ExpertInnendialog zum Thema Zeit- und Hilfsbörsen
Kriemhild Büchel-Kapeller und Bertram Meusburger vom Büro für Zukunftsfragen des Landes Vorarlberg und Gernot Jochum-Müller, Experte und Praktiker für Talente-Tauschringe und Komplementärwährungen im Dialog zu Fragen rund um Aufbau, Betrieb und Mehrwert regionaler Zeit- und Hilfsbörsen.
Zeit- und Hilfsbörsen führen hilfesuchende und hilfsbereite Menschen zusammen. Welche Zielgruppen werden mit solchen Zeit- und Hilfsbörsen vorrangig angesprochen? Die Generation 55+, oder auch junge Menschen?
GJM: Je nach Konzept und Ziel. Seniorenbörsen sprechen gezielt die Generation 55+ an, aber wie das Projekt Evergreen im Leiblachtal gezeigt hat, können bei entsprechender Konzeption auch Jüngere angesprochen werden. Im Tauschkreis gibt es Gruppen, die sich auch unentgeltlich, ohne Talentetausch- Verrechnung, helfen und dort ist es keine Frage des Alters, sondern der intakten Beziehungen.
(Anmerk.d.Red.: „Evergreen“ ist ein Zeitvorsorge-bzw. alternatives Pflegesicherungs-Modell, das der Talente-Tauschkreis Vorarlberg gemeinsam mit den Gemeinden des Leiblachtales und dem dort ansässigen Sozialsprengel seit 2005 umgesetzt hat. Durch Betreuungsdienste in der Nachbarschaft erwerben Menschen Zeitguthaben, die sie in der Tauschkreiswährung „Talent“ ausbezahlt erhalten. Die TeilnehmerInnen können die „Talente“ gleich im Tauschkreis konsumieren oder sie sich auf ein Zeitkonto gutschreiben lassen. Mehr dazu hier)
Bü-Kap: Intakte Beziehungen sind in unserer schnelllebigen Zeit immer weniger selbstverständlich. Begegnungsräume und gemeinsame Zeiten nehmen kontinuierlich ab, umso wichtiger sind Projekte, wo ein Miteinander erlebbar und lebbar ist. Auch jüngste neurobiologische Studien (z.B. die Studien von Prof. Gerald Hüther, Neurobiologe an der Universität Göttingen) und die Sozialkapitalforschung belegen die große Bedeutung von gelingenden Beziehungen sowohl für den einzelnen Menschen als auch für eine positive gesellschaftliche Entwicklung insgesamt.
Daher sollten Zeit- und Hilfsbörsen alle Altersgruppen ansprechen – geht es doch um ein gelebtes und gelingendes Miteinander der Generationen.
Welche Voraussetzungen bilden die Basis für den Erfolg einer lokalen Zeit- und Hilfsbörse? Welche Wertehaltungen gilt es zu unterstützen bzw. zu forcieren?
GJM: Kooperation und Wertschätzung sind die Grundwerte. Ich kann etwas tun, das jemand anderem nutzt. Anerkennung für helfende Personen ist wichtig, und dass die Person auch selbst etwas lernen kann- wie z.B. auf andere zugehen, die Übersicht über Problemlagen zu gewinnen, sich mit anderen austauschen usw.
Bü-Kap: Neben dem "bonding", dem Verständnis und der Geborgenheit unter Gleichgesinnten, wird das sogenannte "bridging", also die Offenheit gegenüber anderen Menschen und Ideen, immer wichtiger um in einer pluralistischen Welt den „Blick über den eigenen Tellerrand“ zu ermöglichen.
Sind Kooperationen mit anderen Tauschkreisen/Tauschsystemen sinnvoll bzw. hilfreich?
GJM: Wie das Projekt Tätschm´r in Langenegg zeigt (Anm. d. Red.: "Tätschm´r" ist ein Projekt zur Stärkung der Nachbarschaftshilfe), können Tauschkreise für solche lokalen Gruppen die gesamte Infrastruktur zur Verfügung stellen. Beide Systeme profitieren voneinander, indem sie sich gegenseitig ergänzen.
Der Tauschkreis Vorarlberg ist mit allen umliegenden (über-)regionalen Tauschsystemen vernetzt. Das gemeinsame Lernen ist eine wichtige Basis für eine professionelle Entwicklung. In den letzten Jahren hat sich der Verein za:rt (Verein für Zusammenarbeit regionaler Tauschsysteme) als Drehscheibe für Austausch und Professionalisierung von Tauschsystemen entwickelt. Dieser stellt inzwischen die Vernetzung für die Schweiz, Österreich und den süddeutschen Raum sicher.
