Dialog des Monats 10/09: Nachhaltige Organisation von Veranstaltungen
Im Dialog des Monats beantworten Elisabeth Freytag, Abteilungsleiterin EU-Angelegenheiten Umwelt und Manfred Koblmüller, Ökologie Institut, grundlegende Fragen zu nachhaltigen Veranstaltungen. Aus der Praxis berichten die Organisatoren des Donauinselfests und der "Kulturhauptstadt Linz 2009".
Im Dialog:
Mag. Elisabeth Freytag (EF), Abteilungsleiterin der Abteilung V/8, EU-Angelegenheiten Umwelt
Manfred Koblmüller (MK), Ökologieinstitut, Stadt- und Regionalentwicklung, Prozessgestaltung
Was macht eine nachhaltige Veranstaltung aus?
EF: Eine Veranstaltung, die möglichst vielen Themenbereichen wie sie auf www.greeneventsaustria.at dargestellt sind gerecht wird. Jedenfalls gehört dazu: eine Location mit Anbindung an den öffentlichen Verkehr, regionales Catering, Fairtrade Produkte, wenig Papierverbrauch, wenn möglich Umweltzeichen Hotels oder EMAS Konferenzstandorte, Frauen am Podium (gehört zu sozialer Verantwortung), Klimakompensation.
MK: Aus der Erfahrung meiner Arbeit heraus macht eine nachhaltige Veranstaltung vor allem aus, wenn das Management und die Organisation auf eine ökologische, wirtschaftliche und soziale Tragfähigkeit hin ausgerichtet sind. Eben dann, wenn die drei Säulen der Nachhaltigkeit in der strategischen Ausrichtung des Events Beachtung finden. Bei der Beachtung allein darf es aber nicht bleiben. Der Erfolg einer nachhaltigen Veranstaltung misst sich letztendlich im ökonomischen sowie in einer hohen Kundenakzeptanz. Dies ist bei regionalen Festen leichter zu bewerkstelligen, weil mehr Spielraum in der Organisation vorhanden ist, während bei großen Sportevents oder Festivals die Macht der Sponsoren eine sehr hohe ist. Eine nachhaltige Veranstaltung ist summa summarum aber niemals eine fertige Angelegenheit, sondern ein laufender Optimierungsprozess.
Welche Standards und Leitlinien sind bei der Veranstaltung nachhaltiger Events ihrer Ansicht nach von besonderer Bedeutung?
EF: Greeneventsaustria.at gibt einen guten Überblick darüber was eine nachhaltige Veranstaltung ausmacht (es heißt green aber es ist natürlich nachhaltig gemeint) – manche Kriterien sind größenabhängig – bei Großveranstaltungen wie der Fußballeuropameisterschaft sind auch Bilanzierung und Reporting wichtige Themen.
MK: Zentral ist, dass es innerhalb der vorbereitenden Organisation eine verantwortliche Stelle für Nachhaltigkeitsaspekte gibt, die mit durchsetzungsfähigen Personen besetzt sein muss, somit in der Regel möglichst „hoch“ angesetzt sein sollte. Das ist der Maßstab, ob es überhaupt funktionieren kann. Bei jeder Veranstaltung gibt es verantwortliche Techniker, verantwortliche PR Manager. Genauso sollte es auch einen verantwortlichen Nachhaltigkeitsmanager geben.
Welche Vorteile sehen für die Veranstalter von nachhaltigen Events und Meetings?
EF: Veranstalter können Green Events als Marketinginstrument verwenden (siehe Alpbach Green Meeting 09) und Kosten sparen indem zB keine Kopien verteilt werden.
MK: Bei Großveranstaltungen geht es fast mehr um die Sponsoren, und darum diese an Bord zu holen. Wenn Sponsoren hier einen Zugang erkennen, dann hat man eine Möglichkeit hier die Dinge voranzutreiben. Von Mobilitätskonzepten über bauliche Infrastruktur und eben jenem das von außen sichtbar ist. Es muss aber auch ein Angebot vorliegen, eine Story, die am Tisch liegt. Wenn die Idee in Richtung Nachhaltigkeit griffig wird, dann hat man Wesentliches erreicht.
Wie schätzen Sie die Umsetzung ein?
