Monatsthema 02/10: Ansätze und Wege zur Messung von Wohlstand und Wachstum
Das Wohlergehen und die Lebensqualität der Menschen, sowie das Florieren von Gesellschaften als Ganzes sind die wichtigsten Aspekte unseres Lebens und somit auch Auftrag an Politik und Wissenschaft. In diesem Monatsthema beleuchten wir aktuelle Ansätze und Wege zur Messung von Wohlstand und Wachstum.
Warum ist Messung wichtig?
Aber trotz stabilen Friedens und stabiler Institutionen in den meisten OECD-Staaten und noch nie dagewesenen ökonomischen Leistungen hinsichtlich des BIP in den letzten 40 Jahren, fühlen sich viele Menschen trotzdem nicht länger wohlhabender oder bessergestellt, auch nicht in Hinblick auf materielle Aspekte. Es gibt immer größere Einigkeit entlang des politischen Spektrums, dass sich die modernen westlichen Gesellschaften am Rande einer so genannten „Sozialen Rezession“ befinden (Zencey, 2009). Es gibt Belege für steigende Raten von Angst und klinischer Depression, die Zusammenbrüche von Familien und Gemeinschaften, den Rückgang von Moral im Arbeitsleben sowie im öffentlichen Leben, Vertrauensverlust in der Gesellschaft und steigende politische Apathie (siehe z.B. auch Jackson, 2009:86).
Zusätzlich zu diesen sozialen Herausforderungen sind Gesellschaften heutzutage mit der sich rapide verändernden Umwelt konfrontiert, wovon der Klimawandel als prominentestes Beispiel zeugt. Wissenschaftler betonen, dass die Basis der natürlichen Ressourcen, die einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität unserer Gesellschaften leistet, vor der Gefahr von Ausbeutung und Kollaps steht (siehe z.B. auch Giljum et al., 2009: 2). Um globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Erschöpfung der Ressourcen, Armut, der Finanzkrise etc. entgegenzusteuern, werden neue Strategien für unsere zukünftige Entwicklung benötigt.
Ansätze, die diese großen Herausforderungen bewältigen können, benötigen Aspekte von Operationalisierung. In der Wissenschaft ist Operationalisierung ein wichtiger Schritt um theoretisch entwickelte Hypothesen in der Praxis zu testen und ein Schlüssel für ein besseres Verständnis von realen Verbindungen. In der Politik ist Operationalisierung essentiell um abstrakte Konzepte in wahrnehmbare und messbare Größen umzuwandeln. Messung ist zwar nur ein Aspekt von Operationalisierung, dafür aber ein extrem wichtiger! Ohne entsprechende Messungen wären beispielsweise der Ressourcenverbrauch, die CO2 Emissionen oder das Bevölkerungswachstum nicht zu managen. Erst anhand konkreter Zahlen wird (breiteres) Bewusstsein geschaffen (z.B.: ökologischer Fußabdruck) und werden konkrete Maßnahmen umsetz- und kontrollierbar (wie z.B.: Emissionsauflagen).
Auf der anderen Seite ist auch mit zu bedenken, dass wir uns mit Zahlen, Daten und deren Verknüpfungen ein Bild von der Welt machen, das ein Modell, aber nicht die Wirklichkeit ist. Indem wir Bestimmtes mit Daten illustrieren, ziehen wir von anderen Dingen das Licht ab.
Vielleicht sind in manchen Fällen andere, nicht in Zahlen erfassbare Dinge viel wesentlicher. Beispielsweise funktioniert Erziehung durch Vorleben und hat nichts mit Messung zu tun. Die Versuche, den Erfolg von Schul- oder Bildungssystemen zu messen, sind eher mit Vorsicht zu betrachten.
Wenn wir das "Umweltverhalten" der Leute steuern wollen, so ist es besonders effizient, ihnen Möglichkeiten anzubieten: Sie werden den Müll nur trennen, wenn verschiedene Behälter für die unterschiedlichen Fraktionen zur Verfügung stehen, öffentliche Verkehrsmittel nur benützen, wenn es ein Angebot gibt, ... - unsere Informationen über die Entwicklung des Abfalls oder die Verkehrsemissionen helfen da wenig. Messungen alleine bewirken also noch wenig, und die Auswahl von Indikatoren ist ein Wertsetzungsprozess, dem entsprechende Beachtung gegeben werden muss.
