Person des Monats 05/10: Barbara van Melle
Barbara van Melle ist Journalistin und Moderatorin. Seit 2006 leitet sie das Slow Food Convivium Wien und setzt sich dafür ein, die Ziele der internationalen Bewegung, die das Geruhsame und Sinnliche gegen die universelle Bedrohung des "Fast Life" verteidigen will, bekannt zu machen.
Warum ist biologische Vielfalt für Sie wichtig?
Biologische Vielfalt bildet die Wurzeln unseres Lebens. Dort liegen die Ursprünge des Geschmacks, der weltweiten Landwirtschaft und der Ernährung.
Ist sie Ihrer Meinung nach gefährdet?
Selbstverständlich - das ist eigentlich ein Drama. Sorten und Arten verschwinden in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und deshalb sind wir dabei unsere Wurzeln zu verlieren. In den vergangenen 100 Jahren ist 75 Prozent der Artenvielfalt auf den Äckern Europas verschwunden, in den USA sogar über 90 Prozent. In Österreich sind um 1900 an die 5000 Apfelsorten gewachsen, heute sind es nur mehr ca. 400 und im Supermarkt finden sie gerade einmal fünf. Mit dem Verlust der Sorten haben wir auch den Geschmack verloren.
Ökosysteme erfüllen verschiedene Funktionen. Neben der Bereitstellung von Nahrung, Wasser, uvm. stellen sie auch kulturelle, nicht-materielle Leistungen bereit. Welche kulturellen Leistungen von Ökosystemen erscheinen Ihnen persönlich besonders wichtig und somit besonders schützenswert? Weshalb?
Intakte Ökosysteme bilden die Grundlage für hochwertige Lebensmittel, die den Slow Food Kriterien entsprechen. Lebensmittel, die gut, sauber und fair sind - d.h. die herausragend schmecken, ökologisch und nachhaltig produziert werden und den ProduzentInnen einen fairen Preis einbringen. Und diese Lebensmittel sind ein Eckpfeiler unserer kulturellen Identität - was wir essen, bestimmt wer wir sind. Länder und Kulturen unterscheiden sich nicht nur durch Architektur, Sprache, Musik oder Religion, sondern auch durch ihr kulinarisches Erbe.
Was hat Slow Food in Ihren Augen mit kulturellen Leistungen von Ökosystemen zu tun?
Slow Food setzt sich weltweit für kleinräumige Landwirtschaft ein, die nachhaltig und ökologisch betrieben wird, weil genau in dieser Form der Landwirtschaft die Zukunft der weltweiten Ernährungssicherheit liegt. Zusätzlich will Slow Food die gesamte Kette der Lebensmittelproduktion transparent machen - vom Rohstoff, über die Verarbeitung bis zum Endprodukt. KonsumentInnen werden zu Co-ProduzentInnen, die informiert sein wollen über die Herstellung ihrer Lebensmittel-, damit wird der Entfremdung Einhalt geboten. Nur Wissen und Transparenz kann Verständnis für Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion schaffen. Die internationale Slow Food Stiftung für Biodiversität hat darüber hinaus das ambitionierte Projekt "Arche des Geschmacks" ins Leben gerufen. Weltweit werden nun Lebensmittel - Nutztiere, Nutzpflanzen oder Lebensmittelhandwerk - gesammelt, die seit vielen Generationen in einer bestimmten Region dieser Erde nachzuweisen sind, heute aber durch die Auswirkungen einer industrialisierten Landwirtschaft, vom Aussterben bedroht sind. Über 800 Passagiere dieser Arche sind Zeugen der kulturellen Leistungen von intakten Ökosystemen.
Welche Maßnahmen würden Sie setzen, um kulturelle Leistungen von Ökosystemen zu schützen bzw. zu erhalten?
An Omnipotenz glaub ich nicht - deshalb würde ich mit einem Projekt beginnen - ich würde die Arche des Geschmacks in Österreich verankern, sie politisch unterstützen und vor allem finanziell fördern.
Für weitere Informationen lesen Sie hier das Thema des Monats und hier die Statements des Dialog des Monats.
Links zum Thema:
03.05.2010, Nachhaltigkeit Personen & Ansichten


