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Dialog des Monats 08/10 - Kunst und Nachhaltigkeit

Für den Dialog des Monats August stellten wir Kunstschaffenden eine Frage, die polarisiert: „Darf sich Kunst im Sinne der Nachhaltigkeit nützlich machen?“ Michael Glawogger, Samuel J. Fleiner, Michael Thomas, Werner Henkel und Sophie Geretsegger antworteten uns.

Folgendes Fragenfeld spannten wir für unsere Kunstschaffenden auf: „Ist Kunst vielleicht eines der wirkungsvollsten Medien, um der Gesellschaft die Notwendigkeit von nachhaltigem Handeln klar zu machen? Können Sie eine vermehrte Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsthemen in der aktuellen Kunstszene bemerken - wenn ja, wo? Wo sehen Sie ihre Gestaltungsmöglichkeiten, die Gesellschaft für nachhaltigen Lebensstil oder nachhaltiges Bewusstsein zu sensibilisieren? Gibt es konkrete Beispiele in Ihrer aktuellen Arbeit? Fühlen Sie gesellschaftliche Verantwortung in Ihrem Dasein als KünstlerIn oder eng als mit Kunst Befasste/r- wenn ja, in welcher Form und warum? 


Sophie Geretsegger
Foto: Ma...
Sophie Geretsegger, 
Kunsthistorikerin, Universität für angewandte Kunst


Kunst braucht sich nicht nützlich zu machen, sie ist es. Unser ganzes Dasein ist von Kunst durchwirkt, und damit meine ich nicht etwa die Bilder, die an unseren Wänden hängen, Burgtheaterabos, hehre Galerietempel, schicke Hochglanz-Magazine, die alte Meister zitieren oder bis zur Decke angefüllte Betonmuseen zeitgenössischer Kunst und dergleichen. Sondern eine Art ewig Gültiges, das gute Kunst ausstrahlt und das uns berührt, ob wir nun interessierte und eingeweihte Betrachter sind oder einfach Menschen, die sich in einer Welt bewegen, die allerdings gestaltet ist. Ein anonymes Graffiti kann mich ebenso faszinieren, wie eine verblassende romanische Wandmalerei und mir gleichermaßen einen Moment des ewig Gültigen eröffnen, sogar wenn ich nicht bewusst hinschaue, sondern nur vorbeigehe.
Ähnlich ergeht es mir mit den politischen Aussagen von Kunstwerken. Es kann und darf sie natürlich geben. Doch eine starke Arbeit bezieht Stellung und hat Haltung - auch ohne eine direkte lesbare Message. In diesem Sinne ist Kunst nie zweckfrei. Die AutorInnen haben Haltung, sie interessieren sich für Geschehnisse, sie setzen sich für ihre Glaubenssätze ein, ob es im Werk lesbar ist oder nicht. Spürbar ist es. Ein perfektes aber seltenes Beispiel für die gelungene Verbindung von politischer Stellungnahme, deutlicher Aussage und künstlerischer Kraft ist Max Peintners Zeichnung, bzw. Plakat zur Zwentendorf Abstimmung, 'Fünf vor Zwölf', 1978. 


Die gegenwärtige Kunst spielt gerade sehr geschickt mit Konsumwahn, Finanzspekulationen und Statussymbolen, mit schmutzigem Trash genauso, wie mit hochkarätigen Edelmaterialien. Die von Plamen Dejanov und Swetlana Heger beispielsweise in Life Stile Magazinen geschaltene Kunst, als Werbung getarnt - oder doch nicht? Nach der Trennung von Heger beauftragt Dejanov eine Image-Agentur, die auch Politiker und Popstars berät und wird zu Dejanoff. Veliko Tarnovo, der Herkunftsort seiner Familie in Bulgarien ist von herab gekommener Grandezza. Mit einem großaufgezogenen Kulturprojekt will Dejanoff dort tatsächlich Nachhaltigkeit wirtschaftlich und kulturell aufbauen. Ob die Ankündigung Marketing-Strategie ist oder solche Strategien ad absurdum führen soll, wird die Zeit weisen.


Die riesigen Klebeband-Skulpturen Christian Eisenbergers, die in ihrer  Simplizität und Krudität schockieren, stürzen ganze Messe-Jurys in Verwirrung, immerhin Messen, die nur dazu dienen, Marktpreise zu etablieren und Kunst zu verkaufen. 
Nicht zu vergessen, Räume in Chanelfarben gehalten, Einkaufssäcke teurer Labels in Beton gegossen oder den schon sehr strapazierten, mit Diamanten gespickten Schädel eines Künstlers, der die spannende Kunstauktion gleich mitliefert. 


Die KünstlerInnen gebärden sich als Nabobs und zugleich als anarchistische Gesellschaftskritiker. Sie jonglieren, heute möglicherweise doch vermehrt mit den Anliegen einer Gesellschaft, die eine nachhaltige Entwicklung anstrebt, aber auch immer häufiger mit  beinharten Prinzipien marktwirtschaftlichen Handelns.
Die gesellschaftliche Verantwortung liegt darin, integer zu arbeiten - als KünstlerIn und als KunsthistorikerIn. Ich weiß nicht, ob Kunst nachhaltiges Handeln klar machen kann, jedoch bin ich davon überzeugt, dass Kunst selbst nachhaltig ist.




Literatur-Tipp:  Ulrich Grober. Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs. Antje Kunstmann-Verlag. 2010.


Web-Tipp: http://www.neues-deutschland.de/artikel/175728.fuenf-minuten-vor-zwoelf.html



Michael Glawogger
Foto: gmb akash
Michael Glawogger,

Filmemacher und Autor 


Ich denke genau damit hat Kunst nicht viel zu tun. Gute Kunst ist in den seltensten Fällen aufklärend oder agitatorisch. Selbst in Zeiten der größten Politisierung der Kunst, bleibt  von den Werken nicht der politische Wille, sondern der künstlerische Gestus über. So wird uns Dziga Vertov nicht dafür in Erinnerung bleiben, dass er fand, Kirchen gehören überfallen, ausgeraubt und zerstört, sondern für seine Bilder und filmischen Gleichnisse mit denen er die Welt seiner Zeit beschrieb. Das Wollen, mit Hilfe der Kunst für eine bessere Welt eintreten zu können, kann nur in schlechter Kunst enden, weil ein solches Wollen den Blick auf den wirklichen Zustand der Welt verstellt.   


Kunst kann alles sein, wenn es ihr gelingt wahrhaftig zu bleiben. Zweck ist jedoch in den meisten Fällen hinderlich.  Und es wird wohl immer richtig bleiben, dass Schönheit der Glanz der Wahrheit ist.


Ich bemerke in der Filmwelt eine vermehrte Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsthemen, aber da scheidet sich eben die Spreu vom Weizen. Ich glaube, dass tagespolitische Kunst eben genau keine Nachhaltigkeit haben wird.


Ich will durch einen genauen Blick auf den Zustand der Welt und auf die menschliche Psyche sensibilisieren.  Meine letzte Arbeit heißt „Whores’ Glory“ und wird ein gross angelegtes filmisches Tryptichon über die Mann/Frau Beziehung am Beispiel von Prostitution. Der Film wird das Bild, das man sich über Prostitution macht, nachhaltig beeinflussen. Der Film versucht aber nicht zu verdammen oder gesellschaftliche Schuldzuweisungen zu machen. 

 

 
 Michael Thomas
Foto: Til Krieglstei...
Michael Thomas,

Künstler, Gründer des „Realen Relativismus“


Kunst darf sich selbstverständlich nützlich machen. Jedoch fragt sie nicht, ob sie darf - sie macht es. Künstlerische Ästhetik, Visionen, Erfinderdrang und Dokumentation sind aus unserer heutigen Gesellschaft eben so wenig wegzudenken wie der ökonomische Nutzen des Kunstmarktes. 


Kunst wird in dem Moment zu einem wirkungsvollen Medium um der Gesellschaft die Notwendigkeit von nachhaltigem Handeln klar zumachen, sobald sie eine wirkungsvolle Plattform erhält. In unserer schnelllebigen, konsumorientierten Gesellschaft, in der Werte eine Lebensdauer von Eintagsfliegen haben, liegt die Messlatte sehr hoch. Künstler können diese Hürde mit der ihnen eigenen kreativen Intelligenz, einem hohen Maß an Selbstmotivation und unaufgeforderter Eigeninitiative überwinden und Begriffe wie etwa „Schutz der natürlichen Ressourcen“, „Reduktion der Treibhausgase“, „Förderung von Toleranz und Entwicklungszusammenarbeit“, „Abbau sozialer Diskriminierung und Achtung der Menschenwürde“ erlebbar machen. Der sperrige und komplexe Begriff Nachhaltigkeit wird dadurch entschlüsselt und kann notwendige Denkprozesse, sowie daraus resultierende Verhaltensformen in der Gesellschaft initiieren.


Sicher stellt sich einigen die Frage, ob Kunst ein Mittel zu etwas sein darf, oder gar Zweck
frei bleiben muss. Hierbei wird klar, dass der Begriff Kunst genauso komplex wie der Begriff Nachhaltigkeit ist, in ebenso vielen Facetten schillert und an ebenso viele Grenzen des Verständnisses in der Gesellschaft stößt. Die Facette „Zweckfreie Kunst“, steht im Verdacht ausgrenzende Eigenschaften an den Tag zu legen und erhält sich dadurch einen sehr eigenständigen Standpunkt im Gesamtkomplex Kunst. Was wiederum die Frage aufwirft, ob es überhaupt wirklich zweckfreie Kunst gibt. 


Bleiben wir bei zweckhaltiger Kunst.
Aktuell könnte der Eindruck aufkommen, dass sich Künstler in zunehmendem Maße mit Nachhaltigkeitsthemen befassen. Der Blick in die Vergangenheit macht klar, dass Künstler diese Themen schon verarbeiteten, bevor der Begriff Nachhaltigkeit den Wald verlassen hat. Die Problematik liegt schon lange auf dem Tisch und es besteht Handlungsbedarf. Künstlerische Positionen zum Thema Nachhaltigkeit sind inzwischen unter anderem bei Veranstaltungen von Umweltministerien, UNESCO und UNEP gefragt und tragen ihren Teil zu einer nachhaltigen Entwicklung bei.


Wenn ich den Wurzeln meiner gesellschaftlichen Verantwortung nachgehe, finde ich sie in meinem Werdegang und Dasein als Mensch, nicht in der Tätigkeit als Künstler. Die Kunst dient als Sprachrohr der gesellschaftlichen Verantwortung.  

 

 
Werner Henkel
Foto: Ute Iris Schirmer
Werner Henkel,

Künstler


Vorab: Die Kunst ist nie so frei, wie ihr Mythos. Sie unterliegt immer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und hat immer auch eine gesellschaftliche Funktion.
Wesentlich aber im Zusammenhang der Fragestellung ist für mich, dass Kunst ein Erkenntnismittel, eine Wissensform ist. 
Da in meiner Arbeit die Natur im Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung steht ist es mir ein Anliegen, in meinen Werken gerade auch für die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur und die Fragilität des Beziehungsgefüges: Mensch – Natur zu sensibilisieren.
Auf das Ozonloch habe ich mit Rilke geantwortet. Der Waldschadensbericht wurde mit Axtstilen kommentiert. Solaranlagen baute ich aus Platanenblattmodulen und ich habe den geheimen Garten der DNA angelegt. 
Diese gedanklichen Skizzen zeigen, dass ich in meiner Kunst ökologische Fragestellungen mit ästhetischen Mitteln beantworte. Ich setzte hierbei auf die Kunst als Erkenntnisprozess. Die komplexen Lebenszusammenhänge sind wissenschaftlich nie vollkommen erfassbar, es bleibt immer ein Bereich des Ungeklärten, der Unschärfe. Kunst kann hier komplexe Bilder schaffen, die eine intuitive Erkenntnis ermöglichen und uns einen Blick auf die „Rückseite der Dinge“ gestatten.
Natur aber ist gegenwärtig immer auch kulturell überformte, sozial konstituierte Natur. So führt die künstlerische Auseinandersetzung mit Natur zur Reflexion über den menschlichen Zugriff auf Natur und ihre gesellschaftliche Nutzung und Vernutzung.
Aber Nachhaltigkeit lässt sich nicht auf Umweltprobleme reduzieren. Nachhaltigkeit ist für mich eine kulturelle Frage, es geht um das Selbstverständnis unserer Kultur. Kultur verstanden als gesell. Wertesystem.
Unter dieser Voraussetzung kann und soll Kunst mit ästhetischen Strategien in gesellschaftliche Lebenswelten eingreifen. Es sind die partizipatorischen Kunstkonzepte und künstlerischen Projekte welche in ästhetischen Prozessen mit der Öffentlichkeit oder   Anwohnern, speziellen Bevölkerungsgruppen,… Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen und Entscheidungen erproben, erforschen, ermöglichen. 
Hier erscheint ein anderer Werkbegriff, der Prozess selbst ist das Werk. Zu Grunde liegt meiner Meinung nach der erweiterte Kunstbegriff von Beuys.  Es ist die soziale Skulptur, die Kultur der Teilhabe. 
Ich selbst arbeite gerade an einem Konzept: „Haus und Landwirtschaft“. Die Grundlage für eine Landschafts-Installation bildet hier die Befragung der ansässigen Bevölkerung  zum Leben und Arbeiten in und mit der regionalen Landschaft, deren Probleme und Potential. 
Ich greife diese Themen aus einer Betroffenheit heraus auf. Verantwortung ergibt sich für mich aus meiner Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Verantwortung handelt für mich davon, welche Antworten wir auf die Fragen unserer Existenz geben und wie tragbar diese für unsere Kinder sind. 


Samuel J. Fleiner
Foto: Angela Sophia W...
Samuel J. Fleiner

Konzeptkünstler, Kurator der Ausstellung „Kunst trifft Nachhaltigkeit“, 
Neckargemünd, Mai bis August 2010




Der Zukunftsforscher Robert Jungk hat einmal gemeint, dass sich große Veränderungen  zuerst immer in der Kunst, das heißt in der Kultur ankündigen würden und dass Künstler bessere Prognostiker als Wissenschaftler  und Wirtschaftler wären, das finde ich recht stimmig. Künstler arbeiten stark intuitiv, aus dem Bauch heraus - ihre Materialen suchen sie sich meist nicht aus, sondern „werden von ihnen gefunden“, um Dali zu zitieren. Das G‘spür für Zukunft und notwendige Entwicklung liegt Künstlern im Blut, ohne das vielleicht explizit so zu nennen. 
Ich habe im Jahr 2004 die RE-ART One, eine Ausstellung zum Themenkreis Recyclingkunst und Design“ organisiert. Diese wurde als offizielles Projekt in der UN-Dekade Bildung für Nachhaltige Entwicklung von der UNESCO ausgezeichnet. Die Ausstellung ging dann ein Jahr später nach San Francisco, danach waren Nairobi und Dubai dran. Für die heurige Exhibition „Kunst trifft Nachhaltigkeit“ in Neckargemünd habe ich 60 KünstlerInnen aus 16 verschiedenen Ländern zu diesem Thema gewinnen können und es ist ein sehr leidenschaftliches Projekt, ein Kunstwerk an sich. Ich bringe die KünstlerInnen in einem bestimmten Kontext zusammen und freue mich, dass sie dadurch ausstellen können. Es sind sehr spannende Arbeiten zu sehen, etwa von Künstlern, die nach dem Motto „warum etwas herstellen, wenn es ,mir wächst‘?“ arbeiten - wie die Künstlerin Nöele Giulini, deren Kombucha Teepilze das Kunstwerk entstehen lassen. In der Richtung arbeitet auch Ala von Kraft mit ihren Gemüsebildern, oder Sylvia Stölting, die mit Algen experimentiert. Die Weiterentwicklung der ,sozialen Plastik‘, wie man das sehr schön sehen kann bei der Wiener Gruppe „Wochenklausur“ ist deutlich zu spüren - Kunst als soziale Intervention. Ich habe versucht, in der Ausstellung „Kunst trifft Nachhaltigkeit“ eine Quasi-Verführung über die Ästhetik  zur Nachhaltigkeit zu erzeugen - das macht das Projekt so spannend. Um Ihre Frage zu beantworten, ja, natürlich ist man als KünstlerIn verantwortlich für das Thema Nachhaltige Entwicklung und Ressourcen-Schonung. 

 

 
 
  
Das Thema des Monats 8/2010 finden Sie hier.
Die Person des Monats 8/2010 finden Sie hier.
 
  
  
Autor: Wallner & Schauer GmbH (www.zukunftsberater.at).
Recherche und Aufbereitung im Auftrag des Lebensministeriums, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik

 

 
 
 
 

04.08.2010, nachhaltigkeit.at