Mit welchen Hindernissen bzw. Hemmnissen sind Sie bei der praktischen Umsetzung vor Ort konfrontiert?
GJM: Es braucht gute Rahmenbedingungen und viel Aufklärungsarbeit. Die Haupthindernisse sind die fortgeschrittene Individualisierung (mit Grundhaltungen wie „kann ich selbst“, „brauche niemanden“, „kann nichts anbieten“) und die rechtlichen Rahmenbedingungen.
Für Tauschsysteme, bei denen verrechnet wird („Lets“) ist der Anfangsaufwand groß. Auch die Komplexität solcher Systeme wird deutlich unterschätzt.
Bü-Kap: Zeit! Wir leben in einer Beschleunigungsgesellschaft und die frei verfügbare Zeit wird immer knapper, um sich auf ein Thema einzulassen und länger engagiert dabei zu bleiben.
Meu: Neben der Individualisierung ist auch die Spezialisierung ein Hemmnis, und dass uns von vielen Unternehmen und Institutionen eingeredet wird, Experten könnten alles viel besser zur Verfügung stellen - von Bildung über Betreuung bis hin zu Sicherheitsbelangen; wir bräuchten nur konsumieren und zahlen. Damit werden schleichend die Talente der Einzelnen und die Kompetenzen von Gemeinschaften ausgehöhlt.
Was sind ihre bisherigen Erfahrungen mit Zeittauschsystemen bzw. Hilfsbörsen? Welche Lehren konnten Sie aus ihrer bisherigen Praxis mit solchen Projekten ziehen?
GJM:Die meisten Thesen, die zu Beginn aufgestellt werden, bestätigen sich dann in der Praxis nicht. Es gibt nicht die EINE Art ein System aufzuziehen - angepasste Konzepte sind eine gute Startbasis für solche Initiativen.
Meu: Wenn der tiefere Sinn von genügend vielen Menschen wirklich verstanden wird, kann sich die Idee ausbreiten und Begeisterung wecken.
In welcher Weise profitieren die teilnehmenden Personen von solchen Systemen? Welche Effekte konnten Sie in den Gemeinden und bei den beteiligten Personen beobachten?
Bü-Kap: Menschen entdecken eigene Stärken und Fähigkeiten, die ihnen bis dato gar nicht bewusst waren. Sie erfahren Wertschätzung und Anerkennung.
Meu: Und diese kleinen und großen Fähigkeiten werden nicht nur sichtbar, sondern im eigenen Umfeld wirksam. Aber dazu braucht es eben eine inspirierende Gemeinschaft, die die Sensibilität dafür hat und den passenden Rahmen bereitstellt.
GJM:In Börsen zur gegenseitigen Hilfestellung gelingt es deutlich zu machen, wer Hilfe brauchen würde und wer diese geben kann. Das ist einer der zentralsten Effekte. Denn solche Bedürfnisse werden gerade auch in kleineren Dörfern verschwiegen, sobald es die Familiengrenzen oder intensive Freundschaften überschreitet. Die Bereitschaft zu helfen ist hier größer als die Bereitschaft Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn dies wird als Makel empfunden. Deshalb ist es so wesentlich, dass die Bedürfnisse nach Hilfe artikuliert werden können, und dann eine rasche Hilfe zur Verfügung steht.
Was meinen Sie: Weshalb scheitern manche dieser Netzwerke (- Freiwilligenzentren, Hilfsbörsen, Zeit-Tauschringe,..), während anderswo derartige Einrichtungen bestens funktionieren?
Bü-Kap: Bei vielen Projekten, die längerfristig erfolgreich umgesetzt werden, steht und fällt es mit Menschen, die es zu ihrer „Herzenssache“ machen, nach dem Motto: „Wo ich mein Herz habe, habe ich auch meine Zeit und Energie“. Denn es braucht einen starken inneren Antrieb, um am Thema zu bleiben.
GJM: Für die Tauschsysteme ist dies inzwischen auch schon wissenschaftlich bearbeitet worden. Die meisten Tauschsysteme scheitern, da diese aus Idealismus gegründet wurden und die Weiterentwicklung nicht sichergestellt ist. Die meisten Gründer verfügen über meist geringe Fähigkeiten eine Organisation aufzubauen, teilweise unklare Rechtsbereiche abzuklären und ein monetäres System zu steuern. Die Anforderungen an die Verantwortlichen solcher Systeme werden in der Startphase und auch von vielen frühen Pionieren negiert. Aufgrund dieser Überforderungen entscheiden sich viele Gruppen lieber klein zu bleiben, als die Themen offensiv zu bearbeiten.
Es gibt auch nur äußerst selten Fälle, bei denen überhaupt die finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen, um solche Entwicklungen professionell zu gestalten. Der überwiegende Anteil dieser Systeme beruht auf ehrenamtlicher Arbeit. Dies ist für eine professionale Entwicklung derart komplexer Systeme ein eindeutiges Hindernis.
Was braucht es ihrer Meinung nach, damit freiwilliges und nachbarschaftliches Engagement wirkungsvoll und dauerhaft gestärkt wird?
GJM: Es braucht die passenden Rahmenbedingungen und Anreize um aktiv zu werden. Wenn dies nicht zu einer selbstverständlichen Grundhaltung wird, fruchten die Bemühungen langfristig nicht.
Bü-Kap: Förderliche Rahmenbedingungen sind z.B. zu Beginn Begleitung von außen (ProzessbegleiterIn, oder innerhalb der Gruppe diese Fähigkeit ansprechen zu können, damit in der Anfangseuphorie nicht gleich zu „große Brocken“ angegangen werden, für die dann in der alltäglichen Umsetzung die Kraft und Zeit fehlen - was in der Folge zu Frustration der Beteiligten führt.
Meu: Manchmal wirkt auch ein Leidensdruck als Treiber um aktiv zu werden, oder ein tiefes Verstehen, welche Zusammenhänge wirksam sind, und manchmal ist das, was die Menschen antreibt, einfach nur der Spaß daran, gemeinsam ein gutes Projekt auf die Beine zu stellen!
Welche gesellschaftlichen oder rechtlichen Rahmenbedingungen stehen Zeittausch- bzw. Zeitsparsystemen im Weg?
GJM: Systeme, in denen mit Zeit verrechnet wird, werden auf vielen politischen Ebenen inzwischen gerne gesehen, sind sie doch mit der Idee behaftet, öffentliche Gelder einzusparen. Dies ist durchaus berechtigt, es müssten aber die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Da dies eine junge Entwicklung ist, gibt es meist noch keine eindeutigen rechtlichen Grundlagen. Dazu wurden in unserem INTERREG- Projekt intensive Recherchen angestellt. (Anm.d.R.: Das INTERREG- geförderte Projekt "Gemeinschaft Vorsorge Nahversorgung" zielt darauf ab, in den im Titel angeführten Bereichen Projekte zu entwickeln, die auf dem Einsatz komplementärer Währungssysteme bzw. regionalen Zahlungsmitteln basieren. Am Projekt beteiligt sind PartnerInnen aus Deutschland, der Schweiz und aus Österreich.)
Ähnlich wie beim Ehrenamt, müssen auch beim Zeittausch die Voraussetzungen stimmen. Wie Italien, die Niederlande und andere Staaten vorzeigen, kann dies geregelt werden. In den beiden genannten Ländern sind Zeittauschsysteme für den Bereich Betreuung im sozialen Kontext (alte Menschen, Kinder,…) per Gesetz steuerfrei gestellt und hinsichtlich anderer Gesetzesbereiche klar geregelt. In Österreich hingegen gibt es zahlreiche Regelungen für einzelne zuständige Stellen und überall große Freibeträge für Fußballtrainer.
Umso erfreulicher ist es, dass es gelungen ist, sowohl Zeiteinheiten als auch eurogedeckte Gutscheine soweit anzuerkennen, dass Gemeinden diese zur Bezahlung von Steuern und Abgaben zulassen können. Grundsätzlich sind in Österreich zu beachten: Steuergesetze, Geldgesetze, Haftungsrecht, Konsumenschutz, Sozialversicherung, Bundesabgabenordnung,…
Gelegentlich wird der Vorwurf geäußert, dass Freiwilligenzentren, Zeittauschsysteme und ähnliche Einrichtungen in Konkurrenz mit professionellen DienstleisterInnen treten und dadurch der lokalen/regionalen Wirtschaft schaden könnten. Was sagen Sie dazu?
GJM: Das ist eine Frage der Konzeption. Es gibt Systeme die mit dieser Frage sehr ungeschickt umgehen - zwei Möglichkeiten bieten sich als Trennlinien an:
Bei Systemen wie z.B. im Kontext Betreuung, die rein Stunden zu Verrechnung verwenden, entsteht keine Form von Entgelt, es fallen keine steuerliche Abgaben an. Es handelt sich dabei um eine formalisierte, strukturierte Form von Ehrenamt, um ein konkretes Instrumentarium, das dazu dienen kann, gegenseitige Hilfestellungen organisatorisch gestalten zu können. Die Handelnden vor Ort erhalten quasi einen Werkzeugkoffer, der helfen kann, das neue HelferInnensystem zu gestalten. Dies kann nie eine Konkurrenz zu Handwerksbetrieben etc. darstellen, denn diese würden und können nicht ehrenamtlich aktiv werden. Es kann also keine Gewinnabsicht unterstellt werden. Ein passender Weg wäre, solche Systeme rechtlich zu erfassen und z.B. die Höhe der eingesetzten Stunden je Woche bzw. Monat zu limitieren.
Im Unterschied dazu sind Zeiteinheiten in Tauschkreisen, Lets-Systemen, Barterringen, etc. immer zu versteuern, wenn der Leistungs- oder Warentausch auch in Euro zu versteuern wäre (- es gibt ja viele Freigrenzen, die von den privaten Teilnehmern an solchen Systemen seltenst überschritten werden).
Mehrere Hundert kleine Betriebe nehmen in Österreich an solchen Systemen teil, und viele kleine Systeme nehmen auch Betriebe wie z.B. Bäcker, Landwirte etc. in den Teilnehmerkreis auf.
Dies stellt also keine Konkurrenz zwischen diesen Systemen und dem System Wirtschaft dar, sondern eine Konkurrenz zwischen Unternehmen, die bei solchen Systemen mitmachen und solchen, die das nicht tun - dienen solche Systeme doch auch der Kundenbindung!
Wie in Vorarlberg vorgezeigt wird, fördern solche Systeme die regionale Wirtschaft, sind doch so in den letzten Jahren zwei Dutzend Betriebe aus dem Tauschkreis heraus entstanden.
Kritische Stimmen behaupten sogar, dass durch Systeme wie Talente-Tauschringe bzw. Zeit- und Hilfsbörsen u.ä. indirekt Schwarzarbeit angekurbelt würde - was würden Sie dem entgegenhalten?
GJM: In Österreich ist klar gefasst, dass nicht die Geldform, sondern die Leistung oder Ware versteuert wird. Jedes Tauschgeschäft ist zu versteuern. Tauschsysteme machen diese Transaktionen sichtbar, da diese verbucht werden. Die Finanzlandesdirektion kann solche Kontoauszüge anfordern und tut dies auch. Wenn es Schwarzarbeit darstellen würde, wäre es eine sichere Form entsprechende Strafen zu veranlassen.
Tauschsysteme fördern das Bewusstsein, dass Steuern zu zahlen sind, nicht umgekehrt. Sonst würden sich nicht manche Berufsgruppen fern von solchen Systemen halten. Nicht alle schätzen die gelebte Transparenz in diesen Dingen.
Danke für das Gespräch!
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Dieses Interview entstand im Mai 2012; die Fragen stellte Dr.in Elfriede Danner (Lebensministerium, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik).
Zu den InterviewpartnerInnen:
Dr. in Kriemhild Büchel-Kapeller, promovierte Kulturwissenschaftlerin und
Kulturanthropologin, arbeitet seit 1996 beim Büro für Zukunftsfragen der Vorarlberger Landesregierung in den Bereichen „Nachhaltige Gemeinde- und Regionalentwicklung“ sowie „Bürgerschaftliches Engagement“. Seit der Rückkehr aus ihrer zweiten Karenz liegt ihr Aufgabenschwerpunkt im Bereich „Sozialkapital“.
Mag. Bertram Meusburger war AHS-Lehrer für Biologie und Physik bevor er 1998 als Betreuer von Schulprojekten zum Büro für Zukunftsfragen der Vorarlberger Landesregierung kam. Er ist inzwischen stellvertretender Leiter des Büros für Zukunftsfragen und betreut den Bereich „Nachhaltige Gemeinde- und Regionalentwicklung“.
Gernot Jochum-Müller, gelernter Betriebselektriker, diplomierter Sozialarbeiter und Unternehmensberater; Obmann der Talente Genossenschaft Vorarlberg
(E-Mail: gernot@jochum-mueller.at)
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Weitere Infos finden Sie auch im Artikel zum Zeit-Hilfs-Netz Steiermark (Autorin: Gudrun Gruber, Landentwicklung Steiermark) sowie in diesem Interview zum Zeit-Hilfs-Netz Steiermark.
Talente-Tauschkreis Vorarlberg: www.talentiert.at
01.06.2012, nachhaltigkeit.at








