http://www.nachhaltigkeit.at
Home

Das Österreichische
Nachhaltigkeitsportal

Servicelinks

Hauptnavigation

Suche



Inhalte

Dialog des Monats 05/10: Natur und Kultur - zwei Seiten einer Medaille?

Ausgehend von folgenden beiden Fragestellungen nahmen nachstehende ExpertInnen mit selbstgewählten Schwerpunkten Stellung zum Thema "Natur und Kultur - zwei Seiten einer Medaille?":

Ökosysteme erfüllen verschiedene Funktionen. Neben der Bereitstellung von Nahrung, Wasser uvm. stellen sie auch kulturelle, nicht-materielle Leistungen bereit. Welche dieser kulturellen Leistungen von Ökosystemen erscheinen Ihnen besonders wichtig und somit besonders schützenswert? Weshalb?
Haben Sie Vorschläge für die Politik, wie Arten bzw. Ökosysteme vor allem in Hinblick auf diese kulturellen Funktionen kreativ geschützt werden können?


Nährere Ausführungen zum Thema finden Sie in der Rubrik Thema des Monats.
Unsere Person des Monats ist Barbara van Melle. 
 

DI Paul
Freudenthaler
Foto: Freu...
Freudenthaler, AGES – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Abteilung Pflanzengenetische Ressourcen
 
Unsere Almen – ein Ökosystem mit Kultur
 
In Österreich werden rund 9000 Almen mit einer Fläche bewirtschaftet, denen eine Almfutterfläche von 480.000 Hektar zur Verfügung steht. Auf die Almen werden Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen aufgetrieben. Bei mehr als 2000 Almen wird auch noch Milch gemolken. Die österreichische Almwirtschaft hat je nach Gebiet aber verschiedene Ausprägungen, welche typisch für ihre Regionen sind, von den Niederalmen bis zu den Hochalmen. Nur in Wien und Burgenland gibt es keine Almen.

Die Natur hat die Menschen geprägt und die Menschen haben ihre Kultur entwickelt. Mit den Almen wird auch der Lebensrhythmus bestimmt. Die Volkslieder erzählen von Geschichten und dem Leben auf den Almen, die Almhütten von der Bauweise und der Lebensform dort im Sommer. Sich der Natur zu beugen und bei plötzlichem Schlechtwetter das Vieh zu schützen oder das Ende der Saison mit einem prunkvollen Almabtrieb zu begehen, ist vielen Menschen bekannt.
Weniger bekannt ist oft der harte Alltag auf der Alm, die viele Handarbeit, die Rücksichtnahme auf die Natur, die Käsekultur und die auch manchmal vorkommende Einsamkeit von Sennern und Sennerinnen.
Im Zentrum stand lange Zeit diese Form der Landwirtschaft als Grundlage der Ernährung der dort lebenden Menschen. So verbringen in Österreich heute noch im Jahr über 7000 Hirten die Sommermonate beim Vieh von über 29000 Viehauftreibern. Die wirtschaftliche Entwicklung hat die Almwirtschaft als Einkommensquelle aber in vielen Gebieten z.B. gegenüber dem Fremdenverkehr in den Hintergrund treten lassen, obwohl gerade sie für diesen die Basis geworden ist. Die Kultur, die Bewirtschaftungsform und Lebendigkeit sind Voraussetzungen für die Attraktivität der BesucherInnen.

Der Schutz dieser Bewirtschaftungs- Kultur- und Lebensform ist ein zentrales Anliegen aller in den Alpen lebenden Menschen. Bei der heutigen wirtschaftlichen Situation am Agrarmarkt kann die Milch- oder Fleischproduktion diese Bewirtschaftungsform nicht aufrecht erhalten. Die Kombination mit anderen Einkommensquellen, der Schutz der Landschaft und eine geeignete Struktur- und Förderungspolitik müssen auf diesen Lebensraum Rücksicht nehmen. Auch wenn der Fremdenverkehr eine lukrative Einkommensquelle darstellt, dürfen oft infrastrukturelle  Maßnahmen nicht dazu führen, den Lebensraum zu zerstören oder unattraktiv zu machen. Eine sinnvolle landwirtschaftliche Produktion ist eine Grundvoraussetzung für die Aufrechterhaltung der Lebendigkeit dieses ländlichen Raumes. Die europäische Agrarpolitik ist daher bei der künftigen Gestaltung des Milchmarktes in besonderem Maße gefordert, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein und darauf Rücksicht zu nehmen. Ein künstliches Hochhalten der lokalen Kultur würde die Attraktivität des Lebensraumes beeinträchtigen. Die von innen heraus gelebte Kultur soll bestehen bleiben und kann auch hergezeigt werden, ohne dass sie zur Show verkommt.
 
 
Weitere Informationen:
Websites der Landesregierungen, Landwirtschaftskammern und verschiedener Verbände
www.almwirtschaft.com
 
Datenquellen:
Grüner Bericht (BMLFUW, AMA)
 
 
 
Girtler
Foto: Girtler
Ao. Univ.-Prof. Dr. Roland Girtler, Soziologe und Kulturanthropologe (Forschungsschwerpunkte Randkulturen, Bauern in Österreich und Siebenbürgen und Kultursoziologie), Universität Wien

 
Ökosystem und Nachhaltigkeit (Ehrfurcht) - Gedanken eines Kulturwissenschafters
 
 
Die Welt ist voll von Ökosystemen: von Kulturen und Gruppen, die im besten griechischen Sinn der Antike „häusliche Einheiten“ sind.  Zu einem „oikos“ (altgriech, das Haus)  gehören Rituale des Grüßens, heilige Räume, Einrichtungen des Gemeinschaftslebens, Methoden der Nahrungszubereitung und der Wasserversorgung,  Rückzugsgebiete zum Schlafen und der Hygiene, Räume für Kinder und Bereiche des Anpflanzens im Umfeld des Hauses. Dazu kommen noch Regeln, die den Kontakt nach außen bestimmen und festlegen, welche Personen es sind, die als Vertreter des Hauses aufzutreten haben, wie der Familienvater, der Rangälteste oder die Hausmutter. 

Ähnlich wie mit der Hausgemeinschaft verhält es sich mit Gruppen oder größeren Systemen, die nur funktionieren können, wenn die diversen Einrichtungen, Lebensweisen und Personen auf einander abgestimmt sind.  Wesentlich für das Überleben solcher „Ökosysteme“ ist, dass sie dem Prinzip der EHRFURCHT vor der natürlichen Umwelt und vor den  Traditionen dieses Systems folgen. Statt des Begriffes Ehrfurcht, welcher so viel bedeutet wie Achtung vor der betreffenden Lebenswelt, wird heute auch der wenig glückliche Begriff der NACHHALTIGKEIT  eingesetzt. Dieses heute viel gebrauchte Wort kommt eigentlich aus der Forstwirtschaft, in der man mit diesem deutlich machen will, dass nur soviel Holz aus dem Wald entnommen wird wie auch wieder nachwächst.

Ähnlich wie mit dem Ökosystem des Waldes verhält es sich auch mit den kulturellen, vom Menschen geschaffenen Systemen. Gleichsam wie der Wald mit Ehrfurcht zu behandeln ist, ist es auch mit menschlichen Gruppen, Dörfern, Städten und ganzer Regionen, die nur lebensfähig sind, wenn deren natürliche Umwelt und die diversen traditionellen Einrichtungen, Rituale usw. auf Dauer mit Ehrfurcht behandelt werden.

Ein wesentliches kulturelles Element solcher Systeme ist allerdings die Sprache bzw.  die Mundart oder der Dialekt. Die Pflege der alten Sprache, z.B, des Wiener Dialektes oder der Tiroler Mundart, durch Sänger, Dichter und andere Visionäre, vermag altes Wissen auf dem Gebiet des Umgangs mit der Pflanzenwelt und alten Traditionen mit all ihren Symbolen u.ä. weiter zu tragen. 

Es ist zu hoffen, dass weise Leute, Politiker und andere Zeitgenossen kulturellen Phänomenen, die das Ökosystem in seiner ganzen Buntheit erst möglich machen und zu denen auch die Sprache gehört, mit Ehrfurcht begegnen, um „Nachhaltigkeit“ (ein sehr missverständlich gebrauchtes Modewort) zu bewirken.  Methoden des Überlebens wie des Umgangs mit der Natur, Sprache, alte Bräuche, altes Wissen, Rituale der Höflichkeit, Symbole usw. können so im Sinne eines farbigen, menschlich erfreulichen Lebens zusammen wirken.
 
 

Holzner
Foto: Holz...
Monika Kriechbaum, Pia Kieninger und Wolfgang Holzner, Institut für Integrative Naturschutzforschung, Department für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung, Universität für Bodenkultur, Wien

 
Steirerkas und Biodiversität 
 
Dieser Beitrag zum Thema "kulturelle Aspekte der Biodiversität" entsteht auf der Terrasse des Gasthofs Gamsjäger in den Niederen Tauern. Wenn man sich hier umblickt, wird man daran erinnert, dass sich ein wesentlicher Teil der Biodiversität Österreichs in der Kulturlandschaft abspielt, in Lebensräumen die von Menschen, sozusagen in Kooperation mit der Natur, geschaffen worden sind. Damit wird deutlich, dass diese Biodiversität ein Teil unseres kulturellen Erbes ist. Biodiversität ist sozusagen ein Nebenprodukt nachhaltigen Wirtschaftens unter teilweise ziemlich schwierigen Umweltbedingungen. Sie ist verwoben mit Landnutzungstechniken, Traditionen und Ritualen im Jahresablauf. Die enge Verbindung von Kultur und Biodiversität, "biocultural diversity", ist heute ein eigenes Forschungsfeld. Der Steirerkas, das "Gold der Almen"[1], ist ein Produkt aus alter Tradition und gehörte zumindest früher zur biodiversitätserhaltenden Almbewirtschaftung [2] dazu. 
 
Der Anthropologe Eugene N. Anderson betont in seinem Buch "Ecologies of the Heart", dass die Erhaltung von Natur und Umwelt in Gesellschaften funktioniert, wo entsprechendes Verhalten in kulturelle Traditionen eingebunden ist: “Many societies have lived in balance with their environments without devoting their lives to ecological science and without evoking elaborate laws”[3]. Menschen treffen ihre Entscheidungen nicht nur auf rationaler Grundlage. Ihre Motivationen beruhen auch, oft sogar eher, auf Emotionen. Ein Dilemma unseres Naturschutzes ist die Beschränkung der Argumentation auf das Rationale, Objektive, auf  Wissenschaft und Ökonomie. Die emotionale Beziehung zur Natur wird ausgeblendet. 

Kinder erfahren die Natur zunächst einmal als eine Quelle von Enthusiasmus. Die Vielfalt der Natur ihrer Umgebung bildet das Erfahrungspotential der Menschen und ist für die Entwicklung ihrer Kreativität bedeutsam. Das Wechselspiel zwischen der Vielfalt der Sinneseindrücke und ihrer gedanklichen Verarbeitung ist ein wichtiger Motor des menschlichen Kulturschaffens. Unsere geistige Vielfalt, ja unsere ganze Existenz, ist vom Vorhandensein der Mannigfaltigkeit der Natur abhängig. Das betrifft uns alle – wir müssen innehalten und darüber nachdenken, welche Aspekte von Biodiversität, von Naturerlebnissen und –erfahrungen uns wichtig sind, welche gefühlsmäßigen Bindungen wir zu Landschaften, Tieren und Pflanzen haben. Und hier kann Jede und Jeder ansetzen, sich einsetzen und etwas tun. Die Bewahrung der Biodiversität hängt von unserem Einfallsreichtum ab.

Ziel der Naturschutzpolitik muss es sein, einen entspannteren Zugang zu Biodiversität zu fördern, der möglichst viele Menschen anspricht, denn nur über "mainstreaming" wird nachhaltiger Naturschutz möglich sein. Es müssen in erster Linie Initiativen gefördert werden, welche die Menschen, und hier vor allem die Kinder, wieder in unmittelbaren Kontakt mit der Natur bringen, wobei "unmittelbar" bedeutet, ohne Trennung durch wissenschaftliche Belehrung, bzw. Verbote und Verhaltensregeln[4]. 

Weiters müssen in Zukunft Projekte Vorrang haben, in denen nicht die Trennung sondern die Verbindung von Natur und Kultur betont wird, in denen entsprechende Traditionen bewahrt und gleichzeitig neue Wege gesucht werden und in denen die Lebensqualität der Menschen zugleich mit der Biodiversität gefördert wird.

Das ist der Grundgedanke der UNESCO-Biosphärenreservate, dem internationalen Naturschutzkonzept der Zukunft und mit Zukunft. In dem vielfältigen Angebot der Österreichischen Naturparke steht dieser Leitgedanke allerdings schon seit längerem im Vordergrund und wird bereits in zahlreichen Beispielen umgesetzt und gelebt. Dass sie förderungspolitisch als Stiefkinder des Naturschutzes behandelt werden ist nicht mehr zeitgemäß. Wir wünschen uns, dass sich das ändern wird. Biokulturelle Vielfalt ist die Grundlage der Lebensqualität unserer Kinder und Kindeskinder.



[1] So lautet der Titel einer Ausstellung im Naturparkhaus Sölktäler, die demnächst eröffnet wird und bis 15.10.2010 zu sehen ist.

[2] Siehe dazu: "Almen – Almwirtschaft und Biodiversität" (2007), Grüne Reihe des Lebensministeriums, Band 17., Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar.

[3] Anderson, Eugene N. (1996): “Ecologies of the Heart: Emotion, Belief, and the Environment”, OxfordUniversity Press, New York.
 
[4] Kieninger, Pia, Holzner, Wolfgang and Kriechbaum, Monika (2009): “Biocultural Diversity and Satoyama.Emotions and the Fun-Factor in Nature Conservation - A lesson from Japan”, Die Bodenkultur, Journal for Land Management, Food and Environment, Vol. 60, 1, 15-21. 
 
 

Jenewein
Foto: Jenew...
DI Johann Jenewein, Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Agrarwirtschaft, Bereich Almwirtschaft, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Der Alm- und Bergbauer"

 
Kulturelle Funktionen von Biodiversität und Ökosystemen
 
„So staunten die Vegetationsökologen, als sie im Tiroler Lechtal die Bergmähder untersuchten, über die Begeisterung und Emotion, die die Bauern bei diesem Thema entwickelten, eine Begeisterung, die in keinem Verhältnis zum Ausmaß der Flächen, die heute noch gemäht werden und schon gar nicht zum ökonomischen Wert, der aufwändigen Bewirtschaftung, dem geringen Ertrag und den eher schäbigen Leistungsabgeltungen stand. Die Bedeutung der Bergmähder liegt offenbar woanders als in der Ökonomie, in einem wissenschaftlich schwer fassbaren Bereich, den wir mit dem Begriff ‚Kultur’ zusammengefasst haben.“

Zu dieser Erkenntnis kam das Team um Prof. Wolfgang Holzner von der Universität für Bodenkultur in Wien im Rahmen des Projektes „Nachhaltige Nutzung traditioneller Kulturlandschaften: Berglandökosysteme“ im Jahr 2001. Und es gibt sie noch immer, die Bergmähder, Almen und die oft steilen Wiesen der Bergbauern. Vielfach mit rationalen Argumenten nicht erfassbar, leben sie in einer Zeit weiter, in der Profitgier die oberste Prämisse zu sein scheint. Durch angepasste Bewirtschaftung – und nicht durch Brache – werden strukturierte Räume geschaffen, die an Abwechslung und Artenvielfalt nicht zu überbieten sind. Die regionalen, traditionell und handwerklich erzeugten Lebensmittel, lassen die Vielseitigkeit ebenfalls spüren. Die Gefahr, dass diese Räume verschwinden, ist jedoch groß. Durch den ökonomischen Druck wurden bereits viele der mit Maschinen und damit kostengünstiger zu bewirtschaftenden Flächen intensiviert, wohingegen auf Handarbeit angewiesene Extremlagen aus der Bewirtschaftung genommen wurden. Die Folge ist in beiden Fällen der Verlust wertvoller Ökosysteme und Biodiversität.

Es sind nicht der Lederhosen tragende Kellner oder die Kellnerin im Landhaus-Dirndl in der Erlebnis-Alm, errichtet im Alpen-Disneyland-Stil und bequem erreichbar im Comfort-Reisebus, die zur Identitätsstiftung und Nachhaltigkeit beitragen. Die Kulturleistung der Berglandökosysteme ist nur überlebensfähig, wenn lebendige und produzierende Bergbauernhöfe mit aktiven Bäuerinnen und Bauern dahinter stehen. Rationalisierung und Ausrichtung auf Höchstleistungen in der pflanzlichen und tierischen Produktion führen in die Sackgasse. Biodiversität setzt im Kopf der handelnden Personen an. Der vielseitige, mit verschiedenen Nutztierarten ausgestattete Bauernhof ist das Ziel. Damit können alle Nischen des Ökosystems optimal genutzt werden. Zudem entstehen Bauernhöfe und Almen, die speziell für Kinder und Familien eine Welt der Erlebnisse bieten; auch stressgeplagte Manager finden hier zu den Wurzeln. Die „Spezialisierung auf Vielseitigkeit“ ist der Schlüssel zur Erhaltung der Berglandökosysteme.
Es sind die Landwirtschaft betreibenden Menschen, die Bergbäuerinnen und Bergbauern, die durch ihr tägliches Handeln – oder Nicht-Handeln – die Umwelt nachhaltig beeinflussen und gestalten. Auf sie hat sich das Interesse der Politik zu richten.
 
 

Gabriele Obermayr
Foto: Gabriele...
DI Gabriele Obermayr, Lebensministerium, Abteilung II/4: Natur- und Artenschutz, Nationalparks
 
Geringe Aufmerksamkeit wurde bisher der Tatsache geschenkt, dass die Vielfalt in der Natur auch maßgeblich die Emotionen der Menschen mit all den damit verbundenen kulturellen Ausdrucksformen – wie Malerei, Musik, Sitten, Gebräuche, etc. - beeinflusst. Das gilt ganz besonders für ein Land wie Österreich, das geprägt ist von Kulturlandschaften und Bergen. Oder anders gesagt bzw. gefragt: Alphorn in der Wüste? Hätte Mozart die gleiche Musik auch im tropischen Regenwald komponiert? Die Natur ist auch ein wesentlicher Faktor für die Identität der Menschen und Nationen, bzw. den Eigenschaften der Pflanzen und Tiere mit denen sie sich identifizieren möchten (Mut des Löwen, Adler, libanesische Zeder, etc.).  Nicht umsonst gehören Pflanzen und Tiere auch zu den Figuren der Heraldik. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch, dass mit dem Verlust oder Aussterben von Pflanzen, Tieren und Lebensräume auch das oft von Generation zu Generation übermittelte, traditionelle und kulturelle Wissen verloren geht, das mit der Nutzung und Verwendung der Arten verbunden ist.
 
Das internationale Jahr der Biodiversität 2010 würde jedenfalls eine ausgezeichnete Gelegenheit bieten, diese mit der Vielfalt verbundenen kulturellen Aspekte stärker in den Mittelpunkt zu rücken.  Kreativität ist ein wichtiges Stichwort!
Das UNESCO-„Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ hat einen ersten Schritt in diese Richtung gesetzt.  Wenngleich die Verknüpfung mit Aspekten der Biodiversität dort leider nicht thematisiert wird. Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt zielt auch auf die Erhaltung des mit der Biodiversität verbundenen traditionellen Wissens ab. Ansonsten hat die globale (Natur- und Umweltschutz)Politik die kulturelle Bedeutung der Biodiversität für den Menschen bisher wenig berührt.
Vielleicht liegt das auch darin, dass Naturschutz (auch in Österreich) leider noch immer zu sehr als Nischen-Angelegenheit betrachtet wird, in der es vorwiegend um den klassischen Naturschutz geht. Tatsächlicher Schutz der Vielfalt braucht aber eine breite Verantwortung über alle Sektoren, Politik- und Gesellschaftsbereiche hinweg. Und es braucht vor allem auch die Menschen, denen diese kulturelle, identitätsgebende Rolle der Natur stärker bewusst sein sollte. Die Kampagne „vielfaltleben“ oder die Initiative „Genussregionen Österreich“ des Lebensministeriums zielen auch darauf ab, dieses Bewusstsein zu stärken. Es braucht mehr solcher Initiativen, die einen positiven, emotionalisierenden Ansatz verfolgen!
 
Wie wichtig die Vielfalt und vor allem auch die kulturellen Aspekte der Vielfalt sind, kann und muss aber auch gelernt werden, in den Volks- und Mittelschulen, aber auch auf den Universitäten. Auch hier gibt es Nachholbedarf. Und auch eines ist klar: Bewusstsein kann nicht von oben verordnet werden – es muss auch erlebt werden! Dazu gleich auch eine Anregung: Am 29. Mai finden in allen sechs österreichischen Nationalparks die „Geotage der Artenvielfalt“ statt. An diesen Tagen werden gemeinsam mit Wissenschaftern die Vielfalt der Natur in den Nationalparks erforscht, erlebt und gefeiert werden.
Denn: Variatio delectat – Abwechslung macht Freude! (Euripides)

 

Birgit Bednar-Friedl
Foto: Birgit...
Dr. Birgit Bednar-Friedl,
Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel, Forschungsgruppe "Ökonomik des Klima- und Umweltwandels",  Universität Graz

Ökosysteme erfüllen für uns Menschen verschiedene Leistungen und tragen somit zu unserem Wohlbefinden bei. Diese Funktionen von Ökosystemen werden im Millenium Ecosystem Assessment (2005), dem ersten weltweiten Bericht zu Erfassung und Erhalt des Wertes von Ökosystemen, als Ökosystemdienstleistungen bezeichnet. Eine wichtige, aber bislang noch zu wenig berücksichtigte Form dieser Öksystemdienstleistungen sind nicht-materielle Leistungen, die als kulturelle Dienstleistungen bezeichnet werden, und den Wert von Erholung, Ästhetik, Inspiration, Bildung, Ortsverbundenheit, Kultur, Spiritualität und Religion umfassen. Beispielsweise sind viele Natur- und Kulturlandschaften Grundlage von Naturtourismus und Erholung in der Freizeit (Wandern, Bergsteigen, Natur- und Wildtierbeobachtung) und sie werden auch zur direkten Erwerbung und Vermittlung von Wissen genutzt. Andererseits ist Landschaft ein wichtiges Element zur Ausprägung von Kultur und Brauchtum aber auch Religion und Spiritualität. Ökosysteme, von der Bevölkerung wahrgenommen als Landschaft und Natur, bilden somit eine Basis für soziale Netzwerke, kulturelles Erbe und Ortsverbundenheit. Es ist daher wenig verwunderlich, dass im Millenium Ecosystem Assessment diese kulturellen Dienstleistungen mit einer guten Lebensgrundlage, Gesundheit und Wohlbefinden und einem guten sozialen Umfeld in Verbindung gebracht werden.

Nicht nur wegen ihrer Bedeutung für das Wohlbefinden der Menschen sind kulturelle Dienstleistungen von Ökosystemen schützenswert: der Wert wird oft erst bewusst, wenn eine Funktion nicht mehr erfüllt ist. Ein Beispiel dafür sind nicht mehr bewirtschaftete Almen, die mit der Zeit verwalden. Almen stehen für vielen Menschen synonym mit intakter Natur, obwohl es sich streng genommen um eine Kulturlandschaft handelt. Auch die kulturelle Bedeutung von Almauf- und -abtrieb sollte nicht unterschätzt werden. Im Gegensatz werden Wälder, zumindest ab einer gewissen Bewaldungsdichte, als dunkel und bedrohlich wahrgenommen. Sowohl aus Sicht der Bevölkerung als auch aus der der Wissenschaft wäre daher eine Weiterführung der Almbewirtschaftung wünschenswert, dennoch ist dies in vielen Regionen nicht der Fall. ÖkonomInnen bezeichnen dieses Phänomen als Marktversagen, da die Bauern als Bereitsteller der Almwirtschaft für ihre Dienst an Natur und Gesellschaft nicht entsprechend entschädigt werden bzw. die Nutznießer der Almen von der Nutzung nicht ausgeschlossen werden können, egal ob sie finanziell dazu beitragen oder nicht. Das Beispiel Natur- oder Ökotourismus zeigt jedoch, dass für manche kulturelle Dienstleistungen sehr wohl Märkte existieren oder zumindest geschaffen werden können, um die kulturellen Funktionen von Ökosystemen auch in Zukunft sicherzustellen.
 
Ein erster wichtiger Schritt zum Erhalt der kulturellen Funktionen ist die Sichtbarmachung des Wertes, den Ökosysteme für das Wohlbefinden der Menschen haben. Dies erfordert die Einbindung der Bevölkerung, und die Offenlegung von über Generationen weitergegebenem Wissen über die Natur in der eigenen Umgebung. Über Jahrhunderte erworbenes Wissen über das Leben mit und in der Natur sollte gehegt und gepflegt werden, um einerseits den derzeitigen direkten Umgang mit der Natur zu überdenken und um andererseits auch die glorifizierte Wahrnehmung der Natur seitens der städtischen Bevölkerung zu korrigieren. Weiters sind rechtliche Schutzbestimmungen zum Erhalt von Arten und Lebensräumen eine Voraussetzung, um Nutzungskonflikte um Lebensräume in wechselseitiger Abstimmung der Interessen zu entschärfen. Dies ist gerade für den Erhalt mancher Lebensräume und Arten von Bedeutung, die keinen offensichtlichen Wert für die Bevölkerung aufweisen, wie Insekten, wiederangesiedelte Raubtiere und Wildniszonen. In der heutigen Zeit gilt es daher, dem Nutzen der Natur einen angemessenen Preis zu geben, damit diese auch in Einzelentscheidungen entsprechend Berücksichtigung findet. Denn: was nichts kostet, ist auch nichts wert.



Heidi Wittmer
Foto: Andr&#23...
Dr. Heidi Wittmer, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (Fachbereich Sozialwissenschaften, Department Umweltpolitik, Arbeitsgruppe Naturschutz und Biodiversität)

Von der Wertschätzung der Natur – Ziel und Ansatz der internationalen TEEB-Studie zur ökonomischen Bewertung ökosystemarer Dienstleistungen

Intakte Ökosysteme und eine breite Artenvielfalt ermöglichen den Menschen ihr Wohlergehen: Wälder liefern uns lebenswichtigen Sauerstoff und sind gleichzeitig die „natürliche“ Antwort auf den Klimawandel als wichtiger Speicher von Kohlenstoff. Bienen und andere Bestäuber garantieren ca. 30 % des landwirtschaftlichen Ertrags, der knapp 7 Milliarden Erdenbürger ernähren muss. Mangrovenwälder und Korallenriffe schützen vor Flutwellen und sind somit oft Lebensretter für Tausende. Attraktive Landschaften mit zahlreichen Tier- und Pflanzenarten bieten dem Menschen Lebensraum, dienen der Erholung und ebenso als Einnahmequelle.

Angesichts des rapide steigenden Anteils der in der Stadt lebenden Bevölkerung liegt eine wichtige Funktion der Natur in ihren kulturellen Funktionen. Erholung, innerer Einkehr, Ruhe und Entspannung sind eng mit einem Erleben der Natur und ihrer Elemente verbunden. Dem Brummen der Insekten auf einer Wiese zu lauschen, an einem heißen Sommertag im kühlen Wald zu spazieren oder die Spuren der Wildtiere im Schnee zu deuten – dies sind Erfahrungen, die wesentlich unser Verhältnis zur Natur bestimmen und sich nicht nur Kindern als besonderes Erlebnis präsentieren. Die Natur ist eine Quelle der Inspiration, nicht nur für den Lyriker sondern auch für Wissenschaft und Industrie. Und schließlich ist das „Heimatgefühl“ ganz wesentlich an Natur, an Landschaft, an typische Tier- und Pflanzenarten gebunden.

Eigentlich unvorstellbar, dass die Natur uns all dies nahezu kostenlos zur Verfügung stellt. Doch genau hier liegt das Problem: ohne den Wert dieses Schatzes, der so genannten Ökosystem-Dienstleistungen zur Kenntnis zu nehmen, laufen wir Gefahr, ihn zu verlieren. Die biologische Vielfalt schwindet, Ökosysteme verändern sich und ganze Regionen geraten aus dem Gleichgewicht. Hauptursache hierfür sind die massiven Eingriffe des Menschen, die oftmals mit einer kurzfristigen Perspektive durchgeführt werden, aber langfristigen Schaden anrichten.

Ziel der TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) ist es, Handlungsempfehlungen, Anreize und Instrumente zu erarbeiten, die aktiv zum Erhalt von Ökosystemen und Artenvielfalt beitragen. Da dies eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt, erscheint der TEEB-Bericht maßgeschneidert für verschiedene „Endkunden“: Neben einem wissenschaftlichen Fundament werden Politiker und Entscheidungsträger von der internationalen bis zur lokalen Ebene, Unternehmen und nicht zuletzt Bürger und Konsumenten mit jeweils einzelnen Berichten bzw. Produkten angesprochen. Wichtig ist dabei zu betonen, dass TEEB Zusatzargumente für den Naturschutz liefern soll, nicht aber unsere ethische Verpflichtung zum Erhalt von Arten und Ökosystemen ersetzt: Bestehende Ansätze zum Naturschutz können durch ökonomische Ansätze gestärkt und vor allem die Verbindung mit Armutsaspekten besser herausgearbeitet werden – aber auch hier bildet die ethisch-moralische Verpflichtung zum Naturerhalt und dem Erhalt unserer Lebensgrundlagen die Basis für die Entwicklung neuer Handlungsoptionen.
 
 
Weitere Infos zum Thema: Thema des Monats 05/2010
 
Zur Person des Monats 05/2010

03.05.2010, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten