Prozess des Monats 05/11: Weppersdorf
Burgenland
Die Inhalte dieser Seite wurden vom Prozessbegleiter Karlo Hujber in Abstimmung mit dem Kernteam erstellt.
1. Kurzprofil zur Gemeinde
Weppersdorf ist eine Großgemeinde, die seit 1971 aus dem Hauptort Weppersdorf sowie aus den Ortschaften Kalkgruben und Tschurndorf besteht. Sie liegt im Mittelburgenland, im nördlichen Teil des Bezirks Oberpullendorf.
Weppersdorf und seine Umgebung haben eine lange Geschichte
Die ältesten Nachweise zur Besiedelung gibt es aus der Keltenzeit (um 100 v. Chr.) sowie aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Im Jahr 860 wurde das Gebiet um Weppersdorf als Besitz der Grafen Ratpot und Richari erwähnt, die vom Salzburger Erzbischof mit der Kultivierung und Besiedelung betraut wurden. Die erste urkundliche Erwähnung von Weppersdorf geht auf das Jahr 1222 zurück, die von Kalkgruben ebenfalls auf die Zeit um 1220 und die von Tschurndorf auf das Jahr 1527. Wie viele Gemeinden des heutigen Burgenlandes litten auch die Ansiedlungen um Weppersdorf unter der Türkenbelagerung. Später waren es mehrfache Erhebungen gegen die Habsburger, die kurzzeitige Besetzung durch napoleonische Truppen sowie der 1. und 2. Weltkrieg, die dem Ort und der Region viele Lasten aufgebürdet haben.
Auf einer Fläche von ca. 25 km2 leben heute ca. 1800 Einwohner/innen in 720 Haushalten.
Über die Region hinaus ist die Gemeinde u. a. mit ihrem vorbildhaften Pflegekompetenzzentrum bekannt geworden. Weiters ist die Vollwertbäckerei Gradwohl zu nennen, die mit ihren Produkten und Spezialangeboten mehrere Filialen im Burgenland und in Wien beliefert.
Zum Freizeitangebot der Gemeinde gehören die Einbindung in ein Radwegenetz, der Natur- und Kulturpfad, gut betreute Fischteiche sowie die Sportanlagen und Kinderspielplätze.
Als Besonderheit der Gemeinde werden das lebendige Vereinsleben und die hohe Selbstorganisation der drei Ortsteile gesehen. Durch das breite Engagement dieser Gruppen und einzelner aktiver BürgerInnen konnten bislang Vorhaben viel früher realisiert werden. Dieses lebendige Miteinander bestimmte auch die Erarbeitung unseres Zukunftsprofils.
2. Ansprechpersonen
Bgm. Paul Piniel
Gemeindeamt,
7331 Weppersdorf
t +43 (0)6218-2281
post@weppersdorf.bgld.gv.at
für Weppersdorf: GV Erich Zweiler
t +43 (0)664-3300345
erich.zweiler@aon.at
für Kalkgruben: OV Johann Binder
t +43 (0)664 / 8239457
johann.binder@akbgld.at
für Tschurndorf: Vbgm. Franz Geissler
t +43 (0)664 / 5048779
franz.geissler@bewagnetz.at
Prozessbegleitung
Karlo M. Hujber
Ideenkreis
Grabenmühle 12, 5205 Schleedorf
t +43 (0)6216 / 4238-0
karlo.hujber@ideenkreis.com
www.ideenkreis.com
3. Prozessverlauf der LA 21 in der Großgemeinde Weppersdorf
Im Jahre 2009 startete die "Dorferneuerung neu" auf den Grundlagen der Lokalen Agenda 21. Als externer Begleiter wurde Karlo Hujber von Ideenkreis Schleedorf (Land Salzburg) mit der Prozessbegleitung beauftragt.
5 Kernstrategien liegen dem Leitbildprozess zugrunde:
Zielklarheit schaffen: zentrale Entwicklungsziele als "Zukunftsprofil 2020" für die Gemeinde als Ganzes und für die drei Ortsteile erarbeiten
Eigeninitiative fördern: Rahmenbedingungen für ein verstärktes bürgerschaftliches Engagement erweitern; die Arbeit der Akteur/innen soll ausreichend gewürdigt werden.
Nachhaltig planen und handeln: Nachhaltiges und vernetztes Denken ist als Grundlage künftiger Planungen und Entscheidungen einführen
Innovationen anregen: den Mut zu neuen, zukunftsweisenden Lösungen haben
Den Transfer sicherstellen: Das gemeinsam erarbeitete Zukunftsprofil soll konsequent umgesetzt werden
Als Steuerungsgruppe wurde ein Kernteam mit VertreterInnen aus allen drei Ortsteilen eingerichtet. Dieses setzte sich aus Verantwortungsträger/innen und Aktivbürger/innen zusammen und legte viel Wert auf eine ausgewogene Zusammensetzung bzgl. der Ortsteile, der Altersgruppen und des Geschlechts.
Breite Sensibilisierung und kreative Öffentlichkeitsarbeit
Mit Serienplakaten, die Fußspuren abbildeten, wurde die breite Bevölkerung auf den Projektstart und die drei Zukunftsdialoge in den Ortsteilen aufmerksam gemacht. Gleichzeitig wurden die Fußspuren an mehreren Stellen auf die Gehwege gemalt. Über eine Zeitung an alle Haushalte erfuhren die BewohnerInnen erste Details zur Lokalen Agenda 2 und wurden zu den aktuellen Terminen eingeladen. Ausgewählte Personen wurden zu den Zukunftsdialogen über ein persönliches Schreiben eingeladen. Kurz gefasste Fragebogen haben im Vorfeld dazu beigetragen, Inhalte des Prozesses zu vermitteln, ein Teil der Fragen war auf die jeweiligen Ortsteile fokussiert, ein anderer Teil auf die gesamte Gemeinde.
Bei der öffentlichen, gut besuchten Präsentation erfuhr die interessierte Bevölkerung vom Sand des Prozesses und von den kreativen Ideen.
Das Logo mit dem Slogan "Wir gehen neue Wege" war das verbindende Element im selbst gestalteten Prozess, drei unterschiedliche Fußspuren symbolisieren die Ortsteile.
Aktivierende Analyse
Diese bildete einen wichtigen Ausgangspunkt für die Zielfindung und beschäftigte sich einerseits mit den Schwächen und Problemen, andererseits mit den Ressourcen und Potenzialen der Gemeinde. Die Analyse war in der Gemeinde Weppersdorf sehr breit angelegt und umfasste folgende Aktivitäten:
Statistische Basisdaten erheben und auswerten
Auffallend waren die leicht positive Bevölkerungsentwicklung (vorwiegend durch Zuzüge), die relativ rege Wohnbautätigkeit sowie der bekannt hohe Pendleranteil. Dem entsprechend stammen die Steuereinnahmen der Gemeinde hauptsächlich aus den Ertragsanteilen, weniger aus der Kommunalsteuer.
Begehung der Gemeinde /der Ortsteile
Alle drei Ortsteile verfügen über naturräumliche Potenziale, die größtenteils wenig genutzt und tagestouristisch kaum in Wert gesetzt sind. Besonders in Kalkgruben und Tschurndorf findet man noch Zeugen vergangener und Aktivitäten gelebter Alltagskultur. Auch dies kann eine Grundlage für eine zumindest bescheidene tagestouristische Positionierung sein. In diesen zwei Ortsteilen ist auch die Gastronomie nur schwach ausgeprägt und man findet bauliche Leerstände, die keine Nutzung haben. Die sozialen Angebote sowie die Freizeiteinrichtungen sind vielseitig, es gibt jedoch einen teilweise dringenden Bedarf nach Räumlichkeiten für soziale, kulturelle und gesellige Aktivitäten. Kalkgruben bräuchte außerdem einen zentralen Platz zur Begegnung (Dorfplatz).
Fragebogen-Aktion in allen drei Ortsteilen
Mit 310 ausgefüllten Fragebögen war diese Aktion besonders erfolgreich. Die Befragten haben nicht nur die Antworten angekreuzt, sondern auch viele persönliche Anregungen hinzu gefügt. Eine sehr hohe Übereinstimmung fanden der gute Zusammenhalt und das hohe Engagement aktiver BürgerInnen in den Ortsteilen. Deshalb leben die meisten auch sehr gerne in dieser Gemeinde, sie fühlen sich wohl und würdigen die Bemühungen der GemeindepolitikerInnen sowie der Gemeindeverwaltung.
ABZ-Gespräche© mit TrägerInnen der örtlichen Lebensqualität
In 26 etwa eineinhalb stündigen Treffen wurden mit 29 Personen aktivierende Gespräche zu den Schwerpunkten der Lokalen Agenda 21 durchgeführt, die sich auf die Ortsteile und auf die Gesamtgemeinde bezogen. Die vielfältigen Ergebnisse wurden in einer Dokumentation anschaulich aufbereitet und für die Weiterarbeit vielfältig genutzt.
Die Erarbeitung des Zukunftsprofils 2020
3 Themen bezogene Zukunftsdialoge:
Die drei Zukunftsdialoge waren ein intensiver Teil des Prozesses. Sie waren sehr gut besucht, obwohl sie erst in der zweiten Junihälfte angesetzt waren. Auch hier ging es noch um die die Analyse, aber schon mit einem großen Blick auf die Zukunftsentwicklung der Gemeinde. Dabei wurde der Planungshorizont auf einen Handlungszeitraum von ca. 10 Jahren ausgelegt.
3 Ortsteiltreffen:
In den Ortsteiltreffen wurden zuerst die Ergebnisse aus der Fragebogenaktion präsentiert. Davon abgeleitet wurden Ortsteil bezogene Kernthemen erarbeitet, welche bei der Zielfindung und bei der konkreten Umsetzung eine vorrangige Priorität haben sollten.
Schwerpunkte und Inhalte des Zukunftsprofils 2020
Leitbilder müssen führen und leiten
Wer ein gemeinsam getragenes Leitbild hat, muss Grundsatzfragen nicht immer neu stellen. Er besitzt damit ein Führungsinstrument, mit dem die künftigen Entscheidungen substanziell beeinflusst und gesteuert werden, mit großem Rückhalt in der Bevölkerung.
Leitbilder müssen Zukunftskonzepte sein
Reparaturkonzepte allein reichen nicht aus. Wir brauchen Zukunftskonzepte, die Antworten auf die Frage geben: "Was kommt in den nächsten 5, 10, 15 Jahren auf uns zu und welche Weichen haben wir heute zu stellen, um morgen darauf "bauen" zu können?
Leitbilder brauchen ein nachhaltiges und vernetztes Denken
Die "Dorferneuerung neu" macht die wechselseitigen Zusammenhänge und die Erfordernissen einer nachhaltigen Entwicklung bewusst. Das führt zu einer neuen Qualität des Planens.
Der Erfolg eines Leitbildprozesses zeigt sich an der Umsetzung.
Die im Leitbild (Zukunftsprofil) verfassten Ziele lassen sich allerdings nicht allein durch die Aktivitäten des Gemeinderates realisieren. Es braucht ein breites Engagement von Bürgerinnen und Bürgern. Manches kann durch deren Mitarbeit in den festgelegten Projekten zum Erfolg geführt werden, anderes kann jede/r im eigenen Lebens- und Entscheidungsbereich bewirken. Deshalb ist die Förderung des Sozialkapitals ein wichtiger Aspekt nachhaltiger Gemeindeentwicklung. Sie bringt nicht die Entscheidungsträger unter Druck, sondern führt dazu, dass gemeinsame Ziele auch gemeinsam umgesetzt werden. Denn gemeinsam erreichen wir mehr …
Aktionismus allein reicht aber nicht
Man kann vieles machen und trotzdem wenig bewegen. Der Maßstab ist nicht nur die Quantität der Projekte, sondern vielmehr die Qualität. Auch hier muss sich Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit beweisen.
Die Leitziele für die nächsten 10 Jahre (Kurzfassung)
1. Arbeit und Wirtschaft nachhaltig planen
- Den Wirtschaftsstandort Weppersdorf attraktiv weiterentwickeln. Das Industriegebiet ist dazu eine gute Voraussetzung.
- Bürger/innen ermutigen wir, eigene unternehmerische Initiativen zu setzen.
- Für die Nahversorgung in Kalkgruben und Tschurndorf streben wir neue, Erfolg versprechende Lösungen an.
- Obwohl wir nicht inmitten einer aufstrebenden Tourismusregion liegen, besitzen wir vielseitige Potenziale für interessante tagestouristische Angebote.
- Diese realisieren wir besonders in Tschurndorf und Kalkgruben mit kreativen Ideen und mit Engagement.
- Energie sparen - ohne Verlust an Lebensqualität. Das schont die Umwelt und die Geldbörse.
- Dazu fördern und nutzen wir vermehrt erneuerbare Energie.
- Zur Bildungs- und Kulturarbeit schaffen wir multifunktionale Räumlichkeiten.
- Ein interessantes Leitprojekt soll unsere "Schule für traditionelles Handwerk" werden.
- Verstärkt setzen wir auch Bildungsangebote für Erwachsene
- Dabei arbeiten wir Ortsteil übergreifend stärker zusammen.
5. Unser Sozialprofil weiter stärken
- Familienarbeit werten wir gegenüber der Erwerbsarbeit weiter auf.
- Wir schaffen Startwohnungen für junge Menschen und betreubares Wohnen für alte Menschen.
- Mehr Interesse wecken wir für unsere Angebote zur Gesundheitsförderung.
- Geplant ist auch eine (soziale) Tauschbörse.
- Wir setzen Aktivitäten zur Ortsverschönerung
- Für leer stehende Häuser finden wir passende Nutzungsmöglichkeiten
- Über attraktive Finanzierungsmöglichkeiten schaffen wir Anreize, damit Private leichter ihre Häuser und Fassaden renovieren können.
7. Das natürliche Erbe erhalten
- Mit unseren naturräumlichen Potenzialen errichten wir ein touristisches Leitprojekt und (buchbare) Angebote.
- Wir setzen landschaftspflegerische Maßnahmen.
- Wir fördern die Erzeugung regionaler bäuerlicher Produkte und kaufen sie auch vermehrt ein.
4. Ausgewählte Projekte und Aktionen
Ein Teil der 2010 geplanten Startprojekte ist bereits konkret in Arbeit. Ein Teil davon ist sogar schon umgesetzt. Dies ist deshalb gelungen, weil die Konkretisierung nicht nur der Gemeinde übertragen wurde, sondern "Menschen wie du und ich" die Verantwortung als Projektleiter/in übernommen haben.
Auszug aus Projekten
Ortsteil Weppersdorf
· Aktive Vermarktung des Betriebsgebietes
· Jugendzentrum errichten, zusätzlich mit multifunktional nutzbaren Gemeinschaftsräumen
· Fitness-Aktivitäten in der freien Natur anbieten
· Bei künftigen Neubauten vermehrt erneuerbare Energie nutzen
· Eine öffentliche Bücherei errichten
· Einen mobilen Hilfsdienst aufbauen
Ortsteil Kalkgruben
· Ökumenische Friedenskirche: Sanierung und Gestaltung des Vorplatzes mit Dorfplatzcharakter (und Feierlichkeiten zum 35-JahrJubiläum vorbereiten)
· Rad- und Wanderwegkonzept als Gemeinschaftsprojekt aller drei Ortsteile
· Bei künftigen Neubauten vermehrt erneuerbare Energie nutzen
· Verkehr beruhigen / entschärfen (aktuell: Siedlergasse)
· Startwohnungen für junge Menschen schaffen
· Angebote für betreubares Wohnen
Ortsteil Tschurndorf
· Dorfgemeinschaftshaus mit Funktionsplan und Grobkostenschätzung, mit Gestaltungskonzept und mit Ideen für die Organisation
· Ortsbildverschönerung einschl. Fassadengestaltung
· Schule für altes Handwerk aufbauen
· Bei künftigen Neubauten vermehrt erneuerbare Energie nutzen
· Eltern-Kind-Forum Tschurndorf
· Mietwohnungen
· Rad- und Wanderwegkonzept als Gemeinschaftsprojekt aller drei Ortsteile
· Eigene Homepage für Tschurndorf
Projektpläne als Grundlage einer Ziel gerichteten Arbeitsweise
Für alle Teilprojekte, die in Umsetzung sind, liegen Projektpläne vor. Sie wurden in einer eigenen Projektwerkstatt nach der Methode "10-Finger-Check" (© Ideenkreis) erarbeitet. Dadurch soll auch bei einem breiten ehrenamtlichen Engagement eine möglichst professionelle Arbeitsweise zum Tragen kommen.
Zum Abschluss
Es gibt für alle einen Weg, aber nicht einen Weg für alle!
5. Redaktion und Rückfragen
Prozessbegleiter Karlo M. Hujber
Ideenkreis
Grabenmühle 12, 5205 Schleedorf
t +43 (0)6216 / 4238-0
karlo.hujber@ideenkreis.com
www.ideenkreis.comwww.ideenkreis.co
www.ideenkreis.com
09.03.2012, nachhaltigkeit.at