EF: Es gibt Veranstaltungen, die möglichst nachhaltig sind oder waren wie die Mountainbike WM, Schladming, Fußballeuropameisterschaft, Europäisches Forum Alpbach 2009, Kulturhauptstadt Linz 2009 und andere Pilotprojekte, die sich auf greeneventsaustria.at finden. Das Lebensministerium plant einen Ministerratsbeschluss mit dem sich die Bundesregierung selbst verpflichtet alle ihre Veranstaltungen als Green Event zu organisieren.
MK: Schwierig ist vor allem die Industrie, weil diese Branche so vielschichtig ist, dass es keine Netzwerke gibt, die als konkrete Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Denn es ist weiter Bogen, angefangen bei den Zulieferern bis hin zu den Anbietern und den Kunden. Nachhaltigkeit ist zudem eine Querschnittsmaterie, vom Thema Umweltschutz angefangen, über die Wirtschaftlichkeit, die Regionalentwicklung oder politische Fragestellungen. Diese zu optimieren oder zu synchronisieren ist schwer. In Österreich sehe ich außerdem zu wenig Professionalität im Umgang damit. Veranstaltungen werden viel zu wenig als Produkte oder als Dienstleistungen wahrgenommen mit denen gewirtschaftet werden kann.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte um nachhaltige Eventgestaltung im breiten Stil umsetzbar zu machen?
EF: Bewusstseinsbildung bei den Organisationen, die Events veranstalten und bei denjenigen, die konkret organisieren; einfach handhabbare Tools für Veranstalter (Checklisten), Ausbildungsmaßnahmen, politischer Wille – zB im Rahmen einer Selbstverpflichtung der Bundesregierung.
MK: Das Wichtigste ist, die Dinge, die bereits passieren, in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Es muss stärker in die Wirtschaft hineingehen und es müssen vermehrt Partner gewonnen werden die diesen Zugang mit aufbauen. Das passiert gerade etwas durch die Initiative Green Meetings. Insgesamt müssen aber sicher mehr Sektoren angesprochen werden, auch im Kulturbereich oder im Sportbereich.
Weitere Gastkommentare zum Thema nachhaltige Events:
Sascha Kostelecky
Projektleiter Donauinselfest; Geschäftsführer Pro Event Team für Wien GmbH
Das Donauinselfest auf der Donauinsel in Wien ist ein Freiluft- Musikfestival mit freiem Eintritt, das seit 1984 jährlich einmal stattfindet. Mit bis zu rund drei Millionen Besuchern an drei Tagen ist es das größte Freiluft-Festival Europas und damit eine der bedeutendsten Veranstaltungen für die Stadt Wien. Seit 2005 bin ich für die Projektleitung des Festes verantwortlich. Und ich tue das sehr praxisorientiert. In diesem Sinne ist es für mich nur logisch nachhaltig zu agieren. Auf der einen Seite schon allein deshalb, weil die Donauinsel ein Naturschutzgebiet ist, und daher entsprechende Auflagen und Gesetze sowieso einzuhalten sind. Aber wir sagen nicht einfach stopp, wenn die Auflagen erfüllt sind, sondern wir versuchen immer das Maximum herauszuholen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Neben einer ganz konkreten Kosteneinsparung geht es auch darum die Umwelt zu schützen und die Stadt zu fördern. Denn aufgrund der großen Anzahl an Besuchern innerhalb eines Wochenendes, wirken sich nachhaltige oder eben unnachhaltige Vorgehensweisen sofort und sehr sichtbar in der Praxis aus.
Um die Größe des Festes zu verdeutlichen, möchte ich hier einige wirtschaftliche Eckdaten anführen: Neben einem Werbewert von in etwa 40 Millionen Euro und einem Medienwert von ca. 21 Millionen Euro haben wir eine Umwegrentabilität von ebenfalls ca. 40 Millionen Euro.
Aber das Donauinselfest ist nicht da um Geld zu machen, denn es ist ein Non Profit Event. Es geht daher auch darum, Klein und Mittelbetriebe aus der Ostregion mit Aufträgen zu unterstützen, und darum, den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken aber auch zum Image der Stadt beizutragen. Da gehört es einfach dazu, sorgsam mit der Umwelt umzugehen.
Wir tun das etwa dadurch, dass eigene Müllentsorgungskonzepte gemeinsam mit der MA 48 für diese Veranstaltung entwickelt wurden und wir schrauben seit Jahren an der Energieversorgung, um möglichst sparsam mit Energie umzugehen. Wir verwenden ein Mehrwegbechersystem und achten schon beim Aufbau auf ein entsprechendes Verkehrskonzept, so dass schwere LKWs nicht unnötig auf den Grünflächen fahren. Und wir arbeiten eng mit der Naturwacht zusammen.
