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Ute Stoltenberg
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Person des Monats 01/11: Ute Stoltenberg

Prof. Dr. Ute Stoltenberg, Universitätsprofessorin und Leiterin des Instituts für integrative Studien an der Leuphana Universität Lüneburg, ist unsere Person des Monats Januar. Als Sozialwissenschaftlerin engagiert sie sich für das Thema Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

Wie arbeiten Sie daran, die Zielsetzung der UN-Dekade zu realisieren, Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als Orientierung aller Bildungsbereiche zu verankern?

Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist für eine Wissenschaftlerin eine Aufgabe auf vielen Ebenen:
Es bedarf der Weiterentwicklung von Konzepten, der Zusammenarbeit mit der Praxis zur Implementation des Konzepts, der Bildung über Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (nicht nur für pädagogische Fachkräfte in allen Bildungsinstitutionen, sondern auch für Menschen, die in sozialen, öffentlichen Einrichtungen oder in der Wirtschaft arbeiten), der Überzeugung von Bildungspolitik und –verwaltung, damit Bildung für eine nachhaltige Entwicklung auch in den Bildungsplänen und Curricula verankert wird.
Immer ist die Verständigung über „nachhaltige Entwicklung“ der Ausgangspunkt. Denn Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist sowohl ein Konzept und eine Praxis, die Menschen befähigen soll, eine nachhaltige Entwicklung zu gestalten. Damit ist dieses Bildungskonzept radikal anders als Bildungskonzepte, die bestehendes Wissen weitertragen wollen. Eine nachhaltige Entwicklung kann nur als ein individueller und ein gesellschaftlicher Such-, Lern- und Gestaltungsprozess verstanden werden, für den wir die bestmöglichen Voraussetzungen im Bildungsprozess bereitstellen müssen.

 
Wie kann man dann Nachhaltigkeit lernen?

Dazu gehört eine Auseinandersetzung mit den globalen Problemlagen, die jeden berühren, weil sie durch Wirkungszusammenhänge herbeigeführt werden, an denen Menschen in allen Regionen der Welt als VerursacherInnen oder Betroffene beteiligt sind – wie Verlust von Biodiversität, Klimawandel, Verlust von kultureller Vielfalt, Wassermangel, Hunger. Es ist damit auch ein kritisches Konzept, setzt sich mit den Konflikten und Widerständen auseinander, die einer nachhaltigen Entwicklung entgegenstehen. Aber es ist zugleich ein zukunftsorientiertes Konzept, das nach Alternativen im Verhältnis von Mensch und Natur und des Zusammenlebens der Menschen fragt. Orientierung dafür ist ein Werterahmen, auf den sich die Weltgesellschaft weitgehend geeinigt hat und der konkretisiert werden muss: Menschenwürde, Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und Gerechtigkeit gegenüber den derzeit in der Einen Welt lebenden Menschen als auch gegenüber zukünftigen Generationen.
Nachhaltige Entwicklung ist auf eine kritische Betrachtung bisherigen Wissens als auch auf neues Wissen angewiesen. Und eine nachhaltige Entwicklung – dieser Such-, Lern- und Gestaltungsprozess – setzt voraus, dass Menschen in Bildungsprozessen an ernsthaften Aufgaben arbeiten, die sie ermutigen sich daran zu beteiligen, die sie offen für neue Denkweisen, experimentierfreudig und zugleich risikobewusst machen.


Das ist alles sehr anspruchsvoll – ist das nicht auch für viele Menschen überfordernd?

Ich würde gern vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen dazu ermutigen, das Potential dieses Konzepts für alle Menschen im Sinne lebenslangen Lernens zu nutzen und dabei zugleich einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Nehmen wir als Beispiele den Kindergarten, die Universität, eine soziale Einrichtung.
Alle genannten Felder kann man zunächst daraufhin betrachten, wie man formelles Lernen (durch gezielte Bildungsangebote) und wie man informelles Lernen (durch Nachhaltigkeitserfahrungen im Alltag, „nebenbei“) für eine nachhaltige Entwicklung ermöglichen kann. In allen Bereichen kann man zudem solche Fragen ansprechen, die zentral für Gegenwart und Zukunft des einzelnen und der Menschen insgesamt in dieser Einen Welt sind. Das ist in der Regel nicht schwer, sondern motivierend. Denn Nachhaltigkeitsthemen sind ja keine Schulfragen, sondern Lebensfragen. Und ebenfalls für alle Bereiche können Arbeitsweisen und Prinzipien des Zusammenlebens praktiziert und dabei als sinnvoll erfahren werden, die für eine nachhaltige Entwicklung zentral sind: Partizipation – um das jeweilige Wissen und die Sichtweisen und Erfahrungen der Menschen nutzen und mit ihnen gemeinsam  sinnvolle und tragfähige Entscheidungen finden zu können; Lernen an ernsthaften Aufgaben, in realen Situationen, um zu erfahren, dass bzw. unter welchen Bedingungen Nachhaltigkeit machbar ist; kreative, ästhetische, sinnliche Zugänge zum Verhältnis von Mensch und Natur und der Menschen untereinander, um sensibel zu werden, um umdenken und neu denken zu können.

Im Kindergarten kann das zum Beispiel konkret so aussehen: Jahreszeiten werden nicht nur als Anlass für Feiertage gesehen und durch Naturphänomene illustriert, sondern genutzt, um Kindern Einsichten in die Zeiten der Natur, in Wachstums- und Regenerationsprozesse und deren natürliche Voraussetzungen zu eröffnen. Zugleich kann Kindern deutlich werden, dass wir nicht nur in der Natur gut leben können, sondern auch von ihr leben, sie täglich nutzen – nicht zuletzt im Alltag des Kindergartens selbst. Eine verantwortliche Gestaltung der Einrichtung wäre ein Beitrag zum Lernen und zu einer nachhaltigen Entwicklung.

Wenn ich die Universität als Beispiel nenne, kann ich auf eigene Erfahrungen in meiner Universität verweisen. Alle Studierenden im ersten Semester belegen ein Modul „Wissenschaft trägt Verantwortung“, in dem sie sich mit Fragen nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzen, u.a. im Rahmen eines selbst gewählten Projekts zu einer für sie sinnvollen Fragestellung. Hier zeigt sich besonders, dass Bildung für eine nachhaltige Entwicklung nicht heißen kann, ein neues Programm umzusetzen. Zugänge zu der Idee einer nachhaltigen Entwicklung und der damit verbundenen Verantwortung erfordern eine offene Diskussion über die Auslegung und Akzeptanz des Werterahmens, erfordern die Erfahrung eigener Interessen und Betroffenheit und der Grenzen und Widerstände, mit denen eine nachhaltige Entwicklung auf der Ebene des Individuums und der Gesellschaft rechnen muss.

Bisher wenig im Blick einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung sind soziale Einrichtungen. Aber Jugendwohnheime, offene Einrichtungen für Migrantinnen oder Altenheime – um nur drei Beispiele zu nennen –  sind Orte, an denen Nachhaltigkeitserfahrungen zugänglich gemacht werden können (wiederum durch Gestaltung des Alltags) und die selbst aktive Partner in Bildungsprozessen für eine nachhaltige Entwicklung sein können. Alte Menschen können gemeinsam mit Kindern eine nachhaltige Mobilität praktizieren. Migrantinnen können ermutigt werden, ihr kulturelles Wissen und Können im sozialen Kontakt mit anderen Bürgerinnen anzubieten bzw. im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu erweitern (wie es beispielsweise in den Interkulturellen Gärten oder in sozialen Projekten geschieht, die gemeinsam die Lebensqualität im Quartier verbessern). Jugendlichen kann Verantwortung für das Gemeinwesen, für ihre eigene Einrichtung oder für kooperative soziale Projekte zugemutet und zugetraut werden, die ökologische mit ökonomischen, sozialen und kulturellen Aspekten des Projekts unter Nachhaltigkeitswerten verbinden.

Durch die Beispiele ist schon angedeutet worden, dass Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und die Entwicklung eines Gemeinwesens im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung eng verbunden sein können. Was nicht zu vergessen ist: die „Außenbeziehungen des Gemeinwesens“, unsere Abhängigkeit von anderen Menschen und anderen Regionen und unsere Wirkungen auf sie – die wir ebenfalls mit gestalten können.

 
Könnten Sie zuspitzen, worauf es Ihnen vor dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen ankommt?

Wichtig scheint mir, das Konzept als ständige neue Herausforderung und nicht als regelnde Vorgabe zu begreifen – zum Beispiel im Sinne von „wir sparen jetzt auch Energie“. Der Werte- und Handlungsrahmen einer nachhaltigen Entwicklung muss jeweils ausgelotet und bewusst ausgefüllt werden. In Bildungsprozessen kann man dies erproben und reflektieren – und natürlich auch ermutigende Erfahrungen sammeln.

Die Bildungspolitik ist gefordert, die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür, einschließlich von Fort- und Weiterbildung für eine nachhaltige Entwicklung, zu schaffen.
 
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Zur Person:
 
Ute Stoltenberg ist Universitätsprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg; sie leitet das Institut für integrative Studien in der Fakultät Bildung (www.leuphana.de/institute/infis.html) und ist Mitglied im Institut für Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation in der Fakultät Nachhaltigkeit.
 
Sie ist als Sozialwissenschaftlerin daran beteiligt, das Konzept Bildung für eine nachhaltige Entwicklung durch Theorie und Praxis zu entwickeln. Ein wichtiges Arbeitsfeld war dabei die eigene Universität, an der seit über 15 Jahren an der Aufgabe gearbeitet wird, die Rolle von Wissenschaft und Hochschulen für eine nachhaltige Entwicklung auszugestalten. Schwerpunkte sind zudem Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in der Lehrerbildung, in der Weiterbildung von MultiplikatorInnen und nicht zuletzt im Kindergarten. Dazu begleitet sie derzeit mit ihrem Team ein deutschlandweites Projekt zur Implementation von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Kindergarten. Eine von ihr durchgeführte Studie zur Frage, wieweit die neuen Bildungspläne für den Elementarbereich dieses Konzept bereits zugrunde legen, war Impuls für viele Bundesländer daran weiter zu arbeiten. Mit Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern setzt sie sich seit 2000 im Rahmen ihres Lehrauftrags an der Freien Universität Bozen auseinander.
 
Wichtig ist ihr, dass Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als Impuls für Innovationen im Bildungssystem verstanden wird, die Menschen sinnvolles und damit motivierendes Lernen ermöglichen. Auch deshalb ist der Zusammenhang von Bildung und nachhaltiger Regionalentwicklung genauso Teil ihrer Arbeit wie internationale Kooperationen, insbesondere in Europa und mit Lateinamerika.
Ute Stoltenberg engagiert sich zudem in außeruniversitären Organisationen für Bildung für eine nachhaltige Entwicklung – so als Mitglied des deutschen Nationalkomitees für das UNESCO-Programm „Men and Biosphere“ und in der Hamburger Klimaschutzstiftung.
 
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Hier finden Sie die Gastkommentare verschiedener ExpertInnen zum Thema.
 

12.01.2011, nachhaltigkeit.at