Person des Monats 11/10: Christiana Weidel
Mag. Christiana Weidel ist Vorsitzende der österreichischen Informations- und Vernetzungsplattform The World of NGOs, freie Konsulentin im Bildungsmanagement, Journalistin und Lektorin.
Lesen Sie hier ihren Beitrag zum Monatsthema November - Zivilgesellschaftliches Engagement.
Die Kraft der Selbstorganisation - zivilgesellschaftliches Engagement und nachhaltige Entwicklung
Welchen Beitrag leistet die Zivilgesellschaft zur nachhaltigen Entwicklung?
Für NGOs – non governmental organisations, Nichtregierungsorganisationen – als „Herz der Zivilgesellschaft“ bedeutet die Forderung nach verantwortungsvollem Handeln tägliches Brot. Aber nicht jede NGO ist nachhaltig unterwegs – oder doch? Wer bestimmt denn eigentlich, wer zur Zivilgesellschaft zählt und wer kontrolliert ihr Tun?
Sektor Zivilgesellschaft – dazwischenliegend, unabhängig und selbstverwaltet
Im modernen System der Gesellschaft spielen zivilgesellschaftliche Organisationen eine bedeutende Rolle als zwischenliegender Sektor „jenseits von Markt und Staat“. Das komplexe Beziehungsgefüge menschlichen Handelns verlangt nach Ausgleich unterschiedlicher Interessen zwischen Macht, Geld und Gemeinwohlorientierung. Zivilgesellschaftliche Organisationen dienen als Puffer, Mediatoren oder Sprachrohr für jene Menschen und Gruppen, die zu schwach, zu leise oder zu fremd wirken, um von Gesellschaft oder Politik gehört zu werden.
Gute Nachhaltigkeitspolitik sollte daher die Expertise zivilgesellschaftlicher Organisationen schon in der Planungsphase von Vorhaben bewusst einbeziehen.
Aber – wie?
Basis: Verständnis!
Die „organisierte“ Zivilgesellschaft hat viel zu sagen. Dabei bleibt es nicht immer nur bei der Formulierung ideeller Ziele, es kommt oft zur Konfrontation mit emotionalen Aspekten von gesellschaftlichen Problembereichen und konkreten Umsetzungsideen engagierter AkteurInnen.
Echtes partnerschaftliches Miteinander erweist sich manchmal als sehr schwierig, scharfsichtige Problemanalysen von NGOs werden oft nicht als wertvoller Beitrag für neue Lösungsstrategien verstanden.
Die Herausbildung von Zivilgesellschaft ist ja oft Reaktion auf die herrschende Nichtnachhaltigkeit der politischen Macht, in allen gesellschaftlichen Bereichen sollten nicht kurzfristige partikuläre Interessen sondern langfristige gemeinschaftliche Interessen thematisiert werden, die vom Markt nicht aufgenommen wurden.
Aufstieg: Der zivile Dialog
Miteinander reden! Angelehnt an den erfolgreichen „Sozialen Dialog“ mit den Sozialpartnern möchte der Staat und vor allem die Europäische Kommission nun die Idee umsetzen, auch im Umgang mit dem Rest der Zivilgesellschaft über Regeln und Prozedere zu verfügen, die das nolens-volens-Miteinander erleichtern. Dieser „zivile Dialog“ kann zum Erfolg führen, wenn das Vorhaben „Dialog“ ernst genommen wird und Anmerkungen, Wünsche oder Analysen der NGOs Eingang in Politikgestaltung gefunden haben. Noch bleibt es oft bei der Einweg-Kommunikation als reine Information, aber mit fortschreitendem Druck der EU und engagierten AkteurInnen kommt immer mehr Leben in den Begriff. Das Beispiel des „Walddialogs“, geführt vom Lebensministerium unter Einbindung zahlreicher gesellschaftlicher Organisationen, kann dies eindrucksvoll bezeugen.
Der Gipfel: Compacts – ein Pakt mit dem Staat?
Um die letzte Jahrtausendwende erschienen in einigen Ländern plötzlich quasi über Nacht schriftlich getroffene Vereinbarungen im Verhältnis Staat und Zivilgesellschaft, ausgearbeitet meist in enger Zusammenarbeit zwischen NGOs und staatlichen Stellen. Was bei einem compact zählt, ist jedoch weniger das Endergebnis, sondern vielmehr der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung der Übereinkunft, so berichten die Organisationen aus England, das wohl als die Wiege der compacts angesehen werden darf, im Jahr 1997. Kanada, Frankreich und Dänemark folgten bald mit ähnlichen Werke, heute verfügen ca. die Hälfte aller EU Mitgliedsstaaten über solche Verträge und auch in Afrika hat sich die Idee erfolgreich durchgesetzt.
Das Erfolgsgeheimnis eines compacts: Keine leeren Worthülsen, sondern eine praktisch anwendbare Struktur, um die Beziehung zwischen Staat und Zivilgesellschaft zu systematisieren, zu erleichtern und zu vertiefen: Über die Art der Konsultation, breite Einbindung verschiedener Perspektiven aus der Zivilgesellschaft und Rücksichtnahme auf den manchmal etwas langwierigen Abstimmungsprozess innerhalb der Organisationen.
Warum das Vertragsverhältnis manchmal doch nicht klappt, zeigt sich am Beispiel Slowenien, wo seit 2004 eine „bottom-up“ Fassung eines compacts darauf wartet, vom Parlament abgesegnet zu werden – offensichtlich waren zu wenige staatliche Stellen wirklich involviert in den Prozess, um ihn bis zur Umsetzung mitzutragen.
Wie steht es in Österreich mit der Idee des compacts? Hier verlief die Diskussion um die Ausarbeitung eines solchen Dokuments bis jetzt ablehnend: „Brauchen wir nicht!“, winkten die großen Organisationen ebenso ab wie staatliche Stellen. „Die ‚Großen’ können sich’s eh richten und die ‚Kleinen’ haben so oder so keine Chance“, etablierte sich als allgemeine Meinung. Dabei wäre ein solches Dokument gerade im autoritätsgläubigen Österreich sicherlich hilfreich, um Konsultationen mit NGOs in zeitsparender und effizienter Weise zu führen, denn allzu oft fühlen sich Institutionen ratlos, wie sie die geforderte Beziehung zu NGOs aufnehmen könnten, wer zur Politikgestaltung einzuladen ist und warum, was erwartet werden darf und was als Ausnützung von Freiwilligkeit ausgelegt werden könnte.
Wie immer jedoch die Diskussion enden wird, gilt eine Erkenntnis als klar: Nachhaltigkeit erfordert die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft mit ihrer Kraft der Selbstorganisation und dem unbeugsamen Willen zur Verantwortungsübernahme für ein gemeinsames größeres Ziel für die Gesellschaft – heute und morgen.
_____________________________
Zur Person:
Mag. Christiana Weidel ist Vorsitzende der österreichischen Informations- und Vernetzungsplattform The World of NGOs, freie Konsulentin im Bildungsmanagement, Journalistin und Lektorin. Sie erstellt Konzepte und Beratungen für EU-Projekte in vielfältigen Bereichen des NGO-Managements und lehrt an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen über die Herausforderungen der Europäischen Union für die Zivilgesellschaft.
Ihr Interesse an Europa führte sie bald in das offizielle Beratungsgremium der Europäischen Kommission für Vereine, Genossenschaften, Gegenseitigkeitsgesellschaften und Stiftungen nach Brüssel und weiter zu aktivem Engagement in Netzwerken wie CEDAG, dem Europäischen Komitee europäischer Interessenverbände (Brüssel), oder CIVICUS in Europe, Internationale Allianz für Bürgerbeteiligung (Budapest).
Heute bemüht sie sich als Mitglied des Active Citizenship Networks, dem Europäischen Netzwerk für Bürgerbeteiligung (Rom) und als Gründungsmitglied von ENNA, European Network of National Civil Society Associations (London) um die Verbindung nationaler Netzwerke im größeren Ganzen einer europäischen Zivilgesellschaft.
Mag. Christiana Weidel
The World of NGOs
office@ngo.at
______________________________
Hier finden Sie das Monatsthema November - Zivilgesellschaftliches Engagement.
Lesen Sie hier die Gastkommentare und Statements zum Monatsthema November.
04.11.2010, nachhaltigkeit.at



