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Dialog des Monats 07/10: Von der Wiege zur Wiege

Im Juli haben wir Meinungen zum Cradle to Cradle® Konzept von Dr. Braungart eingeholt. Lesen Sie Beiträge von Dr. Friedrich Hinterberger (SERI), Hans Roth (Saubermacher) und Dr. Wolfram Tertschnig (Lebensministerium).

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Dr. Friedrich Hinterberger vom Sustainable Europe Research Institute
Foto: seri.a...
Dr. Friedrich Hinterberger
, SERI
Dr. Friedrich Hinterberger ist Mitgründer und Geschäftsführer des Sustainable Europe Research Institute (SERI) in Wien.

(1) Wie finden Sie Michael Braungarts Cradle to Cradle® Konzept aus wissenschaftlicher Sicht?

Dem Ziel, die Produktion zu entgiften, ist natürlich zuzustimmen. Ob dies bei den gegenwärtigen Ansprüchen an die Produktqualität in kurzer Zeit möglich sein wird, ist allerdings zu bezweifeln. Völlig inakzeptabel ist es aber, dies gegen das Ziel einer allgemeinen Dematerialisierung bzw. Dekarbonisierung auszuspielen. Beide Ziele haben ihre eigenständige Berechtigung, sind völlig unterschiedlich begründet und müssen unabhängig voneinander verfolgt werden. Und dass gegenwärtige Produkte zu viel Gift enthalten ist sicher richtig. Ebenso, dass eine konsequente Entgiftung ein komplettes Re-Engeneering defakto sämtlicher industrieller Prozesse erfordert. Dabei sollten natürlich mögliche Synergien ausgenutzt werden. Produkte zu verleasen statt zu verkaufen ist dabei z.B. ein guter Ansatz, der seit 20 Jahren diskutiert wird, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren, und langsam Verbreitung findet. Der wissenschaftliche Begriff dazu lautet: Produktdienstleistungssysteme/product service systems. Es hilft also beiden Zielen. (Linktipp: www.serviceinnovation.at)

(2) Für wie praktikabel halten Sie C2C auch in großem Rahmen?

Offenbar gibt es erst wenige Beispiele, wo C2C verwirklicht wurde. Der Vortrag gestern in Wien bestand zu 85% in Angriffen an "konventionelle" Nachhaltigkeitskonzepte (Effizienz, Suffizienz, LowCarbon, Niedrig-Energie...) und 15% aus 2 oft gehörten Beispielen (der Flugzeugsitz für Airbus und ein Kinderspielzeug bzw. Maskottchen). Löblich, aber ein Tropfen auf den heißen Stein.  (Und: wer braucht ein Maskottchen?) Die Idee, über C2C, den Stoffumsatz des Menschen zu erhöhen (in seiner Sprache: einen positiven Footprint zu hinterlassen), ist nicht verallgemeinerbar. Der Mensch greift jetzt schon zu stark in natürliche Kreisläufe ein. Siehe etwa den Klimawandel,  da geht es nicht um Gifte, sondern um an sich völlig harmlose Prozesse der Verbrennung und Verdauung (wir sprechen vom gesellschaftlichen oder industriellen Metabolismus). Das Ausmaß, das das ganze aber heute angenommen hat, ist aber im Vergleich zu den natürlichen Verbrennungs- und Verdauungsprozessen zu groß. Einzelne Prozesse und Produkte sind sicher zu begrüßen. Wenn es aber gelingen soll, ALLE Produkte und Prozesse nach C2C zu designen, muss es trotzdem viel weniger (z.B. langlebigere, nützlichere ...) Produkte und weniger materialintensive Prozesse geben. Da trifft sich wieder die konventionelle Nachhaltigkeitsdebatte mit C2C.

(3) Wo sehen Sie Vorteile/Nachteile/Risiken im Vergleich zu anderen Konzepten?

Gefährlich finde ich, dass Braungart (mit teils fragwürdigen Begriffen, wie "Ökologismus") versucht, sich von anderen Konzepten abzugrenzen. Wir haben AUCH ein Chemieproblem - aber wir haben vor allem ein Mengenproblem. Es wirkt so möglicherweise als Beruhigungsdroge für diejenigen, die ohnehin nichts in Sachen Nachhaltigkeit machen wollen. Noch einmal: nicht gegeneinander ausspielen, sondern entgiften, dematerialisieren (erneuerbare wie nicht erneuerbare Inputs reduzieren), decarbonisieren (weniger THG) , weniger Wasser und Fläche verbrauchen.
 
www.seri.at

 
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Hans Roth - Saubermacher
Foto: (c) ...
Hans Roth
, Saubermacher AG
Hans Roth ist der Gründer und Vorsitzender des Entsorgungs- und Verwertungsunternehmen Saubermacher AG.

(1) Das "Cradle to Cradle®" Konzept von Dr. Braungart ist in aller Munde und hat eine große mediale Aufmerksamkeit erhalten. Was halten Sie davon?

Alles, was zu einer ökologischen Verbesserung der wirtschaftlichen Kreisläufe führt, ist grundsätzlich gut! Wenn "Cradle to Cradle®" dies bewirkt, dann hat es seinen Zweck erreicht. Schon heute ist Energieeffizienz, Kreislaufführung von Rohstoffen und Schadstoffvermeidung in vielen Firmen bereits Thema und gelebte Praxis. Gerade die grundsätzlichen Ideen werden von innovativen Entsorgungsunternehmen schon seit langem umgesetzt. Daher ist das Konzept bei genauerer Betrachtung natürlich nicht ganz so neu - trägt aber weiter zur Bewusstseinsbildung bei und ist überdies hinaus eine sehr innovative Zertifizierung für Unternehmen. Ob es direkte Auswirkungen auf die wirtschaftspolitische Rahmengestaltung geben wird, kann ich nicht beantworten - aber die Diskussion trägt mit Sicherheit zur weiteren Bewusstseinsbildung bei.

(2) Die Vision einer - umfassenden - Öko-innovativen Kreislaufwirtschaft ist eine drängende Herausforderung unserer Zeit. Wie können wir das schaffen?

Die EU hat das politische Ziel, die Bildung einer echten "Recyclinggesellschaft" zu unterstützen. Dazu ist es nötig, Abfall nicht mehr als Problem sondern als Chance zu sehen, ganz unter dem Motto "Abfall ist Rohstoff der Zukunft". Abfall ist ein heimischer Rohstoff, den wir entweder einer stofflichen Verwertung oder einer energetischen Verwertung zuführen sollen. Abfallentsorgungsunternehmen werden dabei immer mehr zu Rohstofflieferanten, die helfen wertvolle Primärrohstoffe wie z.B. Erdöl oder Kohle zu sparen!

(3) Neben der Ressourcenknappheit werden die Auswirkungen unserer Konsum-orientierten Wegwerf-Gesellschaft auch immer mehr zum globalen sozialen Problem. Wer trägt die Verantwortung bzw. muss sie stärker wahrnehmen?

Ich bin der Überzeugung, dass sowohl KonsumentInnen als auch ProduzentInnen ihre Verantwortung über die Inverkehrsetzung bzw. die Nutzung der Ware hinaus wahrnehmen müssen. In der Verantwortung des einzelnen Bürgers und Konsumenten liegt damit das Thema Abfallvermeidung und getrennte Sammlung aber auch die bewusste Kaufentscheidung für die "umweltgerechten" Produkte. In der Verantwortung der Wirtschaft liegt es, die richtigen Produkte und Ressourcen energieeffizient und recyclinggerecht zu gestalten. Ob ein Kampf um Ressourcen stattfinden wird, weiß ich nicht, aber die Ressourcen, die wir haben und damit auch Abfälle, sollten wir möglichst sinnvoll nutzen. 
 
www.saubermacher.at


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Abteilungsleiter Dr. Wolfram TERTSCHNIG, Abteilungsleiter der Abteilung II/3 - "Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik" im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.
Foto: BMLFU...
Dr. Wolfram Tertschnig
, Lebensministerium
Leiter der Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik, Lebensministerium

Cradle to Cradle®  - Alter Wein in neuen Schläuchen?

Die erneute Verwendung von Rohstoffen nach ihrer Erstnutzung oder das Zurückführen von genutzten Rohstoffen in natürliche Kreisläufe sind gute und richtige Strategien für die Herausforderungen des Nachhaltigen Wirtschaftens. Im Prinzip entspricht dies aber dem Stand der Nachhaltigkeitsdebatte in den frühen 90-Jahren als zum Beispiel das Thema Ecodesign hochkam. „Cradle to Cradle®“ ist aus meiner Sicht kein wirklich neuer Ansatz.

Die Herausforderung ist heute auch eine ganz andere: Es gibt in unterschiedlichsten Konsumfeldern eine ungebremst steigende Anzahl und Vielzahl von Produkten mit immer geringeren Nutzungsdauern. Dies führt weltweit zu immer größeren Ressourcenflüssen.  Angesichts dieser globalen Entwicklungen, und etwas zugespitzt formuliert, wirkt „Cradle to Cradle®“ selbst schon fast wie eine „End of Pipe“- Lösung, denn das Konzept fokussiert kaum auf die Ursachen ökologischer Probleme, jedenfalls nicht umfassend.

Auch bei „Cradle to Cradle®“ kann es sein, dass nicht unbeträchtliche ökologische Rucksäcke und ökologische Fußabdrücke entstehen, zum Beispiel in den Vorketten. Diese dürfen nicht ausgeblendet werden nur weil ein Material oder ein Produkt am Ende des Lebenszyklus zufälligerweise recycelbar oder kompostierbar ist.
Für bestimmte, kleinere Bereiche im gesamten Lebenszyklus ist der Ansatz „Cradle to Cradle® durchaus interessant und wirksam, und wird in vielen Unternehmen auch längst praktiziert, vielleicht nur unter einem anderen Namen. Je weiter man aber bei der ökologischen Betrachtung die Systemgrenzen zieht, und je mehr die ökologischen Rucksäcke und Fußabdrücke eine Rolle spielen, desto kleiner ist der ökologisch neue Beitrag, den das Konzept „Cradle to Cradle®“ leistet.
 
www.lebensministerium.at
 
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Hinweis: Lesen sie auch das Thema des Monats ##quot##Von der Wiege zur Wiege##quot##, sowie das Interview mit Dr. Michael Braungart als Person des Monats.
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06.07.2010, nachhaltigkeit.at