Nachgefragt: Energieberaterin Alexandra Bauer zur Initiative „Energiepartner von nebenan“

"Mittelfristig wäre es wünschenswert, wenn es in jedem Wiener Gemeindebau mindestens eine/n "Energiepartner/in" als erste Ansprechperson in Energiefragen gäbe."

Red.: Sie führen im Auftrag des Ökosozialen Forum Wien die Schulungen der „Energiepartner von nebenan“ durch.
Was waren die Schwerpunkte bei der Konzeption der Ausbildungsmodule bzw. worauf wurde das Hauptaugenmerk gelegt?

Alexandra Bauer: Steigende Energiekosten stellen immer mehr Menschen vor ökonomische Probleme. Auch Politik, Verwaltung und Energieversorger sind durch zunehmende Energiearmut gefordert.

263.000 Menschen in Österreich können es sich laut Statistik Austria nicht leisten, ihre Wohnungen angemessen warm zu halten. Darüber hinaus ist mit einer Verteuerung von Rohstoffen, Energie und Produkten zu rechnen, weshalb eine weitere Verschärfung bestehender sozialer Probleme bzw. Ungleichheit droht.

Um diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, widmen wir uns seit 2009 verstärkt diesen Fragen und möglichen Lösungsansätzen. So konnten wir mittlerweile zahlreiche Bildungs- und Beratungsprojekte mit unterschiedlichen Zielgruppen, darunter soziale Härtefälle, jugendliche AsylwerberInnen, Langzeitarbeits-lose, MigrantInnen umsetzen.
Wir wissen, dass wir niemanden aus der Armut raus beraten können – unsere Projekte sind jedoch Mosaiksteinchen für eine nachhaltige (Energie)Armutsbekämpfung und (Energie)Armutsprävention.

 „Energiepartner von nebenan“ ist eines dieser Bildungsprojekte. Aktuelle Ergebnisse von Studien (z.B. EnergyStyles; ClimateCoolers2020), aber auch Erfahrungen aus der Praxis weisen darauf hin, dass das Wissen über Zusammenhänge zwischen Alltagsverhalten und Energieverbrauch wenig verbreitet ist. Darüber hinaus können sich Menschen mit geringem Haushalteinkommen meist keine teuren Investitionen wie z.B. Gerätetausch, Fenstertausch etc. leisten.

Genau hier setzen wir mit unserem Schulungskonzept an: Der Fokus liegt auf einer niederschwelligen praxisnahen und interaktiven Wissensvermittlung zum Thema Energiesparen durch Verhaltensänderungen. Die Inhalte werden so transportiert, dass sie im Alltag leicht umsetzbar sind.
Ein weiterer Schwerpunkt der Schulung liegt auf der Gesprächsführung in der Beratung - TeilnehmerInnen lernen ein erfolgreiches Beratungsgespräch zu führen und sich während einer Beratung auf die wesentlichen Punkte zu konzentrieren.

Zielgruppe sind MultiplikatorInnen/MieterbeirätInnen aus Wiener Gemeindebauten, die bereits ehrenamtlich aktiv sind und die das Erlernte in ihrem Wirkungsbereich nach dem Peer to Peer Prinzip verbreiten. Die TeilnehmerInnen werden in der Schulung befähigt, selbstständig niederschwellige Energieberatungen - in abgespeckter Form - mit dem Schwerpunkt NutzerInnenverhalten durchführen zu können. Im Praxisteil der Schulung absolvieren sie begleitete Übungsberatungen, um auch die Beratungsrealität vor Ort kenne zu lernen.

Energiekosteneinsparungen durch Verhaltensänderungen stehen im Vordergrund, weil in Gemeindebauten viele Menschen mit geringem Haushaltseinkommen leben, die sich keine/kaum Energieeffizienzmaßnahmen leisten können. Dabei geht es nicht darum, auf Bequemlichkeit zu verzichten oder zu Hause im Dunkeln zu sitzen - meist sind es nur ein paar kleine Anpassungen wie z.B. das Ausschalten der „Superfrost“-Funktion oder das Absenken der Raumtemperatur.  

Die EnergiepartnerInnen ermitteln Einsparpotenziale, erweitern durch hilfreiche, einfach umsetzbare Tipps und Informationen die Handlungsspielräume der beratenen BewohnerInnen und leiten diese ggf. an weiterführende Beratungs- und soziale Einrichtungen. EnergiepartnerInnen lernen, ein Gefühl für ihr eigenes „Energieverhalten“ zu entwickeln, dieses zu verbessern und Erfahrungen an andere weiterzugeben. Seit 2013 haben die EnergiepartnerInnen auch die Möglichkeit, auf freiwilliger Basis die Zusatzqualifikation "energie-führerschein" durch Ablegen einer Online-Prüfung zu erwerben.


