Monatsthema 01/10: Besser statt mehr - Wachstum im Wandel
Wir leben in einer Wachstumsgesellschaft, die unsere Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und Institutionen prägt. Aktuelle Krisen rufen lauter den je nach einem Paradigmenwechsel: besser statt mehr - Wachstum im Wandel.
Das Wachstumsparadigma war in der Vergangenheit maßgeblich für die steigende Lebensqualität verantwortlich: Wirtschaftswachstum war die erfolgreiche Antwort auf die soziale Krise des 19. Jahrhunderts und die Beschäftigungskrise der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, es war auch das Fundament des Wiederaufbaus der Nachkriegszeit (Blazejczak, 1998).In vielen politischen Bekenntnissen wird nach wie vor auf hohes Wachstum als Grundvoraussetzung für unsere weitere Entwicklung gesetzt. Auf österreichischer Ebene setzt beispielsweise das von den Sozialpartnern in Auftrag gegebene WIFO-Weißbuch: „Mehr Beschäftigung durch Wachstum auf Basis von Innovation und Qualifikation“ (Aiginger et al., 2006) auf ein höheres Wachstum, das auf Innovation und Qualifikation beruht, als wichtigsten Hebel zur Steigerung der Beschäftigung und Verringerung der Arbeitslosigkeit. Auf EU-Ebene verständigten sich die Staats- und Regierungschefs in der „Lissabon-Strategie“ darauf, die EU bis 2010 „zum wettbewerbsfähigsten, dynamischsten und wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen - einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen" (Europäischer Rat von Lissabon, 2000).
Aus diesen Bekenntnissen wird klar, dass Wirtschaftswachstum als zentrale Lösung für soziale, wirtschaftliche aber auch gewisse ökologische Herausforderungen angesehen wird.
Außerdem ist das Wachstum der Wirtschaft eng an den Verbrauch (knapper werdender) natürlicher Ressourcen gekoppelt, was wiederum zu vermehrten Abfällen, Emissionen etc. führt, und so insgesamt zu einer Bedrohung für Mensch und Wirtschaft unumkehrbaren Ausmaßes führt (Klimawandel, Artenverlust, Wüstenbildung, aber auch Erhöhung der Nahrungsmittelpreise, Armut etc.). Daher sollte über Alternativen zu einem rein auf quantitativem Wachstum aufbauenden Wirtschaftssystem nachgedacht werden, wenn es darum geht, Lösungen für aktuelle und zukünftige Probleme zu erarbeiten. Ein anhaltender Wachstumsrückgang als mögliche Konsequenz nachhaltiger Entwicklung ist bislang jedoch noch zu wenig untersucht worden.
Kritik an der Wachstumskritischen Debatte
Die Vorstellung, die Wirtschaft könne wegen endlicher Ressourcen nicht dauerhaft wachsen erscheint vielen Wachstumsbefürwortern als naiv. Als Hauptargument wird angeführt, dass nicht in erster Linie der Ressourcenverbrauch das Wachstum antreibt, sondern der technische Fortschritt. Und der hat aus Sicht der Wachstumsbefürworter unerschöpfliches Potenzial. So schreibt beispielsweise kürzlich Erich Gundlach, Senior Economist am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, am 13. Dezember 2009 in der Financial Times Deutschland: „Da die Möglichkeiten für den technischen Fortschritt unerschöpflich sind, können keine Grenzen des Wachstums in Sicht kommen, solange unser Planet bewohnbar bleibt.“ Dieser Aussage liegt die unter Ökonomen weitverbreitete Annahme zugrunde, dass der technische Fortschritt für einen sparsameren Einsatz von Ressourcen sorgt und somit ein unbegrenztes Potenzial für die Einsparung und die Substitution knapper Ressourcen in sich birgt. Es wird zudem häufig argumentiert, dass rascher technischer Fortschritt auch deshalb benötigt wird, weil Schwellenländer wie China und Indien sich ohnedies nicht vorschreiben lassen, wie ihr zukünftiges Wachstumstempo aussehen soll. Als Ausweg aus dieser Misere soll technischer Fortschritt für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum sorgen und gleichzeitig das umweltschädliche Wachstum bremsen. Daneben herrscht die weit verbreitete Anschauung, dass es sich bei umweltschädlichem Wirtschaftswachstum wie im Fall des Klimawandels nicht in erster Linie um ein Wachstumsproblem handelt, sondern um eine Form des Staatsversagens. Nicht mangelnde Erkenntnis, sondern mangelnde Koordination und eine praktisch-politische Umsetzung an der Schnittstelle von Staat und Markt sei das Problem. Deshalb wird argumentiert, dass neben großen technologischen Fortschritten vor allem überregionale politische Abkommen benötigt werden um globale Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Weniger Wachstum gilt in vielen – vor allem ökonomischen und politischen – Kreisen jedenfalls nicht als plausible Auswegstrategie.
Dabei sind es aber weniger „Wachstumskritiker“, mit denen sich eine auf Wirtschaftswachstum ausgerichtete Wirtschaftspolitik heute auseinander zu setzen hat, sondern die in beinahe allen deutlich sinkenden Wachstumsraten selbst, die den dafür zuständigen Kopfzerbrechen bereitet.
Empirische Studien zeigen, dass mittelfristig gesehen die Wachstumsraten in allen industrialisierten Ländern zurück gehen. Auch in Österreich ist die pro Kopf erwirtschaftete Güter- und Dienstleitungsmenge seit Mitte des vorigen Jahrhunderts zwar stetig gestiegen, aber von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer weniger: während die Wirtschaft in den 50er-Jahren noch durchschnittlich um 6% pro Jahr wuchs, waren es in den 60-er Jahren nur mehr 4-5%, in den 70ern 3-4 waren es in den 1980ern und 1990 nur mehr um die 2,5%. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jh konnten nicht einmal mehr 2% erreicht werden.
Und spätestens seit 2007 zeigt das Platzen der sog. Immobilienblase, dass das wirtschaftliche Wachstum der letzten Jahre, angetrieben durch ungedeckt vergebene Kredite, schon ökonomisch nicht nachhaltig ist. Besonders in den USA wurde mit Hilfe letztlich „fauler“ Kredite Konsumnachfrage (und damit Ressourcenverbrauch) stimuliert, der deutlich über dem lag, was ohne staatliche Unterstützung aufgetreten wäre. Und auch wenn die Wirtschaft 2010 wieder wächst. Das Niveau von 2008 wird wohl erst in 2011 oder 2012 wieder erreicht werden.
Green Jobs
Natürlich gibt es weltweit und gerade auch in Österreich noch erhebliche Möglich- und Notwendigkeiten, über eine ökologische Modernisierung neue Nachfrage zu schaffen. Initiativen, wie das österreichische Außenwirtschaftsleitbild, in dem Umwelttechnik und nachhaltige Entwicklung einen wesentlichen Beitrag zur Exportbelebung leisten sollen, oder auch der österreichische Klimaschutzpreis (etwa an das Reparatur- und Servicezentrum RUSZ), weisen in diese Richtung. Das Potential, die österreichische Konjunktur etwa über thermische Sanierung anzukurbeln, ist noch längst noch nicht ausgeschöpft, meint etwa das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut.
Für Deutschland wurde vor einigen Jahren berechnet (siehe: www.faktor-x.info), dass eine Kombination ambitionierter, ressourcensparender Maßnahmen (von einschlägigen Beratungsprogrammen für Unternehmen bis hin zu einer Verlagerung der Steuerlast vom Einkommen auf Ressourcen) 1 Million Arbeitsplätze schaffen könnte. Umgelegt auf Österreich wären das immerhin geschätzte 100.000. Einschlägige Studien dazu stehen aber noch aus.
Die Zukunftshoffnung „Erneuerbare Energie“ (und überhaupt: erneuerbare Rohstoffe) alleine (wie manchmal von „Wachstumsoptimisten“ zu hören ist) wird uns aber sicher nicht helfen, die „Grenzen des Wachstums“ zu überwinden. Denn wenn die C02-Emissionen um 50-80% reduziert werden sollen, was – um das globale Klima-Ziel von 2 Grad Celsius Erderwärmung einzuhalten – nötig sein wird, müssen auch erneuerbare Ressourcen so effizient und effektiv wie möglich eingesetzt werden. Sie sind zwar „nachwachsend“ aber auch nicht unbegrenzt verfügbar.
Folgerichtig soll auch der seitens des Lebensministeriums in Ausarbeitung befindliche „Ressourceneffizienz-Aktionsplans Österreich“, der im Rahmen eines Dialogs zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung erarbeitet wird, ressourceneffiziente und umweltfreundliche Technologien ebenso berücksichtigen, wie Struktur- und Lebensstiländerungen. Und die EU startet gerade ein sog. Eco-Innovation Observatory, in dem entsprechende Initiativen europaweit erfasst werden sollen. Zu einem wesentlichen Faktor für eine zukunftsfähige Entwicklung können erneuerbare Rohstoffe nur werden, wenn sie in eine Strategie des „guten Lebens mit weniger Energie“ eingebettet sind, womit natürlich nur „Energie“ im technischen Sinn gemeint ist. An Lebensenergie und Lebensqualität darf und soll es nicht mangeln.
Mehr Lebensqualität bei ausbleibendem Wachstum
Was ist eigentlich Lebensqualität? Seit einigen Jahren beschäftigt sich auch eine wachsende Zahl von WissenschafterInnen mit dieser Frage. Jenseits befriedigter Grundbedürfnisse scheint der Zusammenhang zwischen Lebensqualität und Ressourcenverbrauch relativ lose. Es stimmt zwar, dass bei den heutigen Produktions- und Konsummustern Energieverbrauch und Lebensqualität recht eng gekoppelt sind. „Mehr haben“ bedeutet nicht unbedingt „gut leben“.
Aber stimmt auch die Umkehrung? Lässt es sich auch mit „weniger“ „gut leben“? „The good economy should serve the good life“ sagte der amerikanische Ökonom Edmund Phelps 2006 in seiner Nobelpreisrede. Und ein gängiges Bonmont lautet: „Wir wollen immer mehr verdienen, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, aber Leute beeindrucken, die wir nicht mögen“
Weit über 10.000 Dinge hat ein durchschnittlicher Haushalt in seinen „4 Wänden“. Er wundere sich, dass heute nicht noch mehr Menschen von der Fülle der Dinge, die sie haben heillos überfordert sind, sagt Tiki Küstenmacher, Bestseller- Autor des Buches Simplify your life“. Wer vor 2 – 3 Generationen so viel hatte, hatte Angestellte, um diese zu verwalten – heute müssen wir selber damit klar kommen – und tun das immer weniger.
Weniger Wachstum bedeutet weniger Nachfrage. Wenn also die Menschen weniger nachfragen, ihre Autos und ihre Mobiltelefone länger behalten – weshalb auch weniger produziert werden müsste – sollten sich Wirtschaft und Gesellschaft darauf einstellen.
Doch können sie sich darauf einstellen?
Welche Systeme brauchen Arbeitsmarkt, soziale Sicherung oder Bildung um sich auf eine solche Entwicklung einzustellen?
Ein wesentlicher Bereich, wenn es um die Lebensqualität der Menschen in Europa geht, ist die Arbeit. Einen Job zu haben oder nicht gehört zu den wesentlichen Aspekten, die ausmachen, ob sich jemand glücklich fühlt oder nicht. Befriedigende und erfüllende (Erwerbs-) Arbeit für alle, die eine solche möchten, ist daher ein wesentlicher Aspekt sozialer Nachhaltigkeit. Dies wird umso wichtiger, je mehr die Bedeutung materiellen Konsums für unser Wohlbefinden abnimmt.
Viele Menschen klagen über Arbeitsüberlastung, Stress, Überstunden. Andererseits: Weniger arbeiten für weniger Geld ist auch für die meisten (noch) wenig attraktiv. Zunehmend trägt auch die Freizeit (Zeit für Beziehungen, für Selbstverwirklichung und gesellschaftliches Engagement) zum Glück bei.
Und genau hier zeigt sich ein neuer gesellschaftlicher Mangel. Warum arbeiten diejenigen, die (Erwerbs-) Arbeit haben, immer mehr, immer intensiver? Weniger arbeiten für weniger Geld heißt auch weniger Ressourcenverbrauch - und mehr Zeit für „Immaterielles“. Für Beziehungen und Muße, für unsere Kinder, Eltern und Freunde. Und für die Gemeinschaft. Zeit ist letztlich die einzige Ressource, die wirklich spürbar knapp ist. Wenn einzelne weniger (erwerbs-)arbeiten, bedeutet das aber auch, dass andere, die derzeit keinen oder nur schlecht bezahlte Jobs haben neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Jedoch bedeutet Vollbeschäftigung in diesem Zusammenhang nicht eine Rückkehr zum „Normalarbeitsverhältnis für alle“, sondern eine Situation, in der alle, die eine Erwerbsarbeit möchten, diese auch bekommen können – nicht unbedingt und nicht immer full time.
Wirtschaftswachstum durch Beschäftigungswachstum und vice versa kann als Strategie identifiziert werden, die die soziale (und auch die ökologische) Seite der Erwerbsarbeit völlig vernachlässigt: sinnhafte, angereicherte und gesundheitsförderliche Tätigkeiten, existenzsichernde Einkommen, demokratische Teilhabe, Qualität der Arbeit, Gleichstellung von Frauen und die Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung werden weitgehend ausgeblendet, auch die Vereinbarung von Erwerbsarbeit und persönlicher Lebensführung hat keine wirkliche Priorität. Erwerbsarbeit hat eine zentrale Rolle und Bedeutung: Oft wird sie als einzige mögliche Quelle der Einkommenssicherheit für das Individuum und Ermöglichung der Befriedigung der „needs“ und „wants“ gesehen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen steht an erster Stelle und mit der Schaffung dieser Arbeitsplätze ist ein weiterer großer Mythos verbunden, den wir kaum aufzugeben bereit sind: Dass Erwerbsarbeit zu sozialer Sicherheit führe. (Pühringer 2009 nach Brie 2002)
Weniger (materieller) Konsum im Austausch für mehr Freizeit könnte durchaus im Sinne vieler Menschen sein. Eine gewisse (freiwillige) Verringerung der Arbeitszeit pro Kopf (ohne einen entsprechenden Lohnausgleich) erscheint durchaus zielführend. Andererseits wäre eine Verlängerung der Erwerbsarbeit jenseits des derzeitigen Pensionsalters durchaus angezeigt. Zusammen genommen könnten diese beiden Trends mit einer Unterstützung von neuen Arbeitskonzepten verknüpft werden.
Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit
Wenn man berücksichtigt, dass sich Umweltverbrauch vorwiegend aus dem aus Erwerbsarbeit finanzierten Konsum ergibt, würden gesteigerte Möglichkeiten zu einer Umverteilung zwischen beruflicher und unbezahlter Arbeit zugunsten letzterer positive Wirkungen entfalten. Dazu ist die Erweiterung des Arbeitsbegriffes, weg von der „normalen“ Erwerbsarbeit hin zu einem ganzheitlichen Arbeitsbegriff, jenem der Mischarbeitnotwendig (Stocker et al., 2006).
Das Konzept der Mischarbeit verbindet dabei Erwerbsarbeit mit allen anderen, in einer Volkswirtschaft relevanten unbezahlten Arbeitsformen, wie Eigenarbeit (z.B. Haus- und Gartenarbeit), Versorgungsarbeit (z.B. Kinderbetreuung, Kranken- und Altenpflege) und Gemeinschaftsarbeit (z.B. unbezahlte Tätigkeiten in Selbsthilfegruppen, gemeinnützigen Vereinen, informellen Organisationen) – und zwar für alle Bevölkerungsgruppen - und erkennt diese informellen Arbeiten (Erwerbsarbeit, Eigenarbeit, Versorgungsarbeit und Gemeinschaftsarbeit) als produktive Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft an. Diese Tätigkeiten, die eine wichtige Grundlage des Wirtschaftens bilden, werden von der bestehenden Ökonomie nach wie vor als unbewertete Existenzbedingungen vorausgesetzt (vgl. www.a-und-oe.de). Im Konzept der Mischarbeit werden diese wertvollen Leistungen explizit berücksichtigt und erlangen somit einen höheren Stellenwert.
Wenn die Erwerbsarbeit aber sinkt, weil mehr Menschen Nicht-Erwerbsarbeit leisten (möchten), würde das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zurück gehen und davon abhängig auch der Umwelt- und Ressourcenverbrauch, ohne dass damit die Lebensqualität sinken muss.
Unbedingt notwendig in der ernsthaften Entwicklung eines erweiterten Arbeitsmarkts ist der Aufbau von stärker abgestuften Beschäftigungsmöglichkeiten, die Erarbeitung von Konzepten mit Dauerarbeitsplätzen für Menschen mit eingeschränkter Erwerbsfähigkeit (Teilerwerbsfähigkeit), die Schaffung eines erweiterten Arbeitsmarkts mit einer „Brückenfunktion“ in Beschäftigung (Transitarbeitsplatz) zwischen Beschäftigung (z.B.) Arbeitsstiftungen) und aus der Beschäftigung (z.B. Übergang in Pension) in einem qualitätsvollen Gefüge, aus dem keine Person „herausfällt“ oder weiter an den Rand gedrängt wird und das unbedingte Abgehen von der Fixierung auf möglichst rasche Integration in den „ersten“ Arbeitsmarkt – alles basierend auf den Prinzipien Respekt, Freiwilligkeit, Existenzsicherung (kollektivvertragliche Entlohnung) und Nachhaltigkeit.
Mehr Lebensqualität für alle ist auch ohne Wirtschaftswachstum möglich, wenn es gelingt, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Dazu gehört, Arbeit auf mehr Menschen zu verteilen, das Steuersystem umzugestalten und die soziale Sicherheit so zu organisieren, dass das hohe, aber nicht unbedingt weiter steigende Sozialprodukt bestmöglich verteilt wird.
Aktuelle Debatte und Initiativen in Österreich und Europa
Wachstum im Wandel - Growth in Transition (AT)
Von 28. bis 29. Jänner 2010 findet die internationale Konferenz mit dem Titel „Wachstum im Wandel“ in der Aula der Wissenschaften in Wien statt.
Auf eine Initiative des Ministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt- und Wasserwirtschaft hin soll anhand von Themen wie Geld und Finanzen, Wachstum und Ressourcenverbrauch, soziale Gerechtigkeit und Armut, nachhaltige Produktion und Konsum, regionale Aspekte, makroökonomische Fragen, Lebensqualität und Messung von Wohlstand, Arbeit, Governance sowie Nachhaltiges Management eine breite öffentliche Diskussion über qualitative, gerechte und nachhaltige Wachstumsstrategien für das 21. Jh. in Gang gesetzt werden.
Gerade jetzt – angesichts der aktuellen Krise und der intensiven Bemühungen für ein Wirtschaftswachstum – muss mehr denn je die Frage danach gestellt werden, welches Wachstum wir für die Zukunft wollen und welche Ziele damit verfolgt werden sollen. Das Projekt „Wachstum im Wandel" beabsichtigt, möglichst viele Institutionen und Personen in einen Dialog darüber zu involvieren, wie wir diesen Wandlungsprozess in Richtung Zukunftsfähigkeit gestalten können. Ein weiteres Ziel ist, einen Beitrag zu laufenden EU-/internationalen Prozessen zu leisten und darüber in Österreich stärker zu informieren.
Das Projekt läuft unter der Dachmarke "Wachstum im Wandel", unter der verschiedene Institutionen Aktivitäten veranstalten, die zu einem "größeren Ganzen" beitragen – um Kräfte zu bündeln und mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Jahr 2009 wurden sechs Workshops durchgeführt und die Aktivitäten werden bis zu einer internationalen Konferenz Ende Jänner 2010 aufeinander aufbauend gestaltet. Die Ergebnisse fließen schließlich in die Konferenz ein.
Das bereits von SERI/Karuna Consult erarbeitete Argumentarium „Welches Wachstum ist nachhaltig?" bildet die Grundlage einer vertiefenden Diskussion.
Anmeldung und Diskussion der wichtigsten Themen unter:
www.wachstumimwandel.at
Ökonomischer Wachstumsdialog (AT)
Eine von Fritz Hinterberger (SERI) und Nationalbank-Ökonom Andreas Breitenfellner koordinierte Gruppe von Ökonominnen und Ökonomen aus Universitäten, Forschungsinstituten, Ministerien und dem Finanz-Sektor veröffentlichte kürzlich einen “Kommentar der anderen” in der heutigen Ausgabe der österreichischen Tageszeitung “Standard“: “Trotz Kopenhagen soll das implizite Wachstumsziel der Lissabon-Strategie der EU weiterhin gelten. Wie soll das gehen?” Fazit: “Wachstum ist ein Teil des Klimaproblems – vielleicht ein lösbarer. Wer aber Wachstum undifferenziert als Lösung anbietet, ist ein Scharlatan.” (DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2009). Der Artikel ist hier online. Dieser „ökonomische Wachstumsdialog“ geht auch 2010 weiter.
Details auf www.seri.at
Bausteine einer krisenfesten Marktwirtschaft: Studie und Veranstaltungen
Mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und im Auftrag des ökosozialen Forums erstellte das „Research Institute for Managing Sustainability (RIMAS) an der Wirtschaftsuniversität Wien eine Bestandaufnahme wirtschaftswissenschaftlicher Theorien und Ansätze für eine krisenfeste Marktwirtschaft. Im Zentrum stand die langfristige Gestaltung der Rahmenbedingungen nachhaltigen Wirtschaftens und nicht die Details kurzfristiger Konjunkturprogramme. In Workshops und einer Serie von Interviews mit führenden Forscherinnen und Forschern wurden Vorschläge gesammelt und zu drei verdichtet: Im Dezember 2009 fand dazu ein hochrangig besetzter internationaler Workshop statt.
Link zur Studie: http://www.sustainability.eu/pdf/Endbericht%20NH%20WiOrdnung.pdf
Redefining Growth and Prosperity (UK)
Das Projekt der Britischen Kommission für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Commissions, SDC), "Redefining Prosperity" erforschte die Zusammenhänge und Konflikte zwischen Nachhaltigkeit, Wachstum und "Wellbeing" (dt. Wohlergehen). In einem zweijährigen Arbeitsprogramm wurden Arbeiten in Auftrag gegeben, Seminare organisiert und um Feedback gebeten.
Das Projekt resultierte in einem größeren SDC Report: 'Prosperity without Growth?: the transition to a sustainable economy' by Professor Tim Jackson, SDC’s Economics Commissioner (Tim Jackson ist Person des Monats). Die Kommission will die Diskussion und die Debatte um Themen, die auf “Wohlstand ohne Wachstum“ (Prosperity without growth) Bezug nehmen anregen.
Denkwerk Zukunft (DE)
Denkwerk Zukunft ist eine Stiftung, die sich für die Erneuerung der westlichen Kultur engagiert, um diese wieder zukunfts- und verallgemeinerungsfähig zu machen. Dies erfordert ein verändertes Verständnis von Kultur. Das Denkwerk Zukunft will zu diesem veränderten Verständnis beitragen und zugleich Anregungen für eine kulturelle Erneuerung geben. Das Netzwerk von Denkwerk Zukunft besteht aus einer Reihe von Experten aus verschiedenen Branchen und unabhängigen Einzelpersonen, die in der Öffentlichkeit stehen. Es werden geeignete Themen, Personen oder Institutionen für intellektuelle Diskussionen gesucht und das Expertenwissen und die Überlegungen in einer Disposition dargestellt. Die Aktivitäten des Denkwerks Zukunft werden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die erste Konferenz "Besser statt mehr - Wohlstand im 21. Jahrhundert" fand im November 2009 statt.
www.denkwerkzukunft.de
Rethinking Economic Growth: Toward an International Degrowth Network
Am 12. Jänner 2010 findet in London die Konferenz „Rethinking Economic Growth“ statt.
In vielen Teilen Europas hat sich eine mehr oder weniger starke Bewegung um das Konzept „Degrowth“ oder „Decroissance“ (im Deutschen als „Schrumpfung“ bezeichnet) entwickelt. Es wird definiert als “sanftes, freiwilliges und gerechtes downscaling (dt. etwa Zurückentwicklung) von Produktion und Konsum um menschliches Wohlergehen und regionale als auch globale ökologische Nachhaltigkeit kurz- und langfristig zu sichern“. (Vgl. Kallis, Schneider and Martinez-Alier, 2008)
Die Konferenz ist hochkarätig besetzt. Sprecher sind Mauro Bonaiuti, Präsident der Italienischen „Degrowth Association“, Andre Reichel von der Universität Stuttgart, Leida Rijnhout, eine der OrganisatorInnen der Degrowth Konferenz in Barcelona, Stephen Spratt von „new economics foundation“ und Tim Jackson, Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität von Surrrey und Direktor der „newly – awarded ESRC Research Group on Lifestyles, Values and Environment (RESOLVE).
www.ceecec.net
www.degrowth.eventbrite.com
The Sustainable Degrowth movement (EU, insb. FR, ES, IT)
Der Fortschritt in den theoretischen Überlegungen bezüglich „Sustainable Degrowth“ (im Deutschen als nachhaltige „Schrumpfung“ bezeichnet) war in den letzten Jahre beachtlich.
Sustainable Degrowth definiert und repräsentiert eine soziale Bewegung, die den Neoklassischen Ökonomien kritisch gegenübersteht und die Zusammenarbeit zwischen Forschern und zivilgesellschaflichen Organisationen anregen und ermöglichen, um in Richtung einer „Degrowth“ Gesellschaft zu gelangen.
Die erste Degrowth Konferenz fand 2007 in Paris statt, die zweite wird 2010 in Barcelona stattfinden. Auch kleinere Veranstaltungen finden immer wieder statt, zum Beispiel die „Socially sustainable economic degrowth“ Veranstaltung im Europäischen Parlament im April 2009 oder die „Rethinking Economic Growth: Toward an International Degrowth Network“ im Jänner 2010 in London.
Der Link zur Konferenz in Barcelona im März 2010:
www.degrowth.net
Messungsinitiativen:
Beyond GDP, OECD working group, Stiglitz Commission (EU, OECD, F)
Diskutiert wird momentan in der Öffentlichkeit auch über die verbesserte Messung von Wohlstand. Ein Strang der Debatte beschäftigt sich mit Initiativen wie Beyond GDP, OECD Arbeitsgruppe "Messung des gesellschaftlichen Fortschritts" und Stiglitz Kommission (EU, OECD, F).
Beyond GDP ist eine Initiative der Europäischen Kommission, die daran arbeitet, Messgrößen für Fortschritt, Reichtum und Wohlergehen zu verbessern und die Debatte über Messung von sozialem, wirtschaftlichem und umweltbezogenen Fortschritt anzuregen.
Siehe auch: www.beyond-gdp.eu/de/index.html
Die Stiglitz Kommission für die Messung von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialem Fortschritt wurde Anfang 2008 auf eine Initiative der Französischen Regierung hin gegründet und beschäftigt sich mit einer Vielzahl an Themen. Ein Ziel der Kommission ist u.a. die Grenzen des Bruttoinlandsproduktes als Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und sozialen Fortschritt aufzuzeigen. Die Ergebnisse der Kommission werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und die Kommission bietet eine Plattform für alle interessierten Länder an.
Siehe auch: www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/en/index.htm
Diese Initiativen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der aktuellen Messungsdebatte und der Debatte um die Verbesserte Messung von Wohlstand. Das Monatsthema Februar 2010 auf www.nachhaltigkeit.at wird sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen.
Autoren: Maria Pircher, Elke Pirgmaier, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Sustainable Europe Research Institute und Fritz Hinterberger, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Sustainable Europe Research Institute (www.seri.at). Recherche und Aufbereitung im Auftrag des Lebensministeriums, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik
Weitere Informationen:
Person des Monats 01/10: Tim Jackson
Dialog des Monats 01/10
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Literatur:
Blazejczak, J. (Hrsg) (1998): Zukunftsgestaltung ohne Wirtschaftswachstum? Ergebnisse eines Workshops des DIW im Auftrag von Greenpeace Deutschland. DIW Diskussionspapier Nr. 168, Deutsches Institut f. Wirtschaftsforschung, Berlin.
Pühringer, J.: Hauptsache (Erwerbs)Arbeit?, in: Freytag, E. (Hrsg) (2009): Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium, Mandelbaum, Wien.
05.01.2010, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten


