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Monatsthema 11/09: Ökologische Nachhaltigkeit von Produkten - Bewertung und Sichtbarmachung

Wie bewertet man, ob ein Produkt im Supermarktregal, im Bau- oder Drogeriemarkt nachhaltig ist? Trotz einer zunehmenden Flut an Labels und Produktkennzeichnungen wird die Evaluation immer schwieriger.

Meist werden dabei einzelne Aspekte heraus gegriffen und positiv dargestellt. Der niedrige Energieverbrauch etwa oder die Verwendung recyclierter Rohstoffe, die biologische Herstellung oder der kurze Transportweg ins Regal. All diese relevanten Informationen erlauben es aber nicht, den Einkauf gesamthaft auf seine Nachhaltigkeit zu überprüfen. Könnte es nicht sein, dass für den Anbau  regionalen Gemüses mehr Energie verbraucht wird als für Importware, oder dass der Transport leerer Flaschen den Gewinn des Recyclings wieder kompensiert? Und wie steht es mit dem Flächenverbrauch erneuerbarer Rohstoffe?

In Folge wird sich dieses Monatsthema auf die ökologische Nachhaltigkeit von Produkten fokussieren, weil sich viele aktuelle Initiativen von Unternehmen auf die Umwelteffekte von Produkten beziehen. Dieses Monatsthema setzt sich mit den Kriterien und Messmethoden ökologischer Nachhaltigkeit auf Produktebene, den Motivationen der Hersteller und des Handels ökologisch nachhaltiger Produkte und der Gratwanderung zwischen einfacher Kennzeichnung und dem Gütezeichendschungel auseinander.

1.      Was ist ein nachhaltiges Produkt?

Das nachhaltige Produkt per se gibt es aus dieser Sicht gar nicht, denn Nachhaltigkeit ist ein sehr vielschichtiger Begriff, welcher verschiedene ökologische und soziale Aspekte abdeckt. Dennoch brauchen KonsumentInnen für ihre Entscheidung am „Point of Sale“ einfache und dennoch eindeutige Kriterien für ihre Entscheidung. Im Bereich der Nahrungsmittel hat sich in den letzten Jahren ein System durchgesetzt, das eine umfassende Information über die Nährstoffe enthält, die beim Genuss bestimmter Lebensmittel zu sich genommen werden - und zwar bezogen auf einen Sollwert, den man gesunderweise  täglich zu sich nehmen sollte. Wäre das nicht auch ein Ansatz für die Bewertung der Nachhaltigkeitsqualität eines Produktes? Auch hier gibt es ja heute allgemein anerkannte Obergrenzen etwa für den CO2-Verbrauch, den Ressourcenverbrauch oder den ökologischen Fußabdruck, den ein Mensch nicht überschreiten sollte, um eine global nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.
 
Die meisten Produkte, die wir heute kaufen können, durchlaufen entlang ihres Lebensweges eine global vernetzte Wertschöpfungskette. Aus diesem Grund ist es oft schwierig, die ökologischen und sozialen Bedingungen verbunden mit der Herstellung, Nutzung und Entsorgung des Produktes nach zu verfolgen. Doch genau dieser Lebenszyklus-orientierte Ansatz ist der Schlüssel zur umfassenden Bewertung der Nachhaltigkeit von Produkten, denn bei einem zu starken Fokus auf einzelne Lebenszyklusphasen (z.B. Transport) können wesentliche Einflussgrößen übersehen werden. Aus diesem Grund ist Transparenz entlang der globalen Wertschöpfungsketten ein wesentlicher Schritt zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise.
 
Beginnen wir aber mit den sozialen Aspekten. Hier stehen heute vor allem Mindeststandards im Vordergrund, die im Rahmen von Kontroll- und Zertifizierungsverfahren untersucht werden. Soziale Nachhaltigkeitskriterien orientieren sich im Allgemeinen an internationalen Sozialstandards, wie der Konvention der Menschenrechte der United Nations   oder der Konventionen der International Labour Organisation zu Arbeitsstandards (z.B. keine Kinderarbeit, das Recht auf Gewerkschaft, Mindestlöhne, etc.). Soziale Nachhaltigkeit spielt auf Unternehmensebene bereits eine bedeutende Rolle und kann mittels Sozialmanagementsystemen wie  Occupation Health and Safety Series 18001 (OHSAS) und Standard for Social Accountability 8000 (SA) bewertet werden. Sozial nachhaltige Produkte werden unter Einhaltung solcher Standards produziert und fair gehandelt. Auf Produktebene gibt es dennoch nur wenige erfolgreiche Kennzeichen für soziale Nachhaltigkeit. Eine positive Ausnahme stellt das Fair Trade Siegel dar. Doch trotz des enormen Erfolgs von Fair Trade Produkten umfasst das Label bisher nur wenige Produktgruppen, vorwiegend im Lebensmittel und Textilbereich.
 
 
Kommen wir zum Umweltbereich. Die weltweiten Umweltbelastungen durch Produktion und Konsum von Gütern und Dienstleistungen sind in den letzten Jahrzehnten dramatisch angestiegen. Viele gegenwärtige Umweltprobleme, allen voran der Klimawandel, aber auch der Verlust der Artenvielfalt, die Ausbreitung der Wüsten, die zunehmende Erosion von fruchtbarem Boden und die steigenden Abfallmengen, entstehen durch die intensive Nutzung einer zu große Menge an natürlichen Ressourcen in Produktion und Konsum. Mit jedem Produkt, das ich kaufe, ist ein mehr oder weniger intensiver Energie-, Ressourcen-, Wasser- und Flächenverbrauch verbunden, den man als „ökologischen Rucksack“ bezeichnen kann. Je nach Ausmaß und Art der verwendeten Ressourcen entlang des Produktlebenszyklus hat das Produkt einen mehr oder weniger negativen Einfluss auf die Umwelt im Allgemeinen und dem Klima im Speziellen.

Der 2008 verabschiedete "EU Aktionsplan für Nachhaltigkeit in Produktion und Verbrauch und für eine nachhaltige Industriepolitik" ist ein Bekenntnis der Europäischen Kommission zu ökologisch nachhaltigen Produkten und zur Förderung ökologisch nachhaltiger Konsumweisen. Seine Kernelemente beziehen sich auf Ecodesign, Energy Labelling und Ecolabel. Damit soll das Bewusstsein der VerbraucherInnen zum Thema „nachhaltiger Konsum“ und „Lebenszyklus-weite Betrachtung von Produkten“ geweckt und die KonsumentInnen durch eine kohärente und einfachere Kennzeichnung bei der Produktwahl unterstützt werden. Außerdem soll die Industrie zur kontinuierlichen Verbesserung der Ressourceneffizienz von Produkten angeregt werden. Der EU Aktionsplan bedient sich neben dem Produkt-Labelling verschiedener anderer ökonomischer Instrumente, wie ökonomischen Anreizmechanismen, Minimum-Standards für Produkte, und Öffentliche Beschaffung nach ökologischen Kriterien. Siehe dazu den Gastkommentar von Herbert Aichinger (EU-Kommission).

Weil sich viele der aktuellen Initiativen im Handel und auch der EU Aktionsplan für Nachhaltigkeit in Produktion und Verbrauch und für eine nachhaltige Industriepolitik auf den Umweltbereich fokussieren, beziehen sich die folgenden Abschnitte auf die ökologische Säule der Nachhaltigkeit.
 

2.   Umweltbezogene Produktkennzeichnungsmöglichkeiten
 
Umweltbezogenen Produktkennzeichen liegt das Ziel zugrunde,  die Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen zu fördern. Umweltkennzeichen sind sowohl für die Kommunikation von Unternehmen untereinander (Business to Business,  B2B) als auch für die Kommunikation an die KonsumentInnen (B2C) anwendbar. In der ISO-Norm 14020 werden drei verschiedene Typen an umweltbezogenen Produktkennzeichen unterschieden: Type I: Zertifizierte Ökolabel; Type II: Selbstdeklarationen und Type III: Produktdeklarationen (EPD).
 
Zertifizierte Ökolabel (Type I) sind öffentliche Umweltkennzeichen, die für Produkte mit einer besseren Umweltleistung bei konstanter Qualität vergeben werden. Die Vergabe von Ökolabel basiert auf einer Produktgruppen-spezifischen Kriterienliste, deren Einhaltung von einer neutralen Stelle überprüft wird. Man differenziert zwischen single-criteria-Labels (z.B. EU Energieeffizienzlabel) oder multi-criteria-Labels (z.B. das Österreichische Umweltzeichen oder das EU Ecolabel).

Selbstdeklarationen (Type II) von Unternehmen machen auf die Verbesserung in mindestens einem Umweltaspekt aufmerksam und werden im Gegensatz zu Ökolabel nicht von einer unabhängigen, neutralen dritten Stellte überprüft. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass die Berechnungsmethode und Bewertungskriterien hinter Selbstdeklarationen besonders glaubwürdig und transparent kommuniziert werden.

Produktdeklarationen (Type III), im englischen Sprachraum Environmental Product Declaration (EDP) genannt, sind Produktlabels, die auf quantifizierbaren Maßzahlen wie einer Ökobilanz oder einem Carbon Footprint beruhen, welche einen Vergleich mit anderen Type-III-Label-zertifizierten Produkten ermöglichen. Die ISO-Norm ISO/TR 14025 beschreibt die Anforderungen an eine Produktdeklaration, welche grundsätzlich keine Drittzertifizierung erfordern. Ein Beispiel für Produktdeklarationen sind CO2-Labels für Produkte, die sich meist auf den Indikator Carbon Footprint beziehen, welche die Treibhausgasemissionen entlang des Produktlebenszyklus misst und somit eine Aussage über die Klimaeffekte die mit dem Produkt verbunden sind trifft. CO2-Labels sind seit 2007 in ganz Europa auf dem Vormarsch, meist angetrieben von Initiativen einzelnen Handelsunternehmen: Das Carbon Reduction Label in England, das Climatop Siegel in der Schweiz, das Nature and More Climate Neutral Siegel in den Niederlanden, der L’indice Carbone in Frankreich oder die mit dem CO2-Fußabdruck bewerteten Zurück zum Ursprung Produkte in Österreich.
 
3.     Messmethoden und Kriterien für ökologische Nachhaltigkeit

Ökologische Kriterien für nachhaltige Produkte umfassen im Allgemeinen die umwelt- und ressourcenschonende Herstellung und Verbrauch, umweltfreundliche Verpackung und Transport, Energieeffizienz und Schonung des Klimas, Schadstofffreiheit, Vermeidung von Tierleid und Erhaltung der Biodiversität.

Um die ökologische Nachhaltigkeit von Produkte verbessern zu können, müssen Unternehmen, KonsumentInnen und politische EntscheidungsträgerInnen den Status Quo des Ressourcenverbrauchs und der Umweltauswirkungen eines Produktes und die Potenziale zu deren Verringerung kennen. Es gibt verschiedene Maßzahlen und Kriterien zur Messung und Bewertung der Umwelteffekte eines Produktes, um Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit zu messen, abzubilden und kommunizieren zu können. Hinter manchen Umweltkennzeichen, wie z.B. dem AMA Bio-Siegel, liegen qualitative Kriterien, die erfüllt werden müssen, zum Beispiel „aus kontrollierter biologischer Landwirtschaft“ oder „artgerechte Tierhaltung“. Andere Umweltkennzeichen beziehen sich auf quantitative Indikatoren, also Maßzahlen, welche oft komplexe Zusammenhänge in einer leicht verständlichen Größe illustrieren und als fundierte Basis zur Bewertung der Nachhaltigkeitsqualität der Produkte dienen.

Indikatoren können verschiedene Funktionen erfüllen: Sie dienen der Planung, Kontrolle, Optimierung und schließlich der Kommunikation der Aspekte auf die sich ein Indikator bezieht. Grundsätzlich haben Nachhaltigkeitsindikatoren den zentralen Zweck zu evaluieren und zu kommunizieren, ob sich eine Aktivität (wie im Falle des Anbaus von Nahrungsmitteln) in Richtung Nachhaltigkeit verbessert, wie sich die Aktivität im Vergleich zu anderen Aktivitäten verhält und ob festgelegte Ziele durch die Implementierung bestimmter Maßnahmen erreicht werden. Qualitative Kriterien erlauben dabei oft eine differenziertere und tiefergehende Bewertung einzelner Aspekte, machen aber eine breite Vergleichbarkeit von Produkten unterschiedlicher Art unmöglich: Es bedarf daher zusätzlich umfassenderer Methoden, die es z.B. ermöglichen, den Umweltverbrauch eines Steaks mit dem eines Kühlschranks zu vergleichen. Ersteres kann aus biologischer oder konventioneller Landwirtschaft stammen, zweiteres einen hohen oder niedrigen Energieverbrauch aufweisen. Aber beide verbrauchen in Herstellung, Gebrauch und Entsorgung Ressourcen.

In den letzten 15 Jahren wurden dazu verschiedene Messmethoden für den Ressourcenverbrauch und die Umwelteffekte von Produkten entwickelt, welche als Grundlage für Produktdeklarationen dienen können. Die Ökobilanz, im englischsprachigen Raum Life Cycle Assessment (LCA) genannt, ist eine umfassende Output-orientierte Analyse der Umweltauswirkungen eines Produktes, welche Kriterien wie Eutrophierung, Versauerungspotential von Boden und Wasser, Toxizität oder Emissionen in die Umwelt untersucht. Eine Messmethode, welche sich auf den direkten und indirekten Ressourceninput entlang des Produktlebenszyklus bezieht ist der Materialinput pro Serviceeinheit (MIPS). MIPS umfasst die folgenden Kategorien: Biotisches Material, Abiotisches Material, Wasser, Luft und bewegte Erde. Außerdem gibt es Messmethoden, die sich auf eine einzelne Umweltkategorie beziehen. Ein Beispiel hierfür ist der CO-Fußabdruck, eine Kennzahl für die Klimarelevanz eines Produktes, welche die Emissionen aller Treibhausgase misst. Eine andere Maßzahl ist der Wasser Fußabdruck, eine Kennzahl für den Wasserverbauch eines Produktes entlang des Lebenszyklus. Um eine größere Transparenz und Vergleichbarkeit der Berechnungsergebnisse zu erhalten, gibt es internationale Bemühungen zur Standardisierung der Messmethoden, wie zum Beispiel die bestehende ISO-Normen zur Ökobilanzierung (14040/44) in Entwicklung befindlichen ISO-Normen für den CO-Fußabdruck und den Wasser-Fußabdruck.

Einer der Grundsätze, der jeder der vorgestellten Berechnungsmethoden zu Grunde liegt, ist die möglichst Lebenszyklus-weite Analyse der Ressourcenverbrauche beziehungsweise der Umweltauswirkungen. Für die Berechnung dieser Umweltkennzahlen sind sowohl Daten von Unternehmen (Handel und Hersteller) sowie auch Sekundärdaten (Berechnungsfaktoren für die indirekten Ressourcenverbrauche und Treibhausgasemissionen) aus Datenbanken der oder der wissenschaftlichen Literatur erforderlich. Hinsichtlich der Datenerhebung und den Systemgrenzen der Analysen sind noch einige Herausforderungen im Spagat zwischen wissenschaftlicher Fundiertheit und ökonomischer Praktikabilität zu lösen.
 
4.   Ökologische Bewertung von Produkten: Herausforderungen und Nutzen für Unternehmen?
 
Was motiviert Hersteller ihre Produkte zu bewerten und zu kennzeichnen? Was motiviert den Handel Produkte am Point of Sale zu kennzeichnen? Welche Herausforderungen sehen die Unternehmen hinsichtlich Datenmanagement und Kommunikation? Wie kann man die ökologische Bewertung für letztlich hunderttausende Produkte durchführen?

Unternehmen, die ein Umweltmanagementsystem implementiert und nachweislich einen Beitrag zur Reduktion der negativen Umweltauswirkungen ihrer Produkte leisten, können sich Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Mitbewerbern verschaffen. Diverse Marktforschungsstudien (z.B. Nielsen und Karmasin) bestätigen, dass eine wachsende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten besteht. Einige Marktstudien vertreten die Meinung, KonsumentInnen würden bereit sein, für ökologisch und sozial nachhaltige Produkte einen höheren Preis zu zahlen [1]. Andere besagen, KonsumentInnen würden die Einhaltung der Kriterien der Nachhaltigkeit und sozialen Verantwortung als Selbstverständlichkeit ansehen. Skandale im Bereich Umwelt- oder Arbeitsbedingungen würde enorme Umsatzeinbußen für das betroffene Unternehmen bedeuten, weil die Mehrheit der KonsumentInnen beim Publik werden solcher Missstände die Marken- und Handelskette wechseln würden.

Vor allem Handelsunternehmen setzten vermehrt auf die Stärkung nachhaltiger Produkte, was sich aus der zunehmenden Neigung der KonsumentInnen Nachhaltigkeitskriterien in ihre Kaufentscheidung einzubeziehen, begründet. Das schwer definierbare und doch eindeutig existierende Käufersegment der LOHAS (Lifestyle of Health an Sustainability) ist von besonderem Interesse für den Einzelhandel. Diese sehr heterogene Konsumentengruppe verbindet einen Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit mit Genuss, Umweltorientierung und Design. Außerdem sehen einige Handelsunternehmen die Bewusstseinsbildung zum Thema umweltfreundliche Produkte   am Point of Sale als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Dem Handel kommt eine besondere Stellung zu, denn einerseits muss er auf kurzfristige Änderungen des Kaufverhaltens reagieren und andererseits hat er große Einflussmöglichkeiten auf die Herstellungsbedingungen bei den Produzenten. Kennzahlen und Indikatoren-Sets zur Messung der ökologischen Nachhaltigkeit auf Unternehmens- oder auch auf Produktebene helfen bei der Strukturierung sowie Implementierung von Nachhaltigkeitsstrategien. Sie können sowohl als internes Kontrollinstrument als auch als externes Kommunikationsinstrument genützt werden. Im Sinne der Transparenz und Nachvollziehbarkeit ist es sinnvoll, zur Ermittlung und Validierung dieser Bewertungsansätze anerkannte beziehungsweise in Entwicklung befindliche Standards und Methoden zu verwenden.

Einer der ersten Meilensteine im Einzelhandel wurde in Großbritannien von der britischen Supermarktkette TESCO gesetzt, die in Zusammenarbeit mit der Organisation „Carbon Trust“ die direkten Treibhausgasemissionen ausgewählter eigener Handelsmarkenprodukte messen und kennzeichnen ließ. Ökologische Produkte gewinnen jedoch auch in Österreich an Bedeutung. Eine wichtige österreichische Unternehmensinitiative zur Entwicklung einer allgemein anwendbaren Methode zur  Messung und Bewertung der Nachhaltigkeitsqualität von Produkten wurde Ende 2007 von der Unternehmensplattform Efficient Consumer Response (ECR) ins Leben gerufen.
 
ECR-Austria gehören über 100 große Unternehmen an, darunter Handelsketten wir REWE, SPAR, Baumax und dm aber auch Hersteller wie Henkel, Unilever oder IGLO sowie Logistikunternehmen wir Logwin oder Chep. In einem 2-jährigen Prozess wurden dabei Kriterien entwickelt, denen eine umfassende ökologische Nachhaltigkeitsbewertung unterliegen soll und es wurde ein Set von fünf Indikatoren vorgeschlagen, anhand derer Produkte vom steirischen Apfel bis zum Laminatboden gekennzeichnet werden können: Sie umfassen neben den von einem Produkt verursachten Treibhausgaseemissionen auch den Wasser- und den Flächenverbrauch sowie den Verbauch aller anderen erneuerbaren wie nicht erneuerbaren Ressourcen. Überblick des Nachhaltigkeitsindikatoren-Sets:

Nachhaltigkeitsindikatoren
Foto: Nachhaltigkeitsindikatoren
























Mitte Oktober 2009 wurde dieser Ansatz bei einem vom Lebensministerium gemeinsam mit ECR veranstalteten internationalen Workshop vorgestellt und diskutiert, zu dem die in Europa führenden WissenschaftlerInnen aus dem Bereich der ökologischen Nachhaltigkeitsbewertung nach Wien gekommen sind. Alle Präsentationen dieses Workshops finden sich hier
 
Gerade für die Hersteller von Qualitätsprodukten stellt die ökologische Nachhaltigkeit ein weiteres Qualitätskriterium ihres Produktes und dadurch einen Mehrwert dar. Einerseits kommen die Hersteller mit der Umsetzung von Maßnahmen zur Verbesserung der ökologischen Nachhaltigkeit ihrer Produkte der Nachfrage der KonsumentInnen und des Handels nach. Andererseits können durch Einsparungen von Material und Energie sowie den Umstieg auf recycelte und erneuerbare Materialien und Kosten gespart und Abhängigkeiten von teuren, knappen Ressourcen reduziert werden. Jedoch bedeutet diese Umstellung auf öko-effiziente Produkte Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie eine Veränderung in bestehenden Produktions- und Lieferstrukturen. Außerdem sind Umweltkennzeichen oft mit einem besonderen Datenerfassungsaufwand für die Hersteller verbunden, welche die umweltspezifischen Daten in den meisten Fällen nicht so detailliert und systematisch erfassen wie monetäre Daten. Eine wichtige Voraussetzung für international operierende Hersteller ist die internationale Standardisierung von Umweltkennzeichen und der dahinter liegenden Messmethoden, da sie oft eine internationale Verpackung haben und eine internationale Kommunikationsstrategie verfolgen. Trotz allen Herausforderungen sieht eine zunehmende Zahl an Herstellern einen Mehrwert in der Erfassung und Kommunikation der Umweltperformance ihrer Produkte. 
 
5.   Der Label- Dschungel: Zwischen Information und Überforderung

Vielverwendete Begriffe wie „nachhaltiger Konsum“ oder „nachhaltige Kaufentscheidung“ beziehen sich im Allgemeinen auf Kauf- und Konsumentscheidungen, denen  Auswahlkriterien mit Bezug zur sozialen oder ökologischen Nachhaltigkeit bewusst zugrunde liegen. Jedoch sind diese Begriffe in ihrer sozial- und kulturwissenschaftlichen Definition nicht so einfach zu fassen, denn sie sind in den jeweiligen Bedeutungszuschreibungen sehr vielseitig und betonen die drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales - unterschiedlich. Ökologisch nachhaltiges Konsumverhalten setzt einerseits öko-effizientes und anderseits suffizientes Konsumverhalten voraus. Öko-effizienter Konsum bezeichnet den Konsum von möglichst ressourcenschonenden, umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen. Umweltkennzeichen können lediglich zur Förderung eines öko-effizienten Konsumverhaltens führen. Suffizientes Konsumverhalten setzt beim Hinterfragen von Bedürfnissen an und bezeichnet Konsummuster, die den gesamten Ressourcenverbrauch senken, indem sie einen genügsamen Lebensstil widerspiegeln, fördern und entwickeln.

Immer mehr KonsumentInnen werden sich der strategischen Bedeutung ihrer täglich Kauf- und Konsumentscheidungen bewusst. Um eine bewusste Kaufentscheidung zu Gunsten ökologisch nachhaltiger Produkte treffen zu können, bedarf es fundierter Information über deren Nachhaltigkeitsqualität. Umweltkennzeichen für Produkte fördern das Bewusstsein über nachhaltige Produkte und ermöglichen eine rasche Entscheidungsfindung direkt am Point of Sale. Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von Umweltkennzeichen sind einheitliche, leicht verständliche Informationskennzeichnungen, die verschiedene Gruppen an KonsumentInnen ansprechen. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit des Labels sowie eine klare, allgemein verständliche Aussage, denn MarketingexpertInnen vertreten die Meinung, man solle die Menschen „dort abholen wo sie sind“. Eine sachgerechte und dennoch einfache, zielgruppenspezifische Kommunikation hochkomplexer Umweltthemen wie Klimawandel ist jedoch eine Herausforderung. ExpertInnen sind sich uneinig, ob die Kommunikation absoluter Zahlenwerte oder handlungsrelevanter Vergleichswerte sinnvoller ist, wie viel Information auf einer Produktkennzeichnung zweckmäßig ist und welche Zusatzinformationen über welche zusätzlichen Kommunikationskanäle zur Verfügung gestellt werden sollte.

Die Vielzahl an verschieden ausgeprägten umweltbezogenen Produktkennzeichnungen, die auf unterschiedlichen Bewertungsgrundlagen beruhen, tragen jedoch zur Verwirrung der KonsumentInnen bei: Diverse Bio-Siegel, CO-Label, Umweltkennzeichen, Energieeffizienzkennzeichen, Verpackungskennzeichen, und vieles Mehr. Es besteht die Gefahr, dass durch das Überangebot und die zum Teil widersprüchlichen Angaben die anfängliche Verwirrung der KonsumentInnen in ein Dessinteresse gegenüber dem Thema umweltfreundliche Produkte umschlägt.

Orientierungshilfe in diesen Label-Dschungel bieten Internetportale (z.B. www.cleaneuro.at, www.ecoshopper.de), Broschüren wie der KonsumManiac und das Buch der Sieben Siegel sowie Initiativen wie die Nachhaltigen Wochen. Im Zuge der Nachhaltigen Wochen, eine Initiative des Lebensministeriums, weisen 45 Handelsketten und zahlreiche selbständige Kaufleute vier Wochen mit der Dachmarke „Das bringt's. Nachhaltig." gezielt auf Produkte mit ökologischem und sozialem Mehrwert. Die Nachhaltigen Wochen entsprechen dem Bedürfnis der KonsumentInnen nach einer einheitlichen, glaubwürdigen Kennzeichnung nachhaltiger Produkte. 
 
6.    Perspektiven der KonsumentInnen, NGOs und der Medien

Wie die komplexe Information zur ökologischen Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten an KonsumentInnen kommunizert werden können, damit sie auch eindeutig verstanden werden, ist noch eine offene Frage. Hier gibt es auch in Österreich bereits erste Versuche, wie etwa die Kennzeichnung der Verbesserung des CO2-Fußabdrucks bei bestimmten Produkten des Diskonters Hofer, aber noch kein Konzept, wie eine umfassende Nachhaltigkeitsbewertung angesichts der oben dargestellten Schwierigkeiten tatsächlich aussehen kann. Hier bedarf es aus unserer Sicht einerseits noch wissenschaftlicher Untersuchungen (z.B. im Bereich der Marktforschung), vor allem aber des beherzter Umsetzungsversuche des Handels aber auch der Industrie, mit dem expliziten Ziel, zu der für eine Abwendung beispielsweise des gefährlichen Klimawandels mit einer durchschnittlichen Temperaturerhöhung von mehr als 2 Grad Celsius notwendigen dramatischen Verringerung des weltweiten Ressourcenverbrauchs beizutragen.
Neben Wirtschaft und Verwaltung/Politik, die in diesem Beitrag bereits zu Wort gekommen sind, ist hier vor allem auch die Zivilgesellschaft, Interessensvertretungen sowie die Medien gefordert.
 


Autoren: Eva Burger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sustainable Europe Research Institute und Fritz Hinterberger, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Sustainable Europe Research Institute (www.seri.at). Recherche und Aufbereitung im Auftrag des Lebensministeriums, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik
 

 
Weitere Informationen:
 
Person des Monats 11/09: Thomas Lindenthal
 
Dialog des Monats 11/09





[1] Ernst and Young. (2007): LOHAS – Lifestyle of Health and Sustainability. s.l.: Selbstverlag. 

23.03.2010, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten