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Person des Monats 11/09: Thomas Lindenthal

Dr. Thomas Lindenthal arbeitet am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL Österreich) und ist wissenschaftlicher Partner hinter dem Carbon Footprint Label von Hofer „Zurück zum Ursprung“.

In wie weit können Produktkennzeichen/Labels einen Beitrag zu nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion leisten?

Produktkennzeichen generell sind sehr bedeutsam für den nachhaltigen Konsum, da sie Orientierung und Transparenz über die ökologische und soziale Nachhaltigkeit eines Produktes geben können. Eine der besten Beispiele im Lebensmittelbereich sind für mich in dieser Hinsicht die etablierten Labels für Bioprodukte und für Fair-Trade-Produkte. Dass bei diesem Erfolg auch „Trittbrettfahrer“ und Profiteure aufspringen und ein undurchdringbarer „Labelwald“ entstehen kann, ist offensichtlich und wird viel diskutiert. Jedes neue Label muss daher auf kreative Weise wissenschaftlich fundierte, klare, streng überprüfte und konsequente Botschaften in Richtung Nachhaltigkeit vermitteln. Nur im Fall einer ernsthaften Auseinandersetzung und Erfüllung der Ziele der Nachhaltigkeit können Produktkennzeichen/Labels ihre wirklichen Stärken und Möglichkeiten in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung ausspielen. Was aber noch hinzukommt ist, dass der Zeitgeist der „Standardisierung“ kreative Initiativen behindern kann. Eine Balance zwischen strengen Prüfkriterien (auch nach internationalen Normen wie z.B. die Normen der Ökobilanzierung) und Mindeststandards einerseits und Raum für kreative Ideen andererseits muss sichergestellt sein. Diese Balance zu erreichen und zu halten, ist ein schwieriger Prozess bei der Vielfalt und Stärke von ökonomischen und machtpolitischen Interessen, die Nachhaltigkeit nur ausnützen oder gezielt behindern wollen.

Wie können Umwelt- und Soziale Aspekte bei der Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten besser miteinander verbunden werden?

Nachhaltigkeitsbewertung ist generell ein sehr schwierig umzusetzendes Thema. Allein schon der Begriff Nachhaltigkeit ist oft schwer den KonsumentInnen zu kommunizieren. Hinzu kommen Probleme der ausgewählten Parameter der Nachhaltigkeit und der Kontrolle, noch schwieriger die Datenlage und das Finden von grundlegenden Standards. Hingegen sind bestimmte einzeln ausgewählte Parameter der Nachhaltigkeit wie Klimaschutz, Biodiversität oder fairer Handel viel einfacher zu bewerten und für die KonsumentInnen verständlich zu machen.
Beispiele für eine gute Verbindung von Umwelt- und soziale Aspekte der Nachhaltigkeit gibt es, im Lebensmittelbereich zum Beispiel die Kombination von Bio und Fair-Trade oder bestimmte Regio-Produkte mit hohen Nachhaltigkeitsstandards. Bei der Analyse von gelungenen Beispielen zeigt sich, dass ein hoch komplexer Begriff wie Nachhaltigkeit mit einem Label schwer zu kommunizieren ist, insbesondere wenn ein nationaler Markt bedient werden soll. Dennoch  ist eine umfassende Nachhaltigkeitsbewertung das Thema der Stunde und gerade auch die Integration sozialer Kriterien der Nachhaltigkeit in die Debatte hat große Bedeutung. Es gibt einige vielversprechende Ansätze, die noch intensive Forschungs- und Umsetzungsanstrengungen brauchen bis sie praxisreif werden. Hier ist neben der Forschung auch viel Kreativität im Kommunikations- und Marketing-Bereich gefragt.

Welche Form der Ergebnis-Kommunikation stiftet Ihrer Meinung nach den größten Informationsnutzen für KonsumentInnen (Stichwort Label-Dschungel)?

Es ist aus meiner Sicht weniger die Ergebnis-Kommunkation das Entscheidende als vielmehr die Bewertung und wie sehr bestimmt wichtige Nachhaltigkeitskriterien ernst genommen und erhoben werden. Geschieht das nicht, werden viel zu weiche und damit irreführende Labels entwickelt. Nur ein Beispiel dazu: Oftmals werden einer CO2-Bilanz die CO2-Emissionen durch Tropenwaldzerstörung nicht ausreichend mitberücksichtigt. Da ist es dann völlig egal, wie ich das Ergebnis kommuniziere, weil es falsch oder zumindest unvollständig ist und den KonsumentInnen eine irreführende Information gibt. Daher sind für eine Labelentwicklung zunächst ganz andere Fragen wichtig. Die eigentliche  Ergebniskommunikation ist deswegen nicht unwichtig – ganz im Gegenteil, weil die Ergebnisse ja bei den KonsumentInnen ankommen sollen. Sie hat aber aus meiner Sicht gegenwärtig noch zweite oder dritte Priorität.

Was motiviert Hersteller, ihre Produkte ökologisch bewerten und kennzeichnen zu lassen?

Eine wichtige Motivation ist klarerweise ein Wettbewerbsvorteil bzw. das Transparentmachen des Engagements des Unternehmens und seiner Produktentwicklung in Richtung Nachhaltigkeit. Daran sehen sie, dass Unternehmen, die der Nachhaltigkeit wenig Beachtung schenken, auch die Labeldiskussion bzw. die Standardisierungsbemühungen nicht unterstützen, sondern behindern werden. Wenn ein Sog in Richtung Nachhaltigkeit entsteht, und dafür gibt es in einzelnen Branchen Anzeichen, dann wird er viele Unternehmen motivieren, ihre Produkte ökologisch zu verbessern und dann bewerten bzw. kennzeichnen zu lassen. Doch hier kommt auch dem Bund, Länder und Gemeinden eine wichtige Verantwortung zu, solche Sogwirkungen zu stimulieren, auf möglichst vielen Ebenen der politischen und gesellschaftlich-sozial-ökonomischen Gestaltung.

Welche Punkte/Schritte sind für eine erfolgreiche Implementierung eines Labels von Bedeutung? Welche Herausforderungen ergeben sich in der Praxis, wenn eine große Produktpalette analysiert und gekennzeichnet wird? (z.B. Spannungsfeld Praktikabilität und wissenschaftliche Detailgenauigkeit)

Alle diese Fragen bedürften eigentlich sehr umfangreiche Antworten, daher kann ich nur einige Stichworte geben. Eine erfolgreiche Implementierung eines Labels hat eine große Zahl von Voraussetzungen, von denen einige auf der Hand liegen, wie z.B. Nachvollziehbarkeit, Transparenz, Überprüfbarkeit, strenge Kontrolle, hoher wissenschaftlicher Standard und Identifikation. Schwieriger hingegen ist das Steuern von so wichtigen Dingen wie die Konsequenz in der Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens, eine kreative Labelgestaltung oder eine kreative  Kommunikation sowie den richtigen Zeitpunkt und das richtige Marktsegment auszuwählen.

Herausforderungen eine große Produktpalette zu analysieren und zu kennzeichnen, liegen zum einen in dem Spannungsfeld Praktikabilität und wissenschaftliche Detailgenauigkeit, was aber bewältigbar ist, wenn die wichtigsten Einflussgrößen adäquat erfasst werden können. Ist dies der Fall dann können fehlende wissenschaftlich Detailgenauigkeit bei Randgrößen  meist vernachlässigt werden, weil sie das Ergebnis quasi nur hinter dem Komma beeinflussen. Wir nennen diese wichtigen Einflussgrößen „Stellgrößen“, denen wir uns mit größtmöglicher wissenschaftliche Genauigkeit zuwenden. Diese Stellgrößen zu identifizieren und sich darauf  konzentrieren, macht aus wissenschaftlicher Sicht eine erfolgreiche Nachhaltigkeitsbewertung aus. Hinzu kommt natürlich die Datenlage, die in unserem Fall sehr gut, teilweise sogar hervorragend war, was keineswegs selbstverständlich ist. Datenlücken stellen vielfach eine fast noch größere Hürde dar, wie eine große Produktpalette.
 
Welche Herausforderungen sehen Sie hinsichtlich der Datenlage?

Damit habe ich diese Frage bereits tangiert. Auch hier gilt die Frage der Stellgrößen. Es müssen vor allem dort die Datenlücken möglichst rasch geschlossen werden, wo wesentliche Einflussgrößen liegen. Wieder ein Beispiel aus der CO2-Bilanzierung: Es nützt wenig, dem letzten Tropfen Diesel, der am Acker für den Weizenanbau verbraucht wird, quasi nachzulaufen, wenn die - für den Carbon Fooprint von Weizen viel gewichtigeren - Lachgasemission aus dem Boden schlecht quantifiziert werden können. Gerade auch bei der Biodiversität und bei sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit gibt es viele Datenlücken in ganz zentralen Bereichen.
 
Welche Form der Unterstützung würden Sie sich von der österreichischen und europäischen Politik wünschen?

Zum einen klarerweise finanzielle Ressourcen, um aufwendige Datenerhebungen, Quantifizierungen und Diskussionen  durchführen zu können. Mit staatlichen Forschungs- und Entwicklungsprogrammen/-projekten in der Nachhaltigkeitsbewertung können Unternehmen leichter motiviert werden, in diesem Bereich ebenfalls zu investieren. Zum anderen in der Ermöglichung transparenter Diskussionsprozesse, wenn Standardisierungen erforderlich sind. Hier treffen sich auf internationaler Ebene oft nur „Elefantenrunden“, die eine breite, ausgewogene, lobbyingfreie und fundierte Diskussion erschweren und so die Vielfalt der Meinungen behindern (nebenbei bemerkt ist Vielfalt ein wichtiges Prinzip der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit). Daher bin ich oft sogar erleichtert, wenn Standardisierungsbemühungen nicht den gewünschten Erfolg haben und so den ganz zentralen wissenschaftlichen Freiraum offenlassen.  Generell wäre auf nationaler und internationaler politischer Ebene wichtig, dass die Verantwortung für die kommenden Generationen wirklich ernst genommen wird. Eine konsequente Umsetzung der Nachhaltigkeitsidee muss politisch viel stärker vorangetrieben werden, denn noch immer haben Nützlichkeitsgedanken und die ökonomischen  Profiteuren einen quasi monopolistischen Einfluss.
 
 
Zur Person
 
Thomas Lindenthal
Foto: Thoma...
Thomas Lindenthal war von 1993 - 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Universitätsassistent am Institut für Ökologischen Landbau an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU). Von 1995 - 2002 Mitglied und später im Vorstand des Wissenschaftsvereins SUSTAIN; Mitarbeit bei beiden SUSTAIN-Berichten. Seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FIBL) Wien und seit Mai 2009 auch Koordinator am Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der BOKU. Seit Mai 2008 Projektleiter des Projektes „Klimaschutzwirkung von Bio- Lebensmittel“ im Auftrag der Hofer KG “Zurück zum Ursprung“ und des BMLFUW.
 
Kontakt: www.fibl.org
thomas.lindenthal@fibl.org
 
 
 
 
 
Weitere Informationen:
 
Thema des Monats 11/09 und Dialog des Monats 11/09: Ökologische Nachhaltigkeit von Produkten - Bewertung und Sichtbarmachung

06.11.2009, nachhaltigkeit.at