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Martine Durand, Chefstatistikerin der OECD
Foto: © OECD

Im Interview: Martine Durand zur Better Life Initiative der OECD

Frei wählen zu können, wie man leben möchte, das ist aus Sicht von Martine Durand, Chefstatistikerin der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) und Verantwortliche für deren „Better Life Initiative", einer der grundlegenden und entscheidenden Faktoren für ein gutes Leben. 

Für nachhaltigkeit.at gab Martine Durand in einem im Vorfeld von Rio+20 geführten Interview Einblicke in die "Better Life Initiative" der OECD und in ihre persönliche Auffassung von einem guten Leben:

 
Red.: Im Jahr 2011 hat die OECD anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens die „OECD Better Life Initiative“ gestartet, deren Ziel - wie der Name sagt - eine „Bessere Politik für ein besseres Leben“ („Better Policies für Better Lives“) ist. Was war der Hintergrund / das wesentliche Motiv für diese Initiative?
 
Martine Durand: Die OECD hat in den frühen 2000ern begonnen, Wohlergehen und Fortschritt zu messen. Diese Arbeit ging Hand in Hand mit der Überlegung der internationalen Gemeinschaft, dass man für das Verständnis und die Messung des Wohlergehens der Menschen zusätzlich zum BIP auch andere Faktoren betrachten müsse („Beyond GDP“ – „Das BIP und mehr“). Aus dieser Überlegung heraus entstanden insbesondere zwei wichtige internationale Initiativen: die 2008 vom französischen Präsidenten Sarkozy gegründete Stiglitz-Sen-Fitoussi Kommission und die EU-Mitteilung „Das BIP und mehr“. Aufbauend auf diesem Impuls und ihren früheren Bemühungen hat die OECD im Mai 2011 ihre „Better Life Initiative“ lanciert, die umfangreiche empirische Daten zum Wohlergehen im OECD-Raum und darüber hinaus bietet.
 
Red.: Die Better Life Initiative der OECD beruht auf zwei Säulen: dem Bericht “How’s Life?”, einer Publikation, in der Indikatoren für das Wohlergehen der Einzelnen und für die Lebensqualität von Haushalten veröffentlicht und analysiert werden, und dem  OECD-Index „Your Better Life Index“. Wie können diese Instrumente den Regierungen helfen, eine bessere Politik zu gestalten? 
 
Martine Durand: Die Better Life Initiative kann der Politik vielfältige Informationen zur Verfügung stellen:
Am wichtigsten ist die Erhebung aussagekräftiger und umfassender Daten zu den komplexen Aspekten des Lebens und Wohlergehens der Menschen. Damit lässt sich beobachten, wie sich das Wohlergehen in jedem einzelnen Land (relativ zu anderen Ländern und im Zeitverlauf) entwickelt und man kann abschätzen, wie das Wohlergehen in der Bevölkerung verteilt ist. Mit Hilfe der Indikatoren, die dem Better Life Initiative der OECD zugrunde liegen, lässt sich auch feststellen, bei welchen Faktoren des Wohlergehens ein Land gut abschneidet und wo die Schwachstellen liegen, wobei insbesondere jene Punkte/Bereiche beleuchtet werden, um die sich die politischen Entscheidungsträger noch nicht kümmern.
Die Better Life Initiative lehrt uns auch, was aus der Sicht der Bürger ein besseres Leben ausmacht und welche Erwartungen sie damit verknüpfen, und trägt damit zu einer Einigung auf politische Ziele bei, die den Erwartungen der Menschen gerecht werden. 
 
Die OECD entwickelt derzeit auch einen Rahmen, um auf der Grundlage der im Bericht „How’s Life?“ veröffentlichten Indikatoren zum Wohlbefinden politische Antriebsfaktoren für das Wohlergehen zu bestimmen. Ziele dieses Rahmens sind: die Gründe für Erfolge und Schwächen bei den verschiedenen Dimensionen des Wohlergehens und beim Gesamtwohlbefinden zu verstehen sowie die wechselseitigen Antriebsfaktoren für die unterschiedlichen Dimensionen des Wohlbefindens und die verschiedenen Synergien zwischen Politiken, die auf eine Verbesserung der Lebensqualität der Menschen abzielen, zu verstehen.
 
Red.: Welchen Mehrwert/welche zusätzlichen Informationen bietet der OECD-Index im Vergleich zu anderen Indizes, beispielsweise dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen oder dem von der New Economic Foundation veröffentlichten „Happy Planet Index“ (HPI)? 
 

Martine Durand: Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem von der OECD entwickelten Better Life Index und den anderen zusammengesetzten Indizes zum Wohlergehen wie dem HDI oder dem HPI besteht zunächst darin, dass der Better Life Index benutzerbestimmt ist – dass also die Bedeutung, die den verschiedenen Faktoren des Wohlergehens im Index beigemessen wird, vom Benutzer und nicht von der OECD bestimmt wird. 
Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht im Umfang der Messung. Während der HDI und der HPI nur eine begrenzte Anzahl an Faktoren des Wohlergehens betrachten, berücksichtigt der Better Life Index elf Komponenten. Er erlaubt deshalb eine sehr umfangreiche Beurteilung des Wohlergehens der Menschen. 

Von Bedeutung ist auch die statistische Qualität der Indikatoren. Im Better Life Index stammen die meisten Indikatoren aus offiziellen statistischen Quellen und wurden speziell in Absprache mit den Nationalen Statistischen Ämtern der Mitgliedstaaten ausgewählt. 
Aufgrund des großen Umfangs und der hohen statistischen Qualität des Better Life Index umfasst Letzterer weniger Länder als der HDI und der HPI, nämlich die OECD-Staaten und wichtige Schwellenländer.  
 
Red.: Welche Reaktionen hat es bisher auf die Better Life Initiative der OECD und insbesondere auf den Better Life Index, gegeben, und welche nächsten Schritte sind für die „How´s life?- Initiative geplant? 
 
Martine Durand: Die Reaktionen auf die Better Life Initiative der OECD waren äußerst positiv, wie ja auch das große Interesse seitens der politischen Entscheidungsträger, der nationalen statistischen Ämter, sonstiger internationaler Stellen und der Bürger auf der ganzen Welt zeigt. Seit ihrem Beginn hat die Better Life Initiative fast eine Million Besucher angezogen und ihre Website wurde von knapp 2 Millionen Menschen aus allen Ländern der Welt besucht. Die Initiative wurde auch offiziell gewürdigt und unter anderem mit dem Humanistic Management Network Award und dem ALSPS-Award for Publishing Innovation ausgezeichnet.
Die Better Life Initiative hat auch zu einigen BLI-Anwendungen auf regionaler oder lokaler Ebene geführt. Beispiele dafür sind Quebec und Taiwan sowie einige Kleinstädte (Gatineau, Kanada). Schließlich wurde die Better Life Initiative im letzten Jahresbericht der OECD von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats genannt, laut dem die Better Life Initiative der OECD einen wertvollen Beitrag zur Messung des Wohlergehens leistet und das erforderliche Wechselspiel zwischen verschiedenen Voraussetzungen, die gemeinsam die Gestaltung nachhaltiger Gesellschaften unterstützen, demonstriert - und damit hoffentlich hilft, bei der Erarbeitung wirtschaftspolitischer Ausrichtungen einen besseren Mittelweg zwischen sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit zu finden.
 
Zu den nächsten Schritten der Better Life Initiative gehören ein regelmäßiges Update der wichtigsten statistischen Produkte (der Bericht “How’s Life?” erscheint jedes zweite Jahr, der Better Life Index wird hingegen jährlich auf den neuesten Stand gebracht) sowie die methodologische Arbeit zur Verbesserung der Metrik für Wohlergehen und Fortschritt. 
 
Red.: Zahlreiche Länder streben derzeit nach Wirtschaftswachstum. Was halten Sie im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsagenda für die wichtigsten Herausforderungen bei der politischen Entscheidungsfindung? 
 

Martine Durand: Nachhaltiges Wohlergehen zu schaffen, ist die größte Herausforderung, mit der sämtliche Länder der Welt derzeit konfrontiert sind. Nachhaltigkeit ist ein mehrdimensionales politisches Ziel, das Überlegungen und Messungen in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Umwelt erfordert, aber auch eine Frage, bei der wir noch über zu wenige Daten und Nachweise verfügen. Die beiden entscheidenden Herausforderungen für die Nachhaltigkeitsagenda sind deshalb: a) die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Voraussetzungen der Nachhaltigkeit zu verstehen und zu bewältigen und b) die statistischen und analytischen Daten, die die Entscheidungen der Politik im Bereich der Nachhaltigkeit stützen, weiter zu verbessern. 
  
Abschließend noch ein paar persönliche Fragen: Was ist Ihr Verständnis, Ihre Vorstellung von einem guten Leben? 
 

Martine Durand: Entscheidend für ein gutes Leben ist zunächst und vor allen Dingen, dass man die Freiheit hat zu wählen, wie man leben möchte. Es geht darum, dass jene vielfältigen Potentiale vorhanden sind, die nötig sind, damit die/der Einzelne diese Wahl effektiv treffen und die Ziele, die ihr/ihm jeweils wichtig sind, erreichen kann. Das können Gesundheit, Bildung, ein Gefühl der Sicherheit, Mitsprache in der Politik, die Möglichkeit, Arbeit und Familienleben harmonisch zu vereinbaren, und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben sein.

Was wünschen Sie sich für das zukünftige Leben Ihrer Kinder und Enkelkinder - was ist Ihre Vision eines "besseren Lebens" für sie? 
 
Martine Durand: Ein gutes Leben für unsere Kinder und Enkelkinder heißt, dass wir für sie die Voraussetzungen schaffen, dass sie das Leben leben können, das sie leben möchten und die Ziele umsetzen können, die ihnen wichtig sind. Dazu gehören der Schutz und unser Engagement für bestimmte entscheidende Güter, die die Chancen zukünftiger Generationen auf eine hohe Lebensqualität stärken, aber auch Humankapital und soziale Güter.  
  
Was gibt Ihnen Hoffnung und Zuversicht?
 
Martine Durand: Das Vertrauen auf andere und die Zusammenarbeit. Interessanterweise haben die Untersuchungen zum Wohlergehen gezeigt, dass Gesellschaften, wenn sie sich auf diese Aspekte konzentrieren, ein größeres allgemeines Wohlergehen erreichen. Denn Vertrauen und gemeinschaftsbezogenes Denken rivalisieren nicht miteinander: Je mehr man verbraucht, umso mehr bekommt man von ihnen. Das gilt nicht nur für die/den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft als ganze.
 
 
Danke für das Interview!
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Hinweis: 
nachhaltigkeit.at erhielt dieses Interview am 12. Juni 2012; die Fragen stellte Dr.in    Elfriede Danner (Lebensministerium, Abteilung II/3 Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik).
Den englischsprachigen Originaltext des Interviews finden Sie unter "Downloads".
 
 
 
Zur Interviewpartnerin:
 
Martine Durand wurde im Jahr 2010 zur Leiterin der OECD-Statistikabteilung (Director of Statistics and Chief Statistician of the OECD) bestellt. Sie gibt die strategische Ausrichtung der statistischen Politik der Organisation vor und überwacht sämtliche statistische Tätigkeiten der OECD.  Davor war sie Stellvertretende Leiterin des OECD-Direktorats für Beschäftigung, Arbeit und Soziales (Directorate of Employment, Labour and Social Affairs), wo sie in richtungsweisenden OECD-Berichten wie dem „OECD International Migration Outlook“, dem „OECD Employment Outlook“, „Pensions at a Glance“ und „Health at a Glance“ für die Arbeit der OECD in den Bereichen Arbeit und Ausbildungswesen, Sozialpolitik, Gesundheitspolitik und Internationale Migration verantwortlich war.
 
Während ihrer beruflichen Laufbahn bei der OECD ist Martine Durand bei zahlreichen Artikeln und Publikationen in den Bereichen internationale Wettbewerbsfähigkeit, Außenhandel und Investition, Staatsfinanzen, Arbeitsmärkte und internationale Migration als Ko-Autorin aufgetreten. Sie ist eine der HauptautorInnen der OECD-Wachstumsstudie (Growth Study) und Mitglied der Redaktionsleitung der OECD-Wirtschaftsanalysen (Economic Studies).
 
Martine Durand besitzt Universitätsabschlüsse in Mathematik, Statistik und Wirtschaftswissenschaften der Universität Paris VI, der Ecole Nationale de la Statistique et de l'Administration Economique (ENSAE) und der Universität von Wisconsin-Madison.
 
Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
 
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Weitere Informationen:
 
Better Life Initiative der OECD
 

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18.06.2012, nachhaltigkeit.at