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Spatenstich für den Zubau
Foto: Gemeindezeitung Un...

Prozess des Monats 01/10 - Unterkohlstätten

Burgenland

Die Inhalte dieser Seite gestaltete die Prozessbegleiterin DI Dr. Helena Linzer (Technische Universität Wien/Örtliche Raumplanung in Abstimmung mit dem Amt der Burgenländischen Landesregierung).

 
1.  Kurzprofil zur Gemeinde
Die Gemeinde Unterkohlstätten, im politischen Bezirk Oberwart, an der Grenze zum Bezirk Oberpullendorf gelegen, setzt sich seit der Zusammenlegung im Jahre 1971 aus fünf Ortschaften zusammen und umfasst eine Fläche von 29,14 km². Die Einwohnerzahl der Gemeinde Unterkohl­stätten lag im Jahr 2008 bei 1.047; somit betrug im Zeitraum 1981 bis 2008 die Abnahme der Bevöl­kerung 8,5 %. Grund für den Rückgang sind sowohl die stete Abwanderung, als auch die meist nega­tive Geburtenbilanz. Die Landschaft ist geprägt durch sanfte Hügel, ausgedehnte Wälder und ist im Westen durch das Bernsteiner Gebirge und im Osten durch das Günser Gebirge eingegrenzt.
blick auf 5 ortschaften
Foto: Helena Linzer
 
Alle fünf Orte sind so genannte Rodungssiedlungen, die am Ende des 16. bzw. in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstanden sind. Die Namen der Ortschaften stammen durchwegs von der Verwendung des Holzes. In Oberkohlstätten waren die „Köhler“ mit ihren Kohlenmeilern zu Hause, in Unterkohlstätten die „Kalkbrenner“. Das für die Produktion benötigte Holz wurde in Holzschlag, einem als Holzfällersiedlung entstandenen Ort, geschlägert. In Glashütten bei Schlaining und Günseck wurden Glaswaren hergestellt, zu deren Produktion große Mengen an Kohle nötig waren. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Herstellung von Holzkohle und das Kalkbrennen die Haupteinnahmequellen für die Bevölkerung. In Günseck waren außerdem die Holzrechenmacher beheimatet, aber auch die Fuhrwerker, die die Ware in die Städte und zu den Märkten brachten. Somit stellten diese fünf Ortschaften bereits seit Jahrhunderten eine wirtschaftliche Symbiose dar.

2.  Ansprechpersonen

Wappen der Gemeinde Unterkohlstätten - 5 Tannenbäume, Hämmer
Foto: Gemein...
Gemeinde Unterkohlstätten
Bgm. Dr. Leonhard Schneemann
7435 Unterkohlstätten 32
tel: +43 (0) 3354 8235
post@unterkohlstätten.bgld.gv.at
www.unterkohlstaetten.at

Kernteam
Ing. Martin Ringhofer
Ortsvorsteher Günseck
7435 Günseck 74
martin.ringhofer@bnet.at

Prozessbegleitung
DI Dr. Helena Linzer
Technische Universität Wien / Örtliche Raumplanung
Karlsgasse 13/3, 1040 Wien
t +43 (0) 58801 / 26820
f +43 (0) 58801 / 26899
linzer@ifoer.tuwien.ac.at
www.ifoer.tuwien.ac.at
 
LA21-Leitstelle im Bundesland
Amt der Burgenländischen Landesregierung
Landesamtsdirektion - Raumordnung
Referat für Dorferneuerung
Europaplatz 1, 7000 Eisenstadt
t +43 (0) 2682 / 600 / 2656
f +43 (0) 2682 / 600 / 2936
post.dorferneuerung@bgld.gv.at
www.unserdorf.at
HR DI Johann Fertl
t +43 (0) 2682 600 / 2631
johann.fertl@bgld.gv.at
 

3.  Prozessverlauf der LA 21 in der Gemeinde Unterkohlstätten
 
Nach dem Dorfgespräch in Oberkohlstätten
Foto: Andreas Voigt
Die Aktion „Dorferneuerung“ wird im Burgenland seit rund 20 Jahren durchgeführt. Mit Juni 2007 wurde die neue Dorferneuerungsfibel herausgegeben, die einen Leitfaden für einen neuen Verfah­rensablauf aufzeigt. Besonderes Augenmerk wird dabei auf soziale Aspekte und die Einbeziehung der Bevölke­rung in den Dorferneuerungsprozess gelegt. Das neue Burgenländische Ablaufmodell sieht zudem vor, dass die Lokale Agenda 21 im Dorferneuerungsprozess berücksichtigt wird.
 
Die Gemeinde Unterkohlstätten hat zu Beginn des Jahres 2008 beschlossen, sich an der Dorferneue­rungsaktion des Landes zu beteiligen und zunächst in einem prozessbegleitenden Verfahren ein Dorferneuerungsleitbild gemeinsam mit den Bewohnern der einzelnen Ortsteile zu entwickeln. Zu­dem wurde Unterkohlstätten als eine der ersten Gemeinden, die sich an diesem neuen Ablaufmodell beteiligen, als PILOTPROJEKTGEMEINDE des Burgenlandes ausgewählt.
Dorfgespräch in Günseck
Foto: Helena Linzer

 
1) Als erster Schritt wurde in Unterkohlstätten eine Befragung der Bevölkerung durchgeführt, um die Bedürfnisse, Anliegen und Wünsche der UnterkohlstättnerInnen zu ermitteln (sehr gute Rücklaufquote von rund 42 %). Interessant war, dass von den befragten Personen vor allem Anregungen für ihren eigenen Ortsteil erfolgten. Für die gesamte Gemeinde sind nur wenige Verbesserungsvorschläge genannt worden.
 
2) Die ersten Informationsveranstaltungen, in denen auch die Ergebnisse der Befragung vorge­stellt wurden, fanden Ende Februar 2008 in jedem der 5 Ortsteile statt. Weitere Dorfgesprä­che zur Aufarbeitung der Stärken, Schwächen, Chancen und Potentiale in den Ortsteilen folgte im Juni 2008.
 
Nach dem Dorfgespräch in Günseck
Foto: Andreas Voigt
3) Ab Mai 2008, nach Bildung des Kernteams wurden weitere Dorfgespräche in einer gemein­samen Arbeitsgruppe, in der VertreterInnen aller Ortsteile beteiligt waren, durchgeführt. Ziele und Maßnahmen für die gesamte Gemeinde wurden entwickelt, wobei die Bedürfnisse der einzelnen Ortsteilen Berücksichtigung finden sollten.
 

 

 

4) Die Entwicklung von Projekten und Maßnahmen erfolgte im Rahmen von Dorfgesprächen zu folgenden Themenbereiche: 

  • Zusammenleben / Zusammenarbeit
  • Tourismus / Wirtschaft / Infrastruktur
  • Gestaltung öffentlicher Räume / Ortsbild
  • Wohnen / Wohnumfeld
5) Spannend gestaltete sich der Prozess der Erstellung des Leitbildes: Schlagwörter wie: Eine Gemeinde wächst zusammen / Netzwerk der Ortsteile / Sinnvolles Ganzes / Gemeinsame Gestaltung des Lebensraumes, Gemeinsame Visionen / Kreative Entwicklung für die Zukunft zeigen sehr deutlich, dass die Beteiligten bei dem bisher gelaufenen Dorferneuerungsprozess erkannt haben, dass ein „miteinander reden“, ein miteinander planen“ und ein „miteinander agieren“ von Vorteil für alle ist. 
 
6) Ab 2009: Beginn der Projektumsetzungen 
 

"FÜNF x GEMEINSAM“
Gemeinde Unterkohlstätten: 5 Ortsteile – eine gemeinsame Zukunft:
naturnah – vielfältig – (welt)offen – menschlich – lebenswert

 

So soll – entsprechend dem Gemeindewappen – Unterkohlstätten eine Einheit aus fünf gleich­wertigen und gleichberechtigten Partnern entstehen, in der die Bedürfnisse jedes einzelnen Orts­teiles berücksichtigt, in der aber auch die Chancen gesehen werden, dass man miteinander sehr viel mehr für jeden einzelnen erreichen kann.
 
 
4. Ausgewählte Projekte und Aktionen
 
Eine Dorfgemeinschaft kann nur funktionieren, wenn Identität mit dem eigenen Lebensraum be­steht, wenn aktive Bürgerinnen und Bürger sich am Dorfleben beteiligen und auch Verantwortung übernehmen. Erhaltung bzw. Schaffung öffentlich zugänglicher Versammlungs- und Veranstaltungs­räume sind dazu erforderlich. Daher wurden zunächst in jedem Ortsteil Projekte angedacht, um Räume und Bereiche für Kommunikation und Begegnung zu schaffen.
 
Dorfwirtshaus in Günseck (ehem. Turmschule)
Foto: Helena Linzer
Dorfwirtshaus und Kulturhaus

In Günseck fungiert das „Dorfwirtshaus und Kulturhaus“ als gesellschaftliches Zentrum der Ort­schaft. Nachdem die Volksschule im Juni 2005 geschlossen wurde und auch das letzte Dorfwirtshaus im August 2006 den Betrieb aufgab, waren zwei wichtige Institutionen, die im gesellschaftlichen und kulturellen Leben von Günseck eine Rolle spielten, verloren gegangen. Von Muttertagsfeiern, Krip­penspielen und Gottesdiensten, Faschingsveranstaltungen, Sportfesten bis hin zu Heimatabenden und Singnachmittagen reichten die Veranstaltungen, die von den Kindern mitgestaltet wurden. Und das Gasthaus fehlte nicht nur den Dorfbewohnern als Begegnungsort, sondern auch den heimischen Vereinen.
Ausschank im Dorfwirtshaus / Die Jugend bei der Arbeit
Foto: Helena Linzer

 
Bürgermeister, Pfarrer und aktive BürgerInnen haben daraufhin die Initiative ergriffen, um eine neue Heimstätte für die Vereine und die Dorfbewohner zu schaffen. Die ehemalige Turmschule sollte für die kulturellen, kirchlichen und für das Dorf- und Vereinsleben wichtigen Zusammenkünfte saniert und um einen Vereinssaal erweitert werden. Ein Betreiberverein mit dem Namen „D´SCHUL – Dorf­wirtshaus Günseck“ (heute „Kulturverein Günseck“) wurde gegründet und der Gemeinderat stimmte der Vermietung des Dorfwirtshauses an diesen Verein zu. Umbau und Sanierung der alten Schule waren bald abgeschlossen und seit August 2008 steht auch die neue
In fröhlicher Runde im Dorfwirtshaus in Günseck
Foto: Helena Linzer
Veranstaltungshalle mit rd. 140 m  zur Verfügung. 2009 wurde die Gestaltung der Außenbereiche in Angriff genommen, damit im Sommer auch im Freien gefeiert werden kann. Sehr positiv ist hervorzuheben, dass es mittlerweile mehr als 60 Personen gibt, die bereit sind, unentgeltlich im Dorfwirtshaus Dienst zu machen. Ein Beweis dafür, dass die Bevölkerung voll hinter dem Projekt steht. 



 

Neues Dorfzentrum in Unterkohlstätten
Kirche in Unterkohlstätten
Foto: Helena Linzer


Im Ortsteil Unterkohlstätten wurde der Wunsch nach öffentlichen Freiräume für Kommunikation und Begegnung geäußert. Dafür bietet sich der Bereich um den Dorfplatz und die Dorfstraße an, wo das Gemeindeamt mit Gemeindebücherei, Raiffeisenkasse, die Volksschule mit einem Kinderspiel­platz, die römisch-katholische Kirche, die Bushaltestelle, wie auch ein Gasthaus und der Nahversor­ger in räumlichem Zusammenhang liegen. Dieser Bereich, der auch als Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderwege in den Naturpark Geschriebenstein dient, soll als Dorfzentrum ausgebaut und gestaltet werden. Ein Dorfbrunnen besteht bereits; Überlegungen gehen nun in Richtung Verkehrsberuhigung, bessere Parkplatzorganisation, Grünflächengestaltung und auch ein Info-Point für die Bewohner und erholungssuchende Wanderer soll errichtet werden.
 
 
Gemeindeamt in Unterkohlstätten
Foto: Helena Linzer
Generationsübergreifender Begegnungsraum in Oberkohlstätten

Der Ortsteil Oberkohlstätten verfügt noch über ein Gasthaus; als weiterer Ort für Zusammenkünfte der Dorfbewohner dient weiters das Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr. Im Ortszentrum gelegen, mit einem Kinderspielplatz im Anschluss, werden die Räumlichkeiten auch als Treffpunkt von Müttern mit Kleinkindern für Spielnachmittage genutzt und die ältere Bevölkerung hat hier die Möglichkeit, sich zusammen zu finden. Mit der Umgestaltung des Platzes vor dem Feuerwehrgebäude, der derzeit abschüssig und asphaltiert ist, als generationsübergreifenden Begegnungsraum, der auch für Feste genutzt werden kann, wurde bereits begonnen.
Volksschule in Unterkohlstätten
Foto: Helena Linzer


 
 

 
Park in Glashütten
Im einwohnermäßig kleinsten Ortsteil – Glashütten – kann neben dem Gasthaus der Bereich bei der Feuerwehr als Ortzentrum gesehen werden. Nachdem der ehemalige Löschteich abgetragen wurde, ist nun eine Freifläche geschaffen worden, auf der
Spielplatz in Oberkohlstätten
Foto: Helena Linzer
neben einem Kinderspielplatz auch Sitzmöglich­keiten geschaffen wurden.
 
 
Aktion: Lebenslanges Lernen
Die neu geschaffenen Kommunikationsräumen sollen intensiver für Seminare, Vorträge, und Veran­staltungen zur Weiterbildung genutzt werden, Dabei ist auf ein differenziertes Programm für alle Generationen zu
Logo Gesundes Dorf
Foto: Gemeinde Unterk...
achten. Beispielsweise werden im Dorfwirtshaus in Günseck bereits Gymnastikstun­den für die Senioren, Tanzkurse, Musikabende, etc. angeboten.
Angedacht wurden weiters Vorträge im Rahmen der Aktion „Gesundes Dorf“, beispielsweise zu Gedächtnistraining, zu Energieeinsparungsmaßnahmen und vieles mehr.
 
Fremdenverkehrskonzept
Die Lage im Naturpark Geschriebenstein wird als großes Potential für Unterkohlstätten angesehen. Anfang Oktober 2009 fand erstmals ein
Logo Naturpark Geschriebenstein
Foto: Naturparkverein ...
grenzüberschreitendes Wanderwochenende mit den ungari­schen Nachbarn statt. Bei der Wanderung wurden alle Naturparkgemeinden einbezogen. Einige Attraktionen hat Unterkohlstätten ja bereits zu bieten, beispielsweise den Kohlenmeiler in Oberkohl­stätten, bzw. den Kalkofen in Unterkohlstätten.
 
Auch der „alpannonia“-Wanderweg verläuft durch die Gemeinde Unterkohlstätten. Bei dieser Attrak­tion handelt es sich um ein 104 km langes, grenzüberschreitendes Wan­derwegsystem, das neben den österreichischen Bundesländern Niederösterreich, Steiermark und Burgenland auch Westungarn einbindet. Ausflugsziele sind außerdem der Berg „Hirschstein“, der „Königsbrunnen“ und der „Hendl­stein“, deren Bekanntheit auf Legenden beruht.
Kohlenmeiler in Oberkohlstätten
Foto: Helena Linzer


Eine „Virtuelle Wanderkarte“ und die Beschreibung der Attraktionen im Naturpark Geschriebenstein sind bereits die ersten Schritte auf diesem Weg. www.naturpark-geschriebenstein.at/unterkohlstaetten/index.php

Ein regionales Fremdenverkehrskonzept mit Einbeziehung der Nachbargemeinden und Vernetzung der bestehenden Angebote wird angestrebt.
 
 
Gemeinsames Liederbuch aller 5 Ortsteile
Ein spannendes Projekt, das die Freude an gemeinsamen Aktivitäten in den fünf Ortsteilen zeigt, ist die Idee der Erstellung eines gemeinsamen Liederbuches. Hier sind vor allem die älteren Bewohner der Gemeinde Unterkohlstätten gefordert. Alte, oft schon vergessene Lieder werden aufgenommen, digital erfasst, die Texte niedergeschrieben, um nicht in Vergessenheit zu geraten und für die jüngere Generation zur Verfügung zu stehen. Die Freude am gemeinsamen Singen und Feiern, sei es bei­spielsweise bei Singabenden und bei Wanderungen, steht dabei im Vordergrund.
 
 
Kinderbetreuung
Vor allem während der Ferienzeit ist die Betreuung der Kinder berufstätiger Eltern oft ein Problem. In den einzelnen Ortsteilen wurden bereits in der Vergangenheit Aktionen und Aktivitäten gestartet, um den kleinen Gemeindebürgern abwechslungsreiche Tage zu er­möglichen (Tenniscamp mit Tennislehrer in Holzschlag, „Hexenwanderung“ in Günseck, Jugendlager, von der Feuerwehr organisiert, etc.). Solche ortsteilübergreifenden (oder sogar gemeindeübergreifenden) Aktionen für Kinder und Jugendliche sollen verstärkt entwickelt und angeboten werden.
 
 
Zeichnung im Dorfwirtshaus in Günseck
Foto: Helena Linzer
5. Ausblick

Derzeit wird an der Fertigstellung des Leitbildberichtes gearbeitet. Parallel dazu sind einige der angeführten Projekte in Planung, einige bereits in der Umsetzungsphase.
 
Den UnterkohlstättnerInnen ist zu wünschen, dass auch in Zukunft der begonnene Dialog zwischen den Ortsteilen fortgesetzt und an gemeinsamen Projekten gearbeitet wird, damit die Dorfgemein­schaft noch mehr zusammen wächst.

6. Redaktion und Rückfragen
DI Dr. Helena Linzer
Technische Universität Wien / Örtliche Raumplanung
Karlsgasse 13/3; 1040 Wien
t +43 (0) 58801 / 26820
f +43 (0) 58801 / 26899
linzer@ifoer.tuwien.ac.at
www.ifoer.tuwien.ac.at

  
 

01.03.2010, Nachhaltigkeit Lokale Agenda 21