Zu betonen ist ganz einfach, dass wir rein praxisorientiert vorgehen. Wir haben aber - neben der Erfüllung diverser Gesetze und Auflagen und der engen Zusammenarbeit mit 15 Magistratsabteilungen - kein eigenes Nachhaltigkeitskonzept entwickelt, sondern die Notwendigkeit, das Fest so nachhaltig wie möglich zu gestalten, ergibt sich ganz einfach aufgrund praktischer Notwendigkeiten. Aus meiner Sicht ergeben theoretische Konzepte, die dann praxisuntauglich sind, keinen Sinn.
s.kostelecky@proevent.at
www.proevent.at
Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassung eines Telefongesprächs, das Doris Schnepf (SERI) mit Georg Tappeiner geführt hat:
Georg Tappeiner
Österreichisches Ökologie Institut, Stadt- und Regionalentwicklung, Greening Events, Prozessgestaltung, Bauen & Wohnen
Unter der Rahmeninitiative Green Events Austria arbeitet das Österreichische Ökologie Institut seit mehreren Jahren federführend daran mit, das Thema nachhaltige Veranstaltungen in der Eventbranche bekannt zu machen und eine Sensibilisierung zu erreichen. Unter anderem durch die Erarbeitung von Checklisten und Leitlinien, die als Orientierungshilfe für Veranstaltungen entlang der gesamten Produktionskette dienen, von der Planung bis zur Umsetzung. Eine grundlegende Herausforderung dabei ist die Heterogenität der Eventbranche, weshalb insgesamt vier unterschiedliche Kategorien für Handlungsfelder definiert wurden: Sportevents, Green Meetings im Bereich Tagungen und Kongresse, kulturelle Veranstaltungen und regionale Feste. Das sogenannte Bund-Bundesländernetzwerk von Green Meetings Austria dient dabei dazu, in den Regionen die unterschiedlichen Notwendigkeiten, Richtlinien und ExpertInnen miteinander zu vernetzen. Eine offizielle, staatlich anerkannte Zertifizierung in Richtung eines Standards gibt es noch nicht, auch wenn gerade daran gearbeitet wird. So gibt es intensive Vorarbeiten für die Erarbeitung eines Umweltzeichens gemeinsam mit dem Lebensministerium.
Grundlegende Herausforderungen für die Weiterentwicklung des Bereiches nachhaltige Veranstaltungen sehe ich etwa in der grundsätzlichen gesellschaftlichen Wertehaltung der Konsumgesellschaft. Die Problematik zeigt sich z.B. bei großen Open Air Festivals: Der Bereich der Campingplätze ist für die Veranstalter solcher Großereignisse nur schwer im Sinne der Nachhaltigkeit zu managen. Wenn nun Billiganbieter für sehr wenig Geld Zelte und andere Materialien verkaufen, so wird dieses Angebot, insbesondere bei Jugendlichen, gerne angenommen – was dazu führt, dass am Ende genau diese Zelte in kaputtem Zustand, gemischt mit anderem Abfall und damit nicht mehr gut wiederverwertbar, in einer Größenordnung von mehreren hundert Tonnen überbleiben.
Es geht daher nicht nur darum, singuläre Veranstaltungen umwelt- und sozialgerecht zu organisieren, sondern vor allem auch darum, das Thema Nachhaltigkeit insgesamt in der breiten Öffentlichkeit zu kommunizieren. Große Veranstaltungen können auch dafür genutzt werden: als Vehikel, um die Gesellschaft für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Dass solche Veranstaltungen eine Riesenchance dafür bieten, liegt auf der Hand: In kaum einer anderen Branche hat man die Möglichkeit eines so breiten Zugangs zu Zielgruppen, die sonst niemals erreicht werden könnten. Als Beispiel kann hier die Fußball EM 2008 gebracht werden. Weil Events das beste Medium sind, um Zielgruppen zu erreichen, besteht unsere Arbeit unter anderem auch darin, die Sponsorenszenerie für das Thema zu sensibilisieren. Ab dem Moment, wo Sponsoren Events bevorzugen, die nach Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtet sind, haben Veranstalter ein schlagkräftiges Argument in der Hand, ihre Veranstaltungen entsprechend auszurichten. Große Unternehmen, die als Sponsoren fungieren, versuchen heute immer mehr – Schlagwort Corporate Social Responsibility (CSR) – ihre Gewinne auch als Nutzen für die Gesellschaft zu legitimieren.
tappeiner@ecology.at
www.ecology.at
Martin Heller,
Intendant Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas
Linz09 und die Nachhaltigkeit
Noch ist das Kulturhauptstadtjahr nicht vorbei. Und doch wird bereits gefragt, was denn bleibe davon. Das ist verständlich, und doch wissen wir alle, dass jedes Bemühen um Nachhaltigkeit von einer Vielzahl unterschiedlicher – und oft unberechenbarer! – Faktoren abhängt.
Mit Sicherheit darf festgehalten werden: wir versuchen, jede Chance zu nutzen, die Gewinne von Linz09 mitzunehmen in die Zukunft. Denn es gibt auf der Habenseite schon jetzt mehr als die vielen Bauten und urbanen Maßnahmen, die der Kulturhauptstadt so gut anstehen und die zu recht der Stolz unserer politischen Auftraggeber sind.
Zwei Aspekte nur an dieser Stelle, herausgegriffen aus einer Fülle von Einsichten, die es in den nächsten Monaten zu ordnen und zu bewirtschaften gelten.
Zum ersten: Die Vorstellungen über Linz haben sich in Österreich, aber auch weit darüber hinaus nachweisbar gewandelt. Sie hängen nicht mehr der längst überwundenen Vergangenheit – der verschmutzten Industriestadt nach – Image und Wirklichkeit sind zur Deckung gekommen. Linz stellt mittlerweile in den meisten Köpfen für jene lebendige, kulturell neugierige und wirtschaftliche erfolgreiche Stadtregion, die 2009 trotz Krise von so vielen Gästen besucht wurde wie noch nie.
Zum zweiten: Das Selbstbewusstsein der Bevölkerung und die Identifikation mit der Stadt ist in hohem Maße gewachsen. Kürzlich erzählte ein Projektpartner, er habe den Eindruck, viele Linzerinnen und Linzer würden sich am liebsten „Ich bin stolz, ein Linzer zu sein“ auf die Stirn tätowieren lassen. Das eröffnet völlig neue Chancen für eine Stadt, die lange genug damit zu kämpfen hatte, dass man sie jenseits der oft billigen Kalauer – „In Linz stinkt’s“ nicht wirklich ernst nahm.
Noch vieles wäre zu erörtern: neue Allianzen, wie etwa die zwischen Kultur und Tourismus werden die Stadt weit über 2009 hinaus ebenso prägen wie neue Kompetenzen bei zahlreichen kulturelle Akteuren und Einrichtungen. Und natürlich gibt es eine Reihe von Projekten, die – wie die Hörstadt – Bestand haben sollen als Teil des Linzer Angebots nach innen wie nach außen.
Nur: davon ist noch zu wenig spruchreif. Eben erst sind die so wichtigen Wahlen in der Stadt Linz und im Land Oberösterreich vorbei, der Pulverdampf verzieht sich, und in den nächsten Wochen und Monaten gilt unsere ganze Aufmerksamkeit dem Versuch, so viele Fäden als nur möglich aufzunehmen und dauerhaft neu zu verknüpfen. Damit wir bereits bei unserer Abschlussbilanz dem gerecht werden können, was unser Anspruch war seit dem Beginn des Kulturhauptstadt-Abenteuers: dass der Ausnahmezustand von Linz09 nachwirke in die Normalität der Stadt, die den Titel der Kulturhauptstadt als Arbeitsstipendium und als Entwicklungsprojekt begriffen hat.
Statements zum Thema:
Das Thema des Monats 10/09 "Nachhaltige Organisation von Veranstaltungen" stellt die Konzeption von nachhaltigen Events vor und zeigt Beispiele aus Österreich und dem internationalen Umfeld auf.
Personen des Monats 10/09 sind Fiona Pelham, UK – Vorsitzende des BS 8901, Gründungsmitglied von Positive Impact, Eventmanagerin und Matthias Schultze, Geschäftsführer des World Conference Center Bonn und Vizepräsident des Europäischen Verbandes der Veranstaltungscentren e.V.
12.10.2009, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten






