http://www.nachhaltigkeit.at
Home

Das Österreichische
Nachhaltigkeitsportal

Servicelinks

Hauptnavigation

Suche



Standort

Inhalte

Rolf Bauer-pixelio
Foto: Rolf Bauer-pixelio

Monatsthema 12/10: Regionalentwicklung 2.0

Regionalentwicklung hat in den letzten Jahren nichts an ihrer Bedeutung verloren. Im Gegenteil.  Die Herausforderungen, vor den Regionen heute stehen, werden nicht nur mehr, sondern vor allem auch komplexer.

Dabei geht es nicht mehr nur um die bloße wirtschaftliche Förderung. Durch den demografischen Wandel  und der einhergehenden Alterung der Gesellschaft entstehen neue Spannungen. Nun muss für den sozialen (intergenerativen) Zusammenhalt und gegen die infrastrukturelle Ausdünnung – vor allem im ländlichen Raum - gekämpft werden. Weiters die Bewältigung des Klimawandels, der Umstieg auf einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen- dies ist nur ein kleiner Auszug der zu vielfältigen und komplexen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Genau dieser Anstieg an Komplexität ruft nach einem „Nachrüsten“ in der Regionalentwicklung. Es verlangt nach neuen, kreativen Allianzen und Kooperationen, einer Koppelung von regional- und wirtschaftspolitischen Instrumenten und einem schnelleren Austausch von Best Practice Beispielen. Und nicht zuletzt: Es braucht eine intensivere Einbindung und Mobilisierung der Menschen, um die es geht. 

Und wie schon bei der Entwicklung der neuen Medien und Webtechnologien  stehen wir vielleicht auch in Sachen Regionalentwicklung vor einer bedeutsamen Weiterentwicklung. Denn sehr wahrscheinlich kann die Regionalentwicklung vom sogenannten Web 2.0 (siehe auch das Monatsthema „Nachhaltigkeit & Web 2.0“) einiges übernehmen und dessen Wirkungsweise und Möglichkeiten für die eigene Arbeit nutzen. Gelingt dies, stehen wir vor einer interaktiven und noch besser vernetzten Regionalentwicklung: der „Regionalentwicklung 2.0“.
 
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die demographische Herausforderung

Der demografische Wandel ist nur eine von vielen Herausforderungen, aber eine besonders komplexe. Nur zum Verdeutlichen: Laut Prognosen der Bundesanstalt Statistik Österreich werden sich Geburten und Sterbefälle in Österreich noch für einige Jahre die Waage halten. Nach dem Kippen dieser Balance sind wir mit einer starken Alterung der Gesellschaft konfrontiert. Nur aufgrund der starken Zuwanderung in urbanen Räumen – primär Wien – wächst Österreich bis zum Jahr 2050 auf 9,5 Millionen Einwohner an. 

Die Altersgruppe der über 60-jährigen steht momentan bei 23 Prozent, mittelfristig (bis 2020) wird sie auf rund 26 Prozent anwachsen, langfristig (ca. ab 2030) wird die Gruppe der über 60-jährigen sogar mehr als 30% ausmachen, um 2050 einen Anteil von 34.1 Prozent zu erreichen. [Quelle: Statistik Austria] Bis 2050 wird etwa die Hälfte der österreichischen Bevölkerung über 50 Jahre alt sein. Dies bezieht sich jedoch auf einen bundesweiten Durchschnittswert. In ländlichen Regionen wird die Entwicklung um vieles dramatischer sein. In einigen Regionen Österreichs (wie zum Beispiel in der Mur-Mürz-Furche) schrumpft die Bevölkerung von 2001 auf 2031 um satte 20 Prozent – bei gleichzeitiger Alterung (Quelle: ÖROK/Statistik Austria – Bevölkerungsprognose 2006). 

Die Auswirkungen sind weitreichend. Eine besondere Herausforderung stellt der intergenerative Dialog dar, um die Bedürfnisse der verschiedenen Altersgruppen gleichberechtigt zu bedienen und sozialen Spannungen vorzubeugen. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Vernetzung der großen Kernprogramme

Doch von Resignation keine Spur. Es tut sich was in Österreich. Gerade erst trafen sich viele der führenden Köpfe in Sachen Regionalentwicklung in Bad Ischl zum LEADER Forum, der Jahreskonferenz von LEADER Österreich, die erstmals in Kooperation mit der Lokalen Agenda 21 organisiert wurde. Das Ziel: Möglichst viele AkteurInnen aus LEADER Regionen UND LA21 Gemeinden zu versammeln und die Zusammenarbeit der beiden Kernprogramme der österreichischen Regionalentwicklung zu stärken - um so die Voraussetzungen für zukünftige Synergien zu verbessern. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen dabei innovative Ideen und kreative Beteiligungsprozesse. 

Die Lokale Agenda 21, ein kommunales Handlungsprogramm, basiert auf dem 1992 von den damaligen UNO Mitgliedern verabschiedeten Programm „Agenda 21“. Ziel ist es, die Gemeinden in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln – insbesondere sollen Gemeinden selbständig ein Handlungsprogramm erstellen, welches sich an Nachhaltigkeit orientiert. Wichtig dabei ist die Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft, zivilgesellschaftlichen Organisationen und der lokalen Privatwirtschaft. Bisher wurden in Österreich rund 430 Gemeinden und 35 Regionen/Bezirken aktiv. Mit Hilfe des neuen österreichischen Programms zur Ländlichen Entwicklung soll als mittelfristiges Ziel bis 2013 eine bundesweite Umsetzung derartiger Prozesse in etwa 600 Gemeinden und 50 Regionen bzw. Bezirken Österreichs erreicht und abgesichert werden. (Lokale Agenda 21)

Leader („Liaison entre actions de dévelopement de l`économie rurale“) entstand aus einem Förderprogramm der Europäischen Union, welches innovative Aktionen im ländlichen Raum unterstützte und ist inzwischen Teil des Entwicklungsprogrammes für den ländlichen Raum. Es werden vor Ort passende Entwicklungskonzepte von lokalen Arbeitsgruppen und lokalen Akteuren für die eigene Region entwickelt. Im abgelaufenen Programmzeitraum 2000 bis 2006 gab es 56 Leader-Regionen in ganz Österreich, das Gesamt-Investitionsvolumen der hier umgesetzten Projekte belief sich auf rund 175 Mio. Euro. In der aktuellen Periode 2007 bis 2013 wird es 85 bis 100 Leader-Regionen geben, die fast den gesamten ländlichen Raum in Österreich umfassen. Klicken Sie hier für einen Rückblick über das Leader Forum 2010 in Bad Ischl. Leader Österreich 
  
Ein weiteres Beispiel für funktionierende Zusammenarbeit im Bereich Regionalentwicklung ist RSC. RSC (Regions for sustainable change) ist eine Partnerschaft von 12 Organisationen aus acht EU-Mitgliedsstaaten. Die
PartnerInnen engagieren sich für einen europaweiten Wandel zu einer kohlenstoffarmen, klimafreundlichen Wirtschaft. Mehr zu RSC findet man im Dialog des Monats Dezember.

 
Regionalentwicklungsprojekte bleiben heute aber noch in den meisten Fällen ein geschlossener Prozess, der zwar theoretisch jedem offen steht, in der Praxis dennoch bestimmten logischen Limitationen unterworfen ist – es können zum Beispiel nicht tausende Personen an einem Bürgerinnen-Rat teilnehmen. Trotz des Wunsches nach einer aktiven BürgerInnen-Beteiligung geschieht der Großteil hinter verschlossenen Sitzungssaal-Türen. Noch fehlen die adäquaten Werkzeuge, um eine breitere Gruppe in solche Prozesse zu integrieren. Doch mit der rasanten, kulturellen Revolution des Internets eröffnen sich neue Potentiale – auch für die Regionalentwicklung.  

Ein weiteres Beispiel für funktionierende Zusammenarbeit im Bereich Regionalentwicklung ist RSC. RSC (Regions for sustainable change) ist eine Partnerschaft von 12 Organisationen aus acht EU-Mitgliedsstaaten. Die PartnerInnen engagieren sich für einen europaweiten Wandel zu einer kohlenstoffarmen, klimafreundlichen Wirtschaft. Mehr zu RSC findet man im Dialog des Monats Dezember
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Neue Partizipation

+ Basisqualitäten 3.0

Die Qualität der Beteiligung muss weiter steigen. So wurde auch im LA21 Positionspapier (Positionspapier LA 21-Basisqualitäten 3.0) hinsichtlich der partizipativen Qualitäten ein 5-Stufen-Modell entwickelt, das die unterschiedlichen Intensitäten der Beteiligung von Bürgern/innen sowie lokalen und regionalen Akteuren/innen an Planungs‐ und Entscheidungsprozessen sichtbar machen soll. 
Basisqualitäten
Foto: Basisqualitäten

Dabei gelten die ersten drei Stufen (1) „Informieren: Informiert werden, sich aktiv Informationen einholen“, (2) „Mitreden: eigene Ideen und Anregungen einbringen“ und (3) „Mitplanen und Mitgestalten“ als Mindestanforderungen für alle LA21 Prozesse. Dass man hierbei auch die neuen Technologien einbinden müssen wird, liegt auf der Hand.  

Was kann also eine partizipative Regionalentwicklung von dieser jungen, medientechnologischen Welt des Web 2.0 lernen? 

Einen wichtigen Baustein stellt der Bürgerinnen-Rat dar, der eine einfache und kostengünstige sowie rasche Möglichkeit bietet, um die Selbstorganisation und Eigenverantwortung von BürgerInnen zu stärken. Dabei entwickeln zwölf zufällig gewählte BürgerInnen in zwei Tagen Verbesserungs- und Lösungsvorschläge für Themen des öffentlichen Interesses in ihrer lokalen Umgebung. Die Ergebnisse werden öffentlich kundgetan und zur Diskussion gestellt. 

+ Die Logik von Web 2.0

Der Begriff Web 2.0 wurde vor allem als klare Signalwirkung kreiert. Die Botschaft: Das Web sind wir. Die Masse an Internet-Nutzern wurde innerhalb kurzer Zeit vom passiven Rezipienten zum interaktiven Nutzer. Die schnelleren Datenverbindungen, kreative neue Dienste und Plattformen eröffneten ein riesiges Feld von Möglichkeiten. Dieser Prozess ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Das „Mitmach-Web“ lässt dabei selbst mächtigste Strukturen erodieren und weckt die Lust am Mitgestalten. 

Genau diese neue Kultur des „Mitmachens“, des sich Einbringens und Mitgestaltens, stellt ein enormes Potential für die Regionalentwicklung dar. Schon heute lassen große Konzerne ihre Kunden via Web darüber entscheiden und abstimmen, welchen Werbespot sie produzieren sollen, welche Farbe und Namen neue Produkte haben sollen. Darüber hinaus bedienen Unternehmen den Wunsch nach Partizipation in sogenannten „Crowdsourcing“ Projekten, um komplexe Probleme zu lösen oder frische Ideen generieren zu lassen. Mit großem Erfolg. Dass man diese Erfahrungen auf regionale Prozesse umlegen kann, ist eine spannende Perspektive.

Und auch die Politik wird von der Welle der Interaktion erfasst. In Deutschland werden über die Plattform „Direkt zur Kanzlerin“ Fragen von BürgerInnen an die Kanzlerin gestellt – und um die große Anzahl zu bewältigen – auch von den BürgerInnen im Vorfeld aussortiert und bewertet. Nur die besten und noch unbeantwortete Fragen kommen wirklich bis zur Kanzlerin durch. Die Antworten werden anschließend auf der Website veröffentlicht.

Die Technologie ermöglicht eine neue, leichte Form von Partizipation & Dialog – fern von mühsamen Fragebögen und aufwendigen Straßeninterviews.

+ Blogs: Einblicke & Dialog ermöglichen

Auch in den kleineren kommunalen Strukturen erwacht das Interesse für die neuen Werkzeuge. Gerade BürgermeisterInnen nutzen neue Kommunikationsformen wie „Blogs“ für ihren Dialog mit ihren WählerInnen. Vorbildhaft besonders der Blog von Martin Ploderer, Bürgermeister in Lunz am See (NÖ). Aber auch in Mörbisch oder in Ferlach können die EinwohnerInnen ihrem Bürgermeister via Web-Tagebuch folgen. Man erlaubt Einblicke, man traut sich mehr und mehr offen zu kommunizieren und Gedanken mit seinen WählerInnen zu teilen. Eine neue BürgerInnen-Nähe entsteht. 

Natürlich trennt sich auch hier schon die Spreu vom Weizen, denn man kann Dialogbereitschaft auch nur symbolisieren. Eine Kommentarfunktion für die LeserInnen ist ein absolutes Muss, wird aber leider nicht von allen angeboten. Mag es die Angst vor kritischen Stimmen sein oder einfach technische Unwissenheit. Auch hier wird man nachjustieren und verbessern.  

Doch nicht nur die politische Ebene nutzt das Potential von Blogs. Immer mehr dieser informellen Tagebücher mit regionalem Bezug werden von engagierten BewohnerInnen selbst installiert. So zum Beispiel die Informationsseite murtalinfo.at, die in der Obersteiermark West seit kurzem online ist. Der Anstoß für das Projekt kam aus einem vom EU-Regionalmanagement geförderten Demografie-Projekt www.demografie.at, das die hiesigen Stadtwerke initiiert hatten. Das Engagement des Unternehmens wurde auch mit dem Trigos-Preis ausgezeichnet. 

Der Trend zum offenen Dialog ist unaufhaltbar und eine Chance, die genutzt werden sollte. 

+ Soziale Netzwerke als Katalysator

Netzwerke sind natürlich keine Erfindung der jungen Internet-Entwicklung. Schon 1998 wurde vom Lebensministerium das „Akteursnetzwerk Nachhaltiges Österreich“ ins Leben gerufen, um relevante Akteure der Regionalentwicklung zu vernetzen und zum regelmäßigen Austausch über Themen, Strategien, Initiativen und konkrete Maßnahmen zur Umsetzung einer Nachhaltigen Entwicklung zusammen zu bringen. Wesentliche Instrumente für diesen kontinuierlichen, auf alle Umsetzungsebenen – Bundes-, Landes-, Regional- und Gemeindeebene -ausgerichteten Kommunikationsprozess waren bislang der jährlich stattfindende „Round Table Nachhaltiges Österreich“ und das vierteljährlich erscheinende „journal nachhaltigkeit“. Mit der im November 2010 veranstalteten 1. ÖSTRAT-Plattform hat man ein neues Beteiligungsformat ins Leben gerufen, welches den durch die von Bund und Ländern einvernehmlich  erarbeitete und im Juli 2010 vom Ministerrat beschlossene "Österreichische Strategie nachhaltige Entwicklung/ÖSTRAT" geänderten Rahmenbedingungen Rechnung trägt. Weitere Neuerungen bei der fortlaufenden Kommunikation im Netzwerk sind vorgesehen. 

Mit den Möglichkeiten des Web 2.0 erwachen nun weitere Akteure, oftmals Einwohner von betroffenen Regionen, und starten eigene Netzwerke. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement muss wahrgenommen und in die bestehenden Prozesse integriert werden.

Auf der derzeit dominierenden Plattform „Facebook“ tummeln sich weltweit schon mehr als eine halbe Milliarde Menschen. In Österreich bereits 2.25 Millionen! Dabei sind dies nicht mehr nur junge Leute. Die am schnellsten wachsende Gruppe sind die über 40-Jährigen. 

In der demografisch schwer betroffenen Region Obersteiermark West gibt es bereits erste Versuche, die Reichweite und direkte Ansprache des Netzwerkes zu nutzen. Mit der Gruppe „Judenburg"  hat man schon 1250 BürgerInnen virtuell versammeln können. Eine Gruppe, die sich rund um das politisch heiße Thema „Rennstrecke Spielberg“ austauscht und informiert, hat schon über 3000 Mitglieder. Zum Vergleich: Der Ort Spielberg selbst hat knapp 5000 EinwohnerInnen. Diese 3000 interessierten Stakeholder können nun mit einem Klick über aktuelle Geschehnisse informiert werden, zu Abstimmungen eingeladen werden und für Ideenentwicklung genutzt werden. Ein enormes Potential. 

Noch steckt die Anwendung dieser neuen Technologien in den Kinderschuhen, aber die spielerische und interaktive Form spricht die Menschen an. Die Barrieren der Mediennutzungskompetenz und des Zugangs zum Internet werden stetig geringer. Und gerade die jungen BewohnerInnen sind hier zu finden und für regionale Themen zu gewinnen. Jene Zielgruppe, die in klassischen Bürgerbeteiligungsprozessen schwer zu integrieren ist. Auch beim LEADER Forum 2010 zählte die Herausforderung, wie Bürger und Bürgerinnen angemessen und erfolgreich an der Entwicklung von Gemeinden und Regionen beteiligt werden können, zu den zentralen Fragen. 

Neben Facebook zeigt auch das wirtschafts-fokussierte Netzwerk „XING“ seine Kraft. Die Gruppe „Nachhaltige Entwicklung“, die vom Österreicher Mag. Roland Dunzendorfer gegründet wurde, zählt bereits 8000 Mitglieder aus dem deutschsprachigen Raum und ist damit im deutschsprachigen Raum die größte ihrer Art. Die englischsprachige Gruppe „Alternative Energies and Sustainability“ zählt sogar schon über 12.000 Mitglieder. Neu gegründet wurde auch die Gruppe „Nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung“ https://www.xing.com/net/pri2b8e1ex/stadtentwicklung, die zum Austausch einlädt.

Solche Gruppen sind vor allem hinsichtlich eines einfachen Best Practice Austausches von großer Bedeutung. Es sind selbstorganisierte Wissensnetzwerke, die komplementär zu den institutionalisierten Netzwerken wichtige Funktionen übernehmen können. 

+ Kollaborative Leistungsfähigkeit

Worin liegt nun die Leistungsfähigkeit von Web 2.0? Ist es Spielerei oder ernstzunehmende Perspektive für eine Regionalentwicklung 2.0?

Dr. Hans-Jürgen Bucher, Professor der Medienwissenschaft an der Universität Trier, hat schon 2008, im Rahmen einer Zukunftskonferenz, auf die Potentiale von Web 2.0 hingewiesen. In seiner Präsentation stellt er folgende Vorteile von Partizipation im Web fest: 
 
 
  • Geringe Zugangsschwelle
  • Niedrige Verbindlichkeit
  • Hohe Dynamik
  • Selbstorganisation
  • Anonymität
  • Zeitliche und räumliche Ungebundenheit
  • Weiterverwendbarkeit der Eintragungen
  • Interaktivität (Rück-Kanal)
  • Transparenz: alle sehen alles 
 
 
Er streicht die vielfältigen, kollaborativen Leistungen von Web 2.0 heraus. Angefangen von der Koordination und Organisation, über die Meinungsbildung und Abstimmung, dem Wissensmanagement und der Wissensspeicherung, der Kommunikation und Diskussion bis hin zur regionalen und internationalen Vernetzung, zeigt sich ein großes Leistungsbündel, das genützt werden sollte.

Einen Einblick dazu gibt es bei der CeDEM11 (conference for e-democracy and open government) am 5. – 6. Mai 2011 in Krems. Ein Track der Konferenz ist ausschließlich der E-Partizipation gewidmet. 

Partizipationsprozesse können auf jeden Fall viel von den Erfahrungen im Web 2.0 der letzten Jahre lernen. Vor allem, dass Partizipation Kommunikation voraussetzt. Dabei ergänzen sich Online- und Offline-Aktivitäten vortrefflich, mit einer intelligenten Kombination können alle Bevölkerungsschichten erreicht werden.

Ein derzeit noch zu berücksichtigendes Problem stellen die nicht durchgängigen Zugangsmöglichkeiten dar. Web 2.0 hat Leistungsgrenzen, ist aber dennoch kraftvolles Werkzeug für zukünftige Partizipationsprozesse in der ländlichen Entwicklung. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Neue Allianzen

Bündeln von Einzelanstrengungen

Die Kraft der Vielen ist aber nicht auf das Web beschränkt. Eine engere Vernetzung entsteht aktuell auch außerhalb der digitalen Welt. Die Akteure rücken näher zusammen und entdecken die langfristigen Potentiale einer gemeinsamen Strategie. Aus konkurrierenden Gemeinden werden verbündete Partner mit gemeinsamer Vision.

So schlossen sich zum Beispiel acht Gemeinden in Vorarlberg zusammen und gründeten die „Energieregion Vordernwald“. Die Zielsetzung der „2000 Watt Gesellschaft“ trifft dabei eine Vielzahl an unterschiedlichen Lebensbereichen, was eine weitere Vernetzung zwingend notwendig macht. Mobilität, Sozialkapital, Ernährung und Baukultur – nur durch die intelligente Kooperation kann die Vision realisiert werden. 

Der Bürgermeister der Gemeinde Langenegg, Georg Moosbrugger, ist sich sicher, dass die Regionalentwicklung von morgen nicht mehr einzelne Gemeinden, sondern die Bündelung von deren Anstrengungen fokussieren muss. Vielleicht ein großer Schritt hin zum Ende der Einzelanstrengungen. 

Etwas weiter geht Dr. Wolf Schluchter, Professor am Lehrstuhl für sozialwissenschaftliche Umweltfragen der BTU Cottbus. In seinem Beitrag zum Dialog des Monats meint er, die Allianzen von morgen sollten ähnlich der griechischen Polis gestaltet werden. Jede Funktionsgruppe in der Regionalentwicklung müsste durch eine ständige Vertretung präsent sein. Dabei sollte das Einstimmigkeitsprinzip gelten, womit der Zwang zu Kompromissen entstünde. Wer dagegen stimmt wäre dann verantwortlich dafür, dass gewollte Maßnahmen für eine nachhaltige Regionalentwicklung nicht umgesetzt werden. 

Eines scheint sicher. Eine weitere Vernetzung ist das Gebot der Stunde, um die Potentiale der bestehenden Programme optimal auf den Boden zu bringen. Die Bereitschaft der Akteure ist eindeutig sichtbar. Das stimmt zuversichtlich. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Neue Akteure

BürgerInnen-Aktiengesellschaften

Komplexe Probleme rufen nach innovativen Lösungsansätzen. Einen besonderen Weg, um dem fortschreitenden Zerfall seiner traditionell landwirtschaftlichen Heimat entgegen zu treten, schlug Christian Hiß ein. Er gründete eine Aktiengesellschaft. Das klingt bei der aktuell negativen Behaftung von Kapitalgesellschaften etwas absurd und ist dennoch ein gelungenes Experiment mit Strahlkraft. 

Das Modell ist grundsätzlich simpel. Regionale BewohnerInnen können Anteile an der AG kaufen und mitbestimmen. Deren Ziel: Das Kaufen oder Pachten von landwirtschaftlichen Betrieben, Wiesen und Äckern, um diese nachhaltig zu bewirtschaften und vor dem Verfall zu retten. So dient die RWAG auch als Auffangnetz für regionale Bauern, die dem ökonomischen Druck nicht standhalten konnten. Hiß stellt die integrierten Betriebe dabei auf ökologische und biologische Landwirtschaft um, sichert damit die ökonomische Existenz und rettet gleichzeitig Kulturlandschaft. 

Den Aktieninhabern geht es dabei nicht um Rendite, sondern vor allem um die Leistung der RWAG und ihren ideellen Zweck. Gemeinsam ist man stark. Durch die Bündelung von Kapital kann mit der BürgerInnen-Aktiengesellschaft viel bewegt und gerettet werden. Das neue hybride Modell aus ideellem, regionalem Engagement und kapitalwirtschaftlicher Struktur entfaltet eine faszinierende Kraft. 

Gründer Christian Hieß kann sich auch eine Anwendung des Modells auf andere heikle Bereiche in ländlichen Regionen vorstellen. Mobilität, medizinische Versorgung oder auch die Denkmalpflege wären mögliche Felder, wo die Form einer BürgerInnen-Aktiengesellschaft mehr leisten könnte als die bis dato vorhandenen Instrumente. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Resümee

Die heutigen komplexen Herausforderungen der Regionalentwicklung verlangen nach kreativen, partizipativen und vernetzten Lösungen. Die neuen Technologien (Web 2.0) können uns dabei in vielerlei Hinsicht helfen, uns inspirieren und die Rolle der zentralen Kommunikations- und Interaktionskanäle übernehmen. 

Neben der Verschränkung und Koppelung der wirtschafts- und regionalpolitischen Programme und dem Schulterschluss von Gemeinden braucht es auch neue Aktivitäten von „unten“. Mutige Modelle wie die Regionalwert AG zeigen das Potential von unternehmerischen Initiativen und der Kraft der Vielen. Es wird weiterhin viel Engagement und eine große Portion „Neudenken“ benötigen, um auf vielen Ebenen vom passiven Verwalten zum kraftvollen – gemeinsamen – Gestalten zu kommen. 


______________________________ 

AUTOR: Dieses Monatsthema wurde von Hannes Offenbacher, Mehrblick, verfasst.


"Person des Monats" ist Christian Hiß, Gründer und Vorstand der Regionalwert AG  - hier gelangen Sie zur seinem Beitrag. 
 
Gastkommentare und Statements zu diesem Monatsthema können Sie hier lesen. 
 
 
 
 
 
 

19.12.2010, nachhaltigkeit.at