Die Grenzen des BIPs als Wohlstands-Indikator
Im Bezug auf die ökonomische Leistung ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP, englisch: Gross domestic product - GDP) der am häufigsten verwendete Indikator. Es gibt seit langer Zeit Kritik am BIP, weil es oft als Wohlstandsmesser herangezogen wird, obwohl es lediglich ein Maß für die Größe von Volkswirtschaften darstellt.
Die Interpretation des BIP hat sich im Laufe der Jahre von einer grundlegenden Messung der Wirtschaft in einem Land zu einem Schlüsselindikator für die Messung des allgemeinen Wohlstandes von Gesellschaften entwickelt. Diese Entwicklung war teilweise gerechtfertigt, da bei vielen Schlüsselfaktoren der Lebensqualität mit steigendem BIP Verbesserungen erzielt wurden sind, so z.B. bei Lebensmitteln, Arbeitsplätzen, Bildung, und Sicherheit oder im Gesundheitswesen. Heutzutage stimmen viele Menschen in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft überein, dass die wirtschaftliche Leistung und deren Wachstum für die Mehrheit der Menschen nicht länger notwendigerweise eine Verbesserung der Lebensqualität bedeuten. Die Überbewertung des Wachstums des Bruttoinlandsproduktes als politisches Ziel kann eine Gefahr für eine sozio- ökonomisch und ökologisch nachhaltige Entwicklung sein.
Drei Zitate zu den Grenzen und Schwächen des BIP als Wohlstandmesser
Schon 1934 warnte der Ökonom Simon Kuznets in seinem allerersten Bericht report of national income to Congress: “the welfare of a nation can [...] scarcely be inferred from a measure of national income”.
"We will find neither national purpose nor personal satisfaction in a mere continuation of economic progress, in an endless amassing of worldly goods. […] GNP measures neither our wit nor our courage, neither our wisdom nor our learning, neither our compassion nor our devotion to our country. It measures everything, in short, except that which makes life worthwhile.” (Rede von Robert F. Kennedy sen. im März 1968).
"GDP has increasingly become used as a measure of societal well-being, and changes in the structure of the economy and our society have made it an increasingly poor one. It is time for our statistics system to put more emphasis on measuring the well-being of the population than on economic production." (Joseph Stiglitz, September 2009).
Wohlstand - wie beschreiben, wie messen?
Es gibt viele Wohlstandskonzepte aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen. Dabei herrscht Einigkeit darüber, dass Wohlstand zweifellos materielle Dimensionen besitzt, aber auch überaus wichtige soziale und psychologische. Deshalb sollte neben dem Bruttoinlandsprodukt-Konzept von Wohlstand auch über Alternativen nachgedacht werden, die mit nachhaltiger Entwicklung kompatibel sind, die sowohl in ökonomischen, als auch in anderen z.B. in religiösen oder psychologischen Bedingungen ausgedrückt werden und von der Mehrheit der Menschen akzeptiert werden können.
Einen Vorschlag für einen ganzheitlichen Wohlstandsbegriff bietet die Initiative zum „Monitoring nachhaltiger Entwicklung in Österreich“ (MONE, siehe unten). Wohlstand wird hier als das Spannungsfeld zwischen den vier Werten „Güter“ (inklusive z.B. Bildung, Kunst und Kultur), „Gesundheit“, „Umwelt“ und „Zeit“ beschrieben.
Wohlstandsmessung im „Monitoring nachhaltiger Entwicklung in Österreich“
Das österreichische Lebensministerium (BMLFUW) und die Universität für Bodenkultur begannen bereits 2003 mit der Erstellung einer Studie über „Monitoring nachhaltiger Entwicklung in Österreich“. Sie kamen damit der Aufforderung der „Österreichischen Strategie zur nachhaltigen Entwicklung“ zur Erstellung eines Indikatorensets zur Beurteilung nachhaltiger Entwicklung in Österreich nach.
Neben dem oben genannten Wohlstandbegriff wurde in einem ersten Schritt eine Liste von Themengebieten festgelegt, die durch Indikatoren abgedeckt werden sollten. Im zweiten Schritt wurden in einem breiten partizipativen Prozess Indikatoren zu den einzelnen Themengebieten zusammengestellt.
Ergebnis dieses Prozesses war ein Indikatorenset mit 26 Headline-Indikatoren, die jeweils ein Themengebiet überblickshaft abdecken (vereinzelte Gebiete haben auch zwei Headline-Indikatoren), sowie 56 zusätzlichen, noch differenzierteren Indikatoren.
Im Bereich „Umwelt“ gehören zu den Headline-Indikatoren beispielsweise Treibhausgasemissionen, Energieverbrauch absolut und in Relation zum BIP, Grundwasserqualität oder Lärmbelästigung; Indikatoren, die durchaus Umweltaspekte von Wohlstand ausdrücken.
Der Bereich „Mensch / Gesellschaft“ umfasst neben klassischen Wohlstandsindikatoren, die teilweise beispielsweise auch im Human Development Index der Vereinten Nationen enthalten sind, wie dem BIP pro Kopf, der Lebenserwartung oder dem Bildungsstand, unter anderem auch Aspekte wie Verteilungsgerechtigkeit (oberstes Quintil/unterstes Quintil), internationale Gerechtigkeit (Höhe der Entwicklungshilfe), Armutsgefährdung oder Zeitwohlstand.
Die Indikatorenliste versucht der Messung von Wohlstand auch gerecht zu werden, indem ein im internationalen Vergleich hoher Anteil der Indikatoren subjektive Größen durch Selbsteinschätzung abfragt (z.B. Zufriedenheit mit der Wohnsituation, Vertrauen in Institutionen oder Sicherheitsempfinden). Die genaue Indikatorenliste finden Sie als Tabelle einschließlich der Indikatorendaten hier oder als pdf-Download.
Einige der im Rahmen der Studie für sinnvoll erachteten Indikatoren waren in der Praxis zum Zeitpunkt der Studie noch nicht zu erheben bzw. für eine Erhebung noch nicht konkret genug formuliert. Diese Indikatoren wurden vorläufig durch Ersatzindikatoren ersetzt und an der Weiterentwicklung der eigentlich gGewünschten weitergearbeitet, zum Beispiel im Falle des Zeitwohlstands. Der dazugehörige Indikator muss eine besonders schwierige Gratwanderung zwischen objektiver freier Zeit und subjektiver freier Zeit und daraus resultierendem Nutzen bewältigen (- beispielsweise wird ein Arbeitsloser seine viele „Freizeit“ in der Regel nicht positiv bewerten).
Der Prozess mündete in einen Endbericht, der 2006 veröffentlicht wurde und in dem das gesamte Monitoring-Konzept ausgeführt wird.
Seit 2007 wird auf Basis des aus dem Bericht resultierenden Indikatorensets alle zwei Jahre ein Bericht veröffentlicht, in den die Entwicklung der Indikatoren dargestellt wird. Die Berichte von 2007 und 2009 bescheinigen Österreich im sozialen und ökonomischen Bereich weitestgehend positive Entwicklungen, die ökologischen Indikatoren weisen hingegen stärkere Mängel auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung auf. Die beiden Indikatorenberichte stehen hier zum Download bereit.
Bereits in der amtlichen Statistik umgesetzt ist auch die Umweltgesamtrechnung, mit der den wirtschaftlichen Aktivitäten Umweltbelastungen gegenübergestellt werden (www.umweltgesamtrechnung.at/).
Internationale Initiativen zur Messung gesellschaftlichen Fortschritts
Auf internationaler Ebene sind momentan drei große und eine Reihe von kleineren Initiativen zur Messung des Fortschritts in Gesellschaften im Gange.
Die OECD hat ein ambitioniertes weltweites Projekt für “Measuring the Progress of Societies” initiiert. Eine weitere wichtige Initiative, “Beyond GDP”, wurde von der Europäischen Kommission ins Leben gerufen. Die dritte Initiative, die hier ausführlich vorgestellt wird, ist die „Commission on the Measurement of Economic Progress and Social Progress”. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz wurde 2008 vom französischen Präsidenten Sarkozy beauftragt, diese Gruppe zu leiten, die neue Ansätze bzw. Methoden zur Messung der wirtschaftlichen Leistungen und des sozialen Fortschritts in Gang setzen soll.
Zusätzlich werden im Folgenden die „Green Growth“-Strategie der OECD sowie die Initiative zur Messung von „Green Growth“ des Economic Policy Councils der EU kurz dargestellt.
Die Stiglitz Kommission
Im Jahr 2008 hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean Paul Fitoussi beauftragt, eine Kommission zu errichten, die die Messung von wirtschaftlicher Performance und sozialem Fortschritt diskutieren soll. Dies geschah aufgrund von Bedenken über die Adäquanz von aktuellen Messungen der ökonomischen Leistungen, genauer gesagt derjenigen die auf dem BIP basieren, und der Relevanz, die diese Größen für die Messung des sozialen Wohlergehens haben.
Ein Team von 22 ÖkonomInnen und SozialforscherInnen (darunter zwei Frauen) wurde gegründet und in drei Arbeitsgruppen formiert, die sich auf folgende Bereiche konzentrierten:
- klassische BIP Themen
- nachhaltige Entwicklung und Umwelt
- Lebensqualität
Die Arbeit der Kommission begann im Frühling 2008 und hatte als Ziel, die Grenzen des BIP als Indikator für wirtschaftliche Leistung und sozialen Fortschritt zu dokumentieren. Dazu gehörten auch Fragen der Messung: etwa zu überlegen, welche zusätzlichen Informationen für die Erstellung relevanter Indikatoren für sozialen Fortschritt nötig wären, die Möglichkeiten und Fähigkeiten von alternativen Messinstrumenten herauszufiltern, und zu eruieren, wie die statistischen Informationen auf geeignete Art und Weise präsentiert werden können.
Nach einem öffentlichen online stattgefundenen Konsultationsprozess im Juni 2009 wurde im September 2009 der Endbericht der Kommission veröffentlicht. Der über 300 Seiten umfassende Bericht „Report by the Commission on the Measurement of Economic Perfomance and Social Progress“ bietet einen generellen Überblick über den aktuellsten Stand der Erkenntnisse in den jeweiligen Bereichen und hebt zwölf Schlüsselempfehlungen für Bereiche hervor, auf die mehr Aufmerksamkeit gelegt werden sollte:
- Die Optimierung der Messsysteme für wirtschaftliche Aktivitäten, um die steigende Komplexität von Produkten und Dienstleistungen zu erfassen. Dem Bericht zufolge macht es einen Unterschied, ob der Output quantitativ oder qualitativ steigt. Der Bericht räumt zwar ein, dass die Messung von Qualitätszuwächsen schwierig sei, aber es dies sei eine Schlüsselstelle, um reales Einkommen und realen Konsum, also materielles Wohlergehen, zu bewerten. Eine Unterschätzung von Qualitätsverbesserungen lässt sich wie eine Überschätzung der Inflationsrate interpretieren, und somit wäre das Realeinkommen unterschätzt. Das Gegenteil trifft zu dann zu, wenn die Qualitätsverbesserungen überschätzt werden.
- Die Entwicklung eines statistischen Systems, das Messungen der wirtschaftlichen Aktivitäten und des Wohlergehens der Bevölkerung in Bezug zu Nachhaltigkeit festhält. Dieses System könne nicht singulär sein, sondern müsse die Komplexität von Wohlergehen berücksichtigen und mehrere verschiedene Bemessungen integrieren.
- Konkret sieht der Bericht beispielsweise die Messung des Sozialkapitals als wichtige Einflussgröße: höheres Sozialkapital soll höhere Lebenszufriedenheit, bessere Gesundheit, aber auch höhere Jobchancen bewirken.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit kann hier nur ein Auszug der Empfehlungen dargestellt werden. Es zeigt sich, dass sich Österreich mit dem „Monitoring nachhaltiger Entwicklung“ bereits auf einem fortgeschrittenen Weg befindet, und es bleibt zu hoffen, dass sich die ähnlichen Initiativen weiter befruchten und in ihrer Entwicklung fördern.
Mehr Informationen über die Stiglitz-Kommission und deren Arbeit finden Sie hier:
www.stiglitz-sen-fitoussi.fr
Der Bericht kann hier heruntergeladen werden:
www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/documents/rapport_anglais.pdf
In einem zusätzlichen Dokument hat die Stiglitz-Kommisssion ihre Arbeiten eingehend reflektiert:
www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/documents/overview-eng.pdf
Die „Beyond GDP-Initiative“ der Europäischen Kommission
Im November 2007 fand auf Initiative der Europäischen Kommission die Konferenz “Beyond GDP” statt. Ziel der Konferenz war es, Indikatoren für die Messung von Fortschritt, Wohlstand und Wohlbefinden zu diskutieren und wie diese Indikatoren am besten in Entscheidungsprozesse integriert und in die politische Debatte aufgenommen werden können. Über 650 Delegierte aus über 50 Nationen nahmen Teil, um zu debattieren, wie die Messung von Fortschritt, Wohlstand und Wohlergehen von Staaten verbessert werden kann.
Auch den TeilnehmerInnen der „Mehr als BIP“-Konferenz zufolge sind ökonomische Indikatoren wie das BIP nie mit dem Ziel entwickelt worden, allumfassende Indikatoren der gesellschaftlichen Wohlfahrt zu sein. Ihre Feststellung dazu: „Es werden zusätzliche Indikatoren gebraucht die so klar und ansprechend wie das BIP sind, aber andere Dimensionen von Fortschritt – insbesondere umweltbezogenen und sozialen - mit einbeziehen. Wir brauchen adäquate Indikatoren um globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Armut, der Übernutzung unserer Ressourcen und der Gesundheit, zu begegnen.“
Die Konferenz war eine wichtige Weichenstellung für die Diskussion über die Messung von Fortschritt, Wohlstand und Wohlbefinden.
Im August 2009 veröffentlichte die Europäische Kommission die „Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament - Das BIP und mehr - Die Messung des Fortschritts in einer Welt im Wandel“ (siehe „GDP and beyond: Measuring progress in a changing world“). Diese Mitteilung beinhaltet eine Roadmap mit 5 konkreten Handlungsfeldern, die jetzt und in naher Zukunft von der Europäischen Kommission umgesetzt werden. Diese Handlungsfelder sind:
- Ergänzung des BIP durch ökologische und soziale Indikatoren
- Informationen in Beinahe- Echtzeit für die Entscheidungsfindung
- genauere Berichterstattung über Verteilung und Ungleichheiten
- Entwicklung eines europäischen Anzeigers für nachhaltige Entwicklung und
- Einbeziehung von ökologischen und sozialen Anliegen in die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen.
In der Mitteilung werden deshalb einige kurz- und mittelfristig zu treffende Maßnahmen vorgestellt. Allgemeines Ziel ist es, umfassendere Indikatoren zu entwickeln, die eine zuverlässigere Wissensgrundlage für eine bessere öffentliche Diskussion und eine sachgerechtere Entscheidungsfindung schaffen. Die Kommission möchte in Zusammenarbeit mit Interessensgruppen und PartnerInnen Indikatoren erarbeiten, die international anerkannt und angewandt werden (EC, 2009).
Auch die Beyond GDP- Website spiegelt die Bemühungen wider, am Verbesserungsprozess der Messung von Fortschritt, Wohlstand und Wohlergehen zu arbeiten. Informationen über Entwicklungen und Prozesse werden laufend veröffentlicht. Welchen tatsächlichen realpolitischen Einfluss die „Beyond GDP-Initiative“ hat bzw. haben wird, wird sich auch darin zeigen, ob und inwieweit Ergebnisse aus dem Prozess in die „EU 2020“-Stratgie einfließen werden. Auch für einige Empfehlungen der Kommissions-Mitteilung zu Beyond GDP liegen in Österreich Arbeiten vor, etwa die Umweltgesamtrechnung (wie bereits erwähnt) oder ein Zielsystem für die Umweltqualität.
Das „Global Project on Measuring the Progress of Societies“ der OECD
Das „Global Project on Measuring the Progress of Societies“ der OECD beschäftigt sich im Kern mit zwei grundlegenden Fragen: Was sollte eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert unter Fortschritt verstehen? Und: Wie kann man das messen?
Das Projekt ist als partizipativer Prozess angelegt und wird von einem breiten Netzwerk von Forschungseinrichtungen, Nichtregierungsorganisationen, privaten Unternehmen und internationalen Organisationen mitgetragen. Alle zwei bis drei Jahre findet ein „World Forum“ zum Projekt statt, bisher in Italien 2004, in der Türkei 2007 und in Südkorea 2009.
Das Projekt besteht aus drei Arbeitsbereichen, von denen zwei bereits in den eingangs erwähnten Fragen mitschwingen.
Im ersten Arbeitsbereich geht es um die Frage, was gemessen werden soll, d.h. um den gesellschaftlichen Diskurs über die Frage, was geeignetere Fortschrittsindikatoren sein könnten als das Bruttoinlandsprodukt. Zusätzlich soll in diesem Arbeitsbereich eine internationale sprachliche Vereinheitlichung häufig unterschiedlich bezeichneter Fortschrittsaspekte erreicht werden. Und schließlich gehören zu diesem Bereich auch die Schaffung und der Ausbau einer Informationsbank, in der Artikel zum Projektthema gesammelt werden.
Der zweite Arbeitsbereich beschäftigt sich mit der Frage, wie gemessen werden kann. Experten setzen hier die im gesellschaftlichen Diskurs ermittelten Indikatoren in messbare Indikatoren um. Auf diese Art soll es möglich gemacht werden, auch schwer messbare Faktoren wie Sicherheit, Menschenrechte und verschiedene Aspekte von Lebensqualität besser in eine Beurteilung des gesellschaftlichen Fortschritts einbeziehen zu können.
Im dritten Arbeitsbereich soll gesichert werden, dass die Erkenntnisse des Projekts auch tatsächlich einem breiten Publikum bekannt gemacht, und auch in der Praxis genutzt werden. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien werden gefördert, um Entscheidungsträgern und Bürgern durch die Nutzung statistischer Daten ein genaueres Bild ihrer Gesellschaften möglich zu machen.
Die „Green Growth“-Strategie der OECD
Die „Green Growth“-Strategie der OECD geht auf ein Treffen des OECD Ministerrats im Juni 2009 zurück. Angesichts der Turbulenzen der Wirtschafts- und Finanzkrise und dem bevorstehenden Klimagipfel in Kopenhagen wurde das Ziel angestrebt, „grüne“ Investitionen zu fördern um kurzfristig zur wirtschaftlichen Erholung beizutragen und langfristig zu helfen, den Rahmen für ein nachhaltiges Wachstum zu schaffen.
Das übergeordnete Ziel der Strategie ist es, einen politischen Rahmen für Wirtschaftswachstum auszuarbeiten, der ökologische und Wohlergehensaspekte mit einbezieht. Besondere Schwerpunkte neben dem möglichst effizienten Wechsel zu nachhaltigen Technologien sollen auf der Unterstützung von Entwicklungsländern für Green Growth und auf der Beschäftigungskomponente liegen.
Um die genannten Ziele zu erreichen soll erstens ein „grünes Wachstumsmodell“ erstellt werden und zweitens ein „politischer Werkzeugsatz“ gefunden werden. Das Wachstumsmodell soll auf einer neuen Wachstumsrechnung aufbauen, die ökologische Anliegen und wichtige Bereiche von Marktversagen mit einbezieht. Der „politische Werkzeugsatz“ soll Ländern ein breites und flexibles Maßnahmenspektrum für die nachhaltige Umgestaltung unterschiedlichster Politikbereiche zur Verfügung stellen, sowie eine Auswahl von „Green Growth“-Indikatoren zur Überprüfung der Fortschritte hin zu „grünerem“ Wirtschaften.
Zur Diskussion der Green Growth Strategie wird in einem „Internationalen Green Growth Dialog“ das Gespräch mit den Mitgliedsländern, nicht-OECD-Staaten, der EU Kommission, der Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen gesucht. Der Endbericht ist für das Treffen des OECD Ministerrats 2011 geplant, mit einem Zwischenbericht beim Treffen in diesem Jahr.
Website der OECD Green Growth Inititiative
Siehe auch: Gastkommentar von Paul Schreyer, OECD im Dialog des Monats 02/10.
Initiative zur Messung von „Green Growth“ des Economic Policy Committee der EU
Die EU-Arbeitsgruppe “Lissabon-Methodologie” (LIME) hat im Auftrag des Economic Policy Committees im Dezember letzen Jahres einen Erstentwurf für einen Indikatoren-basierten Beurteilungsrahmen erstellt, der dazu beitragen soll, länderspezifische Herausforderungen auf dem Weg zu „grünerem Wachstum“ zu identifizieren. Auf Basis eines vergleichbaren LIME-Rahmens wurden in den vergangenen Jahren die Wachstums- und Beschäftigungspolitiken der Mitgliedsländer beurteilt, jedoch waren in diesen Rahmen keine ökologischen Ziele integriert.
Im Entwurf für den „Green Growth- Beurteilungsrahmen“ soll die Politik der Mitgliedsstaaten auf Erfolg in vier Bereichen der Umweltpolitik untersucht werden: Kosteneffizienz, vernünftige Beanspruchung der öffentlichen Finanzen, funktionierende Märkte und wachsende totale Faktorproduktivität. Zu diesen vier Bereichen wird jeweils ein Indikatorenmix vorgeschlagen, aufgrund dessen die Performance jedes Mitgliedslandes in den vier Bereichen mit einer Punktzahl bewertet werden soll.
Die Erstellung des Beurteilungsrahmens verfolgt zwei Ziele. Erstens soll für jedes EU-Mitglied erkennbar sein, welcher der vier Bereiche möglicherweise das „Grüne Wachstum“ hemmt und wo folglich für das entsprechende Mitgliedsland politischer Handlungsbedarf besteht. Zweitens kann der Rahmen durch die hohe Vergleichbarkeit als Grundlage für eine makroökonomische Ursachenanalyse eingesetzt werden. Der Vergleich von Ländern mit ähnlichem Abschneiden in einem der vier Bereiche soll dabei helfen, makroökonomische Gründe für ein besonders gutes oder schlechtes Abschneiden im jeweiligen Bereich leichter zu erkennen. Rückwirkungen des BIP-Wachstums auf die Umwelt werden allerdings nicht berücksichtigt. Es wird sich zeigen, wie die Arbeiten dieses Entwurfs in die „EU 2020“-Strategie einfließen.
AutorInnen: Maria Pircher, Joschka Wanner, Elke Pirgmaier, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Sustainable Europe Research Institute und Fritz Hinterberger, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Sustainable Europe Research Institute (www.seri.at).
Recherche und Aufbereitung im Auftrag des Lebensministeriums, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik
Referenzen:
European Commission (2009). GDP and beyond. Measuring progress in a changing world. COM(2009) 433 final
Giljum, S., Hinterberger, F., Lutter, S., Polzin, C. (2009). How to measure Europe’s resource use. An analysis for Friends of the Earth Europe Jackson, T., (2009). Prosperity without growth? The transition to a sustainable economy. www.sd-commission.org.uk/
Stiglitz, J., Sen, A., Fitoussi, J-P. (2009). Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress. www.stiglitz-sen-fitoussi.fr
Zencey, E. (2009). G.D.P. R.I.P. The New York Times, 9 August 2009.
Weitere Informationen:
Dialog des Monats 02/10
Person des Monats 02/10: Joseph E. Stiglitz
05.02.2010, nachhaltigkeit.at


