Von Rio zu Rio+20 - Bilanz der vergangenen 2 Dekaden
Eine Welt im Wandel. Der Jahreswechsel 2011/2012 ist ein guter Anlaß um unsere Leserinnen und Leser auf die in einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) enthaltene „Bilanz“ aufmerksam zu machen, welche in anschaulicher Art und Weise die Veränderungen auf unserem Planeten umreißt, die seit dem Welt-Umweltgipfel vor zwanzig Jahren festzustellen sind.
In Vorbereitung der „Rio+20“ –Konferenz im Juni 2012 in Rio de Janeiro hat die UNEP den Bericht „Keeping Track of our Changing Environment: From Rio to Rio+20“ veröffentlicht. Der Bericht soll dazu beitragen aufzuzeigen, wo die Welt in ökonomischen, gesellschaftlichen bzw. sozialen sowie in ökologischen Themen heute steht und in welche Richtung wir uns nach Rio+20 bewegen müssen.Anhand anschaulich aufbereiteter statistischer Daten und Indikatoren zeichnet der Bericht in Summe ein gleichermaßen wenig überraschendes wie wenig erfreuliches Bild: Trotz vieler Bemühungen sind wir insgesamt von den Zielen einer nachhaltiger Entwicklung noch weit entfernt.
Hier ein Auszug der im Bericht bilanzierten Daten und Fakten:
Wachsende Weltbevölkerung als Herausforderung für nachhaltige Entwicklung
Seit 1992 hat sich die Weltbevölkerung um annähernd 1,5 Milliarden Menschen auf 7 Milliarden Menschen vergrößert, wobei die höchsten Wachstumsraten in Westasien (67%) und Afrika (53%) festgestellt wurden. Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung hat von 1,65% im Jahr Anfang der 90er Jahre auf jetzt 1,2% abgenommen.
Etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt mittlerweile in Städten. Waren es 1992 noch 2,4 Milliarden Menschen, sind es inzwischen bereits 3,5 Milliarden. Der Ausbau der Infrastruktur, der Bildungs-, der Gesundheits- und der Sozialsysteme hält mit dem rasanten Tempo der Ausweitung der Städte in Entwicklungsländern nicht Schritt. In vielen Ländern leben 30-50% der städtischen Bevölkerung unter erbärmlichen Wohnverhältnissen.
Mit der wachsenden Urbanisierung ist auch eine Vergrößerung der ökologischen Fußabdrücke verbunden, denn die Hälfte der Weltbevölkerung, die in Städten lebt, verbraucht 75% der Energie und verursacht 80% der weltweiten Kohlendioxidemissionen. Gefragt sind also neue Konzepte und eine neue Praxis nachhaltigen urbanen Lebens.
Wachsende landwirtschaftliche Produktion – und weiterhin Hunger
Die Nahrungsmittelproduktion der Landwirtschaft ist seit 1992 um 45% gewachsen. Gleichzeitig nahm die Weltbevölkerung um 26% zu. Trotzdem sind Hunger und Unterernährung weiterhin in vielen Ländern ein gravierendes Problem. Hauptproblem ist vielerorts nicht das Fehlen von Nahrungsmitteln, sondern die fehlende Kaufkraft und die unzureichenden Selbstversorgungsmöglichkeiten des ärmeren Teils der Bevölkerung. Der Kampf gegen den Hunger erfordert daher ein Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit und eine grundlegende Landreform zugunsten der armen ländlichen Bevölkerung.
Daneben bleibt aber auch eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion notwendig. Nach Meinung vieler UN-Fachleute kann die ökologische Landwirtschaft einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen Hunger und Unterernährung leisten.
Steigende Einkommen und wachsender Ressourcenverbrauch
Von 1992 bis 2010 ist das weltweite Sozialprodukt um 75% gewachsen, also um durchschnittlich 3,2% im Jahr. Das Sozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung stieg um 40%, wobei es in Entwicklungsländern sogar um 80% zunahm. Dabei gab es allerdings große regionale Unterschiede.
Mit dem steigenden Sozialprodukt stieg auch der Ressourcenverbrauch durch die Weltbevölkerung beträchtlich. Seit 1992 hat sich der jährliche Rohstoffverbrauch (Mineralöl, Eisenerz, Biomasse u.a.) um 41% erhöht.
Das UN-Umweltprogramm warnt in seinem Bericht davor, das Wachstum des Sozialprodukts mit einer Zunahme des Lebensstandards gleichzusetzen. Das Wohlergehen der Menschen und die Lebensqualität sind von vielen Faktoren abhängig und werden jährlich mit dem „Index für menschliche Entwicklung“ (Human Deveploment Index – HDI) für alle Länder der Welt dargestellt.
Energie“hunger“ – nachhaltige Antworten sind gefragt
Der Pro-Kopf-Energieverbrauch der Bevölkerung in den Industrieländern ist fast 12 Mal höher als in Entwicklungsländern. Von 1992 bis 2008 hat sich der weltweite Verbrauch je Einwohner lediglich um insgesamt 5% erhöht, wobei der Konsum in Entwicklungsländern in letzter Zeit deutlich stärker zugenommen hat.
Mit mehr als 3% im Jahr ist die Zunahme des Elektrizitätsverbrauchs wesentlich höher ausgefallen als das Wachstum des gesamten Energieverbrauchs. Dieser Zuwachs ist mehr als doppelt so hoch wie die Zunahme der Weltbevölkerung. Aber von dieser „Erleuchtung“ haben fast 1,5 Milliarden Menschen , das entspricht etwa einem Fünftel der Weltbevölkerung, nicht profitiert und müssen weiterhin ohne Elektrizität auskommen. Für die Zukunft ist dringend geboten, Energie einzusparen und die benötigte Energie umwelt- und klimafreundlich zu erzeugen.
Wälder und biologische Vielfalt bedroht
Die weltweite Waldfläche hat sich seit 1990 um 300 Millionen Hektar vermindert, dies entspricht einem Gebiet größer als Argentinien. Vor allem in Afrika und Südamerika nehmen die Waldflächen ab, während sie in Europa und Asien dank Aufforstungsprogrammen stabil sind. Der UNEP-Bericht lenkt auch die Aufmerksamkeit darauf, dass der Anbau von Zuckerrohr, Sojabohnen und Ölpalmen, welcher zunehmend der Herstellung von Agrokraftstoff bzw. Futtermitteln dient, eine Hauptursache für die Zerstörung tropischer Regenwälder ist.
Erfreulicherweise hat sich das weltweite Tempo der Waldzerstörung im zurückliegenden Jahrzehnt vermindert. Besorgniserregend ist jedoch, dass die Mangrovenwälder weiterhin stark bedroht sind. Mangrovenwälder speichern besonders große Mengen CO2 und bieten zugleich einen unverzichtbaren Schutz tropischer Uferregionen vor Erosion und Schädigungen durch Taifune.
Der UNEP-Bericht verweist auch auf den Umstand, dass in verschiedenen Regionen der Welt zwar intensive Wiederaufforstungsprogramme durchgeführt werden, die neuen Waldgebiete aber sehr viel weniger artenreich sind als die früheren Wälder. Dies gilt besonders für den Ersatz von tropischen Regenwäldern durch artenarme Monokulturen mit schnell wachsenden Bäumen. Insgesamt hat sich die biologische Vielfalt in den Tropen um 30% vermindert.
Klimawandel schreitet fort
Die klimaschädlichen CO2-Emissionen haben sich seit 1992 um 36% erhöht. In den Entwicklungsländern betrug der Anstieg sogar 64%, wofür vor allem Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien verantwortlich waren. Aber pro Kopf der Bevölkerung sind die Emissionen in den Industrieländern weiterhin 10 Mal höher als in Entwicklungsländern.
Zu den Hauptursachen für die hohen CO2-Emissionen zählen die Verwendung fossiler Energiequellen für die Erzeugung von Elektrizität, die Mobilität sowie die industrielle und land- und forstwirtschaftliche Produktion.
Aus dem UNEP-Bericht kann auch geschlossen werden, dass in der Debatte über die Klimafolgen des Luftverkehrs die Luftfracht bisher zu wenig beachtet wurde. Während seit 1992 die Zahl der Flugreisenden um 100% zugenommen hat, ist das Gewicht der Luftfracht sogar um 230% angestiegen.
Weiters führt der Bericht an, dass sich die globale Durchschnittstemperatur von 1992 bis 2010 um 0,4 Grad Celsius erhöht hat, was vor allem auf menschliche Einflüsse zurückzuführen sei. Der stärkste Temperaturanstieg sei in der Arktis gemessen worden. Ein Abschmelzen der nördlichen und südlichen Polkappen hätte dramatische Auswirkungen sowohl auf die globalen Klimaprozesse als auch auf die Meeresspiegel.
Bilanz und Herausforderungen
Am Ende des Berichts zieht die UNEP in einem Epilog folgende Bilanz: „Angesichts des begrenzten Erfolges, der bei Umweltthemen erreicht worden ist, und der wenigen wirklichen ‚Erfolgsgeschichten’, die erzählt werden können, schreitet die Schädigung aller Umweltkomponenten – Land, Wasser, biologische Vielfalt, Ozeane und Atmosphäre – weiterhin voran.“
Anschliessend daran wird angeführt, dass es erforderlich sei, die Entwicklung der Umwelt genauer zu beobachten und, um geeignete Entscheidungsgrundlagen zu haben, verlässliche Daten und Fakten auf allen Ebenen zu erheben und auszuwerten. Ein neues Abkommen um den bestehenden Herausforderungen sowie neu auftauchenden Problemen zu begegnen verlange Zusammenarbeit, Flexibilität und innovative Lösungen.
„Eine sorgfältiges Haushalten mit den natürlichen Ressourcen des Planeten ist erforderlich um unsere Umwelt gesund zu erhalten. Jetzt, wo wir auf dem Weg zu einer effizienteren Nutzung der Ressourcen sind, ist inzwischen weitgehend anerkannt, dass der Verbrauch natürlicher Ressourcen vom Wirtschaftswachstum entkoppelt und der Konsum den Prinzipien der Nachhaltigkeit folgen oder mit diesen in Einklang gebracht werden muß, und daß neue Paradigmen und Lösungen zur Anwendung kommen müssen, um auf dem Weg zu einer Green Economy Erfolge zu erzielen.“, ist im Bericht zu lesen. Die bevorstehende Rio+20 Konferenz biete aber die Chance, das Commitment von Rio 1992 zu erneuern und sich dann mit konkreten Handlungen den damaligen Zielsetzungen wieder zu nähern.
Alle Details im UNEP-Bericht „Keeping Track of our Changing Environment: From Rio to Rio+20“ („Unserer sich verändernden Umwelt auf der Spur bleiben: Von Rio zu Rio+20“)
Downloads
UNEP ReportKeeping_Track_of_our_Changing_Environment (PDF 4936,63 kB )
01.01.2012, nachhaltigkeit.at