Red.: Nach 3 Ausbildungszyklen, was würden sie am Projekt „Energiepartner von nebenan“ verbessern bzw. ausbauen wollen?

Alexandra Bauer: Ein wesentlicher Knackpunkt besteht meiner Meinung nach darin, das Projekt aus der Pilotphase auf die nächste Ebene zu heben und in einen laufenden Betrieb zu implementieren. Dabei ist es besonders wichtig, die Energiepartner zu motivieren, auch nach abgeschlossenem Theorie und Praxisteil, selbstständig Beratungen durchzuführen. Dafür ist es nötig, entsprechende Rahmenbedingungen und Anreize z.B. Aufwandsentschädigung zu schaffen. Besonders wichtig wären Maßnahmen bzw. Strukturen, die es den Energiepartnern erleichtern, die Haushalte zu erreichen, damit sie sich nicht aktiv um die Akquise kümmern müssen. Wohnpartner könnten diese Aufgabe übernehmen und vor Ort Anlaufstelle für interessierte BewohnerInnen und Drehscheibe für die Koordination der Beratungen sein.  

Ein weiterer Verbesserungsvorschlag wäre die Einführung von Qualitätssicherungsmaßnahmen für die eigenständig durchgeführten Beratungen der Energiepartner z.B. in Form von Mentorings oder Audits durch erfahrene EnergieberaterInnen. Auch das Einholen von Feedbacks der beratenen Haushalte  wäre empfehlenswert. Darüber hinaus wären für die Energiepartner Weiterbildungsangebote auf modularer Basis und Vernetzungs- bzw. Fortbildungsveranstaltungen z.B. in Form von Jour Fixen mit erfahrenen EnergieberaterInnen sinnvoll.

Besonders schön wäre es, wenn es möglich wäre, bei der Akquise potenzieller BeratungskundInnen verstärkt MigrantInnen und Jugendliche bzw. junge Erwachsene zu erreichen. Dazu wäre ein Ausbau der Vernetzung mit ortsansässigen Vereinen und Organisationen hilfreich.

Sollte es zu einer Wiederholung der Schulung kommen, so würde ich mir auch hier mehr TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund wünschen, damit diese nach der Energiepartner-Schulung in ihrer Muttersprache als MultiplikatorInnen aktiv werden können.

Mittelfristig wäre es wünschenswert, wenn es in jedem Wiener Gemeindebau mindestens eine/n Energiepartner/in als erste Ansprechperson in Energiefragen (Energiekostenabrechnung lesen, Energiespartipps vermitteln,…) gäbe.


Red.:
Welche ähnlichen Projekte kennen sie bzw. führt ″die umweltberatung″ durch? Wie unterscheiden sich diese vom Projekt Energiepartner?

Alexandra Bauer: Einen guten Überblick über laufende und abgeschlossene Projekte und Initiativen zum Thema Energiearmut bietet die Plattform energiearmut.com . Natürlich sind uns die angeführten Forschungs- bzw.  Praxisprojekte bekannt – bei vielen sind wir aktiv beteiligt. Erkenntnisse und Erfahrungen aus abgeschlossenen Projekten bilden die Basis für die Konzeption neuer Projekten.

Der Fachbereich Bauen/Wohnen/Energie von "die umweltberatung" Wien widmet sich seit über fünf Jahren intensiv der Verknüpfung der Bereiche Umwelt und Soziales - insbesondere in der Umsetzung von Beratungs- und Bildungsprojekten für und mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Im Rahmen unserer Energie-Beratungsprojekte konnten wir bisher fast 800 armutsgefährdete Haushalte erreichen. 

Hier zwei Projektbeispiele:

NEVK – Nachhaltige Energieversorgung für einkommensschwache Haushalte durch Energieberatung und Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und Energiesparen auf Basis von Vernetzung und Kooperation“: Im Zuge dieses Projektes wird die Lebenssituation von 500 Wiener Haushalten, die von Energiearmut betroffen sind, durch persönliche Energieberatung und mit der Durchführung von konkreten Effizienzmaßnahmen (z.B. Gerätetausch, Heizungswartung etc.) nachhaltig verbessert.
Das Projekt ist teilfinanziert vom Ökostromfonds, Projektleitung Wien Energie, Projektpartner “die umweltberatung“ Wien. Die Finanzierung der Maßnahmen erfolgt mit Unterstützung des BMASK.

“VERBUND – Stromhilfefonds der Caritas”: Sozialberatungsstellen der Caritas Österreich vermitteln bundesweite Energieberatungen für einkommensschwachen Haushalte, um deren persönliche Energiesituation verbessern. In Wien werden diese Beratungen u.a. von “die umweltberatung“ Wien durchgeführt.
Das Projekt ist finanziert von der Verbund AG. Die Projektleitung liegt bei der Caritas Österreich;“die umweltberatung“ Wien ist Sub-Auftragnehmerin.

Unsere Bildungsprojekte wenden sich zum einen an interessierte Einzelpersonen und zum anderen an MultiplikatorInnen.
Die Projekte unterscheiden sich einerseits in den Zielgruppen (MigrantInnen, Jugendliche, MieterbeirätInnen, Nachbarn, PädagogInnen, etc.)  und andererseits in ihren Wirkungsbereichen: regional, lokal, überregional (einzelne Wohnhausanlagen, Bezirk, Grätzel, wienweit, etc.). Des Weiteren unterscheiden sich die Bildungsprojekte im Niveau der Wissensvermittlung. Das Spektrum reicht von niederschwelliger Bewusstseinsbildung für bildungsferne Zielgruppen bis hin zur Wissensvermittlung für AkademikerInnen.

Hier einige Projektbeispiele:

“Energy-Checker Hirschstetten”: Teil des von der MA22 finanzierten Projektes „Öko-RitterInnen und ClimateCoolers“, das vom Ökobüro und der Vereinigung der Wiener Jugendzentren entwickelt wurde, um Jugendliche für ökologische Probleme zu sensibilisieren. "die umweltberatung" Wien entwickelte gemeinsam mit SozialarbeiterInnen Methoden, um durch spielerisches Lernen Handlungsmöglichkeiten zum Senken des Energieverbrauchs, die sowohl der eigenen Geldbörse als auch der Umwelt zugute kommen. Die Jugendlichen lernten ebenso einfache Energiechecks in Ihrer Nachbarschaft durchzuführen.

 “SELF - Sustainable energy consulting for low-income and migrant families”: Schulung von BewohnerInnen mit Migrationshintergrund in einer Wiener Gemeindewohnsiedlung zur nachbarschaftlichen niederschwelligen Energieberatung in deren Muttersprache.
Finanziert von KLIEN „Neue Energien 2020“, Projektleitung ARGE Energieberatung Wien, Projektpartner “die umweltberatung“ Wien, Projektpartner Evaluation - Österreichisches Institut für Nachhaltige Entwicklung.

energie-führerschein - das Zertifikat für energiesparendes Verhalten in Beruf und Alltag“: Mit dem "energie-führerschein" wurde ein Seminarangebot geschaffen, das energierelevantes Wissen praxisnah an Jugendliche und junge Erwachsene vermittelt. Das Zertifikat "energie-führerschein" erhalten Jugendliche, die eine Computerprüfung über praxisorientierte Kompetenzen zum Energiesparen am Arbeitsplatz und im Alltag abgelegt haben. Der "energie-führerschein" ist eine Zusatzqualifikation zur Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten von Jugendlichen.
Die Entwicklung des "energie-führerscheins" wurde gefördert und unterstützt von der Stadt Wien.

„energie-coach“:
Der Kurzlehrgang "energie-coach" richtet sich an LehrerInnen, LehrlingsausbildnerInnen, aber auch an EnergieberaterInnen und Personen, die im außerschulischen Bereich mit Jugendlichen arbeiten und denen es ein Anliegen ist, das Bewusstsein über Energiezusammenhänge in dieser Zielgruppe zu schärfen. Die LehrgangsteilnehmerInnen erlernen den sicheren Umgang mit den Inhalten des "energie-führerscheins" und Methoden zur zielgruppengerechten Wissensvermittlung. Sie erhalten ein eigens erstelltes Seminarkonzept und das nötige Handwerkszeug für eine lebendige, jugendgerechte Unterrichtsgestaltung.
Die Entwicklung des "energie-coach" wurde gefördert und unterstützt von der Stadt Wien.


Red.: Was glauben sie bringt das Projekt "Energiepartner" in Bezug auf Energieersparnis in KWh bzw. in Geld pro Haushalt und Jahr?

Alexandra Bauer: Abhängig von der Ausgangssituation (Haushaltsgröße, bisheriges Energieverhalten, bauliche Struktur, Art der verwendeten Energieträger) können alleine durch geändertes NutzerInnenverhalten bis zu 25% Energie und somit auch Energiekosten eingespart werden. 


 

Zur Person:

Alexandra Bauer (39) Wien, ausgebildete Architektin, Energieberaterin und Coach; seit 2009 Mitarbeiterin im Fachbereich Bauen/Wohnen/Energie von "die umweltberatung" Wien, seit 2011 Leitung dieses Fachbereichs.

26.06.2014