in Europe has reached €2.665 trillion as of December 31, 2007 and represents as much as 17.5% of the asset management industry in Europe. Note: the market coverage is not constant. 8 countries were covered in 2002, 9 in 2005 and 13 in 2007.   On a like-for-like basis, this represents a growth of 102% over two years. Over the same two-year period, the MSCI Europe index grew 16.16% suggesting a real market growth for the total SRI market of 85.5% over two years, which is quite remarkable.   According to our estimation, the global SRI market can be estimated to reach approximately €5 trillion and Europe now holds the largest share as illustrated in the chart below.  

The European SRI market’s growth is driven by:
  • - an increasing demand from institutional investors, for which responsible investment becomes a matter of risk management,
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  • - a further mainstreaming of ESG considerations into traditional financial services,
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  • - external pressure from NGOs and media
  • - a growing interest from individuals, particularly wealthy individuals.  
The European SRI market is clearly driven by institutional investors although private wealthy investors are also exhibiting a growing influence in shaping its evolution; in particular, they are part of the driving force behind the emergence of SRI thematic funds. Equities remain the preferred SRI asset class, but fixed income and alternative asset classes (property, private equity etc.) are now cumulatively representing half of the total for SRI allocations."

11.09.2009, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten