Interview 02.08.2010: Dr. Michael Braungart über Cradle to Cradle®
Dr. Michael Braungart ist der Konzept-Vater von Cradle to Cradle® (Ressourcen Effektivität) und Gründer der EPEA GmbH. Er plädiert für eine Neugestaltung der Wirtschaft mit biologischen und technischen Stoffkreisläufen in denen Abfall als Nahrung verstanden wird.
Dr. Michael Braungart ist seit 1994 Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg und Direktor eines interdisziplinären Masterprogrammes für Stoffstrom-Management. Im Herbst 2008 nahm er zusätzlich am Dutch Research Institute for Transitions (DRIFT) an der Erasmus Universität in Rotterdam eine weitere Professur an, in Verbindung mit der TU Delft. Der Chemiker Michael Braungart ist Gründer (1987) und Wissenschaftlicher Geschäftsführer von EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, Hamburg, Deutschland, und Mitbegründer (1989) von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC). Er ist ebenso Mitbegründer (1989) des Hamburger Umwelt-Instituts (HUI). (Quelle: braungart.com)Für nachhaltigkeit.at beantwortete er Fragen zu Cradle to Cradle®.
1) Ihr Konzept "Cradle to Cradle®" ist in aller Munde. Wie kann eine breite Umsetzung von "C2C" realisiert werden und welche Herausforderungen ergeben sich für Unternehmen und die Politik dabei?
Eine breite Umsetzung des Cradle to Cradle®-Prinzips kann durch entsprechende definierte Rahmenbedingungen einer Regierung durchgesetzt werden. Dazu gehört z. B. „positive Listen“ zu erstellen, in denen Stoffe aufgeführt werden, die benutzt werden sollen. Es ist viel leichter Menschen zu motivieren, wenn sie ein positives Ziel haben. Stellen Sie sich vor, man verbietet Ihnen an rosa Elefanten zu denken. Gerade dann würden Sie es nicht verhindern können an rosa Elefanten zu denken, die vielleicht durch einen Porzellanladen spazieren. Genau so verhält es sich mit Verbotslisten. Sie schränken die Kreativität ein, da der Mensch dazu neigt, sich nicht von dem lösen zu können, was er vor sich sieht – und eigentlich nicht verwenden soll. Viel schöner und einfacher ist es, von vornherein positive Stoffe zur Auswahl zu haben, die verwendet werden dürfen bzw. sollen.
Die Verwendung minderwertiger, teils schädlicher Stoffe, ist für den Produzenten heute rentabler, als qualitativ hochwertige Materialien. Um Konzerne und Unternehmen zum Umdenken zu bewegen, müssen daher echte Anreize geschaffen werden. Firmen, die Verantwortung übernehmen und neue förderliche Wege beschreiten, sollten dabei unterstützt werden. Hier kann die Politik ansetzten und den Einsatz unschädlicher, nützlicher Stoffe und Produkte durch finanzielle Entlastung fördern.
2) Sie sprechen nicht mehr von Abfall-, sondern von (Stoff-) Nahrungskreisläufen. Auch diese Stoffe müssen anfangs "abgebaut" und "produziert" werden. Wie bewerten Sie den Umwelteinfluss und den Energiebedarf dieser Erstproduktion?
Wenn wir die Produktion komplett auf Cradle to Cradle® umstellen würden, beinhaltet dies die ausschließliche Nutzung erneuerbarer Energie, das bedeutet z.B. Sonnen- oder Windenergie. Wir würden hier also nur unendliche Energiequellen nutzen – oder streng genommen nur eine Energiequelle, nämlich die Sonne. Energie durch Brennstoffe wie Kohle zu gewinnen, deren Emission das Klima belasten, wird nach Cradle to Cradle® als untragbar eingestuft. Ebenso wie die Nutzung von Kernenergie. Im Bereich der Energiegewinnung müssen die Voraussetzungen für eine einheitliche Nutzbarkeit erneuerbarer Energien jedoch noch geschaffen, um Cradle to Cradle® ganzheitlich realisieren zu können. Hier spielt die Zeit eine entscheidende Rolle.
Hinzu kommt, dass Cradle to Cradle® auch einschließt, darauf zu achten, unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen Rohstoffe gefördert werden. Es wird beispielsweise bei Baumwolle darauf geachtet, dass es sich um organic cotton handelt oder darauf, dass die Arbeiter einer Firma nicht mit krebserregenden Stoffen in Berührung kommen.
3) Warum sind wir in der Entwicklung von Stoffkreisläufen nicht schon weiter - und erfolgreicher? Wo sehen Sie die größten Hindernisse und Herausforderungen?
Ein einzelnes Produkt aus der Traufe zu heben oder ein vorhandenes zu optimieren, ist ein relativ überschaubares Projekt. Ganze Produktpaletten nach Cradle to Cradle® auszurichten, zu entwerfen, die erforderlichen positiven Inhaltsstoffe zu definieren, Stoffkreisläufe zu gestalten und die begleitende Logistik für die Rückführung zu etablieren, sind hingegen ein ungeheuer komplexes Unternehmen. Jeder Schritt und jeder Bereich ist dabei mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert.
Die Entwicklung der Kreisläufe schreitet allerdings immer weiter voran. Obgleich es ein Prozess ist, der sich nicht an einem Tag vollziehen lässt. Der entscheidende Faktor ist auch hier die Zeit. Um erfolgreich ökonomisch rentable Kreislaufsysteme zu schaffen, müssen einzelne Branchen zu einer wirksamen Zusammenarbeit vernetzt werden. Hierfür ist ein Umdenken der Entscheidungsträger notwendig, wofür zeitintensive Überzeugungsarbeit zu leisten ist.
4) Sie sagten, dass C2C nichts mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Können Sie die Trennlinie darstellen, die Aussage genauer ausführen?
Cradle to Cradle® hat nichts mit der Nachhaltigkeit zu tun, die wir momentan verfolgen, denn Cradle to Cradle® ist nicht öko-effizient, sondern öko-effektiv. Mit der Weltklimakonferenz 1992 in Rio De Janeiro wurde ein Kurs des Sparens angesteuert, was aber keine Lösung für unsere Probleme ist, denn wir verbrauchen nach wie vor unwiederbringliche Ressourcen, die in nicht allzu ferner Zukunft aufgebraucht sein werden. Deshalb sollten wir uns jetzt Lösungen einfallen lassen, die uns in eine ferne Zukunft eröffnen.
Es ist so, dass Cradle to Cradle® nichts mit der Nachhaltigkeit zu tun hat, wie sie heute definiert wird, sondern vielmehr mit den Werten, die bereits 1712 von einem Oberst in Sachsen formuliert wurden. Cradle to Cradle® implementiert diese Werte in seinen drei Prinzipien: Abfall bedeutet Nahrung, Nutzung der kontinuierlichen Zufuhr von Sonnenenergie und Förderung von Vielfalt.
5) Abschließend: Wenn Sie wirtschaftspolitische Gestaltungsfreiheit hätten, was würden Sie in Angriff nehmen?
Ich würde Rahmenbedingungen schaffen, die Firmen dazu veranlassen, sich mit den bereits zahlreich vorhandenen Vorreitern auf den Weg zu Cradle to Cradle® zu begeben. Es sollte positive Listen geben, anstatt potentielle Risikostoffe oder auch public issues zu dulden bzw. weiter zu reduzieren. Diese würden gänzlich aus den Produkten entfernt werden.
Weitere Informationen unter www.braungart.com
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Hinweis: Lesen sie auch das Thema des Monats "Von der Wiege zur Wiege" und den Dialog des Monats mit Beiträgen von Hans Roth (Saubermacher), Dr. Friedrich Hinterberger (Sustainable Europe Research Insitute) und Dr. Wolfram Tertschnig (Lebensministerium).
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Den Dialog des Monats 8/2010 finden Sie hier.
Das Thema des Monats 8/2010 finden Sie hier.
Autor: Wallner & Schauer GmbH (www.zukunftsberater.at).
Recherche und Aufbereitung im Auftrag des Lebensministeriums, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik
05.07.2010, Nachhaltigkeit Home


