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Dialog des Monats 04/10: Soziale Innovationen für nachhaltige Entwicklung

Experten und Unternehmen erklären in Interviews und Beiträgen ihre Standpunkte zum Thema "Unternehmen schaffen Zukunft - Teil 2: soziale Innovationen für nachhaltige Entwicklung".

 
Mag. Johannes Schachel, Frisch & Frost 

Frisch & Frost konnte dank zahlreicher Vorschläge von Mitarbeitern relevante Verbesserungen und Innovationen für Umweltschutz und Optimierung der Betriebsanlagen in den letzten Jahren umsetzen. Dies erfordert Rahmenbedingungen, die  sowohl soziale Prozesse als auch Innovationsdenken fördern. Zum Beispiel ein durchgängiges Vorschlagswesen, Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern zuhören, etc.
Wie sehen die internen Rahmenbedingungen in Ihrem Unternehmen aus? Wurden diese gezielt auf eine solch starke Mitarbeitereinbindung ausgelegt oder hat sich dies aus den Mitarbeitern selbst entwickelt?

Mag. Johannes Schachel
Foto: Johanne...
Hr. Mag. Schachel: „Einen sehr großen Beitrag zu diesen Rahmenbedingungen legte die Geschäftsführung mit der Entscheidung ein integriertes Managementsystem im  Unternehmen zu implementieren. Dieses Managementsystem integriert die Bereiche Arbeitssicherheit (OHSAS 18001), Umweltschutz (ISO 14001) und Qualität (ISO 9001 und IFS). Eines der ersten Beispiele für die Mitarbeitereinbindung war die Erarbeitung der Unternehmenspolitik, die in etlichen Workshops mit allen Mitarbeitern erarbeitet wurde. In unseren sogenannten 10 Geboten haben die Mitarbeiter und der sogenannte KVP (kontinuierliche Verbesserungsprozess) einen hohen Stellenwert. Die internen Rahmenbedingungen für die Mitarbeitereinbindung wurden einerseits aufgrund der Vorgaben aus den Managementsystemen und andererseits aufgrund der Erfahrungswerte und des laufenden Kontaktes mit den Mitarbeitern im Berufsalltag entsprechend adaptiert und angepasst. “ 
 
 
Was war Ihrer Meinung nach ausschlaggebend, dass die Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen im Vergleich mit anderen Unternehmen so viele Verbesserungen einführen konnten?

Hr. Mag. Schachel: „Ich denke hier spielen drei Faktoren eine wichtige Rolle.
Das Zuhören (Verstehen): Es ist ein entscheidender Faktor, das man das Problem oder den Verbesserungsvorschlag nicht nur wahrnimmt sondern versteht. Wo liegt wirklich das Problem, was ist die wahre Ursache, usw.
Der Adressat: die Verbesserungsvorschläge sollten zum richtigen Adressaten gelangen. Die Kommunikationskette passiert fast immer über Hierarchieebenen. Hier kann es sein das Führungskräfte als Filter fungieren und Infos nicht an die „richtigen“ Entscheidungsträger gelangen. Ein Problem kann für einen Mitarbeiter (eine Abteilung) als relevant bzw. nicht relevant beurteilt werden oder aber auch für mehrere Abteilungen (das Gesamtunternehmen) relevant sein bzw. nicht relevant sein.
Der richtige Zeitpunkt: Nicht jede Verbesserung kann man sofort umsetzen, wichtig ist, dass die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie gehört und dass ihre Vorschläge wenn möglich angenommen werden, oder man sie informiert, wenn Dinge nicht machbar sind. Rückmeldung ist eine der wichtigsten Komponenten im Verbesserungswesen“ 
   

Wie wird derzeit bei Ihnen mit Innovationen umgegangen, wie wird dies im Unternehmen gelebt? Gibt es spezielle Rahmenbedingungen um das Innovationsdenken im Unternehmen zu fördern? Gibt es Anreize für Personen, die neue, nachhaltige Ideen einbringen? Wie geht bei Ihnen ein MA vor, wenn er neue Ideen hat?

Hr. Mag. Schachel: „Innovationen bzw. Verbesserungen können mündlich (Mitarbeitergespräche, Sicherheitsvertrauenspersonen oder an den Vorgesetzten) oder schriftlich über das Vorschlagswesen (Briefkästen) weitergegeben werden. Wir haben kein Anreizsystem (monetär oder mittels Preisen) implementiert, aber die Möglichkeit der Mitarbeiter sich einzubringen und im Unternehmen aktiv mitwirken zu können, ist oft schon Motivation und Anreiz genug.“ 
 
   
Welchen Anteil hat für Sie die Unternehmenskultur an erfolgreichen Innovationen? Wie wichtig ist das soziale Gefüge im Unternehmen für die Entwicklung von Innovationen und die Nachhaltige Entwicklung?

Hr. Mag. Schachel: „Die Unternehmenskultur bzw. das soziale Gefüge ist von großer Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung. Für einen Großteil der Mitarbeiter gehen die beruflichen Kontakte auch außerhalb des Unternehmens weiter bzw. durch lange Unternehmenszugehörigkeit ist auch der Austausch von Erfahrungen und Ideen erleichtert. Ebenso ist der direkte Kontakt zwischen den Mitarbeitern und dem Management wichtig und das wird durch Firmenfeiern oder Stammtische gefördert.“ 
  
 
Es gibt drei unterschiedliche Ebenen, die für erfolgreiche Innovationen maßgeblich sind: die Innovationsbereitschaft (Wollen), die Innovationsfähigkeit (Können) und die Innovationsmöglichkeit (Dürfen). Wenn Sie an österreichische Unternehmen denken, wie stark glauben Sie sind diese 3 Ebenen ausgeprägt? Wollen, können und dürfen Menschen in österreichischen Unternehmen innovativ sein? Kann die Gesellschaft mit Innovationen umgehen oder gilt immer noch „Des homa imma scho so gmocht“?

Hr. Mag. Schachel: „Natürlich ist der obige Gedanke sehr weit verbreitet, auch in unserem Unternehmen, aber natürlich auch in jedem Menschen. Dinge die funktionieren bzw. "usus" sind, macht man am liebsten – „der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ – die Einführung des Handys, Computers, Sicherheitsgurte usw. waren mit Veränderungen von Lebensgewohnheiten verbunden, jetzt sind diese Alltag. Dasselbe gilt natürlich bei Arbeitsabläufen, Prozessen, Programmen u.v.m., denn bei Innovationen muss laufend der Beweis angetreten werden, dass sie nötig sind und dass sie funktionieren. Die angesprochenen Ebenen sind verschieden stark ausgeprägt und nicht zu verallgemeinern. Es hängt viel u.a. von der Personalstruktur (Alter, Geschlecht, Bildung), dem sozialen Gefüge der Firma (Stadt, Betriebsgröße) und der Hierarchieebenen und Führungsstile ab, ob die Innovationsbereitschaft ausgeprägt ist. Das Können und Dürfen liegt sehr stark im Unternehmen und der Kultur, denkt das Management nur kurzfristig, profitorientiert oder mittel- und langfristig, welchen Faktor nimmt die Innovation und der Mitarbeiter in der Balance Sore Card ein? Meiner Meinung kann man hier keine allgemeine Aussage treffen, nicht jede Innovation ist von Erfolg gekrönt und deshalb ist auch das Altbewährte nicht immer das Schlechteste. Eine gute Überlegung bzw. gutes Abwegen ist hier immer notwendig. “ 
    
  
Sind Ihrer Meinung nach die externen Rahmenbedingungen (Unterstützung durch die öffentliche Hand, Förderungen, Interessensvertretungen, etc.) ausreichend? Was würden Sie sich als Unterstützung wünschen?

Hr. Mag. Schachel: „Es gibt etliche Preise bzgl. Bewerbe zu diesem Thema, aber ich denke es ist noch ein großes Potential in diesem Bereich vorhanden. Am Besten ist in Österreich die Unterstützung im Bereich Umwelt, hier sind auch die Förderungen am ergiebigsten und Beratungen am intensivsten. In diese Richtung sollte es meiner Meinung nach in allen Bereichen gehen“
 
 
 
 
 
Hannes Offenbacher, Geschäftsführender Gesellschafter von Mehrblick und Vorstandsvorsitzender Wiener Institut für Vernetzung

Das digitale Zeitalter ist wie der Wandel zur Wissensgesellschaft rasant über uns hereingebrochen. Kaum hat das Internet ins Leben der Menschen Einzug gehalten, gibt es bereits Web 2.0. Die damit einhergehenden sozialen Innovationen wie soziale Netzwerke, Twitter, Blogs, etc. haben starke Veränderungen für die Gesellschaft mit sich gebracht.
Wie haben sich diese Innovationen auf das soziale Gefüge im Unternehmen ausgewirkt? Haben wir eine neue Form der Zusammenarbeit?


Hannes Offenbacher
Foto: Hann...
Hannes Offenbacher: „Ich meine wir haben derzeit – wenn überhaupt – eine neue Form des Zeitvertreibs neben der Arbeit. Das ist jetzt natürlich hochkritisch ausgedrückt, aber man übersieht in der Diskussion gerne, dass TUN nicht gleich sinnvoll NUTZEN ist. Und trotz der vollkommenen Verfügbarkeit der Technologie sind wir selbst in der westlichen Welt weit von einer durchdringenden, sinnvollen Nutzung entfernt. Das hat mehrere Gründe. Zum einem sehe ich ähnliche Entwicklungen wie im Bereich des Fernsehens. Auch hier wird zwar intensiv das Medium genutzt, aber zu welchem Zwecke ist stark unterschiedlich. Die einen sehen sich Diskussionsrunden und Dokumentationen an, der Großteil hängt noch immer im stupiden Reality TV. Um also zurück auf Ihre Frage zu kommen: Wir KÖNNTEN eine neue Form der Zusammenarbeit in Unternehmen und in der Wirtschaft haben. Erste – positive – Beispiele sind aber bis dato nur in Subszenen, Nischenbranchen auszumachen“ 
 
 

Ist Ihrer Meinung nach eine Wissensgesellschaft auf soziale Innovationen, die vollkommen neue Kommunikationsmöglichkeiten bieten, wie zum Beispiel Xing, Facebook u.a. angewiesen?

Hannes Offenbacher: „Ich glaube hier muss man die Begrifflichkeiten sauberer trennen. Was ist denn eine soziale Innovation? Wir haben aktuell auf jeden Fall viele Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, welche natürlich auch die Kraft haben unsere Kommunikationskultur zu beeinflussen. Dennoch sehe ich eher eine Übertragung der normalen Kommunikationskultur auf die neuen Kanäle und Möglichkeiten. Ich plädiere stark für eine getrennte Betrachtung und Bewertung von technischen Innovationen und kommunikationskulturellen Entwicklungen. Das macht auch das Verstehen einfacher. Aus meiner Sicht braucht es aktuell vor allem Soziologen und Psychologen, damit wir die Mechanismen und Möglichkeiten des „Social Webs“ für uns nutzen können. Gerade mit deren Hilfe könnten wir dann möglicherweise den Versuch wagen zu bewerten, ob wir auf Xing, Facebook & Co angewiesen sind.  Auf jeden Fall ist belegt, dass eine Kultur bei zunehmender Komplexität auch Ihre Möglichkeiten der Kommunikation bzw. des Informationsaustausches erhöhen muss. So verstanden könnte man die neuen Social Web Dienste als logische Folge der Globalisierung (und der damit zunehmenden Komplexität) unserer Wirtschaft und Gesellschaft sehen. 
  

Welche Chancen bieten die vorher erwähnten sozialen Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung?

Hannes Offenbacher: „Die kommunikationstechnischen Innovationen eröffnen uns natürlich ein unglaublich breites Feld an Möglichkeit. Eine Welle ist der „Aktionismus 2.0“, um auf Missstände hinzuweisen und kritische (Konsumenten) Massen zu mobilisieren. Das aktuell vielleicht am spannendste Beispiel ist WIKILEAKS – eine partizipative Enthüllungsplattform. Hier erlebt der – im Print – fast ausgestorbene „Aufdecker-Journalismus“ eine Renaissance. Die Plattform ermöglicht das anonyme Veröffentlichen von kritischem Material. Eine faszinierende Idee und ein gutes Beispiel, wie das überall zugängliche Web bis dato sichere Machtstrukturen einreisen kann. Ein Kern der kommunikationstechnischen Innovationen ist für mich weiterhin das Publizieren, Verbreiten und Diskustieren von Gedanken und Meinungen. Private Blogs fungieren in meinen Augen als Fundament und werden gerade in Europa noch stark zulegen. Gerade in der Szene von Nachhaltigkeit wächst die Community stark und umgeht die alten Gatekeeper der Massenmedien. Die Masse selbst kann Themen auf die Agenda der Öffentlichkeit bringen. Wissen verteilen, Aufmerksamkeit aufbauen und Themen platzieren – hier kann das Social Web einen wesentlichen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten. 
  

Glauben Sie, dass wir es durch diese neue weltweite Kommunikation bzw. Zusammenarbeit einfacher haben / haben werden, soziale Nachhaltigkeit zu leben? Besser zu verstehen?

Hannes Offenbacher: „Das ist noch offen. Meine Sorge ist, dass das Metamedium Internet das gleiche Schicksal erfährt, wie das Fernsehen. Ein Abgleiten in die Stupidität und Nichtigkeit. Entertainment statt Infotainment. Wer heute – selbst oder gerade staatliche Sender – einschaltet, findet leider nur wenig was dem Wort „Bildungsauftrag“ gerecht wird. Und auch im Internet profitieren aktuell noch immer die Porno- und Glücksspiel Industrie am stärksten von den Innovationen. Hier müssen wir wachsam sein und entgegen steuern und gerade bei Kindern (aber auch bei den Erwachsenen) dafür sorgen, dass sie eine ausgeprägte Mediennutzungskompetenz entwickeln können. Und: Wir müssen uns den Traum bewahren, dass wir mit dem Internet und den neuen Möglichkeiten die Welt verändern können. 
  

Durch Ihre Tätigkeit als Vorsitzender des Wiener Instituts für Vernetzung, als Ideenvater der WeissSee-Initiative und Geschäftsführer der Ideenschmiede Mehrblick haben Sie Kontakt zu den unterschiedlichsten Unternehmen in Österreich. Glauben Sie dass soziale Nachhaltigkeit bereits in den Unternehmen Einzug gehalten hat und gelebt wird? Ist der Boden für soziale Innovationen im Sinne der Nachhaltigkeit bereits fruchtbar genug?

Hannes Offenbacher: „Da muss ich leider wieder die Rolle des Skeptikers einnehmen. Ich denke es hat sich schon einiges getan, doch ich bezweifle, dass wir in einem System das auf kurzfristige Gewinnmaximierungen ausgelegt ist, tatsächlich eine umfassende Nachhaltigkeit etablieren können. Das Widerspricht sich eigentlich. Die schönsten Beispiele in Österreich kenne ich vor allem von Eigentümerunternehmer, also KMUs mit einem Gründer und Inhaber an der Spitze. Hier ist es systemisch leichter seiner persönlichen Wertewelt entsprechend etwas im Unternehmen umzusetzen. Gerade bei den großen Strukturen und Unternehmen ist es zumindest schon eine Notwendigkeit geworden, so etwas wie einen CSR Beauftragten einzusetzen. Aber ich denke, der Boden ist fruchtbar, die Menschen spüren etwas und immer mehr wollen auch etwas tun. Noch bekommen Sie aber nicht die notwendigen Mittel um die Äcker der Nachhaltigkeit mit Ihrer Leidenschaft bestellen zu dürfen. Da sehe ich dafür viel Spielraum im Bereich von Nachhaltigkeits- innovativen Unternehmensgründungen, wo die Kultur von Null weg auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden kann.“
 
  
 
 

 
 
 
Die Fragen stellte: Dipl.-Ing. Richard Tuschl, Consultant der Wallner & Schauer GmbH (www.zukunftsberater.at)Aufbereitung im Auftrag des Lebensministeriums, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik



 
Zum Thema des Monats 4/2010 geht es hier.
Die Person des Monats 4/2010 finden Sie hier.
 

17.04.2010, Nachhaltigkeit Home