Elisabeth Freytag über Wachstum, die Wachstum im Wandel-Initiative und ein gutes Leben
„Es gibt viele Bilder für ein nicht-nachhaltiges Leben, und nur wenige für das Nachhaltige“, bedauert Elisabeth Freytag, Leiterin der Abteilung EU-Angelegenheiten Umwelt und Nachhaltigkeitskoordinatorin des Bundes im Lebensministerium. Mehr im folgenden Interview.
Frau Mag.a Freytag, bisher wurde ein stetiges wirtschaftliches Wachstum als ein wichtiger Schlüssel betrachtet um Wohlstand und ein gutes Leben für alle zu erreichen. Im Zentrum der Initiative „Wachstum im Wandel“, die als „Stakeholder-Dialog“ angelegt ist, steht die Frage, welches Wirtschaftswachstum langfristig ökologisch und sozial verträglich ist und welche Indikatoren bzw. Maßzahlen zukünftig ergänzend zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) angewendet werden sollten, um gesellschaftlichen Wohlstand und Lebensqualität (besser) erfassen zu können.Welches Wachstum ist für Sie nachhaltig, oder anders gefragt, kann es eine nachhaltige Entwicklung überhaupt geben, wenn die Wirtschaft wächst?
Ja, ich bin überzeugt davon, dass nachhaltige Entwicklung und Wachstum kein Widerspruch per se sind und Wachstum auch nicht per definitionem negativ ist. Wir freuen uns alle, wenn unsere Kinder und die Bäume im Garten wachsen – aber nicht unendlich. Wirtschaftswachstum muss die begrenzten Ressourcen der Erde berücksichtigen und sozialverträglich sein. Also, Green Jobs sollen wachsen, erneuerbare Energie soll mehr werden und vor allem die Lebensqualität von uns allen soll steigen – wobei dies durchaus global zu verstehen ist.
Wie ist die bisherige Resonanz auf die Initiative „Wachstum im Wandel“ – in der Öffentlichkeit, in der Wirtschaft, in der Politik?
Wir haben zirka 20 Partnerorganisationen aus verschiedenen Bereichen, die sich mit viel Engagement an der Diskussion beteiligen, und viele Personen und Institutionen, die bei uns Interesse anmelden. Das jüngste Buch der Initiative (Anm.d.R.: „Growth in transition“, Verlag earthscan, ISBN-10: 1849713960) wurde beim Umweltministertreffen an alle EU-Mitgliedstaaten verteilt und sehr positiv aufgenommen. Also bis jetzt ein Erfolg! Ein wesentliches Ziel der Initiative ist ja der Dialog der verschiedenen Institutionen, das „Sich- Miteinander- Auseinandersetzen“ und gegenseitiges Verständnis aufbauen, um so das Bewusstsein für die Wachstumsproblematik zu heben.
Was braucht es Ihrer Meinung nach, um von der nach wie vor starken Wachstumsorientierung wegzukommen und den Übergang hin zu anderen, zukunftsfähigen und generationengerechten Wirtschafts- und Lebensweisen zu erleichtern?
Ich glaube es fängt damit an, dass wir Wachstum immer als Wirtschaftswachstum in BIP-Einheiten definieren. Das Bruttoinlandsprodukt hat seinen Wert als Vergleichsmaß aber es hat auch seine Schwächen – durch die BIP-Brille betrachtet wirkt sich z.B. ein Autounfall positiv aus, die Umweltfolgen werden nicht monetarisiert etc. Wir müssen zusätzliche Indikatoren betrachten, um Wohlstand und Lebensqualität zu erfassen – dazu gehören vermutlich Indikatoren für Gesundheit, Bildung, Umwelt, Zeit etc.
Ja, und dann müssen bewußte Entscheidungen getroffen werden, von der Politik, die die Rahmenbedingungen setzt, über die Unternehmen bis zu den Menschen – auch, aber nicht nur in ihrer Rolle als KonsumentInnen. Die Steuerbelastung könnte von der Arbeit zu den Ressourcen verschoben werden, um Ressourcen zu schonen. Der Transport könnte seine wahren Kosten tragen – mit der Einschränkung, dass nachteilige soziale Folgewirkungen einer Energie- und Ressourcenbesteuerung abgefedert werden. Unternehmen sollten Umweltmanagementsysteme einführen und sich der CSR- Bewegung (Anm.d.R.: CSR steht für „Corporate Social Responsibility“) anschließen. Und wir alle sollten uns überlegen, ob Autofahren notwendig ist, was wir essen, wie oft wir neue Geräte brauchen und ob wir auf die eine oder andere Anschaffung verzichten können.
Der Begriff „Post-Wachstumsgesellschaft“ wird vielfach vor allem mit „Verzicht“ und „Schrumpfung“ verbunden – beides ist für Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit alles andere als attraktiv. Welche ermutigenden Argumente bzw. positiven Visionen können/möchten Sie in die gesellschaftliche Debatte (in die De-Growth-Debatte) einbringen?
Gibt es wissenschaftliche Studien, deren Ergebnisse dazu beitragen können, ein positiveres Bild für den (notwendigen) Übergang zu nachhaltigeren Lebens- und Wirtschaftsweisen zu zeichnen?
Ich persönlich bringe gar keine Argumente in die De-Growth-Bewegung ein, weil Wachstum im Wandel ganz bewußt keine De-Growth-Initiative ist! Uns geht es nicht um Wohlstand ohne Wachstum - wie Tim Jackson (Anm.d.R.: Tim Jackson, britischer Ökonom und Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität von Surrey, skizzierte seine Vision einer Postwachstumsökonomie in dem 2011 erschienen Buch „Wohlstand ohne Wachstum“), sondern um die Frage WAS wachsen soll.
Es gibt natürlich Studien, die zum Beispiel besagen, dass mehr Einkommen ab einem gewissen Niveau nicht zu mehr Lebensqualität führt, oder dass ein gewisser Konsumverzicht die Lebensqualität nicht einschränkt.
Aber mit den Bildern haben sie einen wunden Punkt getroffen: Es gibt viele Bilder für ein nicht-nachhaltiges Leben – vom Cabrio bis zu Kirschen im Dezember, von New York Wochenenden bis zum vierten Flatscreen TV, und wenige für das Nachhaltige. FUTURZWEI von Harald Welzer ist so ein Versuch. (Anm.d.R.: Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer, versammelt auf der im Februar 2012 gestarteten Internetplattform www.futurzwei.org sogenannte „Geschichten des Gelingens“. Diese erzählen von Menschen, die begonnen haben, zukunftsfähig zu leben und von erfolgreichen Projekte und Gegenstrategien zum „Business as usual“. Welzer will damit gängigen Negativmeldungen und Katastrophenszenarien etwas entgegensetzen und weitere Menschen dazu ermutigen, sich für ein anderes, nachhaltigeres Handeln und Leben zu engagieren.)
Macht Ihnen die von der OECD, der UNEP, der Europäischen Kommission und anderen Organisationen geführte Debatte rund um das Thema „Green Economy“ Hoffnung auf neue politische Steuerungsmodelle? Auf eine (Rück-)Besinnung auf andere Werte, und darauf, dass sich ein Denken und Handeln durchsetzt, welches mit bisherigen Fehlentwicklungen aufräumt bzw. nicht-nachhaltige Trends einbremst?
Green Economy ist im Wesentlichen eine Integration von Umweltanliegen in die Wirtschaft und daher nichts Neues. Mir ist dabei – weil mein Ziel die Nachhaltigkeit ist – wichtig, dass soziale Folgen berücksichtigt werden. Green Economy ist positiv, findet ja auch statt –Green Jobs, Ökoinnovation. Es gibt viele erfolgreiche Firmen in Österreich, die mit Umwelttechnologie Geschäfte machen, und das ist gut so.
Ich denke die Ressourcendimension muss eine wichtige Rolle spielen – nicht nur seltene Erden werden knapp, auch fossile Brennstoffe oder schlicht Fläche/Boden. Effizienz ist in diesem Zusammenhang wichtig, aber nicht genug – der Reboundeffekt macht sonst alle Bemühungen zunichte (Anm.d.Red.: Unter Rebound-Effekt versteht man das Phänomen, dass Einsparungen, die z.B. durch effizientere Technologien erzielt werden, durch vermehrte Nutzung und erhöhten Konsum wieder reduziert oder zunichte gemacht werden). Nur ein Beispiel dazu: Autos werden immer effizienter, sparsamer, emissionsärmer – aber es gibt so viele davon, dass es insgesamt für die Umwelt nicht besser wird.
Zuletzt noch einige persönliche Fragen: Was macht ein gutes Leben für Sie aus?
Zeit mit meiner Familie und meinen FreundInnen. Kochen, Garten arbeiten, aber auch ins Theater und Konzert gehen, und reisen!
Worauf möchten Sie nur ungern verzichten?
Auf ein Einkommen, das es mir ermöglicht, biologische und faire Lebensmittel zu kaufen, aber auch mal in ein Luxusrestaurant zu gehen und meinen Kindern Wünsche zu erfüllen.
Was gibt Ihnen Zuversicht?
Dass nach jedem Regen wieder die Sonne aufgeht.
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Zur Person:
Elisabeth Freytag leitet die Abteilung V/8 EU-Angelegenheiten Umwelt im Lebensministerium (BMLFUW).
Kontakt:
Mag.a Elisabeth Freytag
Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft,
Umwelt und Wasserwirtschaft
Abteilung V/8 – EU-Angelegenheiten Umwelt
Stubenbastei 5
A-1010 Wien
E-Mail: Elisabeth.Freytag@lebensministerium.at
Sonstige Hinweise:
Das Interview entstand im Mai 2012; die Fragen stellte Dr.in Elfriede Danner (Lebensministerium, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik).
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Die Initiative „Wachstum im Wandel“ ist Teil des Arbeitsprogramms 2011ff zur Österreichischen Strategie Nachhaltige Entwicklung (ÖSTRAT).
Weitere Infos in diesem Artikel zu „Wachstum im Wandel“.
Homepage der Initiative Wachstum im Wandel: www.wachstumimwandel.at
31.05.2012, nachhaltigkeit.at


